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Weltliteratur in Bildern#

Es mag vermessen erscheinen, Franz Kafkas Leben und Werk in Comicform zu behandeln. Ein Überblick über die interessantesten Kafka-Adaptionen.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 28./29. Dezember 2013)

Von

Martin Reiterer


Kafka, porträtiert vom Comic-Klassiker Robert Crumb
Kafka, porträtiert vom Comic-Klassiker Robert Crumb.
Abb.: Reprodukt

"Sind Sie unschuldig?" - "Absolut!" - Seien Sie unbesorgt: "Ich hole Sie heraus." "Welche Art der Befreiung wünschen Sie?" In Franz Kafkas "Der Process" erhält der eines Morgens grundlos Angeklagte Josef K. andauernd Hilfestellungen, Tipps oder Empfehlungen, wie er sich denn am besten verhalten solle. Allein die Greifbarkeit dieser Lösungsvorschläge hat die Qualität von Plakat- oder Fernsehwerbungen, wie wir sie kennen: Entweder sind sie unerreichbar oder sie entziehen sich ständig einer Realisierung. Oder sie sind schlichtweg nichts wert. Der Gerichtsmaler Titorelli beispielsweise führt drei solcher Angebote im Gepäck: die "wirkliche Freisprechung", die "scheinbare Freisprechung" und die "Verschleppung". "Die wirkliche Freisprechung ist natürlich das Beste." Aber sie kommt, laut Titorelli, nie zur Anwendung. Was die beiden anderen Varianten versprechen, scheinen sie allerdings zu halten.

Kafkas Texte, berüchtigt wegen der ihnen zugeschriebenen Komplexität, gehören zu jenen Texten der Weltliteratur, die bis zum Geht-nicht-mehr interpretiert und überinterpretiert worden sind. Ein Umstand, der abschrecken könnte. Umso mehr überraschen die zahlreichen Comicadaptionen, die allein in den letzten Jahren erschienen sind: Neben den Erzählungen "Die Verwandlung" von Corbeyran/Horne und "In der Strafkolonie" von Sylvain Ricard / Maël (beide 2012 auf Deutsch) ist auch "Der Process" als Comic umgesetzt worden und 2013 auf Deutsch erschienen. Gleichfalls in diesem Jahr, zum 130. Geburtstag des Autors, wieder aufgelegt wurde das 1993 erstmals erschienene Comicporträt "Kafka" zu Leben und Werk des Autors.

Kooperationen#

Die beiden letztgenannten Comicarbeiten hat der auch als Hörspielautor bekannte amerikanische Comicszenarist David Zane Mairowitz zusammen mit herausragenden Comiczeichnern und -zeichnerinnen angefertigt. Nachdem es ihm vor mittlerweile 20 Jahren gelungen ist, den Star des amerikanischen Underground Comics Robert Crumb für seine "Kafka-Biografie" zu gewinnen, hat er 2008 den "Process" mit der französischen Zeichnerin Chantal Montellier als Comic bearbeitet.

Noch nicht auf Deutsch erschienen ist schließlich seine dritte Comicadaption von Kafkas letztem Romanfragment, "Das Schloss", die Mairowitz mit Jaromír Vejdík, genannt Jaromír 99, arrangiert und in diesem Jahr auf Englisch herausgebracht hat. Der tschechische Musiker und Zeichner ist hierzulande bekannt geworden durch seine Geschichten über Alois Nebel und einen gleichnamigen Comicroman.

Die Idee, Kafka als Comic umzusetzen, scheint zum Scheitern verurteilt. In der Tat gibt es allzu glatte Comicadaptionen, die wenig inspirierend sein mögen. Ein Sakrileg ist es jedoch nicht: Das bescheinigen die Arbeiten von Mairowitz/ Crumb, Montellier und Jaromír 99 auf glaubwürdige und abwechslungsreiche Weise.

Bereits mit den ersten Zeichnungen zieht Crumb in "Kafka", den Leser/Betrachter schlagartig in den Bann. Ein breites "Selchermesser" saust auf den Kopf eines Mannes, unschwer als Kafka zu erkennen, ein und beginnt ihn in Scheiben zu schneiden. Oder: An einem Strick wird ein Mann durch das Parterrefenster gezogen und "blutend und zerfetzt, durch alle Zimmerdecken, Möbel, Mauern und Dachböden hinaufgerissen", bis oben nur noch "die leere Schlinge" erscheint. Expressiv, abgründig, dramatisch, ohne sich im rein Sichtbaren zu erschöpfen, vermögen Crumbs Zeichnungen die Bilderkraft von Kafkas Tagebuchnotizen hervorzuheben.

Nach Mairowitz steckt die besondere Fähigkeit Kafkas darin, die erlebte Gewalt (und sei es nur die sprachliche) in Form von literarischen Bildern und Geschichten wiederkehren zu lassen. Die väterliche Drohung: "Ich werde Dich wie einen Käfer zertreten!" erscheint als Verwandlung in einen Käfer, dem der Vater am Ende den Todesstoß versetzt.

Ein weiteres grundlegendes Motiv aus Mairowitz’ Comicbiografie klingt zugleich an: Leben und Werk Kafkas bilden eine Einheit. Nicht allein in diesem Punkt treffen sich Mairowitz und Crumb, der sich selbst als Kafkas "Bruder im Geiste" bezeichnet: "Kafkas Themen wie der Selbsthass, seine Beziehung zu Frauen, die Schuldfrage sind auch meine."

Dass die von Reprodukt gestaltete Neuausgabe den Titel "Kafka" trägt, nicht mehr den Zusatz "Kurz und Knapp" wie die erste auf Deutsch erschienene Ausgabe von 1995, befreit das Buch zu Recht vom Geschmack des billigen Reisetaschenbuchs oder eines "Kafka for Beginners", wie der Titel der englischen Originalausgabe lautete. Denn wiewohl es sich hierbei um eine Einführung handelt, so allerdings um eine im innigsten Sinne des Wortes. Im Mittelpunkt stehen Kafkas Texte und Werke und deren Korrespondenzen mit dem Leben des Autors. Insbesondere geht es um dessen prägendes Verhältnis zu seinem Vater, seine schwierigen Beziehungen zu Frauen und schließlich einem gespaltenen Verhältnis zum Prager Judentum. Satirisch wendet sich das Buch wiederholt gegen den inflationären Gebrauch des Begriffs "kafkaesk" - auch wenn sich die Autoren zum Schluss mit Kafka-Leiberln in der Prager Touristen-Zone zeigen.

Aus der Sicht des Zeichners verbindet das Buch zwei Strategien: Zum einen illustriert Crumb biografische Stationen teils nach fotografischen Vorlagen sowie Brief- und Tagebuchzitate, zum anderen setzt er längere Passagen aus Kafkas Erzählungen und Romanfragmenten bis hin zu kompletten Texten als Comic um, die geschickt in die Comicbiografie eingebettet sind.

Im Labyrinth der Texte#

Während sich die Biografie einerseits gegen einseitige ideologische Vereinnahmungen zur Wehr setzt, kehrt andererseits der Topos des Labyrinths und des Labyrinthischen wiederholt wieder, vor allem wenn es um den "Process" und das "Schloss" geht.

In diesen beiden Werken tummeln sich auch jene Frauenfiguren, die es Crumb vermutlich angetan haben. Sie werfen sich dem jeweiligen Protagonisten (ob Josef K. oder K.) oftmals bei ihren ersten Begegnungen schon an die Brust, umgarnen ihn und scheinen ihn nur tiefer in jenes Labyrinth hineinzulocken, aus dem er einen Ausweg zu finden trachtet.

Crumb hat sich in "Kafka" mit seinen zeichnerischen Obsessionen zurückgehalten. Lediglich einige stramme Waden erinnern an die Zeichenexzesse des einstigen Enfant terrible. Crumbs Umsetzungen zeugen von erstaunlicher Sensibilität in seiner Annäherung an Kafka. Gerade in der Theatralik, die seine Zeichnungen antreiben, wird ein starker Zug von Kafkas Texten, ihrer Gestik und Körperlichkeit, sichtbar.

K. oder doch Kafka?#

Die durchaus anfechtbare Selbstverständlichkeit, mit der Mairowitz von einem Ineinander von Leben und Werk bei Kafka ausgeht, wird in seiner Umsetzung des "Process" dadurch auf den Punkt getrieben, dass der Protagonist Josef K. das Konterfei des Autors Kafka selbst annimmt. Das ist allerdings nicht die einzige Reminiszenz an Mairowitz’ und Crumbs "Kafka". Die an Jacques Tardis Schwarz-Weiß-Ästhetik geschulte Zeichnerin Montellier sieht sich auch Crumb verpflichtet, den sie mehrfach zitiert. So verbindet sie innerhalb eines Panels eine Zeichnung Crumbs, die einen vor Selbstzweifel verkrampften tagebuchschreibenden Kafka darstellt, mit dem in gleicher Haltung über seinen Prozess sinnierenden Josef K., und hebt damit die Verknüpfung hervor.

Im Übrigen geht Montellier eigene Wege in der Umsetzung dieses Klassikers als Comic. Eine etwas altertümelnde historische Kostümierung der Figuren erscheint in einer Film-noir-Ästhetik, die ihre Spannung zweifellos aus einem durchgehenden Regime an Brechungen, Irritationen und quasi-dadaistischen Montagen bezieht.

Das Fragmentarische veranschaulicht dagegen sinnlich und auf konstitutive Weise Josef K.s Verwicklung in einen - zumindest möglicherweise - unauflösbaren Konflikt. Poröse, erodierende Panels machen auf einer formalen Ebene auf den Fragmentcharakter des Romans aufmerksam, betreiben geradezu eine Fragmentierung des äußerlich Ganzen. Josef K.s erste Untersuchung führt ihn an einem Sonntagmorgen in eine Vorstadt: Der stilisiert dargestellte architektonische Verfall verweist bereits auf den als noch weit schlimmer einzuschätzenden verlotterten Zustand des Gerichts, das in diesem Viertel beheimatet ist. Bekritzelte Papierfetzen segeln durch die Luft, während manche Bildkästchen selbst bloß Papierfetzen zu sein scheinen, hinter denen aber eine gleichermaßen heruntergekommene und schmuddelige Vorstadtwelt sichtbar wird.

Wiederkehrende Motive wie zeigerlose Uhren sowie durch die Bildkästchen tanzende Skelette nutzt die Zeichnerin als allegorische Vehikel, um in einer eigenen Zeichensprache Themen anklingen zu lassen, die zum Kern der traumhaft-paradoxen Situation Josef K.s gehören. Zeit zählt in diesem Sinne zu einem der kontrapunktischen Elemente im "Process", in dem alles "ewig in der Schwebe bleibt".

Ein Netz von Bezügen#

Das Warten, der Aufschub, die Vertröstungen gehören zu den Grunderfahrungen nicht allein der Hauptfigur. Zugleich gibt es Beanstandungen oder Feststellungen von so gnadenloser Konkretheit wie: "Sie hätten vor einer Stunde und fünf Minuten erscheinen sollen!" Und schließlich spielt sich doch alles zwischen dem 30. Geburtstag und dem Vorabend des 31. Geburtstags ab.

Die Geburtstagskerzen wiederum werfen lange Schatten und bilden Muster, die an Sträflingsanzüge oder Gefängnisgitter erinnern. Mitunter formen sie sich zu Krallen, die aus einem ornamentalen Hintergrund heraustreten und eine weitere Ebene zwischen Bild und Text etablieren. Zugriffe selbst ungreifbarer Mächte werden dadurch grafisch auf originelle Weise angedeutet. Insgesamt entspinnt sich in dem Comic ein Netz aus Konnotationen, das sich über die narrative Bild-Text-Struktur legt, diese zugleich unterbricht, verdeckt und verdichtet. Wenn in Kürze Kafkas "Schloss" als Comicadaption auf Deutsch greifbar ist, wird man staunen über die ganz andersartigen, holzschnittmäßigen Grau-Schwarz-Weiß-Bilder, die an Frans Masereel oder Otto Nückel erinnern und in ihrer Reduktion eine eigentümliche Schattenwelt erschaffen, wie sie Kafkas "Schloss" zupass kommt.

Es ist vielleicht kein ganz neuer Kafka, der hier jeweils in Szene gesetzt wird, aber unbedingt ein Kafka, der anregt und Lust macht zu lesen. Und das ist nicht wenig.

Information#

  • David Zane Mairowitz/Robert Crumb: Kafka. Aus dem Amerikanischen von Ursula Grützmacher-Tabori. Handlettering von Marianne Nuß. Reprodukt, Berlin 2013.
  • David Zane Mairowitz/Chantal Montellier: Der Process. Nach Franz Kafka. Deutsche Adaption von Anja Kootz. Knesebeck, München 2013.
  • David Zane Mairowitz/Jaromír 99: The Castle. SelfMadeHero, London 2013 (erscheint 2014 bei Knesebeck).
  • Franz Kafka/Sylvain Ricard/ Maël: In der Strafkolonie. Deutsche Adaption von Anja Kootz. München: Knesebeck, 2012.
  • Corbeyran/Horne: Die Verwandlung. Deutsche Adaption von Kai Wilksen. München: Knesebeck, 2012.

Martin Reiterer, geboren 1966, Germanist und Kulturpublizist, lebt in Wien und befasst sich im besonderen mit Comics.

Wiener Zeitung, Sa./So., 28./29. Dezember 2013