unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Die Sparsprache ist geil #

Die neuen Medien bedienen sich einer neuen, verkürzten deutschen Sprache#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 16. August 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Von

Heike Hausensteiner


  • Neue Medien schaden nicht der Hochsprache.
  • Sparschreibung ist Stilmittel geworden.


SMS
Wenig Platz in den Zeilen lässt die Sprache schrumpfen – Abkürzungen regieren.
Foto: © bilderbox

Wien. „LG“ steht für „Liebe Grüße“, „+“ für „und“. In kurzen Text-Nachrichten, die in Windeseile um den Erdball flattern, werden Abkürzungen und Zeichen liebend gerne verwendet. Die Telekommunikationsindustrie und die damit entstandenen neuen Medien haben bewirkt, dass derartige sprachliche Phänomene im Deutschen – sowie in anderen Sprachen – auftreten. Das lässt sich aber weder eindeutig als Schaden, noch als Bereicherung der Hochsprache qualifizieren. Denn zwischen dem Sprachgebrauch der via Handy verschickten SMS und der geschriebenen Sprache gibt es „keine signifikanten Kontaktphänomene“, erklärt die Sprachwissenschafterin Christa Dürscheid von der Universität Zürich im Interview mit der „Wiener Zeitung“.

Auch früher habe man Abkürzungen in Telegrammen verwendet. „Heute wird viel mehr geschrieben, daher nähert sich Vieles an die gesprochene Sprache an. Oft sind SMS implizit, der andere kann ja nachfragen.“ Doch: „Wir sind fähig zu switchen“, weg von der Tendenz zu einer sehr informellen Ausdrucksweise, um in geschriebenen Texten wieder ein formelles Hochdeutsch zu verwenden. „Man muss sich dessen bewusst sein“, sagt Christa Dürscheid. Sie hat die Jugendsprache in Freizeittexten wie eben SMS untersucht und sie mit den Schularbeiten von Jugendlichen aus Zürich verglichen. Die Ergebnisse wurden in dem Buch „Wie Jugendliche schreiben. Schreibkompetenz und neue Medien“ (De Gruyter Verlag) veröffentlicht.

Es wäre zu stark, von einer „Ökonomisierung“ der Sprache zu sprechen, erläutert die Linguistin, sie bevorzugt den Begriff „Sparschreibung“. Aber warum werden diese neuen sprachlichen Elemente überhaupt in den Sprachgebrauch übernommen?

In dem Phänomen liege nicht so viel Neues, sagt Christa Dürscheid. Bei den früher gebräuchlicheren Tagebucheintragungen habe man ebenfalls informell geschrieben, hin und wieder ein Smiley gesetzt und beim Schreiben an Aufwand gespart. Auch durften bis vor kurzem elektronische Textnachrichten nur maximal 160 Zeichen haben. „Mittlerweile ist das fast schon ein Stilmittel geworden, in Abkürzungen zu schreiben ist nicht nur schneller. Es gehört einfach dazu.“

Online nicht mehr normiert#

„Simsen“, „twittern“ und „facebooken“ hat zumindest in thematischer Hinsicht Auswirkungen auf die (Print-)Medien, daher auch dieser Bericht. In sprachlicher Hinsicht hat Christa Dürscheid beobachtet, dass etwa Print-Zeitungen noch eher den Normen entsprechen als Online-Zeitungen. Bei Letzteren habe ebenso das informelle Schreiben Einzug gehalten; Online-Medien seien aktueller, schneller, weniger elaboriert, und: „Die Leser sind stärker involviert.“

Als Sprachpuristin sieht sich die Sprachwissenschaftlerin nicht. „Meine Aufgabe ist, Phänomene der Gegenwartssprache zu beschreiben und zu erklären.“ Diese zu reflektieren sei auch ein Auftrag an den Schulunterricht. Man könne nicht sagen, ein bestimmter Sprachgebrauch sei gut oder schlecht, sondern man müsse hinterfragen, ob er in bestimmten Situationen angemessen sei. „Wir alle sollten bewusst mit Sprache umgehen, der Sprachgebrauch ist kontextgebunden.“

„Wir können nicht von Jugendlichen erwarten, dass sie bestimmte Wörter nicht verwenden innerhalb ihrer Peer-Gruppe.“ Jugendliche möchten sich von den Erwachsenen abgrenzen, auch sprachlich. Wenn Erwachsene einen jugendsprachlichen Ausdruck übernehmen, würden die Jugendlichen nach etwas Neuem suchen. Zwischen Jugend- und Erwachsenensprache gebe es eine große Schnittmenge typischer Ausdrucksweisen. „Man sieht es an der Karriere des Wortes geil, das mit dem Werbeslogan „Geiz ist geil“ in die Werbe- und Erwachsenensprache übergegangen ist“, erläutert Christa Dürscheid.

Überlegen, was man sagt #

In weiterer Folge müssten sich Politiker, aber auch Journalisten sehr genau überlegen, was sie sagen beziehungsweise schreiben. Kommt einem Politiker etwa ein deftiges Schimpfwort über die Lippen, müssten sich Journalisten sehr wohl fragen, ob sie dies im Zitat wiedergeben – nur um einen Aufmacher zu haben. „Da bin ich sprachsensibel.“

Wiener Zeitung, Dienstag, 16. August 2011