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Die Chance auf ein zweites Leben#

Längst verstummte Stimmen werden wieder zum Erklingen gebracht#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 15. Oktober 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Edwin Baumgartner


Clemens Ottawa begibt sich auf die Suche nach vergessenen Autoren Österreichs.#

Antiquariat
Irgendwo in diesem Antiquariat mag ein literarischer Schatz verborgen sein: Österreichs vergessene Literaten waren mitunter Autoren von hohem dichterischen Können.
Foto: © corbis/Holger Spiering

Nur 223 Seiten - aber ein wichtiges Buch. Ein Buch voller Fehler, zweifellos, voller Auslassungen, Ungenauigkeiten, Halbwahrheiten, Willkürlichkeiten. Dennoch: Für "Österreichs vergessene Literaten" muss man Clemens Ottawa dankbar sein. Durch ihn bekommen sie die Chance auf ein zweites Leben.

Ottawa, 1981 geboren, arbeitet nach seinem Studium der Germanistik, Geschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft als Autor, Karikaturist und Musiker und obendrein als Lehrer für Deutsch und Geschichte an einem Wiener Gymnasium. Er hat einen Band mit Erzählungen veröffentlicht ("Sie dürfen sich nun entfernen"), zwei Bücher zur Wiener Stadtgeschichte ("Die steinernen Zeugen der Erinnerung: Denkmale und Mahnmale in Wien" und "Das Gedächtnis der Stadt: Die Gedenktafeln Wiens in Biografien und Geschichten") sowie ein Buch über umstrittene Filme ("Die großen Skandalfilme der Kinogeschichte").

60 Autoren und viele Fragen#

In "Österreichs vergessene Literaten" stellt Ottawa 60 österreichische Autoren vor und hängt den Kurzporträts einen kurzen Ausschnitt aus dem Werk des jeweiligen Autors an, eine ganz kleine Kostprobe, die dem Leser einen Hinweis gibt, ob er nun, es ist ja eine Frage des individuellen Geschmacks, in den Antiquariaten oder im Internet nach Büchern des Porträtierten stöbern soll.

Man kann Ottawas Unterfangen gar nicht genug loben. Und genau deshalb, weil ja ein schönes Haus nicht einstürzt, nur, weil man etwas Putz abkratzt (bloß die Schönheit verringert sich zum Ärger des Erbauers), sei doch manches an Ottawas Buch hinterfragt. Zum Beispiel, wie er zu seiner Auswahl kommt.

Es ist natürlich auch das alte Anthologie-Problem: Wer ist drin - wer nicht? Schnell wird dem Herausgeber dann Willkür unterstellt, zumeist von den Nichtdrinseienden, ihren Verwandten, Erben und Anhängern.

Damit haben diese übrigens recht. Wer eine Anthologie zusammenstellt, folgt seinem eigenen Geschmack. Jener Herausgeber, der für sich Objektivität reklamiert, sagt die Unwahrheit. Aber ein paar objektivierbare Kriterien sollte er schon haben, in deren Grenzen er seine Subjektivität ausleben kann. Solche objektivierbaren Kriterien sollte er auch benennen. Ottawas Satz "Der Ausschnitt der hier vorgestellten Autorinnen und Autoren soll ein Impuls dafür sein, sich mit offenen Augen umzublicken und vielleicht einen weiteren, ungehobenen Schatz österreichischer Literatur zu entdecken", ist eine pure Verteidigung der willkürlichen Auswahl und zu wenig in diesem Zusammenhang.

Die konzeptlose Vorgangsweise Ottawas oder des Verlags wird durch einen kuriosen Lapsus erhellt: Im "Quellen- und Literaturnachweis" wird ein Zitat aus Hans Leberts Roman "Die Wolfshaut" nachgewiesen. Bloß kommt Lebert in dem ganzen Buch nicht vor. Offenbar wurde sein Porträt weggekürzt, auf die Streichung des Nachweises vergaß man. Welche Autoren sind der Endredaktion sonst noch zum Opfer gefallen? War Lebert schlussendlicher Erkenntnis zufolge für einen "vergessenen Literaten" doch nicht vergessen genug?

Rudolf Henz erfüllt dieses Kriterium hingegen mühelos, misst man ihn an aufgenommenen Autoren wie Albert Ehrenstein, Reinhard Federmann oder der oft als "bessere Bachmann" - zu Recht - gepriesenen Hertha Kräftner. Fehlt Henz, weil er einer katholischen Restitution Österreichs nach 1945 allzu intensiv das Wort redete und seine Position zu Lebzeiten allzu gründlich und zur Frustration allzu vieler auch medial durchzusetzen wusste? Andererseits war dieser Henz, der wirklich ein Dichter war, auch antinationalsozialistisch und brachte sich mit Glasmalereiarbeiten über Zeit, in der Österreich nur die Ostmark sein durfte. Eine Irritation, die anhält, sucht man nach Roman Karl Scholz.

Auch er, Verfasser bedeutender Gedichte, 1944 wegen "Hochverrats" hingerichtet, fehlt in der Auswahl - am Ende, weil er zwar ein hervorragender Dichter und obendrein Widerstandskämpfer, aber auch Priester war? Andererseits hat es die sehr katholische und sehr NS-freundliche und (man mag darüber ja auch erfreut sein) eigentlich gar nicht so vergessene Paula Grogger in die Auswahl geschafft.

Halbwahrheiten#

Dennoch bleibt da der schale Nachgeschmack von Ideologie. So erfreut zwar die Nennung Jesse Thoors, dessen glühende Gedichte sich qualitativ umgekehrt proportional zu seinem Bekanntheitsgrad verhalten. Doch wenn Ottawa diesen wahrhaft erstrangigen Lyriker im Porträt - korrekt - als Kommunisten und Vagantendichter bezeichnet, die ausgeprägte Religiosität seines späten Werks aber mit keiner Silbe erwähnt und (deshalb?) den Dichter mit einem Auszug aus einer unwesentlichen Prosaarbeit vorstellt, dann wird hier der Teilwahrheit das Wort geredet. Ob, wie es das Verschweigen von Henz, Scholz, Richard Billinger oder Heinrich Suso Waldeck suggeriert, aus ideologischen Gründen, sei - immerhin fehlen auch Alois Vogel und, besonders schmerzlich, Otto Basil - dahingestellt.

Andere Fehler Ottawas, speziell, wenn es um die Veröffentlichungslage geht, mögen auf schlechte Recherche oder falsche Auskünfte des Buchhandels zurückzuführen sein. Unbegreiflich jedoch sind Irrtümer, die durch eine simple Internetrecherche zu verhindern gewesen wären: Die Behauptung, dass von dem bemerkenswerten Expressionisten Robert Müller nach 1945 lediglich die Novelle "Das Inselmädchen" neu aufgelegt wurde, ist schlicht falsch. Der Igel Verlag brachte in den 1990er Jahren nicht nur Müllers Hauptwerk, den Roman "Tropen", heraus, sondern die meisten erzählerischen und essayistischen Arbeiten dieses Autors.

Nun juckt es in allen tippenden Fingern, eine Liste jener Autoren aufzustellen, die Ottawa hätte nennen müssen. Doch die Beantwortungen der Fragen, ob nun Hugo Bettauer vergessen genug wäre für das Buch und ob Alfons Petzold nicht eher nennenswert gewesen wäre als der - glücklicherweise - keineswegs vergessene Gerhard Fritsch, scheitern daran, dass sich Ottawa nicht in die Karten seiner Auswahlkriterien blicken lässt.

Die Bruchlinie#

Eine andere Frage, die sich in Zusammenhang mit diesem Buch ergibt, ist freilich jene, ob Ottawa gerade durch seine Auswahl nicht auch, lassen wir einmal die wenigen in der Auswahl vertretenen Autoren des 19. Jahrhunderts beiseite, die große Auseinandersetzung der österreichischen Nachkriegs-Literatur widerspiegelt: Hier erfolgte die Bruchlinie nämlich nicht zwischen Ex-Nazis und Vertriebenen bzw. freiwillig Emigrierten, sondern zwischen konservativ (oft mit religiösem Bezug) und fortschrittlich (oft ohne religiösen Bezug oder dezidiert anti-religiös). Verkürzt gesagt, plädierten die Konservativen für einen Wiederaufbau zu altem Glanz, die Fortschrittlichen für einen modernen Staat.

Was sich auch in der Literatur niederschlug: Wenn (der unvergessene) Artmann, Basil oder Konrad Bayer ihr Schaffen auf den Säulen dessen errichteten, was eben noch als "entartet" gegolten hatte, so war das, unabhängig ihrer individuellen politischen Überzeugungen, Ausdruck für eine grundlegend andere Meinung darüber, was dieses Österreich darstellen solle, als wenn Henz, Johannes Lindner oder Christine Lavant die Tradition fortsetzten und den Vers nicht als virtuoses Spiel, sondern als moralische Verantwortung betrachteten. Dass die Konservativen sich für das Vergessenwerden eher eigneten als die Fortschrittlichen, ist ein Zug der Zeit.

Wodurch es jedoch auch unter den Vergessenen zwei Kategorien gibt: die prominenten Vergessenen, um die sich Gesellschaften und Verlage, selbstverständlich mit dem Hinweis auf eine sensationelle Wiederentdeckung, bisweilen annehmen, und die wirklich Vergessenen, deren Werke bestenfalls in Antiquariaten Staub ansetzen mit der schmetterlingsflugleisen Chance, einen neugierigen Zufallskäufer zu finden. Vielleicht ist Ottawa dem Glanz der prominenten Vergessenen zu sehr erlegen.

Und es ist dennoch ein wichtiges und lobenswertes Buch - denn auch fehlerhafte Pioniertaten sind Pioniertaten - die Fehler aber, die kann man korrigieren.

Information#

Clemens Ottawa: Österreichs vergessene Literaten. Kremayr & Scheriau, 223 Seiten, 22 Euro.

Wiener Zeitung, Dienstag, 15. Oktober 2013