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Thomas Bernhard, der Cowboy#

Leser in den USA entdecken den Säulenheiligen der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 28. Mai 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Klaus Stimeder


Thomas Bernhard im Café, 1971
Vielleicht liest er ja eine amerikanische Zeitung? Thomas Bernhard im Café, 1971. Foto: © imagno/Otto Breicha

  • Eine Generation von Übersetzern, Kritikern und Schriftstellern setzt sich leidenschaftlich für den Österreicher ein.
  • Manches ist den Amerikanern aber "zu kompliziert".

New York. "Europa? Deutschland? Österreich? Ich bitte Sie, wir sind Amerikaner! Das ist für uns doch alles eins. Auch wenn es in Wirklichkeit kompliziert sein mag, in der Geschichte wie in der Literatur. Uns ist das egal. Wir wollen einfach nur unterhalten werden", sagt "Peck the Knife". "

Der preisgekrönte New Yorker Romanautor (auf Deutsch zuletzt erschienen: "Drifthaus. Die erste Reise", Bloomsbury Berlin), Verleger und Literaturkritiker Dale Peck trägt seinen der "Dreigroschenoper" entliehenen Spitznamen nicht umsonst; wer ihm eine Frage stellt, darf sich nicht wundern, wenn die Antwort weh tut. In diesem Fall hatte sie gelautet: "Inwiefern spielt es für amerikanische Leser eine Rolle, dass Thomas Bernhards Thema im Grunde immer die österreichischen Zustände waren, ein Land als Beleg für die Kontinuitäten des katholischen und des Faschismus nationalsozialistischer Prägung?

Ganz ernst meint es Peck mit seiner Antwort freilich nicht. Dafür ist er zu wenig ignorant gegenüber der Weltliteratur im Allgemeinen und Bernhards Werken im Besonderen; und genau deshalb hatte ihn die "New York Times" als Rezensenten eingespannt. Es galt, die Übersetzung eines posthum erschienenen Werks eines der berühmtesten Schriftsteller Österreichs zu besprechen: "My prizes: An accounting" ("Meine Preise", deutsch bei Suhrkamp), erschienen beim US-Verlag Knopf Publishers, der zum Konzern Random House gehört. "Ich habe ihnen eine Rezension geschrieben und plötzlich wollten sie eine große Geschichte über Bernhard", sagt Peck.

Der Meister über allen#

Nach deren Erscheinen trudelten hunderte Leserbriefe aus dem ganzen Land bei der "Times" ein, die mehr über diesen seltsamen Autor wissen wollten, den der Kritiker in seinem Essay nicht in eine Reihe mit den wenigen in den USA bekannten Literaten deutschsprachiger Zunge stellte (unter anderen Elfriede Jelinek, Günther Grass, Christa Wolf, sowie den in angelsächsischen Ländern extrem populären W.G. Sebald), sondern darüber: "Um es mit einem Schuss Bernhard’scher Galle zu sagen: Verglichen mit dem Meister sind sie alle unterlegen, und zwar deutlich."

Der 1967 auf Long Island geborene und in Kansas City aufgewachsene Peck zählt zu den größten Fans des Säulenheiligen der österreichischen Literatur – in einem Land, in dem dieser lange als praktisch unbekannt galt. "Ich weiß noch, als ich Ende der 90er meinen ersten Vortrag über Bernhard gehalten habe. Damals war er nur den Germanisten ein Begriff.

Außerhalb akademischer Zirkel war er de facto nicht vorhanden", sagt Fatima Naqvi, Außerordentliche Professorin am German Studies Department der in Rutgers-Universität in New Jersey. Die Literaturwissenschafterin arbeitet derzeit im Auftrag der Northwestern University in Chicago an einem Buch über Bernhard, das 2012 erscheinen soll.

Ein Auftrag, den sie auch dem neu entfachten Interesse an dessen Schaffen verdankt: "Das liegt in erster Linie an den Übersetzungen, von denen viele erst im vergangenen Jahrzehnt erschienen sind. Lange Zeit war es ja so, dass die Amerikaner Bernhard gar nicht lesen konnten, weil es ihn kaum auf Englisch gab." Aber liegt es allein an der Verfügbarkeit, dass der große Polarisierer in den Staaten derzeit eine Renaissance erlebt? "Vielleicht liegt es auch an der für Bernhard typischen hyperbolischen Sprache, seine Kunst der Übertreibung, mit der amerikanische Leser etwas anfangen können. Und vielleicht ist er auch ein Autor, der zu der Phase passt, in der sich die USA seit Anfang des neuen Jahrhunderts befinden: dieses Cowboygehabe, das ihm anhaftet, gepaart mit einer kargen, aber immer selbstbewussten Sprache."

Bis sich Knopf Bernhard in großem Stil annahm – heute sind nahezu sämtliche Prosawerke, von "Frost" (1963) bis "Auslöschung" (1986) auf Englisch erhältlich – gab es nur zwei andere, kleine Verlage, die ihn dem US-Publikum schmackhaft machen wollten: die University of Chicago Press und die Londoner Quartet Books.

Unterschiedliche Geistesart?#

Der Rest schien dem Urteil eines der berühmtesten Literaturkritiker der angelsächsischen Welt zu vertrauen, der keine Zukunft für einen literarischen Erfolg Bernhards in den USA und in Großbritannien sah, "weil sich deren Geistesart so wesentlich von der mitteleuropäischen unterscheidet", wie George Steiner in einem 1983 erschienenen Essay festhielt. Der in Paris geborene Sohn eines jüdischen Wiener Ehepaares, das 1940 gerade noch rechtzeitig vor den Nazis nach Amerika flüchten konnte, sollte nur teilweise recht behalten. Während Bernhards Prosa in punkto Übersetzung praktisch abgearbeitet ist, harrt das Gros seiner Dramen noch der Veröffentlichung. Den Anfang hatte die Theaterwissenschafterin Gitta Honegger gemacht, 1982 mit "Der Präsident" und "Vor dem Ruhestand. Eine Komödie deutscher Seele". Honegger schrieb auch die bisher einzige englische Biografie des Autors ("The making of an Austrian", Yale University Press 2001), die allerdings von den Rezensenten auf beiden Seiten des Atlantiks mehrheitlich schlechte Kritiken bekam.

In den 80ern wurden in weiterer Folge "Ein Fest für Boris", "Ritter, Dene, Voss" und "Der Theatermacher" in den USA veröffentlicht. Von den Zeitungen wurde jede Neuerscheinung mit Respekt, aber weitgehend folgenlos besprochen (der "New Yorker" nannte Bernhard etwa "Austria’s most provocative post-war writer"); die Erscheinung der letzten Übersetzung, "Über allen Gipfeln ist Ruh", ist auch schon wieder sieben Jahre her. Laut Dale Peck hat das weniger mit der Qualität der Stücke zu tun als mit dem schwindenden Interesse seiner Landsleute am Theater: "Mir ist bewusst, dass Stücke wie ‚Heldenplatz‘ in deutschsprachigen Ländern bekannter sind als so mancher seiner Romane. Aber das ändert nichts daran, dass das Theater in den USA zu einer sterbenden Kunstform gehört. Dazu kommt, dass Bernhards Prosa sicher leichter zugänglich ist als seine Stücke."

Und vor allem besser verkäuflich, wie Bernhard-Übersetzerin und -Verlegerin Carol Brown Janeway von Knopf Publishers jüngst im Rahmen einer Lesung im Österreichischen Kulturforum New York betonte: "In den 80ern und 90ern hatte Bernhard in Nordamerika das Image eines ‚writer’s writer‘, eines Schrifstellers, der, wenn überhaupt, nur von anderen Schriftstellern gelesen wurde." Dieses Image Thomas Bernhards bestätigt auch Jonathan Taylor, der in New York als Lektor, Schriftsteller und Journalist arbeitet: "Ich habe seine Bücher durch andere Schriftsteller kennengelernt, wie die meisten in diesem Land." Tatsächlich betonen gestern wie heute zahlreiche prominente US-Literaten den Einfluss Bernhards auf ihr eigenes Schaffen: Don DeLillo, Rick Moody, Gary Indiana oder der im vergangenen Jahr durch die eigene Hand ums Leben gekommene David Foster Wallace.

Auf Verehrungsreise#

Taylor gehört wie Peck und Janeway zu denen, die sich leidenschaftlich darum bemüht haben, Bernhard jene Anerkennung in den USA zu verschaffen, die er ihrer Meinung nach verdient. Taylors Passion ging gar so weit, dass er das berühmte Bauernhaus Bernhards im oberösterreichischen Ohlsdorf besuchte. Seine dortigen Erlebnisse fasste er für das von Bestsellerautor Dave Eggers herausgebene Literaturmagazin "The Believer" unter dem Titel "Admiration journey" ("Verehrungsreise") zusammen. Österreich als Land wie als Zustand spielt in seiner Rezeption der Bernhardschen Schriften trotzdem nur eine untergeordnete Rolle: "Wir lesen ihn wie Franz Kafka oder Samuel Beckett: als sprachgewaltigen, innovativen Autor, als singuläre Erscheinung, wie sie vielleicht alle hundert Jahre vorkommt."

Dass die Aufmerksamkeit, die Bernhard derzeit in den USA zuteil wird, nachhaltig ist, glaubt Taylor nicht, "weil es einen entscheidenden Unterschied gibt: Es ist kein Zufall, dass sein Werk in anderen nicht-deutschsprachigen Ländern schon seit langem bekannt ist, in Spanien, Frankreich oder Italien. Das sind mehrheitlich katholische Länder." Dale Peck sieht hingegen einen anderen Grund für die Tatsache, dass die angelsächsischen Länder Aufholbedarf in Sachen Bernhard haben: "Er wäre in den USA längst populär, wenn er so explizit über den Holocaust geschrieben hätte wie etwa Sebald in ‚Die Ausgewanderten‘. Wir Amerikaner pflegen gewissermaßen einen Holocaust-Kult pflegen. Bernhards Suche nach den Ursachen und der Beschreibung der Folgen des Faschismus ist den meisten von uns einfach zu kompliziert." Eine provokante These, die Thomas Bernhard wohl gefallen hätte, entspricht sie doch einem seiner Leitsätze: Nicht der Inhalt, die Form ist das Entscheidende.

Wiener Zeitung, Samstag, 28. Mai 2011