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Eine "humane Hinternationale"#

Was wäre gewesen, wenn?#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 15./16. Juni 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Bruno Jaschke


Geschichtsfiktion als Mittel der Literatur.#

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Ein Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende?
© Vlahovic

Es hat nie einen Ersten Weltkrieg gegeben - und nie einen Zweiten. Es hat nie einen Holocaust, nie einen Archipel Gulag gegeben. Deutschland ist ein Kaiser-, Russland ein Zarenreich. Amerika ist ein großes, noch etwas primitives Land jenseits des großen Teiches, China steht unter japanischem Joch.

Wir sind im 21. Jahrhundert.

Der Mond ist kolonialisiert und unter deutscher Hoheit. Zentrale Macht der Erde aber ist die österreichisch-ungarische Monarchie: ein von Kaiser Franz Joseph II. weise geführtes und human verwaltetes Imperium - "ein Imperium, das auf dem Weg in die Zukunft jene Lahmen, Mühseligen und Beladenen nicht zurückließ, die der modernen Entwicklung hinterherhinkten. (...) Keine Internationale, wie die Austromarxisten sie vergeblich herbeiträumten, sondern - viel praktischer - eine Hinternationale. Reaktionär, fortschrittlich und human."

Ironische Idylle#

Wäre sie nicht einer eminenten außerirdischen Bedrohung ausgesetzt, könnte diese Gesellschaft noch viele Jahrhunderte in Frieden leben. Dies ist eine Welt, die keinen guten Nährboden für Terroristen abgibt: Hitler ist ein untalentierter Maler geblieben, Lenin ein einsamer Spinner. Antisemitismus ist trotz vereinzelter Hetze ein Randphänomen; die jüdische Intelligentsia prägt einen großen Teil des kulturellen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens der Metropole Wien.

Es gibt keine Finanzkrise und keine explodierenden Arbeitslosenzahlen. Und anders, als es der k.u.k. Monarchie in den Geschichtsbüchern oft nachgesagt wird, steht in diesem Riesenreich, in dem die Sonne nie untergeht, die Zeit nicht still: "Die Monarchie", lässt Hannes Stein Kaiser Franz Joseph II. räsonieren, "hatte sich doch immer wieder zu beinahe blitzartigen Anpassungsleistungen fähig gezeigt; ein wenig glich sie einer Eidechse, die stundenlang träge in der Sonne liegt, aber wenn etwas ihre Existenz bedroht, huscht sie so schnell davon, dass das Auge ihr kaum folgen kann."

Es ist natürlich eine ironisch übersteigerte Idylle, die Hannes Stein, ein in Österreich aufgewachsener deutscher, mittlerweile in den USA lebender Journalist, in seinem Debütroman "Der Komet" als Gegenwelt zur realen schildert. Es steckt aber auch spürbar Wehmut in dieser Geschichtsfiktion: Stein träumt davon, wie die Monarchie heute aussehen könnte, wenn ein paar Kleinigkeiten anders gelaufen wären.

Wenn vor allem Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajewo gleich nach dem ersten Attentatsversuch umgedreht und die Heimreise angetreten hätte ("i bin doch net deppat, i fohr wieder z’haus", sagt er im Buch): Dann hätte es keinen Ersten Weltkrieg gegeben und in seiner Folge keinen "Schandfrieden" von Versailles. Die Monarchie ist bei Stein ein buntes, weitgehend von gegenseitiger Toleranz beherrschtes Vielvölkergemisch; ihre Hauptstadt beherbergt einen Haufen liebenswerter Neurotiker, der hauptsächlich darauf Wert legt, nicht durch Abartigkeiten wie die albtraumhaften Szenarien eines Groschenromanschreibers namens Franz Kafka in der inneren und äußeren Ruhe gestört zu werden.

Es ist im Prinzip ein schönes Märchen, das Hannes Stein erzählt. Genau das aber schafft Unbehagen. Denn auf dem Gravitationsfeld, auf dem sich "Der Komet" bewegt, nämlich der alternate history fiction, ist diese Form eigentlich nicht vorgesehen. Fast immer beschreibt Was-wäre-gewesen-wenn...-Literatur Szena-rien, die (viel) schlimmer sind als der reale Geschichtsverlauf.

Zwar legt Stein einen doppelten Boden aus, indem er im Anschluss an die Fabel in Fußnoten ausführlich und schonungslos die historische Realität erklärt. Aber damit macht er einerseits die Nichtigkeit seiner Fiktion nur noch schmerzlicher bewusst - und forciert andererseits erst recht skeptisches Hinterfragen: Darf man tragische Realität zu glücklicher Fiktion umdichten, indem man aus dem im Teenager-Alter ermordeten KZ-Opfer Anne Frank eine betagte Literaturnobelpreisträgerin macht?

Und dass Stein die Schrecken der nationalsozialistischen und stalinistischen Diktaturen als Albträume von Patienten auferstehen lässt, die bei den sie "therapierenden" Psychoanalytikern nichts als borniertes Unverständnis hervorrufen, ist - je nach Dafürhalten - ein besonders virtuoses oder frivoles Stück schriftstellerischer Jongleurskunst: Die Idylle stellt sich taub gegen die Realität - Ausdruck eines banalen bourgeoisen Zweckoptimismus, der die reale Monarchie keinen Augenblick lang überlebt hat.

Hitler-Impersonator#

Auffälligerweise ist "Der Komet" die zweite "alternative Geschichtsfiktion", die im deutschen Sprachraum innerhalb eines halben Jahres veröffentlicht worden ist. Im Herbst 2012 reüssierte Timur Vermes mit seiner weitgehend gelungenen Satire "Er ist wieder da", in der Adolf Hitler sich 2011 mitten in Berlin wieder findet. Nach begreiflicher anfänglicher Verwirrung vollzieht er rasch den Anschluss an die Gegenwart. Als vermeintlicher Hitler-Impersonator macht er Fernsehkarriere und erhält Zugang in sogenannte bessere Kreise.

Am Ende ist Adolf Hitler populär wie nie zuvor im demokratischen Deutschland. Die Frage aller Fragen, ob er das auch wäre, stünde seine Identität für jedermann zweifelsfrei fest, muss natürlich offen bleiben. Aber die Suggestivwirkung des Buches, das - in diesem Punkt Helmut Dietls Film "Schtonk" wesensverwandt - recht raffiniert aufzeigt, wie leicht honorige, grundsätzlich über jeglichen Faschismusverdacht erhabene Zeitgenossen der Faszination des "Führers" erliegen, deutet auf "ja". "Er ist wieder da" hört in diesem Sinne also mit dem Beginn des wirklichen Schreckens auf.

Normalerweise schildert Was-wäre-gewesen-wenn...-Literatur den Schrecken selbst und seine möglichen Endpunkte: ein Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende. Von jenen Werken dieser Art, die es im deutschen Sprachraum zu Aufmerksamkeit gebracht haben, gehen die meisten von einem Dritten Reich aus, das den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat und nun die Weltherrschaft ausübt.

Pessimistische literarische Endsieg-Visionen hat es in Deutschland schon vor dem Zweiten Weltkrieg gegeben. Erich Kästners Gedicht "Die andere Möglichkeit" von 1930 beginnt mit den Worten "Wenn wir den Krieg gewonnen hätten/ mit Wogenprall und Sturmgebraus, dann wäre Deutschland nicht zu retten/ und gliche einem Irrenhaus" und schildert im Folgenden ein Land voller übergeschnappter Militär-Trotteln. Ironischerweise beschreiben viele alternate-history- fiction-Bücher mit ziemlich genau diesen Signifikanten auch das siegreiche Hitler-Deutschland.

Zwei Werke haben auf diese Art im wahrsten Wortsinn Furore gemacht (insofern sie heftig diskutiert und befehdet worden sind). Beide spielen in den 1960er Jahren. Bei Otto Basils 1966 erschienenem, 2010 wiederaufgelegten Roman "Wenn das der Führer wüsste" war der originale Veröffentlichungszeitpunkt zugleich die fiktionale Gegenwart. Robert Harris hat für seinen 1992 veröffentlichten Thriller "Vaterland" bereits einen bewussten zeitlichen Rückgriff vorgenommen. In beiden Werken scheint die Nazi-Diktatur an einem Endpunkt angekommen und aus dem Inneren heraus erodiert.

In Basils Farce verwirren sich Rassenwahn, hierarchische Rivalitäten und irrwitzige Esoterik zu einem buchstäblich unheilvollen Chaos. Bei Harris entwickelt sich in der gigantomanischen Kulisse der nach (realen) Plänen des NS-Architekten Albert Speer gebauten Reichs- und Welthauptstadt Berlin ein Mordfall zum Myste- rium und offenbart Schritt für Schritt ein strenggehütetes Geheimnis, das dem Ansehen und der Sicherheit des deutschen Reiches nachhaltigen Schaden zufügen könnte. Das käme der mittlerweile betagten Nazi-Führungsriege, die der Roman mit historischen Charakteren besetzt, die notgedrungen biographisch verändert sind, nicht gelegen: Einen blutigen Partisanenkrieg in der Sowjetunion ausgenommen, pflegt Deutschland nämlich durchaus korrekte Beziehungen zum Ausland...

Nachkriegs-Regression#

In eine mehrere Jahrzehnte andauernde Nachkriegszeit versetzt Christoph Ransmayr den Leser in seinem 1995 veröffentlichten Roman "Morbus Kitahara". Er führt vor, was gewesen wäre, wenn die Alliierten am besetzten Österreich tatsächlich jene Sühne- und Vergeltungspolitik exekutiert hätten, die ihnen aus dem rechten Eck oftmals nachgesagt worden ist: Die Menschen in Moor, einem ehemaligen Seekurort, müssen sich regelmäßig im nahe gelegenen Steinbruch einfinden und die Fron der Zwangsarbeiter nachstellen, die dort im Krieg zu Zigtausenden umgekommen sind. Die Gegend wird, dem Frieden von Oranienburg und dem Plan des "Friedensbringers" Stellamour folgend, jeglicher industrieller Infrastruktur entledigt, die Bevölkerung auf agrarische Lebensweise auf niedrigem Standard zurückgeworfen.

Besonders dicht und undurchdringlich ist dieser Rahmen, vor dem sich eine diffizile (Nicht-)Beziehungsgeschichte zwischen einen ehemaligen geschundenen Lagerhäftling und einer versierten Schwarzhändlerin abspielt, weil Ransmayer reale Fakten, Namen, Orte und Funktionen vermischt und verwirrt. Der See ist unzweifelhaft der Traunsee, der Steinbruch dem KZ Ebensee nachempfunden. Auch eine Schlafende Griechin gibt es wirklich - nur ist sie nicht, wie bei Ransmayr, ein Dampfer auf dem See, sondern ein Berg an dessen Ostufer.

Der "Stellamour-Plan" basiert auf einem historischen Vorbild: 1944 hatte der damalige US-Finanzminister Henry Morgenthau angeregt, Deutschland und Österreich nach ihrer Unterwerfung in Agrarland zurückzuverwandeln. Eine Regression in die Steinzeit gewissermaßen - faktisch nie realisiert, von Ransmayr im Roman aber vollzogen. Einem historischen Entwurf, der nicht wirklich erlitten werden musste, Gestalt zu geben - das ist, was alternate history fiction am besten kann.

Bruno Jaschke, geboren 1958, lebt als freier Journalist und Autor in Wien und ist ständiger Mitarbeiter im "extra" ("music", Literatur).

Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 15./16. Juni 2013