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Unorthodoxe Lektüren #

Die renommierte Literaturwissenschaftlerin, -kritikerin und Literatin Ruth Klüger erhält den 11. Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil. Eine Würdigung.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 19. Mai 2011).

Von

Evelyne Polt-Heinzl


Ruth Klüger
Ruth Klüger
Foto: © Friedrich, Brigitte/SZ-Photo/picturedesk.com

Ruth Klügers Arbeiten zeichnen sich aus durch ihren widerständigen Blick und eine klare Sprache. Zugleich spürt man eine große Sensibilität für Ungleichgewichte und Schräglagen.

Die Geschichte sei erschütternd, entspreche aber nicht „den literarischen Standards seines Hauses“, urteilte einst Siegfried Unseld über das Manuskript von Ruth Klügers KZ-Erinnerungen „weiter leben“. Zwar war der enorme Erfolg des Buches, das dann 1992 im Wallstein Verlag erschien, nicht abzusehen, aber dieses Diktum verrät doch einiges von der Selbstüberhebung maßgeblicher Akteure im Kulturbetrieb. Die betriebsinterne PR-Starthilfe kam von Martin Walser, den Ruth Klüger kurz nach 1945 kennengelernt hatte; er sorgte dafür, dass ihr Buch im Literarischen Quartett Aufmerksamkeit erfuhr. Es war wohl auch aufgrund dieser alten Freundschaft, dass Ruth Klüger noch Walsers Paulskirchenrede hinnahm und die Tatsache, dass er damit ein Ende der Schulddebatte forderte, aber gleichzeitig in seine Bücher immer öfter wehleidige alte Männerfiguren einbaute, die Verständnis für ihr spätes Leiden an ihren als NS-Soldaten verübten Untaten verlangten. Erst Walsers antisemitisch angereichertes Wüten gegen Marcel Reich-Ranicki im 2002 erschienenen Schlüsselroman „Tod eines Kritikers“ führte dann zum offenen Bruch. Auch das ist Ruth Klüger: Sie scheut die Auseinandersetzung nicht, sie reagiert drastisch und stets mit offenen Karten.

„weiter leben“ ist heute eine verbreitete Schullektüre, zur Auflage von gut 300.000 kamen 2008 die 100.000 im Rahmen der Wiener Gratisbuch-Aktion „Eine Stadt – ein Buch“ verschenkten Exemplare. „Erschütternd“ sind keineswegs nur die konkreten Erlebnisse eines jüdischen Wiener Mädchens, das nach dem „Anschluss“ Österreichs Entrechtung und Verfolgung erfährt, 1942 im Alter von 12 Jahren mit der Mutter ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt wird, und bis zur Flucht kurz vor Kriegsende Auschwitz und ein Außenlager des KZ Groß-Rosen überlebt. Unvergesslich ist freilich vieles davon, allem voran die Geschichte der Schillerschen Balladen als Krücke, Angst und Qual der stundenlangen Appelle zu überleben.

Keine sentimentalen Verfälschungen#

Doch aufhorchen ließ vor allem der hohe Reflexionsgrad und auch der Bruch mit Tabus und einer verkorkst „romantisierenden“ Vorstellung von „Lagergemeinschaft“. Auf die Frage eines Journalisten, ob es nicht doch so war, dass die Menschen in der Extremsituation zusammenhalten mussten, antwortete Ruth Klüger 2008: „Wenn die Leute es schwerer haben, werden sie nicht besser.“ Und als der Reporter nachhakte, dass man aber doch gern daran glauben möchte, konterte sie: „Ich möchte es eigentlich nicht glauben. Ich möchte lieber glauben, dass es einen Zweck hat, den Leuten das Leben leichter zu machen. Es stärkt den Charakter, wenn man nicht hungert, schlaflos und überfordert ist.“ Das rückt mit lapidarer Geste sentimentale Verfälschungen zurecht, die letztlich noch die vielen tatsächlich gelebten Solidaritätsakte als eine „natürliche“ Reaktion inmitten des Terrors abwerten.

„weiter leben“, so Klüger, passiert von selbst; wie schwierig aber ein geglücktes Leben nach den existentiellen Beschädigungen durch den NS-Terror ist, davon erzählt auch der 2008 erschienene Band „unterwegs verloren“ – der Titel ist einem Gedicht Herta Müllers entlehnt. Er beginnt mit einem verstörend harten Einstiegskapitel. Nachdem Ruth Klüger ein Leben lang die KZ-Tätowierung am Arm getragen hat, beschließt sie an der Schwelle zum Alter, sich operativ davon „befreien“ zu lassen. „Obwohl diese Nummern zu den Hauptsymbolen für die Zeit der Konzentrationslager zählen, gibt es keinen Aufsatz, der sich damit beschäftigt“, so Klüger. Sie selbst hat sie in jungen Jahren oft als Telefonnummer ihres „Boyfriend“ ausgegeben. Mit der Tätowierung ist das Erlittene dem Körper eingeschrieben wie der Psyche, doch das Sichtbare stellt für die Umwelt auch eine Irritation dar. Man weiß nie, so Klüger einmal über ihre konfliktreichen Jahre an der angesehenen Princeton University, weshalb man gerade diskriminiert oder „von oben herab behandelt“ wird: in der Rolle als Frau oder als Jüdin. Auch davon erzählt „unterwegs verloren“ in gnadenloser Offenheit: vom Scheitern im beruflichen Umfeld, in ihrer Ehe mit dem Historiker Werner Angress und in der Beziehung zu ihren beiden erwachsenen Söhnen.

Trotzdem, äußerlich ist Ruth Klügers ‚weiter leben‘ nach 1945 eine Erfolgsgeschichte. Nach dem Notabitur in Straubing Studium in Regensburg, 1947 Emigration in die USA, 1952 schließt sie ihr Studium der Bibliothekswissenschaften und Germanistik mit dem Master of Arts ab, 1967 Promotion, 1980 bis 1986 Professorin an der Princeton University, dann an der University of California, seit 1988 Gastprofessorin in Göttingen, das ihr eine Art zweite Heimat geworden ist. 1993 setzt dann die Flut der Ehrungen und Literaturpreise ein, einer der ersten war der Rauriser Literaturpreis; 1997 folgte der Österreichische Staatspreis für Literaturkritik und 2003 der Preis der Stadt Wien für Publizistik, ein Akt der Wiedergutmachung von Seiten jener Stadt, die sich in Ruth Klügers Leben von der Heimat- zur Geburtsstadt degradiert hat.

Anders lesen#

Im Gefolge ihres wachsenden Ruhms erschienen eine Reihe von Sammelbänden mit ihren literaturwissenschaftlichen Essays und Kritiken. Ein widerständiger Blick und eine klare, mitunter beinahe harte Sprache ist auch diesen Arbeiten eigen, zugleich eine große Sensibilität für Ungleichgewichte und Schräglagen. Die schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur, heißt es in „Frauen lesen anders“, sind für George Tabori „Othello“ und „Woyzeck“, für Marcel Reich-Ranicki „Kabale und Liebe“. So würde „eine Frau sie auf Anhieb kaum nennen“, wird doch in jeder von ihnen die Geliebte umgebracht: erdrosselt, erstochen oder vergiftet. Unermüdlich versucht sie in ihren Arbeiten die Literatur von Autorinnen in neue Kontexte zu stellen. Was ein etwas anderer Blick zu entbergen vermag, zeigt sich aber genauso in ihren unorthodoxen Lektüren der Klassiker. Sie schlug für Kleists „Hermannsschlacht“ eine Lektüre als Anti-Imperialismus- Literatur vor, fahndete nach Goethes fehlenden Vätern oder entwickelte aus (Innen)Architekturfragen neue Sichtweisen auf Adalbert Stifter. Und immer wieder kommt sie auf Schiller zurück, dessen Balladen für das ausgegrenzte jüdische Mädchen am Beginn ihrer literarischen Bildung standen und sich dann als „Appellgedichte“ bewährten; sie hält ihnen die Treue, ohne das „moralisch Anfechtbare“ zu übersehen oder die „unverzeihlichen Verse“, die „sein begabterer Kollege Goethe“ nicht einmal in der Eile hingeschrieben hätte – auch das ist ein Zeichen von Souveränität.

Ringen um persönliche Souveränität#

Ruth Klüger wurde 1931 in Wien geboren, 1942 nach Theresienstadt deportiert, 1944 nach Auschwitz, von dort nach Christianstadt. 1945 konnte sie fliehen. 1947 emigrierte sie in die USA, wo sie studierte. Sie lehrte unter anderem an der University of Virginia, in Princeton und an der University of California in Irvine. 1992 veröffentlichte sie ihre Autobiographie „weiter leben. Eine Jugend“, 1994 „Katastrophen. Über deutsche Literatur“, 1996 die Essays „Frauen lesen anders“, 2006 „Gelesene Wirklichkeit“, 2007 „Gemalte Fensterscheiben. Über Lyrik“ und 2010 „Was Frauen schreiben“. Am 20. Mai 2011 wird ihr im Unabhängigen Literaturhaus Niederösterreich in Krems der mit 7300 Euro dotierte 11. Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil übergeben. „Ruth Klüger hat es verstanden, für viele Menschen die Mauer zwischen ihnen und der sogenannten Vergangenheit niederzureißen“, begründet die Jury ihre Wahl. „Sie hat uns schreibend zu Mitverschworenen im Ringen um persönliche Souveränität werden lassen.“ (bsh)

DIE FURCHE, 19. Mai 2011