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Ein Klick zum Grauen #

Die Allgegenwart von Bildern und Nachrichten in sozialen Medien stürzen klassische Medien ins Dilemma. #


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 22. August 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Bernhard Baumgartner


Kriegspropaganda anno 1805: Napoleon gewinnt bei Austerlitz – Gemälde von François Gérard im Museum Versailles., Foto: © Leemage/Corbis
Kriegspropaganda anno 1805: Napoleon gewinnt bei Austerlitz – Gemälde von François Gérard im Museum Versailles.
Foto: © Leemage/Corbis

Wien. Darf man ein Video zeigen, in dem einem Mann von Terroristen mit einem Messer der Kopf abgeschnitten wird? Darf man ein Bild zeigen, auf dem man sieht, wie einem Diktator das Gesicht zu Brei geschlagen wird? Darf man Bilder bringen, die zeigen, wie der Krieg wirklich aussieht? Also nicht die chirurgischen Bilder aus den HighTech-Kameras der modernen Waffentechnik, in denen ein Haus stumm und sauber in einer Staubwolke aufgeht – nein, die Bilder, in denen man die damit verbundenen verkohlten Körper, zerfetzte Kinder und die Blutlachen der Opfer erkennen kann. Es ist schließlich die Realität. Und die Wahrheit ist den Menschen zumutbar, bemühen die einen ein altes Ingeborg-Bachmann- Zitat. Es ist nicht verantwortbar: Den Lesern und seinem Gemüt gegenüber, wenn er gemütlich am Frühstückstisch die Zeitung liest, den Opfern gegenüber, den Angehörigen gegenüber oder den politischen Intentionen gegenüber, sagen die anderen. Will man sich zum Handlager der Parteien machen?

Die medienethische Frage, was zumutbar ist und was nicht, stellt sich in den vergangenen Jahren mit zäher Häufigkeit – und die Debatte wird zunehmend gereizt geführt. Gerade stellte die Ermordung des Journalisten James Foley vor laufender HD-Kamera die Medien vor eine neue Bewährungsprobe. Der 40-Jährige war 2012 im Norden Syriens verschleppt worden. Auf einem You- Tube-Video, das die Dschihadisten im Internet veröffentlichten, ist zu sehen, wie ein vermummter IS-Kämpfer Foley mit einem Messer enthauptet, nachdem dieser als letzten Akt seines Lebens eine Botschaft verlesen musste.

Das Video war über die sozialen Medien binnen Minuten überall. YouTube, Twitter, Facebook und wie sie alle heißen – wenn sich diese Maschinerie einmal zu drehen beginnt, gibt es kein Zurück mehr. Während die Medien noch diskutieren, wie man damit in der kommenden Ausgabe oder in der Sendung am Abend umgehen soll, kann es jeder, den es interessiert, bereits online gesehen haben. Die Ironie dabei: Wenn die Medien nach reiflicher Überlegung mit ihrer fein austarierten, nach ethischen Gesichtspunkten gestalteten Geschichte fertig sind, ist das Video im Original wohl schon gesperrt. Dennoch: Die Welt weiß Bescheid.

Professionell inszeniert #

Natürlich ist der Fall Foley ein besonderer Fall. So brutal und gleichzeitig so professionell inszeniert, so offensichtlich absichtsvoll gestaltet, sind Bekennervideos selten. Die verwackelte Kamera der schlechte Ton, die miese Bildqualität – sie haben ausgedient. Hier sind Leute am Zug, die nicht nur genau wissen, was sie tun – sondern die auch wissen, was sie damit erreichen wollen. Nicht schockieren, nicht einschüchtern, ja vielleicht auch nicht einmal so sehr politischen Druck auf die westlichen Politiker generieren: Solche Videos sind „für die Galerie“, wie man im Sportgenre sagt. Für die mehr oder weniger deklarierten Fans, die sich durch genau solche Filme in ihrer kruden Vorstellungswelt bestätigt fühlen sollen. Sie daran erinnern, wer hier die Gotteskrieger sind und wer der Aggressor. Und sie sollen Sympathisanten dazu mobilisieren, sich als Kämpfer rekrutieren zu lassen.

Solche Intentionen machen es für Medien prinzipiell fragwürdig, sich zum Lieferanten der Botschaft zu machen. Mit dem Subtext, man müsse nur brutal genug sein, schon hat man seine 15 Minuten Ruhm in den westlichen Medien. Natürlich kann und darf man als Medium die Sachverhalte nicht verschweigen, aber welchen Zusatznutzen hat der Leser von einer Illustration? Anders gesagt: Wenn man schon den Text des traurigen Stückes übernehmen muss, muss man dann auch die Inszenierung übernehmen?

„Wollen wir etwa in einer Gesellschaft leben, in der solche Bilder akzeptabel sind?“, fragt zu Recht der Stuttgarter Medienwissenschafter Oliver Zöllner, der sich für einen kompletten Verzicht ausspricht. Und auch der „Corriere della Sera“, der wie viele Qualitätszeitungen entschied, die Bilder nicht zu bringen, begründet das in einem Leitartikel: „Die Enthauptung von James Foley, dargestellt wie eine Szene aus einem Film, ist erschütternd, wirklicher Horror. Farben, Licht, Einstellungen, Zeit, Bewegungen: Alles wirkt einstudiert, um gesehen und verbreitet zu werden. Warum den Tätern helfen? Das Video nicht zu bringen ist richtig, weil die Verbreitung das Ziel der Täter ist. Sie daran zu hindern, ist unsere Pflicht.“

Verzicht auf Widerspruch? #

Wenn sich die seriösen Medien jedoch der Darstellung dieser Realität bewusst verweigern, wer ist es dann, der die Bilder in einen reflektierten Kontext setzt? Überlassen wir durch diese Zurückhaltung nicht die Interpretation, die Einordnung den Verfassern und ihren Sympathisanten, die diese quer durch die sozialen Medien verbreiten? Bedeutet die Unterlassung der Darstellung nicht auch letztlich einen Verzicht auf Widerspruch? Ist nicht genau das, konsequent zu Ende gedacht, eine Kapitulation der Qualitätsmedien vor den sozialen Netzen? Oder ist unsere Debatte nicht letztlich nur mehr eine leere Geste desjenigen, der sich noch immer für einen Gatekeeper hält, wo doch der Staudamm der Information schon viel mehr Löcher als Struktur hat und das Öffnen der Schleusen somit nur mehr symbolischen Charakter hat und keinen des tatsächlichen Zurückhaltens.

Die Diskussion um den Umgang mit dem tragischen Fall Foley erinnert auf vielen Ebenen an vergangene Diskussionen. Auch bei der Ermordung des libyschen Revolutionsführers Muammar Gaddafi wurde diskutiert, ob man im Detail zeigen darf, wie einem Menschen das Gesicht zu Brei geschlagen wird – auch wenn es sich dabei um einen Diktator handelt. Noch dazu, wenn der Text die Befreiung Libyens vom Joch der Diktatur feiert und somit mit den Bildern gleich auch die moralische Rechtfertigung mitliefert.

Damals konnte sich zum Beispiel der österreichische Presserat nicht zu einer Verurteilung durchringen. Man beließ es bei einem allgemeinen Aufruf zur Rücksichtnahme auf Opfer und Angehörige. Auch im Fall Foley ist übrigens bereits ein Verfahren gehen „heute“ anhängig, das das Video online gezeigt hatte.

Natürlich ist es gut, wenn im Nachhinein am grünen Tisch über Regeln diskutiert wird, wie mit gewissen Sachverhalten im Journalismus umzugehen ist. Es ist kein Geheimnis, dass etwa bei Suiziden (in diesem Zusammenhang von „Selbstmord“ oder gar „Freitod“ zu schreiben, ist aus Überlegungen hinsichtlich eine korrekten Wordings nicht mehr statthaft) mediale Zurückhaltung an den Tag gelegt wird, weil bekannt ist, dass jeder Bericht über einen Selbstmord potenzielle Nachahmer nach sich ziehen könnte. Was aber tun, wenn sich Prominente wie zuletzt Robin Williams das Leben nehmen, also Menschen, deren Ableben man einerseits als Nachricht nur schwer verschweigen kann, es aber andererseits auch unmöglich ist, nicht zu sagen, dass es sich dabei um einen Suizid handelte – zumal das Netz nur einen Klick weiter ohnehin voll davon ist. Manche Medien lösten das aktuelle Problem damit, dass sie an die Artikel Info- Kästen hängten, mit Kontaktadresse und Informationen, was man tun kann, wenn man selbst von Depression betroffen ist.

Auch eine interessante Variante wählte kürzlich das „profil“, das schockierende Kriegsbilder im Heft so platzierte, dass der Papierbogen dort nicht geschnitten war: Wollte man die Bilder sehen, musste man die Seite vorher selbst auseinander schneiden. So delegiert man die Verantwortung auf formaler Ebene mit einem Kunstgriff an den Leser. Intellektuell natürlich nicht, denn so wird bewusst ein Spiel mit der Neugier evoziert, sodass sich die Frage stellt, wo hier die Sorge um der Leser Seelenheil endet und der Marketinggag beginnt.

Keine Patentrezepte #

Natürlich kann man die sich mehrenden Einzelfälle nicht miteinander vergleichen. Einfache Rezepte gibt es nicht und kann es wohl auch nicht geben. Dass Entscheidungen, die in Minuten getroffen werden, Monate später in einem Prozess der Selbstregulation aufgearbeitet werden, ist zu begrüßen. Jedoch sollten sich die Medien bewusst sein, dass ihre fein austarierten Regeln dem netten Blogger von nebenan, dem Twitter- King aus Übersee und den Netz-Konzernen wie Facebook, Twitter und Google allerherzlich egal sind. Auch über dieses Faktum wird einmal zu reden sein müssen. Gerade nach einem Tag wie diesem.

Wiener Zeitung, Freitag, 22. August 2014