unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Zweite Güte, aber erstklassig#

Die gebürtige Wienerin Vicki Baum schrieb nicht nur für den Markt. Die Erfolgsautorin starb vor 50 Jahren in Hollywood#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung (Samstag, 28. August 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Evelyne Polt-Heinzl


Attersee, Saftwinkel
Die Erfolgsautorin Vicki Baum in Hollywood
© Wiener Zeitung / Ullstein Bild

Judith Kuckart, geboren 1959, fand es vor einiger Zeit durchaus angemessen, sich unter dem Motto "Unwürdige Lektüren" verschämt zu ihrem Trivialitätsbedürfnis am Beispiel Vicki Baum zu bekennen. Natürlich hat Vicki Baum wie Erich Kästner oder Lion Feuchtwanger für den Markt geschrieben, aber genauso hat sie Themen in die Literatur eingebracht, Sprachbilder und auch Verfahrensweisen, die es zu beachten lohnt. Und Autorinnen wie Vicki Baum erfüllen nicht nur Erwartungshaltungen, sie spielen auch mit gesellschaftlichen Zuschreibungen. In der Komödie "Pariser Platz 13" etwa montiert Baum aus unterschiedlichen Textsorten und Genres – Werbekampagnen von Elizabeth Arden, Zeitungsberichten und Selbstzitaten aus eigenen Artikeln – eine Satire auf männliche wie weibliche Imagemodellierungen. Die Kritiker bei der Premiere an den Berliner Kammerspielen 1931 haben dieses Spiel nicht verstanden.

Ironiesignale und satirische Überformungen in der Literatur von Frauen kommen oft nicht gut an, und fast noch öfter werden sie gar nicht wahrgenommen. Darunter hat schon Vicki Baum selbst gelitten. Ihr zehntes und bis heute bekanntestes Buch "Menschen im Hotel" hieß in der Erstausgabe im Untertitel "Ein Kolportageroman mit Hintergründen". "Die Ironie lag dann darin", so Vicki Baum in ihrer posthum erschienenen Autobiografie "Es war alles ganz anders", "daß kein Mensch die Ironie gespürt hat." Aus Vermarktungsgründen wurde der Untertitel dann stillschweigend getilgt.

Gründungslegenden#

Geboren wird Hedwig Baum am 24. Jänner 1888 in Wien; über ihrer Jugend liegt der Schatten einer psychisch schwerkranken Mutter und eines lieblosen Vaters, der sich einen Sohn Viktor gewünscht und mit Tochter Hedwig auch als Vicki nicht viel anfangen kann. Den Ausbruch aus den tristen Kindheitserlebnissen schafft Vicki Baum mit eiserner Disziplin, die sie ein Leben lang beibehalten wird, eingeübt dank ihrer frühen Karriere als Konzertharfenistin. Zähigkeit und Ausdauer kommen auch ihrer Literatur zu gute. Als sie am 29. August 1960 in Hollywood stirbt, hinterlässt sie mehr als 40 Bücher.

Gründungslegenden ihrer Schriftstellerkarriere hat Vicki Baum selbst eine ganze Reihe angeboten. Ihre erste Publikation sei das Ergebnis einer Wette gewesen: Mit 14 schickt sie einen Text an "Die Muskete"; als er tatsächlich abgedruckt wird, hat sie die Tafel Schweizer Schokolade gewonnen. Später spielt sie die Ghostwriterin für ihren ersten Mann Max Prels, auch für sein Zeitschriftenprojekt "Ton und Wort", das im finanziellen Desaster endet. Aus Geldnot nimmt sie 1910 mit einer parodistischen Romanze an einem Wettbewerb der Münchner Satirezeitschrift "Licht und Schatten" teil, erstmals unter eigenem Namen, und gewinnt. Einer der Juroren, Thomas Mann, sitzt 1924 auch in der Jury der "Kölnischen Zeitung", die Vicki Baum einen Prosapreis zuerkennt. Bereits 1912 ist sie in Kürschners Literaturkalender unter Viki Baum-Prels zu finden.

Später, schon in Darmstadt und verheiratet mit dem Dirigenten Richard Lert, habe ihr der Bruder von Jakob Wassermann zum Schreiben geraten; er liest das Manuskript ihrer Kindheitsgeschichte "Frühe Schatten" und reicht es an den Verleger Erich Reiß weiter. Der ist an der Geschichte interessiert, sofern sie jemand "ins Deutsche" übersetzt. Mit sprachlicher Anpassung hatte Vicki Baum keine Probleme, und so erscheint ihr erstes Buch 1914 bei Reiß, gereinigt von allen Austriazismen.

Den für ihre weitere Karriere zentralen Kontakt zur Ullstein-Welt mit dem legendären Ullstein-Bücherkarren auf jedem deutschen Bahnhof und einem Imperium an Lifestyle-Blättern und -Magazinen, vermittelt ihr erster Ehemann. Ihr Einstandsbuch "Der Eingang zur Bühne", in dem sie ihre Jahre am Wiener Konservatorium verarbeitet, erscheint 1919, bis 1927 werden 146.000 Exemplare davon verkauft. 1921 folgt "Die Tänze der Ina Raffay". Als der moderne Ausdruckstanz in Deutschland noch in den Anfängen steckt, verpackt ihn Vicki Baum bereits in einen Roman, sie ist dem Zeitgeist mitunter um einiges voraus. Wohl auch deshalb versucht Ullstein sie langfristig an sich zu binden und lässt sich das im Lauf der Zeit einiges kosten. Bei einer Besprechung über mögliche Roman-Themen für die "Berliner Illustrirte Zeitung" (BIZ) schlägt Vicki Baum ein Buch über den Mord an Walter Rathenau vor, Hermann Ullstein wünscht sich einen Roman über die neue Frau. Vicki Baum schrieb beide.

"Feme" entsteht 1924 und ist ihr erstes als Fortsetzungsroman konzipiertes Buch. Verarbeitet ist darin neben dem zentralen Problem rechtsradikaler Verbände in der jungen Weimarer Republik auch der Fall des Serienkillers Haarmann, der junge Männer ermordet und zu Konservenfleisch verarbeitet hatte, das er in den Schieberjahren zu hohen Preisen auf dem Schwarzmarkt verkaufte.

Genau dieses rasche Reagieren auf tagesaktuelle Ereignisse, der nüchterne Umgang mit den Fakten der Chronik- und Gerichtssaalberichterstattung gilt als eines der Merkmale der "Neuen Sachlichkeit". Vicki Baum wird von der Literaturwissenschaft hier selten dazugezählt, von den Zeitgenossen aber genau deshalb geschätzt. Sie wohnt nun in Mannheim, wo ihr Mann Generalmusikdirektor des Nationaltheaters ist, als im Sommer 1925 dort die Ausstellung "Neue Sachlichkeit" gezeigt wurde, die der Bewegung ihren Namen gab. Spätestens seit "Feme" ist ihr Stil sachlich, ohne sprachliche Exaltierheit, die Romane werden journalistischer, beruhen auf realen Vorlagen, die sie oft Zeitungsberichten entnimmt und sorgfältig recherchiert. Auch mit ihrer Positionierung als Produzentin für den Literaturmarkt liegt sie im Trend der Zeit. "Ich bin eine erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte", schrieb sie kurz vor ihrem Tod, "die Glühwürmchenillusionen von Unsterblichkeit sind mir fremd".

Neuer Frauentypus#

"stud. chem. Helene Willfüer", geschrieben 1925, ist eine nicht untypische Mischung aus Moderne und Tradition. Zweifellos entspricht die erfolgreiche Chemikerin dem von Ullstein gewünschten Typus der neuen Frau, die sich gegen alle Hindernisse durchsetzt. Noch als Studentin wird Helene ungewollt schwanger, sucht zunächst nach Abtreibungsmöglichkeiten und entscheidet sich dann für den schwierigen Spagat zwischen Kind und Karriere.

Bei der Option "Mann oder Werk" optiert sie eindeutig für die Karriere. Verbissen arbeitet sie an der Entwicklung eines Anti-Aging-Medikaments. Als es tatsächlich in Produktion gehen kann, wird Helene Willfüer Abteilungsleiterin mit eigenem Forschungslabor.

Nun aber, am Ende des Romans, findet sie ihre wirkliche Erfüllung in der Liebe zu ihrem einstigen Professor. "Du mußt alles lassen und bei mir bleiben", so formuliert er seinen Heiratsantrag. "Ich tauge nicht zur Assistentin", antwortet ihm Helene, darauf der alte Herr: "Du dummes Mädel . . . Ich meine nicht die Chemie. Ich meine das Leben. Willst du leben mit mir?" Das ist ein häufiger Reflex bei Autorinnen, die schreibend gesellschaftspolitisch neues Terrain erobern: Solange ein alter Herr zu einer erfolgreichen Frau noch "dummes Mädel" sagt, bleibt die Welt irgendwie im Lot. Im Übrigen kippen viele Zeitromane der 1920er Jahre am Ende oft ins Triviale, bei Hugo Bettauer genauso wie bei den Ullstein-Autoren Georg Fröschel oder Otto Soyka. Dem Verlag war "stud. chem. Helene Willfüer" zunächst wegen der Abtreibungsfrage zu brisant.

1927 erscheint "Hell in Frauensee", eine leichte Sommergeschichte aus dem Urlaub in Zell am See, und auch eine Auseinandersetzung mit der Massenarbeitslosigkeit der 1920er Jahre. Darüber hinaus enthält der Roman ein unglaublich komisches Selbstporträt Vicki Baums als alternde Dame, die sich in die Schar der aufgescheuchten Bewunderinnen des schönen Bademeisters vor Ort einfügt. Binnen kurzem sind 140.000 Exemplare verkauft, gleichzeitig läuft in Berlin Richard Oswalds Stummfilmversion von "Feme" an.

Im Oktober 1928 beginnt der Vorabdruck von "Helene Willfüer" in der "BIZ", die Auflage steigt in der Folge um 200.000 Exemplare auf knapp zwei Millionen. "Ein Stück Reportage, abgeschrieben vom Leben" urteilte ein Kritiker.

Nach diesem durchschlagenden Erfolg wird Vicki Baum vom Ullstein Verlag zum "Markenartikel" gestylt, als Inbegriff der neuen Frau: aktiv, mondän, erfolgreich, zugleich Mutter von zwei Söhnen, im Fitness-Studio am Punchingball dem neuen Körperkult ihren Tribut abstattend. So sieht es zumindest die jüngere Forschungsliteratur; das mag etwas zu direkt gedacht sein, wirft aber auch ein Schlaglicht auf die mentalitätsprägende Macht der Ullstein-Welt, die in dieser Eigenschaft bislang nicht aufgearbeitet ist.

Im März 1929 startete "Menschen im Hotel" in der "BIZ". Am Beginn standen Zeitungsberichte vom Fassadenkletterer Wilhelm Kaßner im Berliner Hotel Kaiserhof. Der Roman fächert die Probleme und Befindlichkeiten aller am Hotelgeschehen Beteiligten auf, vom Barmusiker bis zum Hochstapler und Perlendieb. "Und, nicht zu vergessen", erinnert Baum in ihrer Autobiographie, der Roman "spielt zu Beginn der großen Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre, in der sich die Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen verbreiterte."

Die Jahre 1926 bis 1929 sind die dichtesten in ihrem Leben. "Erst in Berlin, in diesen kurzen zwanziger Jahren, war ich zum erstenmal in meiner Zeit zu Hause", schreibt sie im Rückblick. Sie ist Redakteurin der "Losen Blätter", der Literaturbeilage des Ullstein-Hochglanzmagazins "Die Dame", ihre Romane erscheinen als Fortsetzungsdrucke, Hardcover- und Taschenbuchausgaben, sie ist als Szenefigur so populär, dass es einer Hochstaplerin lukrativ erscheint, sich als Vicki Baum auszugeben.

Am 16. Jänner 1930 wird die Theaterfassung von "Menschen im Hotel" im Theater am Nollendorfplatz in der Regie des jungen Gustav Gründgens uraufgeführt. (Wiener Premiere: Mai 1930 im Volkstheater.) Auch mit der Theaterversion trifft sie den Nerv der Zeit: Die erste Szene zeigt Hotel-Telefonzellen, in jeder spricht eine Figur und präsentiert so selbst ihr Grundthema. Trotzdem war "Menschen im Hotel" in Deutschland mehr ein Publikums-, denn ein Kritikererfolg; anders in England, wo Hugh Walpole oder John B. Priestley das Buch würdigen. 1931 gelingt mit einer glamourösen Broadway-Inszenierung der Sprung nach Amerika, 1932 folgt die erste Verfilmung unter dem Titel "Grand Hotel" mit Greta Garbo.

Erfolg und Image#

Obwohl eigentlich nicht an Politik interessiert, schätzt Vicki Baum die faschistische Gefahr in Deutschland realistischer ein als andere; sie will, dass ihre beiden Söhne in Amerika aufwachsen, und so übersiedelt die Familie bereits 1932 in die USA. Der Einstand nach dem Broadway-Erfolg ist blendend, doch die Ankunft in den Filmstudios glückt nicht wirklich, sehr wohl aber etabliert sie sich als Erfolgsautorin, die ihre Bücher und Reportagen bald schon auf Englisch schreibt.

Vicki Baum verdient gut, die Familie bewohnt eine Villa in Pacific Palisades, späterhin Ort vieler Dinner im Exilantenkreis, dem Baum mittendrin am Rande angehört. 1934 bis 1936 unternimmt sie ausgedehnte Reisen, denen sich viele Romane verdanken, etwa der erste historische Stoff in "Liebe und Tod auf Bali" (1937) oder "Hotel Shanghai" (Vorabdruck 1939 im "Cosmopolitan").

Doch sie leidet zunehmend unter dem Image einer bloßen Unterhaltungsschriftstellerin, gegen das sie 1953 mit der unter Pseudonym geschriebenen Gesellschaftssatire "Kristall im Lehm" anzukämpfen versucht. Ihr letzter Roman, "Die goldenen Schuhe" (1958), wird kaum mehr beachtet. Das hat mit Qualitätsfragen zu tun, aber auch mit der Tatsache, dass das Gefühl der Berliner Jahre, in ihrer Zeit zu Hause zu sein, unwiderruflich vorbei war.

Evelyne Polt-Heinzl

Evelyne Polt-Heinzl, geboren 1960, ist Literaturwissenschafterin und -kritikerin.

Wiener Zeitung, Samstag, 28. August 2010