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Stolperdrähte und Tretminen#

Der Tiroler Schriftsteller Norbert Gstrein beeindruckt mit einer großartigen Erzählung über das, was ein Leben ausmacht, und darüber, wie nahe Glücklich- und Unglücklichsein beieinander liegen. #


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 10./11. August 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Andreas Wirthensohn


Norbert Gstrein
Der Erzähler als Fallensteller: Norbert Gstrein.
Foto: © Isolde Ohlbaum

Die legendären Brenner-Romane von Wolf Haas beginnen – ausgenommen der erste – allesamt mit einem Satz, der sogleich mitten hinein ins Geschehen führt: „Jetzt ist schon wieder was passiert.“ Das, was da passiert ist, rückt im Verlauf der Romane dann allerdings ganz gerne mal in den Hintergrund und macht allerlei assoziativen Bewusstseinsausflügen und Gedankenumwegen des Erzählers Platz. Was sich als Kriminalroman geriert oder tarnt, erweist sich so als tiefgründiges literarisches Meisterwerk voller Witz und Weisheit. Der gegenteilige Satz könnte Norbert Gstreins neuen Roman einleiten: „Aber es ist doch gar nichts passiert.“ Anton, Gymnasiallehrer irgendwo in Österreich, sagt ihn im Laufe des Geschehens, das sich aus diesem Nichts heraus entwickelt. Wobei genau genommen durchaus etwas passiert, nur eben nichts Schlimmes.

Am Bahnhof der Provinzstadt wird eine Bombe entdeckt, daneben ein Zettel mit der Botschaft „Kehret um!“. Niemand im Ort nimmt das wirklich ernst, nicht einmal die Polizei. Als Anton auf einem Fahndungsfoto seinen früheren Schüler Daniel zu erkennen glaubt, wird aus dem „Nichts“ plötzlich eine Geschichte. Denn Anton beginnt sich an die Zeit mit Daniel zu erinnern und fragt sich, ob nicht er selbst eine gewisse Verantwortung dafür trägt, dass sein Lieblingsschüler zum religiös motivierten Bombenbauer wurde. Kern des Romans ist ein Sommer am Fluss zehn Jahre vor dem Bombenfund. Anton hatte dort eine alte Mühle notdürftig instandgesetzt und sie als Sommerhaus genutzt. Eines Tages standen Daniel und sein Freund Christoph vor der Tür, und aus der Lehrer- Schüler-Beziehung wurde schnell eine Freundschaft, ein Vater-Sohn- Verhältnis – oder sogar mehr?

Im Ort jedenfalls kursieren Gerüchte, ein Lehrer vergnüge sich mit zweien seiner Schützlinge am Fluss, andere wollen von Wehrsportübungen wissen, die dort veranstaltet würden. Doch in Antons Erinnerung ist er nicht mehr als der Mentor des jungen Daniel, der auf der Suche ist nach dem eigenen Lebensweg. Er versorgt ihn mit Lektüre, diskutiert mit ihm existenzphilosophische Fragen, muss mitansehen, wie Daniel nach einer Israel-Reise seltsame religiöse Anwandlungen zeigt und die Nähe eines amerikanischen Reverends sucht, der sich in der Gegend niedergelassen hat.

Wann entscheidet sich, welche Richtung ein Lebenslauf nimmt? Wie findet einer sein Glück, und was treibt einen jungen Menschen in religiöse und politische Phantastereien? Gewissheiten gibt es in diesen Fragen nicht, allenfalls eine Ahnung davon, warum es so kam, wie es gekommen ist.

Gstreins auf den ersten Blick ganz einfache Selbstbefragung eines Lehrers erweist sich im Laufe des Romans als äußerst doppelbödiges Unterfangen. Denn zum einen stellt Anton, je intensiver er sich die Zeit mit Daniel zu vergegenwärtigen sucht, seine Erinnerungen immer stärker in Frage. Gleichzeitig scheint für alle Beteiligten immer sicherer zu sein, dass niemand anderer als Daniel hinter dem Bombenfund und einer späteren Bombendrohung steckt. Was anfangs nur eine ungläubige Ahnung des Lehrers war, wird zur nicht mehr wirklich hinterfragten Gewissheit. Und auch sein Anteil an dieser Entwicklung Daniels zum verschrobenen „Fundamentalisten“ gilt ihm und anderen als erwiesen. Am Ende wird klar: Es geht nicht um Daniel, sondern um Anton, um sein Leben, seine Vergangenheit und vor allem auch um seinen Bruder Robert, der Selbstmord begangen hat und dessen Mentor Anton ebenfalls war.

Wie so oft präsentiert Gstrein einen brillanten Text voller erzählerischer Fallen, Stolperdrähte und Tretminen. Wie im Vorgängerroman, der als Schlüsselroman über die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld- Berkéwicz für großes Aufsehen sorgte, rückt die „ganze Wahrheit“ (Titel) auch in „Eine Ahnung vom Anfang“ im Laufe des Erzählvorgangs umso ferner.

Doch anders als in „Die ganze Wahrheit“ ist Gstrein diesmal frei von allen persönlichen Animositäten und Rachegelüsten (auch wenn die damals bestenfalls die halbe Wahrheit ausmachten). Und so gelingt ihm eine großartige Erzählung über das, was ein Leben ausmacht, über die „Sehnsucht, ergriffen zu sein“, und darüber, wie nahe Glücklich- und Unglücklichsein beieinander liegen. „Ich schätze, ich sollte glücklich sein“ sagt Daniel irgendwann in jenem Sommer, der „ganz und gar herausgefallen war aus der Zeit“. Irgendetwas hat damals seinen Anfang genommen. Norbert Gstrein vermittelt uns davon nicht mehr als eine Ahnung. Aber die Art und Weise, wie er das tut, macht dieses Buch zu einem eindrücklichen, nachhaltigen Leseerlebnis. Norbert Gstrein

Eine Ahnung vom Anfang. Roman. Hanser, München 2013, 351 Seiten, 22,60 Euro.

Wiener Zeitung, Sa./So., 10./11. August 2013