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50 Wörter und das Gespür für Schnee #

Ein Experiment von Sprachforschern zeigt noch deutlicher als bisher die Macht der Sprache: Selbst die Strukturen der Grammatik prägen unser Denken und legen sich wie ein Filter über die Wahrnehmung. Plädoyer für eine offene Mehrsprachigkeit. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 3. Dezember 2015)

Von

Matthias Flatscher


Inuit
Inuit
Foto: © Shutterstock

Kann es sein, dass unsere Sprache bereits einfachste Wahrnehmungen entscheidend beeinflusst? Sehen wir Deutschsprachigen die Dinge anders als etwa italienisch- oder französischsprachige Menschen? Überlegungen dieser Art scheinen zunächst absurd zu sein.

Aber genau dieser Frage ging ein Forschungsteam um den Linguisten Panos Athanasopoulos nach. Die Ergebnisse ihrer heuer publizierten Studie (Psychological Sciences 2015; 26/4) sorgten nicht nur in der Fachwelt für Aufsehen: Englisch-, deutsch- und zweisprachigen Versuchspersonen wurden kurze Videoclips gezeigt, in denen zum Beispiel eine Frau auf einer Straße entlanggeht und einem parkenden Auto näherkommt. Ein simpler Vorgang – möchte man meinen. Denn überraschend war, dass die Englischsprachigen vornehmlich den Prozess im Auge hatten („Eine Frau geht die Straße entlang.“). Die Deutschsprachigen hingegen fokussierten auf das Ziel der Handlung („Die Frau geht auf das Auto zu.“).

In der Fußballkabine #

Die Sprachforscher erklären sich diese Differenz durch die unterschiedlichen Möglichkeiten der jeweiligen Grammatik: Die Englischsprechenden benutzen die Verlaufsform des erweiterten Präsens (die so genannte „ing“-Form) und rücken damit den Vollzug einer Handlung in den Mittelpunkt. Die Deutschsprechenden hingegen konzentrieren sich im einfachen Präsens auf den Endzweck eines Ablaufes.

Ironisch zugespitzt hieße das, dass in Hinkunft Fußballtrainer ihre Kabinenansprachen wohl auf Deutsch halten müssen, damit ihre Mannschaft möglichst viele Tore schießt. Falls das Ergebnis jedoch zweitrangig ist und der Fokus auf dem Spiel liegt, müssten die taktischen Anweisungen wohl auf Englisch erfolgen. Tatsächlich wissen nur Fußballexperten, wann England das letzte Mal Weltmeister wurde. Liegt es womöglich an der Sprache?

Aber Scherz beiseite: Noch erstaunlicher waren die Studienergebnisse, wenn man sich den zweisprachigen Probanden zuwendet. Wird der Test nämlich bei diesen Personen auf Englisch durchgeführt, reagieren sie wie Menschen englischer Muttersprache. Wird das Experiment auf Deutsch vollzogen, entsprechen die Ergebnisse jenen der Deutschsprachigen. Das Fazit: Die Wahrnehmung der Videoclips verändert sich abhängig vom sprachlichen Kontext. Die Sprache gibt den Menschen gleichsam vor, wie sie die Bilder sehen und die Handlungen beschreiben. Ganz neu ist dieser Forschungsansatz nicht: Immer wieder wurden in der Linguistik Belege angeführt, dass die Welt mittels Sprache höchst unterschiedlich klassifiziert wird. Am populärsten ist wohl ein Beispiel, das der Sprachwissenschafter Franz Boas bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts kolportiert hat: Während Eskimos über eine Vielzahl sprachlicher Möglichkeiten für das Wortfeld „Schnee“ verfügen, gibt es im Englischen nur ein Wort dafür. Die Legende, wonach die nordischen Ureinwohner zumindest 50 Wörter für Schnee haben, hat die Pop-Sängerin Kate Bush dazu inspiriert, ein „winterliches“ Album unter eben diesem Titel herauszubringen („50 words for snow“; 2011).

Als weiteres Beispiel für die Macht der Sprache wird auch immer wieder die eigentümliche Farbwahrnehmung bei den alten Griechen herangezogen, die bekanntlich kein Wort für „blau“ kannten. Beim antiken Dichter Homer segelt der Held Odysseus auf „weinfarbenem Meer“, zuweilen verfärbt es sich schwarz, weiß oder gräulich – nie jedoch ist es blau. Interessant an der aktuellen Studie ist, dass sich das Experiment nicht auf Gegenstände oder Farbzuschreibungen beschränkt. Und auf kulturell oder historisch entfernte Sprachen wird gar nicht einmal Bezug genommen. Die überraschenden Ergebnisse zeigten sich vielmehr bei Personen im selben Kulturkreis.

Sonnenaufgang
Die Farben des Meeres. Beim antiken Dichter Homer segelt der Held Odysseus auf „weinfarbenem“ Meer. Manchmal verfärbt es sich schwarz, weiß oder grau – nie jedoch ist es blau: Bei den alten Griechen gab es kein Wort dafür.
Foto: © Shutterstock

Im Fremdsprachenunterricht #

Was aber folgt aus der Einsicht, dass Sprache unsere Weltwahrnehmung wesentlich mitbestimmt? Aus Sicht der Philosophie können folgende Schlüsse gezogen werden: Zunächst ist Sprache stets mehr als ein handhabbares Werkzeug, mit dem wir die Welt abbilden und diese gleichsam mittels Zeichen verdoppeln. Vielmehr prägt Sprache offensichtlich unser Denken und organisiert selbst die Kategorien unserer Wahrnehmungen. Die Macht der Sprache ist offensichtlich weit größer, als man es ihr gemeinhin zugestehen möchte. Die klassische Bestimmung des Menschen als „Sprachwesen“ heißt dann dass wir grundlegend auf Sprache angewiesen sind, um überhaupt ein Wissen von uns und der Welt zu erlangen. Man kann die aktuelle Studie auch als Plädoyer für Mehrsprachigkeit lesen. Wilhelm von Humboldt hat ähnliche Überlegungen schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts angestellt: „Die Erlernung einer fremden Sprache sollte daher die Gewinnung eines neuen Standpunkts in der bisherigen Weltansicht sein und ist es in der Tat bis auf einen gewissen Grad, da jede Sprache das ganze Gewebe der Begriffe und die Vorstellungsweise eines Teils der Menschheit enthält.“ Durch Mehrsprachigkeit werden wir in die Lage versetzt, verschiedene Weltsichten einzunehmen und sprachlich darüber zu reflektieren.

Gerade im Fremdsprachenunterricht müsste dann die „Andersheit“ zwischen den Sprachen verstärkt thematisiert werden, ebenso wie die Rückwirkungen auf die eigene Muttersprache. Auch das Erlernen alter Sprachen wie etwa Latein oder Altgriechisch, die sich einem unmittelbar verwertbaren Nutzen entziehen, wäre dann nicht in erster Linie ein Zugeständnis an einen verstaubten humanistischen Bildungskanon. Vielmehr würde es gerade aufgrund der „Andersheit“ dieser Sprachen eine reichhaltige Auseinandersetzung mit dem Deutschen erlauben. Fernab eines rein ökonomischen Mehrwerts würde dann der Fremdsprachenunterricht ein Wissen um die eigenen Möglichkeiten schaffen, und vor allem auch ein Bewusstsein für die eigenen Grenzen und Bedingtheiten.

Im politischen Raum #

Ähnliches gilt auch für Menschen mit Migrationshintergrund: Nicht nur sollen sie möglichst rasch die jeweilige Landessprache erlernen; sie müssen zugleich Unterricht in ihrer Muttersprache erhalten. Produktive Auswirkungen kann das Erlernen einer Zweitsprache nämlich nur dann haben, wenn dieser Prozess im Bereich der Muttersprache auf fruchtbaren Boden fällt. Damit wird offensichtlich: Mehrsprachigkeit erweitert den eigenen Horizont und weist darauf hin, dass wir Sachverhalte auch anders sehen können – und der eigene Standpunkt nie der einzig mögliche oder gültige ist.

Die Folgen dieser Einsicht könnten weitreichend sein: Denn nicht nur konkrete Wahrnehmungen, selbst ethisch-politische Forderungen wie die Menschenrechte werden immer in einer bestimmten Sprache artikuliert – und damit aus einer bestimmten kulturellen Sichtweise. Wir sind zwar an Sprache rückgebunden, aber es ist nicht vollends vorgegeben, in welcher Weise. Vielmehr stellt sich die Frage, wie wir mit dieser Rückbindung umgehen. Auf die Notwendigkeit einer permanenten „kulturellen Übersetzung“ von universalen Ansprüchen im ethisch-politischen Kontext plädiert etwa die Philosophin Judith Butler. Sie betont zugleich, dass die Reflexion auf die eigenen Voraussetzungen sowie die Überschreitung des eigenen Standpunktes nur im Dialog mit Anderen erfolgen kann. Das jedenfalls sind Einsichten, die weit über allfällige Strategien in den Fußballkabinen hinausreichen.

Der Autor ist Philosoph und unterrichtet an den Universitäten Klagenfurt und Hagen.


Bild 'Buchcover'

Sprachphilosophie. Eine Einführung.

Von Matthias Flatscher, Gerald Posselt.

Utb; Facultas 2016.

300 Seiten, kart., €25,70

DIE FURCHE, Donnerstag, 3. Dezember 2015