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Von der Idylle in die Hölle#

Vor hundert Jahren, am 14. Mai 1912, starb der Schriftsteller August Strindberg, der einige Jahre eine enge, wenn auch unerquickliche Beziehung zu Österreich und einer Österreicherin hatte.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 12. Mai 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Wolfgang Ludwig


Frieda Uhl
Frieda Uhl (1872-1943) war Tochter des Chefredakteurs der "Wiener Zeitung", Friedrich Uhl, und knapp vier Jahre lang Ehefrau von August Strindberg. Hier auf einer Porträtaufnahme Arnold Genthe aus dem Jahr 1915.
© Museum of the City New York

Berlin, nach 1890: Das Lokal "Zum schwarzen Ferkel" hatte mit der Adresse Ecke Unter den Linden/Wilhelmstraße zwar eine tolle Lage inmitten der Stadt, trotzdem hätte ein Normalbürger seinen Fuß niemals dort hineingesetzt. Denn drinnen gab es angeblich neunhundert Schnapssorten (!) und Menschen, von denen der brave Bürger nur hinter vorgehaltener Hand sprach: Meist waren es Ausländer, Künstler und Frauen, die alleine in die Schnapsbude gingen! Etwa der polnische Literat Stanislaw Feliks Przybyszewski, der mit einer Frau unverheiratet zusammenlebte und mit ihr zwei Kinder hatte. Weiters eine gewisse Dagny Juel aus Norwegen, auch Autorin, die Przybyszewski heiratete, der jedoch gleichzeitig mit seiner Ex ein weiteres Kind hatte. Edvard Munch und August Strindberg, die beide Affären mit der attraktiven Dagny hatten, verkehrten ebenfalls dort - und auch eine sehr junge Österreicherin: Frida Uhl, Tochter des Chefredakteurs der "Wiener Zeitung".

Kritik an Schweden#

August Strindberg wurde am 22. Jänner 1849 in Stockholm geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter kam es zu Hause zu starken Spannungen wegen der neuerlichen Heirat des Vaters mit der jungen Erzieherin seiner Kinder. Beruflich erging es dem Vater, der eine Schiffsagentur besaß, sehr wechselhaft. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium gelang dem jungen Strindberg in Schweden ein erster literarischer Erfolg mit dem Roman "Röda rummet" ("Das rote Zimmer", 1879), in dem er sich kritisch mit dem gesellschaftlichen Leben in seiner Heimat auseinandersetzte.

Da in weiteren Werken seine Kritik an Schweden immer heftiger wurde, sah er sich genötigt, 1883 mit seiner damaligen Frau, der Schauspielerin Siri von Essen und drei Kindern Schweden Richtung Frankreich zu verlassen, um den ständigen Anfeindungen der Presse und der Mitbürger zu entgehen. 1884 kam es in Stockholm wegen seiner kritischen Aussagen über die Konfirmation sogar zu einem Gotteslästerungsprozess. Strindberg wurde zwar frei- gesprochen, blieb aber vorsichtshalber im Ausland. Denn er war mit weiteren Werken ("Der Vater", 1887 und "Fräulein Julie, 1889) in (Rest-)Europa inzwischen beliebter als in Schweden. 1891 erfolgte die Scheidung von Siri von Essen.

Eine künstlerische Krise, mangelnde Selbstvermarktung und Zahlungen an die Kinder brachten Strindberg in massive finanzielle und psychische Probleme. Auf Einladung von Freunden zog er 1892 nach Berlin und lernte bald das Lokal "Zum schwarzen Ferkel" kennen, wo alles noch schlimmer wurde.

Frida Uhl, die 1872 geborene Wienerin, hatte es auf den ersten Blick leichter. Ihr Vater steckte sie in ein teures Internat nach London; sie sprach perfekt Englisch und Französisch und blieb nach der Matura in London. Später ging sie nach Berlin, wo sie Theaterkritiken für die "Wiener Zeitung" verfasste und sich damit Taschengeld verdiente; für den Rest kam Vater Uhl auf, der seine Töchter - wohl als Entschädigung dafür, dass er sich von seiner Frau Maria getrennt und die Kinder immer in Internate abgeschoben hatte - finanziell großzügig behandelte.

Auch Frida Uhl, eine Bewunderin Strindbergs, lernte bald das dubiose Schnapslokal und somit den Künstler, der fast täglich dort verkehrte, kennen. Bemerkenswert war Fridas Doppelleben: Ihre Theater- und Literaturkritiken waren, entsprechend den Anforderungen der damaligen "Wiener Zeitung", konservativ gehalten, während sie persönlich das Leben der Avantgarde und Boheme führte. Frida bewunderte Strindberg und versuchte ihr Idol, das sich im täglichen Leben kaum zurechtfand und nie Geld hatte, durch ihre Kontakte zur Theaterwelt zu fördern.

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Strindberg, Schattenriss.
© Abb: Archiv Strindberg

Strindberg, nach außen hin Künstler und Bürgerschreck, war ein zutiefst konservativer Patriarch. Bereits in den ersten Tagen des Zusammenseins mit Frida kam es zu einem heftigen Streit, als seine dreiundzwanzig Jahre jüngere Begleiterin heimlich eine Restaurantrechnung bezahlte, während er kurz den Tisch verließ. Auch der erste Kuss ging von Frida aus, was Strindberg in dem 1898 erschienenen Stück "Nach Damaskus" zusammen mit anderen Details aus der Beziehung thematisierte.

Heirat in aller Eile#

Durch eine Indiskretion Hermann Bahrs, der ebenfalls in Berlin weilte und von der ungleichen Liaison durch unvorsichtiges Geschwätz von Strindberg selbst etwas mitbekommen hatte, entstand bald auch in Wien Gerede, und Vater Uhl forderte seine Tochter ultimativ auf, die Beziehung zu beenden - oder zu heiraten. Frida und August Strindberg entschieden sich für die Heirat, die in aller Eile im Mai 1893 auf Helgoland organisiert wurde, wo nach anglikanischem Recht auch Geschiedene getraut werden konnten. Was in der kurzen Ehe folgte, übertraf die Schilderungen des schrecklichen Familienlebens in dem sechs Jahre zuvor herausgekommenen naturalistischen Stück "Der Vater" bei weitem.

Beim Trauungsakt musste Frida noch laut lachen, als August dem Geistlichen eine unsinnige Antwort gab; in der Hochzeitsnacht verging ihr das Lachen, als ihr Angetrauter, aus einem wilden Traum erwacht, sie zu erwürgen versuchte. Es folgten dennoch einige sorglose Tage auf Helgoland, bis Frida beschloss, nach London zu fahren, um einige Theatermacher in Angelegenheiten ihres Mannes zu treffen.

August folgte ihr, war aber in dem Land, dessen Sprache er nicht sprach und dessen Essen er nicht mochte, unglücklich. Nach einem Disput mit dem Wirt eines Pubs, der ihm Alkohol verweigerte, reichte es ihm. Frida organisierte für ihn einen Aufenthalt bei Bekannten auf Rügen, blieb selbst aber in London, obwohl das Geld knapp wurde. Weder war Frida in London beim Organisieren von Aufführungen der Stücke ihres Mannes erfolgreich, noch fühlte sich August auf Rügen wohl. Dazu kamen beiden Zweifel an der Richtigkeit ihrer Heirat. August schrieb wenig Herzliches aus Rügen, forderte Geld. Frida antwortete: ". . . Du hast mich behandelt wie ein Wesen, das extra dafür gemacht ist, deine Launen zu ertragen. Du hast mich bis aufs Blut gequält. . ."

Doch folgte unerwartete Hilfe aus Österreich. Maria Uhl, Fridas Mutter, lud August mit besonders schmeichelhaften Worten im Juli 1893 nach Mondsee ein, den Sommersitz der Uhls. August borgte von Fridas Schwester Reisegeld, während Frida beleidigt war, dass ihr Mann lieber nach Mondsee fuhr, statt zu ihr nach London, wo sie sich für ihn abrackerte. Sie selbst dachte wegen ihres gespannten Verhältnisses zur Mutter nicht daran, nach Mondsee nachzukommen. Der Empfang gestaltete sich herzlich, doch bald wurde aus der Idylle am See die Hölle.

Zwist in Mondsee#

Zuerst beleidigte August die Schwiegermutter, die ihn sehr vereinnahmt hatte. Als dann Vater Uhl aus Wien ankam, gab es schnell weitere Spannungen. Friedrich Uhl forderte seine Tochter auf, unverzüglich nach Mondsee zu kommen, damit im Ort kein Gerede entstand. Diese weigerte sich zunächst, wodurch sich August gekränkt fühlte und schließlich abrupt abreiste, gerade einen Tag, bevor Frida doch kam. Der Vater, erzürnt über das Verhalten der Tochter, gestatte ihr nur eine Nacht Aufenthalt.

Schließlich fanden Frida und August unter prekären finanziellen Bedingungen in Berlin wieder zusammen. Im Herbst 1893 wurde Frida schwanger. Sie wollte abtreiben, August hingegen wollte das Kind. Wieder gab es heftigen Streit, Frida reiste nach Wien zu ihrer Schwester und dachte an Scheidung.

Eine neue Versöhnung fand statt, man wohnte in Brünn, bei Verwandten der Uhls. Erneuter Geldmangel erzwang einen weiteren Umzug, diesmal zu den Großeltern mütterlicherseits nach Dornach an der Donau nahe Grein. Zunächst klappte das Zusammenleben mit den Großeltern halbwegs, bald kriselte es jedoch auch hier gewaltig, da diese in Strindberg weniger ein Genie, als einen Menschen ohne Einkommen sahen. Als am 26. Mai 1894 Tochter Kerstin zur Welt kam, befand sich das junge Paar nicht mehr im Haupthaus des Landgutes, sondern in einem nicht winterfesten Gartenhaus am Donauufer.

Besonders Strindberg litt unter der Enge und Armut, und im August 1894 verabschiedete er sich nach Paris, um Verleger zu treffen, hauptsächlich aber, um den Lebensbedingungen zu entkommen. Im September 1894 folgte Frida ihrem Mann nach Paris, die Tochter ließ sie bei einer Amme in Österreich zurück.

In Paris fand Strindberg zunächst einige Förderer, wurde an Theatern gespielt, veröffentlichte antifeministische Texte und hatte ein leidliches Einkommen. Er und Frida genossen die Großstadt. Doch am 22. Oktober war alles vorbei: Frida hatte von der Kündigung der Amme in Dornach erfahren - diese hatte Streit mit der Großmutter - und reiste noch am selben Tag nach Österreich. Die beiden verabschiedeten sich vor dem Kaufhaus Printemps - und sollten einander nie mehr sehen.

Strindberg besuchte gelegentlich seine Tochter in Dornach, 1897 wurde die Ehe mit Frida geschieden. Es folgten schwere psychische Krisen, produktive Phasen und eine dritte Ehe, die auch nur einige Jahre dauerte. Am 8. Mai 1912 starb Strindberg in Stockholm. Seine letzte Wohnung in der Drottninggatan 85 ist heute ein Museum.

Frida hatte zusammen mit Frank Wedekind noch einen Sohn, lebte in London, New York und Mondsee, wo sie am 28. Juli 1943 starb. Ihr letzter Wunsch - eine Schaufel Erde aus Strindbergs Grab möge auf ihre Grabstätte gebracht werden - ging nicht in Erfüllung.

Literatur zum Thema:

- Friedrich Buchmayer: Madame Strindberg oder die Faszination der Boheme. Residenz, Salzburg 2011.

- Friedrich Buchmayer: Wenn nein, nein! August Strindberg und Frida Uhl. Briefwechsel. Bibliothek der Provinz, Linz, Wels 1993.

- Dietmar Grieser: Nachsommertraum. Residenz, Salzburg 2003.

- Monica Strauss: Cruel Banquet. The Life and Loves of Frida Strindberg. Harcourt, New York 2000.

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Wolfgang Ludwig

geboren 1955,

unterrichtet an der Österreichischen Schule in Shkodra (Albanien)

und schreibt Kulturreportagen.

Wiener Zeitung, 12. Mai 2012