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Von fremden Sternen zugefallen#

Lou Andreas-Salomé – die Literatin, Philosophin und Analytikerin wurde am 12. Februar vor 150 Jahren geboren#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 10. Februar 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt


Von

Melanie Deutsch


  • Vorreiterin aller Feministinnen schuf eigenes Frauenbild.
  • Begleitete als Gefährtin Nietzsche, Rilke und Freud.


Lou Salomé, Paul Rée und Friedrich Nietzsche
Lou Salomé 1882 mit Peitsche, Paul Rée und Friedrich Nietzsche (r.).
Foto: wikipedia

Wien. "Von welchen Sternen sind wir uns hier einander zugefallen?" Mit diesen lyrischen Worten begrüßt Friedrich Nietzsche die ihm bisher nur aus Briefen seines Freundes Paul Rée bekannte Louise von Salomé, genannt Lou, in Rom 1882. Nietzsche ist fasziniert von der jungen Russin, ihrer Wissbegierde und ihrer Intelligenz.

Auch Lou fühlt große Sympathie. Und fasst einen für eine Frau in der damaligen Zeit unvorstellbaren Plan: Sie möchte zusammen mit Rée und Nietzsche eine Wohngemeinschaft gründen, um zusammen zu studieren, jedoch ohne mit einem der beiden Herren verheiratet zu sein. An Anträgen mangelt es nicht, sowohl Rée als auch Nietzsche würden sie nur zu gerne ehelichen, doch die willensstarke Lou, die am 12. Februar ihren 150. Geburtstag feiern würde, hat bereits vor Jahren für sich beschlossen, dass sie den für Frauen vorgeschriebenen Weg mit Ehe und Mutterschaft nicht beschreiten möchte.

Lou Andreas-Salomé wird 1861 in St. Petersburg als jüngstes von vier Kindern geboren. Ihr Vater ist General, die Wohnung der Familie von Salomé liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Winterpalast, dem Wohnsitz des Zaren. Als einziges Mädchen neben drei Brüdern findet sie in Gott ihren ersten Freund. Dass sie später von ihrem Glauben abfällt, wird sie nicht davon abhalten reges Interesse an Religionsgeschichte und Religionsphilosophie zu zeigen.

Sie vertieft sich in die Schriften von Kant, Voltaire, Leibnitz, Fichte und Schopenhauer und beschließt in der Schweiz zu studieren. Ihrem Lehrer Hendrik Gillot schreibt sie zuversichtlich: "Wollen doch sehn, ob nicht die allermeisten sogenannten ‚unübersteiglichen Schranken‘, die die Welt zieht, sich als harmlose Kreidestriche herausstellen!"

Friedrich Nietzsches Geschwistergehirn#

Sie reist nach Zürich, muss aber ihre Studien nach einen Jahr wegen einer schweren Erkrankung unterbrechen und begibt sich zur Erholung nach Rom, wo sie auf Rée und Nietzsche trifft. Bei einer gemeinsamen Reise nach Luzern entsteht jenes berühmte Foto, das die beiden Herren vor einen Karren gespannt zeigt, während Lou mit den Zügeln in der Hand, die Peitsche führt. Nietzsche erkennt in ihr sein "Geschwistergehirn". Man diskutiert und arbeitet zusammen. Von Lou inspiriert, entwickelt Nietzsche seine Idee vom Übermenschen. Bevor er seinen "Zarathustra" zu Papier bringt, scheitert die Freundschaft, unter anderem durch Intrigen von seiner Schwester Elisabeth.

Ihre Erfahrungen mit Nietzsche verarbeitet Lou in ihrem ersten Buch "Im Kampf um Gott", das 1885 erscheint. Der Held trägt eindeutig die Züge des Philosophen. In keinem ihrer späteren Romane geht sie so ausführlich auf das Thema Sexualität ein und postuliert ihre These, dass die erotische Liebe den Frauen zum Verhängnis wird. Diesen Grundsatz wird sie auch in ihrer Ehe mit dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas, den sie entgegen aller bisherigen Abneigung gegen den Ehestand 1887 heiratet, strikt befolgen.

Erst als sie zehn Jahre später den Dichter René Maria Rilke kennenlernt, gerät auch dieser Beschluss ins Wanken. Sie nennt ihren jungen Liebhaber fortan Rainer und kommt erstmals in den Genuss der körperlichen Leidenschaft. Lou ist inzwischen eine anerkannte Schriftstellerin und wird für den noch unbekannten Rilke zu einer Art Leitfigur, sowohl beruflich als auch privat. Obwohl sie die Beziehung wenige Jahre später beendet, bleiben die beiden bis zu Rilkes Tod 1926 freundschaftlich miteinander verbunden und sie wird über ihn ebenso wie über Nietzsche ein Buch schreiben und ihn zu einer literarischen Figur in ihrem Roman "Rodinka" machen.

Die einzige Frau in Sigmund Freuds Runde#

Das Schreiben ist für Lou Andreas-Salomé mehr als ein Mittel zum Zweck ein Einkommen zu erwirtschaften, es ist beinahe ein vergnüglicher Zwang. Sie findet es reizvoll, die Innenwelt ihrer Figuren zu erfinden und deren seelische Strukturen und Hindernisse zu erforschen. Ihr Interesse für geistige Störungen führt sie 1912 nach Wien in die psychoanalytische Mittwoch-Gesellschaft von Sigmund Freud. Sie ist die einzige Frau in dieser Runde. Im Alter von 51 Jahre beginnt sie wieder zu studieren und wird für den Vater der Psychonanalyse nicht nur zu einer wichtigen Mitarbeiterin sondern auch zu einer guten Freundin. Sie verfasst Aufsätze zu psychoanalytischen Themen und behandelt Patienten. Nach dem Tod ihres Ehemannes widmet sie sich verstärkt ihren Memoiren, ihrem "Lebensrückblick", den ihr letzter Begleiter Ernst Pfeiffer posthum herausgibt.

Lou Andreas-Salome stirbt am 5. Februar 1937 im Schlaf. Neben ihrer Arbeit als Schriftstellerin und Psychonanalytikerin bleibt besonders ihre lebenslange Bereitschaft, Neues zu lernen und sich von gesellschaftlichen Konventionen nicht beugen zu lassen, in Erinnerung.

Lou Salome: Zitate#

"Sie ist ein energisches, unglaublich kluges Wesen (.. .) Ich halte Vorträge über mein Buch, was mich einigermaßen fördert, zumal auch die Russin zuhört, welche alles durch und durch hört, so dass sie in fast ärgerlicher Weise schon immer vorweg weiß, was kommt, und worauf es hinaus soll. Rom wäre nicht für Sie. Aber die Russin müssen Sie durchaus kennenlernen."

Paul Rée an Nietzsche


"Lou ist scharfsinnig wie ein Adler und mutig wie ein Löwe (.. .); sie ist auf die erstaunlichste Weise gerade für meine Denk- und Gedankenweise vorbereitet. Lieber Freund, Sie erweisen uns beiden sicherlich die Ehre, den Begriff einer Liebschaft von unserem Verhältnis fernzuhalten. Wir sind Freunde und ich werde dieses Mädchen und dieses Vertrauen zu mir heilig halten."

Nietzsche an seinen Sekretär


"Warst mir die mütterlichste der Frauen, ein Freund warst Du, wie Männer sind, ein Weib, so warst Du anzuschauen, und öfter noch warst Du ein Kind. Du warst das Zarteste, das mir begegnet, das Härteste warst Du, damit ich rang. Du warst das Hohe, das mich gesegnet – und wurdest der Abgrund, der mich verschlang." Rainer Maria Rilke


"Ich bekenne, dass wir es alle als eine Ehre empfanden, als sie in die Reihen unserer Mitarbeiter und Mitkämpfer eintrat (...) Meine Tochter hat sie bedauern gehört, dass sie die Psychoanalyse nicht in ihrer Jugend kennengelernt hatte. Freilich gab es damals noch keine.. ."

Sigmund Freuds Nachruf


"Ich bin Erinnerungen treu für immer: Menschen werde ich es niemals sein."

Lou Andreas-Salome


"Wiener Zeitung, Freitag, 10. Februar 2010