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„Die Wahrheit hilft uns nicht weiter“ #

Die Wahrheit in der Wissenschaft und in einer pluralistischen Gesellschaft stand beim Österreichischen Wissenschaftstag 2014 zur Debatte: Philosoph Josef Mitterer über „Erkenntnisbremsen“, die postmoderne Beliebigkeit und den neuen Fundamentalismus. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 30. Oktober 2014)

Das Gespräch führte

Martin Tauss


Mund der Wahrheit
Mund der Wahrheit. Menschen, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, sollten ihre Hand von der Öffnung des berühmten Reliefs in der römischen Kirche Santa Maria fernhalten: Mit dem Film „Ein Herz und eine Krone“ (1953) wurde diese Legende weltbekannt.
Foto: © Shutterstock

Bei der Frage, was die Wissenschaft antreibt, hört man oft moderne Schlagworte wie Problemlösung, Innovation und Kreativität – aber welchen Stellenwert hat heute noch die Wahrheit? Über den Umgang mit einem heiklen und historisch belasteten Begriff sprach Die FURCHE mit Josef Mitterer beim Österreichischen Wissenschaftstag am Semmering.

DIE FURCHE: Sie haben lange Zeit als Reiseleiter in der Tourismus-Branche gearbeitet. Welche Einsichten haben Sie als „reisender Philosoph“ gewonnen?

Josef Mitterer: Gerade beim Reisen zeigt sich, dass wir dazu tendieren, unsere Erfahrungen zu verallgemeinern und jenen vorauszusetzen, die nach uns kommen. Wenn uns zum Beispiel jemand die Brieftasche stiehlt, werden wir leicht überall Diebe sehen und zur Vorsicht mahnen. Umgekehrt partizipieren wir von den Erfahrungen der Vorhergehenden. Meine philosophische Arbeit wurde sicherlich auch durch das Reisen geprägt. Denn mich interessiert, wie die „Setzungen“, die wir machen, zu „Voraussetzungen“ für die Nachkommenden werden. Das traditionelle Wahrheitsverständnis hingegen ist geprägt von der Idee, es gebe so etwas wie absolute Voraussetzungen, die wir nicht in Frage stellen dürfen.

DIE FURCHE: Die „Wahrheit“ wird zum Problem im Fundamentalismus, wie sich derzeit wieder drastisch nachvollziehen lässt. Führt aber andererseits nicht die Beliebigkeit der Wahrheit ebenso zu einer Art von Problem?

Mitterer: Der Fundamentalismus ist ja kein Widerspruch zur Beliebigkeit, im Gegenteil: Es handelt sich um eine beliebige Auffassung, die mit Hilfe eines philosophischen Begriffsapparates „fundamentalisiert“ wird. Das heißt eine beliebige Position wird zur einzigen und wahren Position. Die Philosophie ist die bessere Rhetorik, wenn sie mit dem „Trick der Wahrheit“ arbeitet. Lange Zeit war sie die Magd der Theologie, heute ist sie die Magd der Wissenschaft. Die wahrheitsorientierte Philosophie erlaubt es, beliebige Auffassungen als wahr zu rechtfertigen. Ebenso kann sie Auffassungen, die man aus seiner Position heraus kritisiert oder ablehnt, als falsch ausweisen. Die Verteidiger der Wahrheit und die postmodernen Relativisten gehören also zusammen.

DIE FURCHE: Warum ist das Hantieren mit der Wahrheit aus Ihrer Sicht so tückisch?

Mitterer: Es gibt Stimmen, die sagen: „Weil wir die klare Unterscheidung zwischen wahr und falsch verlieren, kommen wir in die Anarchie.“ Dem ist entgegenzuhalten: „Wenn wir gleichsam anarchisch beliebige Auffassungen als wahre ausweisen können, was haben wir damit gewonnen?“ Wenn Konflikte auftreten, hilft uns die „Wahrheit“ überhaupt nicht weiter. Wenn beide Seiten die Argumentationstechnik zur Unterscheidung von wahr und falsch beherrschen, bringt uns das nur in Pattstellungen. Und im Endeffekt wird die Macht über wahr und falsch entscheiden. In der Geschichte haben die Sieger immer gesagt: „Die Wahrheit hat gesiegt!“; während die Verlierer stets behaupten: „Die Wahrheit wird letztendlich siegen!“

DIE FURCHE: Was passiert, wenn der Konsens über die Wahrheit bricht?

Mitterer: Oft werden typische Ausdrücke zur Rechtfertigung der eigenen Position verwendet: „In Wirklichkeit“, „offensichtlich“, „wie die Wissenschaft gezeigt hat“, etc. Die eigene Auffassung wird depersonalisiert und der vorausgesetzten Wahrheit angepasst, die abweichende Auffassung wird personalisiert: „Er glaubt fälschlich, dass...“ Somit werden zwei Ebenen eingeführt: hier die Wahrheit und dort rein subjektive Auffassungen. Und dann tauchen Begriffe wie „Natur“ und „Realität“ als Instanzen auf, die helfen sollen, Konflikte zu entscheiden. Aber diese Instanzen sind selbst stumm und brauchen „Fürsprecher“ – und tragen damit nicht zu einer Entscheidung bei.

Josef Mitterer
J. Mitterer Der Philosoph begründete eine nicht-dualistische Erkenntnistheorie (mehr dazu u. a. in: J. Mitterer: „Die Flucht aus der Beliebigkeit“. Velbrück, 2011).
Foto: © Österreichische Forschungsgemeinschaft

DIE FURCHE: Was aber wäre dann im Fall eines argumentativen Konflikts zu tun?

Mitterer: Dass wir nicht versuchen, eine Vielzahl von konfliktreichen Auffassungen in Richtung auf die eine und wahre hin zu reduzieren. Denn wenn wir das machen, müssen wir die anderen eliminieren. Und vor allem sollten wir das Gespräch nicht abbrechen. Je stärker der Wahrheitsanspruch ist, umso mehr versperren wir uns den Weg, das Gespräch fortzusetzen.

DIE FURCHE: Für wie gefährlich halten Sie den weltpolitisch neuen Fundamentalismus, der sich mit dem „Islamischen Staat“ (IS) herausgebildet hat?

Mitterer: Ich habe kein Problem mit fundamentalistischen Gruppen, die sich auf sich selbst beschränken; da hoffe ich nur, dass es den Leuten dort gut geht. Den neuen ISFundamentalismus aber finde ich deswegen so bedrohlich, weil er sogar dazu führt, dass unsere Freiheiten in Europa eingeschränkt werden. Die verschärften Kontrollen an den Flughäfen sind hier noch die harmlosesten Folgen. Zudem verbindet der IS brachialen Terrorismus und intellektuellen Anspruch; seine Vertreter versuchen, mit differenzierter Methodik zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Es ist fast schade, dass die Sekten in Europa nicht mehr so attraktiv sind, denn vielleicht hätten sie manche der Extremisten, die sich nun plötzlich dem IS anschließen, abgefangen.

DIE FURCHE: Die heute diagnostizierte „Beschleunigung der Gesellschaft“ hat auch die Welt der Forschung erfasst: Einerseits kommt es zu einem massiven Zuwachs an wissenschaftlichen Daten, andererseits bringt der Publikationsdruck auch aktuelle Probleme wie das Plagiieren oder Fälschen von wissenschaftlichen Arbeiten ...

Mitterer: Bei der Plagiatsdiskussion geht es oft nur um die Studierenden. Problematischer aber erscheinen mir die Fälschungen der Forscher. Wahrscheinlich wird nur ein kleiner Teil davon aufgedeckt. Grundsätzlich führt das „Publish or Perish“- System in der Wissenschaft dazu, dass immer mehr veröffentlicht und immer weniger gelesen wird. So ist in den 1990er-Jahren etwa die Zahl der wissenschaftlichen Autoren in der Medizin größer geworden als die Zahl der entsprechenden Leser. Andererseits versucht die Gesellschaft aber auch, „Erkenntnisbremsen“ einzubauen, um sich nicht zu schnell ändern zu müssen. Es soll verhindert werden, dass die Forscher zu viel Neues bringen. Den Bologna-Prozess und die damit einhergehende Verschulung der Unis sehe ich eher als Bremse für Innovationen. Es wird versucht, die Kreativität zu reduzieren. Und es wird schwieriger, abseits des Mainstreams zu operieren.

DIE FURCHE, Donnerstag, 30. Oktober 2014