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Subtiler Avantgardist#

Der österreichische Dichter Ernst Jandl (1925-2000) würde am 1. August 90. Jahre alt.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 1./2. August 2015)

Von

Uwe Schütte


Ernst Jandl bei einer Lesung im Jahr 2000
Ernst Jandl bei einer Lesung im Jahr 2000.
© apa/Herbert Pfarrhofer

Wie selten nur kommt es vor, dass literarische Bedeutung und populäre Anerkennung Hand in Hand gehen so wie im Fall von Ernst Jandl! Fast könnte man den depressiven Experimentalliteraten als österreichischen Nationaldichter bezeichnen, denn seine Texte finden sich eigentlich überall - im Kinderfernsehen wie im Literaturmuseum, als dekorative Sprüche auf den Wänden von Designhotels wie im Internet. Zum Beispiel das Gedicht "lichtung" mit den vertauschten Konsonanten "r" und "l" hat wohl jeder schon einmal irgendwo gesehen.

Und wenn wiederum im Kinderfernsehen das grandiose "ottos mops" läuft, dürfte wohl kaum ein Zuseher wissen, dass der auf dem Vokal "o" basierte Text um einen kotzenden Hund aus der Feder eines Experimentaldichters stammt. Jandls Verschränkung von avantgardistischer Sprachkunst mit alltäglicher Einfachheit ist wahrlich beispiellos; wer jemals "Fünfter sein" gelesen hat, wird kaum mehr im Wartezimmer eines Arztes sitzen können, ohne etwa an "Tür auf / einer raus / einer rein / zweiter sein" denken zu können.

Der Unverstandene#

Als ein österreichischer Nationaldichter muss Jandl freilich auch deshalb gelten, weil man ihn lange, sehr lange Zeit sogar befeindete und seinen Gedichten jeglichen literarischen Wert absprach. Und dies übrigens nicht nur im unerträglich reaktionären Kulturklima der 1960er Jahre in Österreich; selbst in Deutschland, wo es die jungen Grazer Literaturrevolutionäre um Handke et al. sehr viel leichter hatten ein Publikum zu finden, stieß der um eine Generation ältere Schullehrer aus Wien lange auf Unverständnis.

Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld etwa sprach während der Sechziger noch vom "traurigen Fall eines Lyrikers ohne eigene Sprache", während ein quasi-Boykott österreichischer Verlage, Rundfunkanstalten und Zeitschriften Jandl in seinem Heimatland zur literarischen Unperson machte. Erinnert sei auch daran, dass selbst Thomas Bernhard - an den man beim Stichwort Nationaldichter vielleicht am ehesten denken mag - Jandl (und seine Lebensgefährtin Mayröcker) in "Holzfällen" (vielleicht aus Eifersucht?) erbärmlich schmähte.

Wie subtil Jandl mit der Sprache arbeitete, demonstriert bereits der Titel seines ersten regulären Lyrikbandes: Mit "Laut und Luise" (1966) überführte er das unschwer erkennbare Gegensatzpaar "laut/leise" in eine verdeckte biografische Anspielung auf den Vornamen seiner Mutter und eine Referenz auf das Material, mit dem er arbeitete.

Das Homonym-Paar "Laut/laut" wiederum verweist auf den Umstand, dass seine Texte laut vorgetragen werden müssen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Naturgemäß war Jandl der beste Sprecher seiner Gedichte; seine Lesungen waren Höhepunkte literarischer Performancekunst: Nicht nur modulierte seine Stimme die Vokale unnachahmlich und ließ die Konsonanten kehlig krachen, was entsprechende Folgen für die Mimik besaß. Jandl trug die Texte mit seinem ganzen Körper vor: expressive Handgesten, herumrudern mit den Armen, den Oberkörper wiegend, usw. Es war ein wahrhaftiges Schauspiel, mit dem er die Gedichte zu Leben erweckte. Seit seinem Tod vor 15 Jahren ist es damit zwar vorbei, aber wenigstens auf DVD wie Youtube kann man Jandl weiterhin in körperlich-poetischer Aktion erleben.

Zu den Stärken Jandls gehört vor allem auch der Impetus, sich seinen aufsässigen Zugang zur Dichtung zeitlebens nicht nehmen zu lassen. Während die Mehrzahl derjenigen, die in den Sechzigern ausgezogen waren, um die Literatur zu erobern, mit ihren Ambitionen irgendwann mehr oder weniger auf der Strecke blieben, fand Jandl stets neue Ansätze: Den Lautgedichten einher ging die visuelle Poesie, seinen kurzen Gedichten stellte er Theaterstücke anbei, außer den komischen Sprachspielen schrieb er auch politische Lyrik, in der das Grauen der österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu einem eigensinnigen sprachlichen Ausdruck fand. Politisch und eben doch poetisch war Jandl beispielsweise im obszönen "wien: heldenplatz", wo er der ungleich obszöneren Opferthese widersprach, auf welcher die Zweite Republik die Mär von der Unschuld Österreichs an den Verbrechen des Nationalsozialismus gründete. Zu seinen politischen Gedichten zu rechnen sind aber auch jene Texte in heruntergekommener Sprache, in denen Jandl mit typischen Fehlern nicht-kompetenter Sprecher des Deutschen zu arbeiten pflegte. Dies freilich nicht um sich über deren Ausländerdeutsch zu mokieren, sondern um die kreativen Möglichkeiten einer beschränkten Sprachkompetenz für die Poesie fruchtbar zu machen.

Außerdem drückt sich in der Abweichung von den Vorgaben der Grammatik auch ein literarischer Widerstand gegen die Befolgung von Vorschriften jeglicher Art aus. Wie Jandl dabei zudem von der Poesie ansonsten ausgeschlossene Bereiche wie das Vulgäre oder den Ekel in seine Lyrik einbrachte, zeigt exemplarisch "franz-hochedlinger-gasse", wo es heißt: "wo gehen ich / liegen spucken / wursten von hunden / saufenkotz // ich denken müssen / in mund nehmen / aufschlecken schlucken / denken müssen nicht wollen".

Der Außenseiter#

In Österreich, wie eingangs erläutert, blieb Jandl im Grunde bis Mitte der 1970er Jahre ein Außenseiter. Die verlegerische Heimat Ernst Jandls war fast von Anfang an der deutsche Luchterhand Verlag, der sich stets vorbildlich um das Werk bemüht hat. Unter der kundigen Herausgeberschaft von Jandls Lektor Klaus Siblewski hat man bereits zwei Werkausgaben herausgebracht, zuletzt 1997 in zehn Bänden.

Anlässlich des 90. Geburtstages sollte eigentlich eine überarbeitete dritte Version erscheinen, die in sechs Bänden rund 2400 Seiten umfasst und neben den literarischen Texten auch das essayistische Werk sowie die Frankfurter Poetikvorlesungen enthält, die Jandl 1984/85 gehalten hat. Während der Arbeit an der Ausgabe ist allerdings so viel neues Material zum Vorschein gekommen, dass die Veröffentlichung auf Ende Oktober 2015 verschoben werden musste. Das ist natürlich bedauerlich, steigert jedoch die Vorfreude auf die angekündigten Konvolute bisher unveröffentlicht gebliebener Texte. - Jandl lebt (weiter).

Wiener Zeitung, Sa./So., 1./2. August 2015