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Vom Urgrund der Wirklichkeit#

In einem seiner letzten Texte erklärt der verstorbene Philosoph Norbert Leser den Unterschied zwischen der Naturwissenschaft und der nicht-materialistischen Philosophie.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 3./4. Jänner 2015)

Von

Norbert Leser


Symbolbild: Natur
Nichts in der Natur entwickelt sich unabhängig von den Naturgesetzen. Die Frage ist jedoch, ob es diese Gesetze ohne einen Gesetzgeber geben kann.
© Radius Images/Corbis

Friedrich Engels, der Mitstreiter von Karl Marx bei der Begründung des "wissenschaftlichen Sozialismus" und des "dialektischen Materialismus", hat "die Erklärung der Welt aus sich selbst" als das entscheidende Programm und Anliegen des Materialismus identifiziert. Diese Weltanschauung nimmt für sich in Anspruch, die Welt ohne Zuhilfenahme außer- und überirdischer Kräfte und Faktoren, insbesondere ohne die Annahme eines Schöpfergottes, ausreichend erklären zu können.

Macht der Reduktion#

Im Sinne dieser nicht nur für die marxistische Spielart des Materialismus zutreffenden Definition haben materialistische Monisten, für die die Materie die einzige reale Substanz ist, immer wieder den Versuch unternommen, eine Welterklärung auf dieser Basis herzustellen. So hat an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Erich Haeckel in seinem Werk "Die Welträtsel" versucht, diese auf die materialistische Art zu lösen, bzw. zu enträtseln. Philosophisch unbedarfte Forscher haben mit dieser scheinbar einfacheren Erklärung der Wirklichkeit Anklang bei einem philosophisch noch unbedarfteren Publikum gefunden.

In der letzten Zeit waren und sind es hauptsächlich biologische Reduktionisten, die sich mit einer bloßen Herleitung von Welt und Mensch aus der Selbstbewegung der Materie zufrieden geben. Gemeinsam ist allen diesen Versuchungen und Versuchen, die Evolution zur alleinigen Erkenntnisquelle hochzustilisieren, und aus dem Faktum der Evolution abzuleiten, dass sie allein der Schlüssel zur Eröffnung der Welt ist.

Als Beispiele für eine Abwandlung eines solchen Materialismus ist das jüngste Werk des österreichischen Verhaltensforschers Kurt Kotrschal zu nennen, das unter dem Titel "Einfach beste Freunde" vor allem auf das Verhältnis von Mensch und Tier im Rahmen der Evolution abzielt und dabei ein harmonisierendes Bild zeichnet und die Grausamkeit, die gerade in der Tierwelt eine so große Rolle spielt, ausblendet.

Schon vor Jahren hat der Biologe Franz M. Wuketits in seinem Buch "Naturkatastrophe Mensch. Evolution ohne Fortschritt" ein weniger freundliches, viel eher pessimistisches Szenario entwickelt. Aber ob in einer optimistischen oder pessimistischen Variante, in beiden Fällen wird die Evolution als ausreichend erachtet, die Wirklichkeit zu erklären.

Gegen diese und ähnliche Vorstöße habe ich unter dem Titel "Gott lässt grüßen" eine Streitschrift gegen den Reduktionismus und Evolutionismus verfasst, zu der mich der Quantenphysiker Anton Zeilinger ermutigt und auch ein Geleitwort beigesteuert hat.

Andere Möglichkeiten#

Ich habe gegen evolutionistische Autoren den Vorwurf erhoben, in doppelter Weise gegen das Postulat der wissenschaftlichen Redlichkeit zu verstoßen. Zum einen verschweigen die Materialisten und Evolutionisten, dass es auch eine andere Möglichkeit der Betrachtung der Welt gibt, zu der sie aber keinen noch so kleinen Spalt öffnen wollen, weil sonst der Anspruch, eine wissenschaftliche Selbstverständlichkeit und nicht bloß eine Option vorzulegen, ins Wanken geriete.

Der zweite, damit zusammenhängende Verstoß besteht darin, nicht nur das philosophisch unkundige Publikum zu düpieren und zu überrumpeln, sondern auch darin, die eigenen Fachkollegen, die keine Materialisten und Evolutionisten sind, zu ignorieren, bzw. zu desavouieren. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Reduktionisten einen Anspruch erheben, der durch die Tatsachen, die sie vorzulegen imstande sind, nicht gedeckt ist.

Worin geht es bei der Unterscheidung der Geister angesichts des unbestreitbaren Faktums der Evolution? Dieser Streitpunkt entsteht bei dem Versuch, den Stellenwert der Evolution im Gesamtgeschehen der Wirklichkeit zu bestimmen und in größere Zusammenhänge einzuordnen. Denn die Evolution selbst gibt über ihre Tragweite und Aussagekraft keine Auskunft; erst die menschliche Vernunft ist in der Lage, die Frage nach dem Wesen der Evolution zu beantworten. Die materialistische Antwort besteht darin, die Evolution als die bloße Addition von Quantitäten als ausreichend zu erklären, um auch alle Qualitätsunterschiede, insbesondere die Natur des Menschen in Überbietung der physischen Welt, unter ihr Gesetz zu subsumieren.

Niels Bohr
Der Nobelpreisträger Niels Bohr hat behauptet, dass es den Mond nur geben könne, wenn er von jemandem beobachtet werde. Wer aber hat den Mond beobachtet, bevor es Menschen gab?
© Abb.: Tarker/Corbis

Demgegenüber nehmen alle philosophischen Nicht-Materialisten an, dass das, was in der Evolution zum Vorschein kommt, nur die Entfaltung, bzw. Entwicklung eines Vorgegebenen ist, sodass die Evolution nicht eine Neuschaffung, sondern nur eine Umwandlung eines bestehenden Seinsbestandes ist. Diese Auffassung, die mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen durchaus vereinbar ist, wird im Gegensatz zum Evolutionsimus Präformationismus genannt.

Raum, Zeit, Ewigkeit#

Woran scheitert die vom Materialismus postulierte Erklärung der Welt aus sich selbst? Sie scheitert schon allein daran, dass die Welt der Evolution eine auf die Welt in Raum und Zeit beschränkte ist, also nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit umfasst.

Die traditionelle Philosophie geht mit guten Gründen davon aus und nimmt darauf Bezug, dass es ein dem empirisch erfassbaren Sein vorhergehendes und es überragendes Sein gibt, das sich nicht nur dem Grade, sondern dem Wesen nach von der empirischen Welt unterscheidet und abhebt. Es kann vom Denken erschlossen werden, wenn auch nicht mit den gleichen Mitteln wie die Welt in Raum und Zeit.

Während der Materialismus und Evolutionismus annimmt, dass die Materie sich in unendlich langen Zeiträumen zum Geist und zum Menschen hin entwickelt hat, stellt eine nicht-materialistische Betrachtung der Wirklichkeit der raum-zeitlichen Welt eine jenseits dieser angesiedelte Ewigkeit gegenüber - oder, in der Fassung der christlichen Schöpfungstheologie, den Ewigen.

Die materialistische Leseart der Wirklichkeit fällt mit ihrer Einebnung der Welten hinter die Einsichten zurück, die von allen großen Philosophen der Geschichte, von Aristoteles bis Heidegger, erarbeitet wurden und verabsolutiert das Relative und Vorläufige, das sich in Raum und Zeit findet. Der Materialismus fällt aber auch hinter den Kantschen Kritizismus, der die traditionelle Metaphysik erkenntniskritisch relativierte, zurück. Kant wollte und konnte zeigen, dass wir es bei unseren Bemühungen, die Welt zu verstehen, immer nur mit Erscheinungen, nicht aber mit dem "Ding an sich" zu tun haben. Der Materialismus aber behandelt die phänomenale Welt der Erscheinungen wie das die letzte Wirklichkeit darstellende "Ding an sich" - und kommt mit dieser Gleichsetzung zu falschen Schlüssen.

Die Erklärung der Welt aus sich selbst scheitert nicht nur aus erkenntniskritischen, sondern auch aus ontologischen Gründen. Wir haben es nämlich in der über der empirischen liegenden höheren Wirklichkeit mit Faktoren zu tun, die sich nicht aus der Evolution ableiten lassen, sondern dieser vorausgehen und die Evolution in sich stattfinden lassen. Es sind dies die Vernunft, das Wissen, das Bewusstsein und die Wahrheit, in deren Horizont die Evolution stattfindet.

Norbert Leser
Norbert Leser (1933–2014)
© APA web / Robert Newald

Selbst der materialistisch gesinnte französische Naturforscher Emil du Bois-Reymond hat es in seiner Schrift "Über die Grenzen der Naturerkenntnis" von 1872 für prinzipiell unmöglich erklärt, das Bewusstsein aus der materiellen Wirklichkeit herzuleiten und den berühmten Satz "ignoramus et ignorabimus" geprägt. ("Wir wissen es nicht und wir werden es nicht wissen".) Und trotz aller Bemühungen der Gehirnforschung ist es dieser nicht gelungen, den Abgrund zwischen Materie und bewusstem Geist zu überbrücken und auch nur so zu schließen, wie es der Deszendenztheorie mit der Herleitung der physischen Beschaffenheit des Menschen aus dem Tierreich zustande brachte, ohne damit freilich das Wesen und die Sonderstellung des Menschen erschöpfend aufgezeigt zu haben.

Es ist unmöglich, das Wissen und die Wahrheit, in die alles Wissen mündet, ohne die Annahme eines um sich selbst und die Welt wissenden Seins zu erklären und aus einer späteren Evolution abzuleiten. So hat der vom Materialismus herkommende, aber nicht bei ihm stehengebliebene polnische Philosoph Leszek Kolakowski die lapidare Formel präsentiert: "Wir stehen vor der Wahl: Entweder Gott oder kognitiver Nihilismus. Es gibt nichts dazwischen" - und diese Formel damit begründet, dass nur ein allwissendes Subjekt in der Lage ist, den Wahrheitsgehalt einzelner Aussagen zu bestimmen.

Geist und Bewusstsein#

Eine andere, die ganze Philosophiegeschichte durchziehende Überlegung führt ebenfalls zu einem absoluten Subjekt als dem Urgrund der Wirklichkeit. So hat der englische Philosoph und Theologe George Berkeley (1683- 1735) eine andere, zu den gleichen Konsequenzen wie bei Kolakowski führende Formel geprägt, nämlich "esse est percipi" ("Sein heißt wahrgenommen werden".) Diese Formel besagt, dass jedes wirkliche oder auch bloß gedachte Sein in der Wahrnehmung eines mitgedachten Subjektes stehen muss.

In einem Gespräch mit Albert Einstein hat der Nobelpreisträger Niels Bohr Jahrhunderte später die Behauptung aufgestellt, dass es einen Mond nur geben könne, wenn er von jemandem beobachtet wird. Wer hat all die Gestirne des Universums beobachtet, bevor der menschliche Geist dieser ansichtig wurde? In Bezug auf das Bewusstsein war es vor allem der radikale Marxist, aber auch philosophische Idealist Max Adler, der die Welt, und nicht nur die der Erscheinungen, vom Bewusstsein her aufrollte. Gegen Lenin, der die Tatsache, dass die Erde schon vor dem Menschen existiert habe, fälschlich für einen Beweis zugunsten des Materialismus hielt, wandte er sich mit dem Satz: "Gewiss, die Erde hat vor dem Menschen existiert, aber nicht vor dem Bewusstsein." Bei Ausführung dieses Gedankens wurde Adler geradezu biblisch-theologisch: "Und über den Wassern, aus denen sich die Welt erst zu bilden bestrebt, schwebt bereits der Geist des Bewusstseins, das diese Vorstellung hat."

Walter Thirring
Der kürzlich verstorbene österreichische Physiker Walter Thirring verknüpfte Forschung mit christlicher Philosophie.
© apa/Helmut Fohringer

Das Bewusstsein ist als etwas nicht Hinwegdenkbares, sondern höchstens Verdrängbares der eigentliche und letzte Baustein der Wirklichkeit, sodass daraus die Erkenntnis "Der Geist bestimmt die Materie" folgt. Diejenigen, die vom Bewusstsein als der conditio sine qua non der Wirklichkeit absehen zu können glauben, halbieren die Wirklichkeit und lehren sie nicht besser zu verstehen, sondern gründlich misszuverstehen. Das Bewusstsein wird nicht überflüssigerweise hinzugedacht, sondern mit Recht allem, was da ist, zugrundegelegt.

Brückenschläge#

Es gibt Naturwissenschafter, die weder Materialisten sind, noch auch die methodische Beschränkung auf das wissenschaftliche Erfassbare mitmachen, sondern einen Brückenschlag zwischen ihrem Fachgebiet und der traditionellen Philosophie, ja der christlichen Theologie zu schlagen versuchen.

So stammen die folgenden Worte, die traditionellen Denkern alle Ehre machen würden, nicht aus dem Munde oder der Feder eines Philosophen, sondern aus einem Buch des österreichischen Physikers Herbert Pietschmann, der in einem Buch dem bezeichneten Titel "Gott wollte Menschen" folgende Aussage traf: "Das Bewusstsein war am Anfang, denn es gab keine Zeit, es war in Ewigkeit, in der Allgegenwart. Das Bewusstsein entfaltet seine Kraft, es entfaltete sich, denn seine Kraft war es selbst. Es gab nur das Bewusstsein, nichts als das Bewusstsein."

Walter Thirring, der erst kürzlich verstorbene Nestor der österreichischen Physik, hat ebenfalls einen Brückenschlag zwischen seinem Fach und der christlichen Philosophie unternommen, wie schon der Titel seines Buches "Kosmische Impressionen. Gottes Spuren in den Naturgesetzen" verrät. Zusammen mit dem Theologen und Mediziner Johannes Huber hat er das Buch "Baupläne der Schöpfung" veröffentlicht. Aus diesen beiden Büchern geht hervor, dass es keine Naturgesetze ohne Gesetzgeber geben kann, ebenso wenig wie Baupläne ohne Baumeister und Bauherrn.

Eine vermittelnde Position zwischen Naturwissenschaft, Metaphysik und Theologie nimmt der österreichische Nobelpreisträger Erwin Schrödinger ein, der in seiner Bekenntnisschrift "Meine Weltsicht" wir folgt argumentiert: "Folgerichtiges Denken führt in einer großen Zahl von Fällen zu einem Punkt, wo es uns im Stich lässt. Gelingt es uns, das nicht direkt erschließbare Gebiet, in das diese Denkwege hinzuführen scheinen, nicht mehr ins Uferlose zu führen, sondern auch einer zentralen Stelle dieses Gebietes zu konvergieren, so kann darin eine höchst schätzenswerte Abrundung unseres Weltbildes liegen, deren Wert nicht mehr nach der Zwangsläufigkeit und Eindeutigkeit zu beurteilen ist, mit der diese Ergänzung zunächst vorgenommen wurden."

Was Schrödinger hier beschreibt, ist das Sich-Herantasten vieler Wissenschafter und Laien an eine höhere, erst auf Umwegen und indirekt erfassbare Wirklichkeit. Auf diese Art wird auch die Bemerkung Goethes wahr, der einmal behauptete: "Die Natur verbirgt Gott! Aber nicht jedem!" - Sondern nur jenem, der nicht willens ist, hinter den Erscheinungen der Welt die Weisheit und Allmacht des Schöpfers zu entdecken und die Welt - wie Walter Thirring - als "Saum Seines Kleides" erscheinen zu lassen.

Information#

Zum Autor: Norbert Leser, der renommierte Wiener Politikwissenschafter und Philosoph, ist zu Silvester 2014 überraschend verstorben. Der Artikel hier, der nun zu einer Art Vermächtnis geworden ist, wurde noch mit ihm selbst vereinbart. Er steht am Ende einer langen Reihe von philosophisch-politischen Aufsätzen, die Leser im Laufe der Jahre im "extra" veröffentlicht hat. Die Redaktion trauert um ihren langjährigen und profilierten Mitarbeiter.

Wiener Zeitung, Sa./So., 3./4. Jänner 2015