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Die Trümmer der Zivilisation #

Der Erste Weltkrieg ist in der deutschsprachigen Erzählliteratur der Gegenwart auffällig selten Thema. Einige Bespiele für Versuche, sich literarisch den Wurzeln des katastrophalen 20. Jahrhunderts zu nähern. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE Donnerstag, 19. Dezember 2013

Von

Anton Thuswaldner


Gasmaske
Gasmaske
Foto: © Shutterstock

Europa ist unbeherrschbar geworden. Die politischen Kräfte sind außer Rand und Band geraten und mittendrin befindet sich ein Schwarzer aus Uganda, der sich durch einen Krieg schlagen muss, der mit ihm überhaupt nichts zu tun hat. Er weiß selbst nicht so recht, wie ihm geschieht, was nicht erstaunlich ist: Selbst die jungen Soldaten, die verheizt werden für eine Sache, an der ihnen nichts gelegen ist, wissen nicht, wofür das Schlachten gut sein soll. In Max Blaeulichs Roman „Gatterbauerzwei oder Europa überleben“ (2006) lesen wir einen Abgesang auf die Werte der Aufklärung, die den Kontinent einmal stark gemacht und zu einer moralischen Autorität erhoben haben. Eine österreichische Expedition wütete in Afrika und tat so, als brächte sie die Zivilisation in die Wildnis. Die ausgewählten Eingeborenen, die sie nach Österreich verfrachteten, dienten Zwecken der Wissenschaft und wurden zu niedrigen Diensten herangezogen. Das, was sich hier an Grausamkeiten abspielte, war nur der Vorschein dessen, was nachher in einem großen Krieg explodieren sollte. Mittendrin ein Wilder, der wie der einzig Vernünftige in einer Menge von ungeschlachteten Rohlingen aussieht.

Max Blaeulich räumt auf mit dem Fortschrittsgedanken, der als Idee der europäischen Zivilisation eingeschrieben ist. Sein Roman liefert einen wüsten, auch formal überquellenden Beleg dafür, dass die Überlegenheit des westlich geprägten Bürgers eine Chimäre ist. Nirgends ein Hinweis auf den gern beschworenen Kameradschaftsgeist. Blaeulich hält sich an den Erfahrungsbereich des Gatterbauerzwei genannten Underdogs, um den sich niemand schert.

Dieser Roman ist eines der wenigen Beispiele aus der deutschsprachigen Erzählliteratur der Gegenwart, die sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. Der Zweite Weltkrieg hat in der Darstellung gründlich seinen Vorläufer getilgt, in dem später perfektionierte Grausamkeiten schon ausprobiert wurden. Dass die literarische Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts mit den Mitteln der Recherche, Fantasie, Empathie und Überzeichnung so dünn ausfällt, hat mit einem Schuldkomplex zu tun. Die Deutschen und die Österreicher mussten erst einmal vor aller Welt eingestehen, dass sie bereit waren, mit der jüngsten Vergangenheit unerbittlich abzurechnen. Das ist bis heute der Fall. Und wenn allmählich, langsam, sehr langsam, sich der eine oder die andere zurückarbeitet an die Wurzeln des katastrophalen 20. Jahrhunderts, dann lassen sich die Verfahrensweisen nicht vergleichen. Sie alle aber liefern das Geschichtsbild des Verfassers mit.

IRRATIONALE SEITE DER GESCHICHTE #

Für Alexander Kluge, den Geist, der aus den Tiefen der Aufklärung kommt, ist der rein rationale Zugang zu historischen Phänomenen zu wenig. Er sucht nach den irrationalen Seiten der Geschichte, den Gefühlen, den subversiven Kräften, die dem Zeitgeist zuwider laufen. Er sammelt unzählige Kleinstgeschichten, Episoden, die sich in entfernten Winkeln des historischen Gedächtnisses abgesondert haben, und liefert damit Beispiele dafür, wie das Individuelle dem großen Ganzen dazwischen funkt. „Szenen aus dem Ersten Weltkrieg“ heißt ein Kapitel aus dem Band „Tür an Tür mit einem anderen Leben“ (2006). Der große, zusammenhängende Geschichtsentwurf, bei dem sich ein Ereignis aus dem vorigen schält, ist von Kluge nicht zu bekommen. Er ist der Jäger der Geschichten und Anekdoten, in denen der Einzelne auf sich gestellt ist. Zwei Soldaten plündern auf dem Schlachtfeld gefallene Kameraden – oder doch Feinde? Sie begehen eine Tat, die schwer geahndet wird, und tatsächlich nähert sich aus dem Hintergrund eine Patrouille zu Pferd. „Die beiden Leichenfledderer haben wenig Chancen, das Sonnenlicht des folgenden Tages zu erblicken.“ So knapp und bruchstückhaft verfährt Alexander Kluge mit der Geschichte.

Gasmasken
Symbolbild
Foto: © Shutterstock

Mut zur Totale beweist auch Günter Grass nicht, der wahrlich wenig Scheu zeigt, wenn er historische Räume weitläufig abschreitet. In „Mein Jahrhundert“ (1999), einem Parforceritt durch das 20. Jahrhundert, kommt jedem Jahr ein kurzer Abschnitt zu, der die Atmosphäre der Zeit konservieren soll. Für die Zeit des Ersten Weltkriegs lässt er in den Sechzigerjahren zwei Kontrahenten gegeneinander antreten, den Pazifisten Erich Maria Remarque und den kriegsbegeisterten Ernst Jünger. Enttäuschend, was der so politische Grass daraus macht, Palaver bei Wein, nicht recht ergiebig. Abgeklärt geht Grass vor, kein Schlachtgetümmel, keine Gemetzel, zwei Männer unterhalten sich gepflegt über das, was einmal die gesamte Weltordnung über den Haufen geworfen hat. Da kann man sich gleich an den Schweizer Alex Capus halten, der in „Leon und Louise“ (2011) den Ersten Weltkrieg als dröhnenden Hintergrund inszeniert, vor dem sich eine Liebesgeschichte nur umso dramatischer absetzt. Hier schrumpft das Weltgeschehen auf Unterhaltungsmaß.

Anspruchsvoller geht Bettina Balàka vor, die für ihren Roman „Eisflüstern“ (2006) einen Protagonisten wählt, der aus dem Krieg gerade heimgekommen ist. Sein Land hat sich verändert. Auf Sicherheiten darf er sich nicht länger verlassen. Die neue Gesellschaft ist unfreundlich geworden, gerade noch war zu sehen, dass der Boden der Zivilisation hauchdünn ist. Mittendrin stehen die Frauen auf den Trümmern einer Gesellschaft, die gründlich zerstört worden ist. Mit diesem Roman wagt sich Balàka an die vergessene Geschichte jener, von denen sowieso erwartet wird, dass sie funktionieren.

ZERFALL DER ZIVILISATION #

Als Großprojekt, das als Singulär in der literarischen Landschaft der jüngeren Literatur steht, muss der Roman „Dessen Sprache du nicht verstehst“ (1985) gerühmt werden. Im Mittelpunkt steht die Proletarierfamilie Null, die Marianne Fritz vom Jahr 1914 anfangend bei ihrem Weg durch eine Geschichte der Ohnmacht taumeln lässt. Der Roman ist nicht nur eine Gegengeschichtsschreibung, sondern eine Antihistorie. Dazu bedient sich Fritz einer sperrigen Sprache und einer Mythisierung des Geschichtsstoffes. Die große Welt auf Dorfgröße geschrumpft, das Dorf zum Maß der Welt gehoben.

In Walter Kempowskis Roman „Aus großer Zeit“ (1978), dem ersten Band der „Kempowski-Chronik“, werden die Jahre 1900 bis 1918 erzählt, die Großelterngeneration des Autors hat ihre beste Zeit, die Eltern lernen sich kennen. Und der Krieg zieht ins Land – so betulich lässt sich das tatsächlich sagen bei diesem Buch, das mit nahezu altmeisterlicher Gründlichkeit vom Zerfall des bürgerlichen Zeitalters erzählt. Wenn Kempowski aber die Vorgänge an der Front beleuchtet, entwickelt er eine Härte und Gnadenlosigkeit, die keinen Zweifel lässt an der sich wild steigernden Gewalt. Doch die jungen Burschen, die verheizt werden, meinen tatsächlich, mit ihrem Einsatz die Kultur zu verteidigen. Dagegen muss man sich nur die wütenden und höhnischen Salven von Blaeulich gegen die angeblichen Verteidiger der Zivilisation vergegenwärtigen.

DIE FURCHE, Donnerstag, 19. Dezember 2013