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Die Krone hat ihren König verloren#

Hans Dichand hinterlässt den Hälfte-Anteil der größten und einflussreichsten Zeitung Österreichs seinen Erben#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 18. Juni 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Engelbert Washietl


Hans Dichand
Der Medienzar ist tot: Hans Dichand verstarb am späten Vormittag des 17. Juni 2010 in Wien
© Wiener Zeitung / Foto: apa

Mit dem Herausgeber der „Krone“ ist einer der einflussreichsten Österreicher gestorben. Sein Imperium regierte der Medienzar bis zuletzt#

51 Jahre "Kronen Zeitung" waren eine ebenso geniale wie umstrittene Meisterleistung. Ihr Gründer und Kapitän ist seit Donnerstag nicht mehr an Bord. Dichands Lebenswerk ist holzschnittartig wie vieles an seiner Persönlichkeit: Sein Lebenswerk ist die "Kronen Zeitung".

Wenn man nachmisst, wie viel Zeit einem Menschen im allgemeinen geschenkt wird, so war ihm außerordentlich viel Zeit beschieden, die er für den Hauptinhalt seines Lebens aufwendete. In der Biografie des mit 89 Jahren Verstorbenen stecken netto mehr als 60 aktive Journalistenjahre.

Am 29. Jänner 1921 wurde Dichand in Graz geboren. Seine Kindheit war alles andere denn lichtvoll, und daran schloss der Zweite Weltkrieg nahtlos an. Sein Vater war Schuhoberteilzuschneider, seine Mutter stammte aus Mähren. Das Ehepaar hatte, wie Dichand berichtet, nie zueinander gefunden. Hans und sein älterer Bruder, der bald an Diphtherie starb, wuchsen in einer Atmosphäre unablässiger ehelicher Konfrontation auf. Der Vater machte pleite, die schöne Zeit in der Villa im Stiftingtal endete abrupt. Dichand wuchs in der vom Ersten Weltkrieg übrig gebliebenen Barackenanlage der Schönausiedlung auf. Dort war es in jeder Weise dreckig, aber naturnah, wie er immer wieder hervorhob.

Den Beginn der Nazi-Zeit schildert Dichand in seinen Erinnerungen "Im Vorhof der Macht" (Ibera & Molden, 1996) in sachlich-nüchternem Ton. Von Massenmorden an Juden habe er konkret 1944 erfahren. Die Einstellung zum Krieg entsprach zunächst praktischer Lebensplanung: "Im Kriegsfall würde ich zur Marine gehen, hatte ich mir schon lange zuvor überlegt." In Neapel ging er an Bord.

Dichands Vergangenheitsbewältigung, im Buch aus 1977 "Kronen Zeitung. Die Geschichte eines Erfolgs" und somit lange vor der Waldheim-Affäre nachzulesen, ist ein Paradebeispiel der Leichtfüßigkeit, mit der viele Österreicher dem Schatten früherer Jahre entliefen. Ob er bei der Hitlerjugend war, weiß er nicht genau. So wie er hätten die meisten nicht gewusst, was vorging. Er nennt es Wahrnehmungseinschränkung in der Diktatur.

In der letzten Kriegsphase transportierte Dichand als Kommandant eines kleinen Bergungsschleppers die deutsche Wunderwaffe V2 zu den Abschussrampen in Holland. Im Mai 1945 nahmen kanadische Streitkräfte die deutschen Truppen gefangen. In Gewaltmärschen ging es zurück nach Deutschland, von dort gelangte er nach Graz. Hier setzte für ihn nahezu übergangslos die Phase des Zeitungsmachens ein.

Mit 24 Jahren war er Chefredakteur der "Murtaler Zeitung. Nach Zwischenstationen beim "Steirer Blatt" und bei der ÖVP-nahen "Wiener Tageszeitung" wurde er 1949 Chefredakteur der "Kleinen Zeitung". Möglich war so ein Blitzstart, weil im professionellen Vakuum der Nachkriegsjahre das Glück jeden treffen konnte, der Talent hatte, und weil der junge Dichand mit der Absolvierung eines Büroschulungskurses der britischen Besatzer auf die richtige Karte gesetzt hatte. Sein handwerklicher Trumpf war das, was er 1945 bei seiner Arbeit für den britischen Nachrichtendienst gelernt hatte: Informationsbruchstücke aus Radiosendungen aller Art zu holen und zu brauchbaren Meldungen umzuarbeiten. Das half ihm bei der "Kleinen Zeitung" und danach bei der "Krone", die beide ohne Austria Presse Agentur auskamen – die "Krone" tut es noch immer.

Polit-Krimi um neue "Krone"#

Noch war die Wiedergründung der "Kronen Zeitung", die die Leser von ihrem ersten Erscheinungstag am 2. Jänner 1900 über das Ende der Monarchie bis ins Jahr 1938 begleitet hatte, bestenfalls eine vage Idee im Kopf Dichands. Er wechselte 1954 zum "Wiener Kurier", dessen Chefredakteur er bis 1959 blieb, bis er mit dem "Kurier"- und Mühlenbesitzer Ludwig Polsterer über Kreuz kam und die Zeitung verließ. Noch im selben Jahr 1959 gründete er gemeinsam mit dem Waschpulver-Manager Kurt Falk und einem Häuflein Getreuer vom "Kurier" die "Kronen Zeitung", ein von der Konkurrenz zunächst verlachtes "Hausmeisterblatt".

Um den kleinen Kern der Redaktion gruppierte sich alsbald die wechselnde, von Dichand mit journalistischem Spürsinn ausgewählte Schar von "Kolumnisten": Roman Schliesser, Otto Fielhauer, Reinald Hübl, Helmut Zilk, Viktor Reimann, Richard Nimmerrichter-Staberl, Wolf Martin, Christoph Schönborn. An der österreichischen Volksseele schrieben sich viele Begabungen wund. Die journalistische Vielfalt, die Dichand duldete, rastete bei den Themen Rassismus, Antisemitismus, Vergangenheitsbewältigung und politische Toleranz fast regelmäßig in gezielte Fahrlässigkeit aus, bis hin zur Bösartigkeit. Aufsehen erregte sie allemal.

Die Wiedergründung der "Kronen Zeitung" ist ein politischer Kriminalroman, der in seinen letzten Rätseln sowieso nicht gelöst werden könnte. Franz Olah, mächtiger Chef der Bau- und Holzarbeitergewerkschaft und Innenminister, wurde gestürzt und kam hinter Gitter. Die Sparbücher der Gewerkschaft, freilich noch nicht so reich gefüllt wie zur Zeit des ÖGB-Chefs Fritz Verzetnitsch, spielten damals wie vor kurzem in der Bawag-Affäre die gleiche Rolle: Sie dienten als missbräuchliches Pfand für gewerkschaftsfremde Geschäfte. 1966 wurde die "Kronen Zeitung" auf Betreiben des ÖGB sogar besetzt beziehungsweise, wie die applaudierende "Arbeiter Zeitung" schrieb, einer "konsequenten Ausräucherung" unterzogen.

Dichand ließ viele stranden#

Das Ende aller Affären war, dass die "Krone" ihren Gründern Hans Dichand und Kurt Falk zugesprochen wurde. Dies war eine aus Gerichtsurteilen und einem Generalvergleich aller Streitparteien abzuleitende Tatsache, deren Kernwahrheit keine größere Zuverlässigkeit hatte als die Entscheidung der US-Gerichte 2000, dass George W. Bush die Präsidentschaftswahl gewonnen habe.

Unter Bezugnahme auf seine triste Kindheit und unter Berufung auf Sigmund Freud sprach Dichand 1996 in den Memoiren von einem inneren "Diktat": "Du, Sohn, musst es besser machen." Die Sicherung seines verlegerischen Imperiums hatte jederzeit Vorrang, auch auf Kosten anderer wie beispielsweise Franz Olahs. An der Seite Dichands sind im Laufe der Jahre viele gestrandet.

Da ist nicht nur der Schilling-Milliardär und Aufbau-Manager Kurt Falk zu erwähnen. Über den Zeitungsverleger Fritz Molden schrieb Dichand lapidar: "Molden druckte seit 1959 die 'Krone' und verdiente aufgrund des von ihm ungeschickt abgefassten Druckvertrages kaum etwas an ihr." Auf Dichands Konto ging der Untergang der ÖVP-Zeitung "Kleines Volksblatt", an seiner Wehrfreudigkeit scheiterte der Geschäftsführer des Hälfte-Eigentümers WAZ, Erich Schumann. Wiens Bürgermeister Felix Slavik nahm nach der von der "Krone" betriebenen Sternwartepark-Abstimmung den Hut, Kanzler Alfred Gusenbauer nach seinem ominösen EU-Leserbrief an die "Krone". 2001 entledigte sich Dichand seines treuesten Weggefährten, des geschäftsführenden Chefredakteurs Friedrich Dragon, und setzte an dessen Stelle seinen Sohn Christoph ein, zum Ärger des WAZ-Konzerns.

"Ich habe die Zeitung aufgebaut und muss diese Sache in Ordnung bringen. Das bin ich meiner Familie schuldig", sagte der Herausgeber 2003 in einem Interview. Heute lässt sich das vorsichtige Resümee ziehen: Er hat die Aufgabe erfüllt, soweit dies überhaupt möglich war. Auch die von seiner Schwiegertochter Eva Dichand errichtete Bastion der Gratiszeitung "Heute" gilt als Teil der Wagenburg. Das "Krone"- Reich ist eher von innen als von außen zu zerstören. Aber der Gesellschaftervertrag mit einer Aufteilung der Anteile 50:50 zwischen Dichand und WAZ bleibt natürlich ein aus der Sicht des Dichand-Clans störendes Faktum. Der Rückkauf, eine "österreichische Lösung" für die "Krone", blieb bis zu Dichands Tod in Schwebe.

Eindimensionale Kampagnen#

"Obgleich es uns klar war, dass man in Österreich ohne eine gewisse Anlehnung an die wesentlichen politischen Kräfte keine Tageszeitung herausbringen kann, verhielten wir uns gegenüber den Angeboten der großen Parteien kühl", konstatierte Dichand bereits 1977. Sich "anlehnen", aber nicht unter Kuratel stellen lassen – Dichand beherrschte diese Kunst bis in seine letzten Tage.

Seine "Krone" trieb die Politiker durch wilde journalistische Kampagnen vor sich her: Öffnung des Sternwarteparks (1973), Rettung der Hainburger Au (1984), Kampf gegen das tschechische AKW Temelin, Kampf gegen den Semmering-Tunnel, Ausländer-Volksbegehren, Verhinderung der schwarz-blauen Koalition Wolfgang Schüssels: Die Kampagnen wurden eindimensional, mit journalistischem Tunnelblick und einer blind ergebenen Redaktionsmannschaft durchgezogen.

Dichand glaubte, als Journalist "die demokratische Grundstimmung stets verstärken" zu müssen, wobei allerdings die "Krone" immer die Vorgabe machte, was im Moment demokratisch war. Der überwiegende Teil der drei Millionen "Krone"-Leser konsumiert ausschließlich die "Krone" und bildet die gläubige Infanterie ihrer Kampagnen. Dichand schien immer Freude daran zu haben, obwohl er manche seiner publizistischen Kriegsziele – beispielsweise die Verhinderung des ersten Schüssel-Kabinetts – nicht erreichte. 2008 inszenierte die "Krone" einen Anti-EU-Feldzug und schwor sich auf den SPÖ-Kanzlerkandidaten Werner Faymann ein. Im Lager der "Krone" war aus Dichands Sicht Österreich. Im April 2010 schlug allerdings der Versuch, die Präsidentschaftswahl erheblich zu beeinflussen, fehl.

In dem populistischen und parteiischen Ausbruch zeigte sich nicht nur, wozu ein Massenblatt im sogenannten Vorhof der Macht fähig ist, sondern noch mehr, wozu Politiker fähig sind. Sie waren es plötzlich, die sich an die "Krone" anlehnten, offiziell mit Unterschrift des Regierungschefs und des Vorsitzenden der größten Partei. Tatsächlich, Dichand hat seit der Gründung der "Kronen Zeitung", in der er sich nach 1959 behände an wechselnde politische Gegebenheiten anzulehnen verstand, Österreich verändert.

Wiener Zeitung Freitag, 18. Juni 2010