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Wider das Fremdeln #

Am 5. Juli feiert Barbara Frischmuth ihren 70. Geburtstag. Ringen um kulturelle Verständigung und die Auseinandersetzung mit weiblichen Lebensentwürfen prägen ihr vielfältiges Werk.#


Mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Juni 2011).

Von

Maria Renhardt


„Barbara Frischmuth geht es um die Auseinandersetzung mit Weltgegebenheiten; dafür braucht es Bodenhaftung.“


Barbara Frischmuth
Ehrung. Am 30. Juni fand ein Geburtstagsfest im Grazer Literaturhaus statt, bei dem Barbara Frischmuth das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark verliehen wurde. Die Laudatio hielt Alfred Komarek.
Foto: © Styria

Barbara Frischmuth, diese lebendige und weltoffene Autorin, die das literarische Leben in Österreich schon auf so vielfältige Weise geprägt hat, wird 70. Wirft man einen Blick auf die Buntheit der Themenlandschaften in ihren Büchern, so kristallisiert sich ihr Plädoyer für kulturelle Verständigung als roter Faden heraus, ihr Bemühen um eine Annäherung der Kulturen. Erst kürzlich hat Frischmuth in einem Interview mit der Kleinen Zeitung gemeint, dass sich „grundsätzliche Demokratisierung im Kopf nur dann entwickeln“ könne, „wenn man anderen Menschen auf Augenhöhe“ entgegenkomme. Dieser Gedanke kann wohl als symptomatisch für ihr Schreiben und Handeln gesehen werden. Denn inzwischen ist sie als Förderin des Dialogs zwischen der westlichen und orientalischen Kultur bereits zu einer der wichtigsten literarischen Instanzen geworden.

Frischmuths schriftstellerische Wurzeln führen zurück in ihre Kindheit nach Altaussee, wo sie seit 1988 auch wieder wohnt, umgeben von einem wunderbaren Garten, dem sie selbst in ihrer Literatur ein Denkmal setzt. In ihrem inspirierenden Geschichtenband „Löwenmaul und Irisschwert“ heißt es sogar, dass sie ihrem Garten verfallen sei. Hier in Altaussee jedenfalls wird sie als Tochter einer Hoteliersfamilie geboren. Ihren Vater verliert sie sehr früh im Zweiten Weltkrieg und lernt ihn daher nie richtig kennen. Da ihre Tante Schriftstellerin ist, ist ihr das Schreiben schon bald vertraut. Barbara Frischmuth liest bereits als Kind sehr viel, besonders beeindrucken sie die Märchen aus 1001 Nacht mit ihrer starken Protagonistin Scheherazade, der sie vor allem Mutterwitz zuschreibt. Wie Scheherazade „um ihr Leben erzählt“, so ist Frischmuth das Schreiben mittlerweile zu einer inneren Notwendigkeit geworden. Frischmuth geht es um die Auseinandersetzung mit Weltgegebenheiten; dafür braucht es Bodenhaftung, so bleibt sie gerne bei konkreten und realen Bezugspunkten der Wirklichkeit, obgleich viele ihrer Texte eine Fülle schillernder mythischer, märchen- und sagenhafter Figuren bevölkert.

Avantgarde des Forum Stadtpark#

Der frühen Kindheit folgen prägende Jahre im Gmundner Mädchenpensionat der Kreuzschwestern, Erfahrungen, die sie später in der „Klosterschule“, ihrem ersten Buch, reflektiert. Den Zugang wählt sie über die ideologiekritische Auseinandersetzung mit der Sprache. In Graz kommt sie in Kontakt mit der steirischen Avantgarde und zählt trotz ihres damaligen Auslandsaufenthaltes in Erzurum während ihres Türkischstudiums zum Gründungskern des Forum Stadtpark. Dort hält sie ihre ersten Lesungen, in der Zeitschrift manuskripte um Alfred Kolleritsch veröffentlicht sie erste Texte, und von dieser sprachkritisch orientierten Grazer Autorengruppe, in der insgesamt eine große Aufbruchsstimmung herrscht, gehen entscheidende Anregungen aus, auch wenn Frischmuth sich später in eine völlig andere Richtung bewegt. Gerhard Melzer konstatiert in seinem Nachwort zu ihrer Gedichtsammlung „Schamanenbaum“, dass sie „zunächst bloß den allgemeinsten Impuls“ aufnehme: „den zum Ausdruck schlechthin, der lieber sprechen als die Bedingungen des Sprechens bedenken will. Vermutlich unbewußt setzt Frischmuth hier bereits eine Priorität, die für ihr Schreiben verbindlich bleiben wird: Literatur kann alle möglichen Wege gehen, solange sie den verschlungenen Pfaden des Lebens folgt – ins Unterholz der Sprache gerät sie dabei ohnedies von selbst“.

Unter den frühen Texten sind besonders auch lyrische, zum Beispiel über die Türkei, die zum Teil erst viel später publiziert werden, wie das Gedicht „Licht aus Osten“, das klar und reduziert ist, in dem aber dichte, zart gewobene Poesie steckt: „… Istanbul verjährt / und träumend / hinab die Zeiten / Hafiz / die Liebe / Atem / Wein / es flimmern noch die Zelte / Hayyams / und später / nur wenig an Bedeutung / ein Teppich dann / und wann ein Gluten / dem Westen warm / erscheinend / entwicklungsfähig / rechtzeitig ausgetreten / gebrochen / fadenscheinig / Licht aus Osten.“

Die Reduktion auf sprachexperimentell orientierte Register erscheint ihr später zu eng. Frischmuth greift mitten in den Stoff der 70er-Jahre. Als die Emanzipation erst langsam in den Alltag zu wachsen beginnt, imaginiert sie unterschiedlichste Lebensentwürfe von Frauen.

„Frischmuth will Modelle weiblicher Selbstverwirklichung sichtbar machen. Dabei schreibt sie gegen blinde Flecken an und stellt hinsichtlich der Rolle der Frau neue Sehraster in den Mittelpunkt.“

Metamorphosen des Frauseins#

Mit der eigenen Mutterschaft – Frischmuth hat einen Sohn Florian – taucht auch dieser Aspekt zentral in ihrem Schreiben auf. Der ideologiekritische Rückgriff auf verkrustete kulturelle Traditionen und die festgezurrte Verankerung patriarchaler Denkmuster in den alten Mythen, an deren Stelle die Suche nach verschüttetem Ausdruck von Weiblichkeit tritt, nehmen dabei einen besonderen Stellenwert ein. Metamorphosen des Frauseins führt sie in der „Sternwieser-“ und „Demeter-Trilogie“ gelungen vor Augen. Hier geht es um eine neue Art weiblicher Selbstbestimmung und Identität. Frischmuth will Modelle weiblicher Selbstverwirklichung sichtbar machen, indem sie das matriarchale Unterfutter patriarchaler Strickmuster belichtet. Dabei schreibt Frischmuth gegen Traditionen und blinde Flecken an und stellt hinsichtlich der Rolle der Frau neue Sehraster in den Mittelpunkt.

„Mittelmeer nicht Grenze, sondern Brücke“#

Mittlerweile ist Frischmuths Werk – darunter zahlreiche Kinderbücher, Theatertexte und Hörspiele – beträchtlich angewachsen, und die Liste der Preise und Würdigungen ist lang. Ihr zweites Lebensthema, das Engagement für Multikulturalität, ist bestimmend für viele ihrer Bücher geworden. Nicht von ungefähr wird Frischmuth wegen ihres unerschütterlichen Einsatzes für kulturelle Vermittlung 2005 der Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz im Denken und Handeln verliehen. In ihrem programmatischen Essay-Band „Vom Fremdeln und Eigentümeln“ hält sie ein Plädoyer für die nötige Verrückung des Blickwinkels und die Öffnung des eigenen Horizontes. Dabei geht es um den Kopftuchstreit, Emanzipationsstrategien, den Islam oder das Verhältnis der Türkei zu Europa.

Die Rohstoffe für ihre Argumentation bezieht sie aus aktuellen Diskussionen und politischem Tagesgeschehen. Frischmuth macht sich stark für ein Europa, das „seine Wurzeln nicht gekappt hat und dem das Mittelmeer nicht Grenze, sondern Brücke ist“. Im Bewusstsein um die Problematik der radikalen Wucherungen islamischer Gruppierungen, die sie strikt ablehnt, ist ihr Weg ein Bemühen um das Verbindende: „Nur wenn Verschiedenartiges gleichwertig aufeinandertrifft, kann Höherwertiges entstehen. Da helfen weder Fremdeln noch Eigentümeln, sondern nur genaues Schauen in beide Richtungen und die Bereitschaft, Gegensätze auszumachen, sie zur Kenntnis zu nehmen und sie miteinander in Beziehung zu setzen.“ Frischmuth fordert eine Offenheit dem Fremden gegenüber, um selbst nicht „zu erstarren“. In diesem Sinne versucht sie seit Jahren, einen „fruchtbringenden Kontakt“ mit anderen Kulturen im Dialog zu forcieren und Vorurteile zu entkräften. Nicht nur deshalb zählt sie zu den wichtigsten Stimmen der österreichischen Literatur.

Barbara Frischmuth

Hrsg. von Daniela Bartens und Ingrid Spörk. Salzburg, Wien: Residenz 2001

Schamanenbaum

Gedichte von Barbara Frischmuth mit einem Nachwort v. G. Melzer. Graz, Wien: Droschl 2001

Vom Fremdeln und vom Eigentümeln

Essays, Reden und Aufsätze über das Erscheinungsbild des Orients von Barbara Frischmuth. Graz, Wien: Droschl 2008

DIE FURCHE, Juni 2011