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Vom Reaktionär zum Rebell#

Zum Abschluss der Thomas Bernhard-Werkausgabe und über das journalistische Frühwerk des Autors.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 6. Februar 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Uwe Schütte


Thomas Bernhard, 1957
"Dichter heißt: Der die Wahrheit Sagende": Thomas Bernhard, 1957.
© Helmut Baar/Imagno/picturedesk

So läuft es doch bei fast allen Werkausgaben: Der Rest, das "uneigentliche" Werk, kommt erst am Schluss. Doch gerade im vermeintlich Peripheren sind auch spannende Entdeckungen zu machen, aus denen ein neues Licht aufs Gesamtwerk fällt. So auch im Fall der nunmehr unglücklich abgeschlossenen Werkausgabe der Schriften des Thomas Bernhard, welcher bekanntlich nicht irgendwer ist, sondern einer der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur, und der - nach Kafka - wichtigste deutschsprachige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Nach mehrfachen Verzögerungen nun endlich erschienen sind mit Band 21 ("Die Gedichte") und dem in zwei Teilbänden vorgelegten Band 22 ("Journalistisches. Reden. Interviews") die noch ausstehenden Lieferungen. Mehr als 700 Euro muss hinlegen, wer die Werkausgabe kaufen will. Dafür erhält man aber 10.324 in weinrotes Leinen eingebundene Seiten - allein der weiße Schutzumschlag vermag nicht völlig zu überzeugen, denn er neigt logischerweise leicht zur Verschmutzung. Ein willkommener Bonus der Ausgabe, neben ihrem philologischen Wert als verlässliche Edition der Texte, repräsentieren die Kommentarteile am Ende jedes Bandes, in denen die Texte kompetent im Kontext des "Kontinent Bernhard" verortet werden.

Social-Media-Kampagne#

Im Winter 2003 erschien mit "Frost" der erste Band der Werkausgabe, die nun abgeschlossen ist. Doch nicht nur Bücher, wie ein Altvorderer wusste, sondern erst recht langwierige Editionsprojekte haben ihr Schicksal. Und Zeitpläne können nur selten eingehalten werden. Dass der Suhrkamp Verlag den Abschluss der Edition mit einer Social-Media-Kampagne feiert, bei der man ein Tweet mit dem Hashtag "#10342 Seiten" absetzen soll, um sein Lieblingsbuch zu nominieren, ist eine dieser Marketing-Blödheiten, die den Autor wohl hellauf empört oder herzhaft amüsiert hätten. Es ist absurd, sich bei Bernhard auf nur ein Buch festzulegen. Eher müssten es mindestens drei, vier Werke sein (etwa "Frost", "Der Theatermacher", "Beton" und "Auslöschung"). Die derzeit mit 44 % der Stimmen deutliche Führung von "Holzfällen" beweist anschaulich, dass man in Fragen der Kunst und Ästhetik mit demokratischen Prinzipien nicht zwangsläufig weiterkommt.

Der Abschluss einer editorischen Gewaltanstrengung ist zunächst immer ein Grund zur Freude. Dass das Unterfangen nicht in jeder Hinsicht gut ausgegangen ist, zeigt der offizielle Subskriptionsprospekt, in dem es betreffend der zwei Hauptherausgeber im lapidaren Präteritum heißt: "Wendelin Schmidt-Dengler (1942-2008) war Professor für Literaturwissenschaft in Wien [...]. Martin Huber war Leiter des Thomas-Bernhard-Archivs in Gmunden (Oberösterreich)." Denn unglücklich ausgegangen, wie eingangs angedeutet, ist das Projekt nicht nur durch den tragisch vorzeitigen Tod von Schmidt-Dengler, sondern ebenso durch den seit Oktober 2013 schwelenden Konflikt über Fragen der Archivführung.

Im Rahmen dieser Querelen, die sich um die geplante Digitalisierung der Bestände drehen, trennten sich Archivleiter Huber und die von Peter Fabjan geleitete Thomas Bernhard-Privatstiftung (wie es stets vielsagend, aber wenig zutreffend heißt) in beiderseitigem Einvernehmen voneinander.

Zurück zur Werkausgabe: Die Abschlussbände stellen mit insgesamt knapp 2000 Seiten ein Fünftel des Gesamtumfangs. 600 Seiten davon entfallen auf die Lyrik Bernhards. Was diese betrifft, wird der bekannte Corpus mit bisher unveröffentlichten Gedichten bzw. Variationen zwar durchaus erweitert; am literarisch eher bescheidenen Profil des (Jung-) Dichters, so darf man behaupten, ändert sich dadurch aber nichts Wesentliches.

Vereinfachend gesprochen gilt unvermindert, dass Bernhard die richtige Entscheidung traf, als er mit "Frost" den Paradigmenwechsel von der Lyrik zur Prosa unternahm. Als Herausgeber des Lyrik-Bandes lässt Raimund Fellinger in seinem Kommentar wenig Zweifel daran, dass er entsprechend wenig von den Bestrebungen jener Literaturwissenschafter hält, die aus rückblickender Perspektive in den lyrischen Ergüssen der frühen 1950er Jahre bereits den Keim des nachfolgenden Prosawerks zu erkennen glauben. Worum es geht, ist die Frage, wann und - noch weitaus interessanter - weshalb es zu dem kategorischen Umschwung kam, durch den bei Bernhard jenes Neue hervortrat, das 1963 in "Frost" seinen ersten öffentlichen Ausdruck fand. Anschauungsmaterial dazu lieferte etwa die fragmentarische Vorstufe zu "Frost", die 2013 als "Argumente eines Spaziergängers" publiziert wurde.

Tracht & Religion#

Ungleich bestechender, was den radikalen Umbruch bei Bernhard betrifft, sind die in Teilband 22.1 auf mehr als 400 Seiten versammelten journalistischen Arbeiten aus der ersten Hälfte der 1950er Jahre. Deren Lektüre vermittelt einen erstaunlichen Einblick in die Gedankenwelt des jungen Schriftstellers, der sich da noch in kompletter Übereinstimmung mit dem reaktionären Weltbild der damaligen Zeit befand. Mehr noch, in überidentifizierender Emphase berauschte Bernhard sich geradezu an der Verklärung der Schönheit des Salzburger Landes und seiner "frohen, friedliebenden und heimatverbundenen Menschen", die in "unserer unvergleichlichen Landschaft" ein offenkundig gesegnetes Land bewohnen dürfen.

Buchcover der Werkausgabe, Band 2. Der öffentliche Bernhard
Buchcover der Werkausgabe, Band 2. Der öffentliche Bernhard
Quelle: Wiener Zeitung

Seinen bäuerlichen Einwohnern rät er schulmeisterlich, stets die Landestracht zu tragen, denn "die Salzburger Tracht hat Weltgeltung und Weltruf", und "nur aus dem Althergebrachten können wir, oft vom Weg abgekommen, neue wirkliche Impulse tragen".

Bevor er zum unerbittlichen Rebell wurde, war Bernhard ein Reaktionär, der "unsere alten kostbaren Quellen reinster Kultur" beschwor und dazu aufforderte, das Kostbare "aus dem Urgrund unseres Volkes zu schöpfen". Wer so redet, kann nur ein guter Christkatholik sein, oder zumindest wie einer daherreden, etwa in einem Artikel über Evangelienbücher. Diese für ihn "kostbaren Kleinodien der christlichen Lehre sind Zeugen einer reinen Menschlichkeit" und das "Abbild einer großen geistigen Kraft und Weltanschauung, die immer triumphieren wird." Amen.

Immer wieder beklagt Bernhard, dass insbesondere die dichtende Jugend es schwer habe und Nachwuchsautoren der Förderung bedürften, ohne freilich durchblicken zu lassen, dass damit vor allem Eigenwerbung betrieben wird. Dazu passen auch die wiederholten Erwähnungen und Lobeshymnen auf den großen Dichter aus Henndorf, als dessen Enkel sich der Jungjournalist nirgends zu erkennen gibt. Zu kulturkonservativen Zensurforderungen von jugendverderbenden "Gossenromanen und Schundfilmen" durch Bernhard gesellt sich eine xenophobische Haltung im literarischen Bereich: "Wozu mästet man uns geradezu mit überseeischen, überwürzten Erzeugnissen, während unsere eigenen Schriftsteller zugrunde gehen?" Entsprechend positiv schwärmt er über die Lesungen einheimischer Schriftsteller, bei denen es sich freilich nicht selten um Gestalten handelt wie die katholisch-nationalsozialistische Autorin Gertrud Fussenegger.

Weg zur Wahrheit#

Im dichterischen Werk von Josef Weinheber sieht er einen "Gipfelpunkt der Sprache erreicht", lobt einen Band des "Nazi-Lyrikers" gar als einen Inbegriff von "Österreichertum und Deutschtum". Man traut kaum seinen Augen, wenn er auch noch dafür plädiert, dass "über den Menschen (...) Verzeihen gebreitet [sei], denn jeder hat notwendig, einen Teil wenigstens vergessen zu bekommen.

Lob erteilt Bernhard ebenso dem "Nazi-Publizisten" Kurt Ziesel und dessen perfiden Erfolgsroman "Daniel in der Löwengrube" (1952). In diesem antisemitischen Machwerk konstruiert der ehemalige Illegale eine hanebüchene Ghettogeschichte, die auf eine moralische Exkulpation des "arischen" Helden abzielt: Der Autor lässt im Roman eine jüdische Figur bestätigen, dass das Judentum moralisch verkommen und mithin an seiner Verfolgung selbst schuld sei. Bernhard, in jugendlicher Verblendung, hingegen rühmt: "Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen zeichnen diesen Roman vor allem aus."

Doch bald schon wird dem damals 21-jährigen Möchtegern-Dichter und Junior-Journalisten aufgegangen sein, welch niederträchtigen Konstrukten er aufgesessen ist. Aus dieser mutmaßlich schockhaften Einsicht dürfte sich vieles, vielleicht sogar alles Spätere erklären. "Dichter heißt: Der die Wahrheit Sagende", dekretiert er in einem Plädoyer für den Wert von Lyrik.

Die Wahrheit begann Thomas Bernhard zehn Jahre später in seinen Prosatexten auszusprechen. Dass er dabei gelegentlich übers Ziel hinausschoss, schmälert seinen Verdienst nicht. Die gern entschärfend als Polemik abgewertete Übertreibungskunst war seine Form, die Wahrheit hervorzutreiben unter der verkrusteten Oberfläche der konsensuellen Version der Zeithistorie, den haltlosen Tröstungen der Religionen oder manch medialen Verlogenheiten, die uns als objektive Berichterstattung verkauft werden. Damit aber hat er auch Punkte getroffen, die von einer Gültigkeit weit über Österreich hinaus sind.

Information#

Thomas Bernhard. Werke in 22 Bänden. Bd. 21: Gedichte. 601 Seiten, 41,10 Euro. Bd. 22: Journalistisches. Reden. Interviews. 1488 Seiten, 91,50 Euro. Suhrkamp, Berlin 2015.

Wiener Zeitung, Samstag, 6. Februar 2016