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Die Zukunft der Vergangenheit#

Quellenkritik ist das Um und Auf im Online-Universum. Klickzahlen gehen oft vor Inhalt.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 5. August 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christina Krakovsky


Karikatur Enzyklopädie um 1880
Das Wissen der Welt in drei Bänden - dafür zückten um 1880 nicht nur Gelehrte ihr Börsel. Heutzutage verlocken zahlreiche digitale Angebote zur Recherche.
© Bild: Archiv. Repro: M. Szalapek

Meter für Meter die zahlreichen kleinen, knarrenden Holzschubladen der Zettelkataloge abklappern, bändeweise Bibliographien durchstöbern, in die Untiefen der Archive abtauchen, zu den papierenen Zeugen vergangener Dezennien, behutsam in 200-jährigen Zeitungen blättern, kunstvoll gestaltete Initialen aus dem Mittelalter begutachten oder schlicht stapelweise Buchbestand sichten.

Dabei schlägt Bibliophilen das Herz höher. Aber im 21. Jahrhundert angekommen, gilt ein wachsender Fundus an Digitalisaten und Nachschlagewerken im Internet vielen als wichtigste Ressource.

Komfortabel vom Computer aus lässt sich die berühmte englischsprachige "Encyclopaedia Britannica" ebenso durchforsten wie die digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin. Kein Wunder also, dass unter Historikerinnen und Historikern eine intensive Debatte zum Umgang mit digitalen Ressourcen entflammte (z.B. nachzulesen auf der Webseite "Clio online". Ein ausführliches Handbuch zum Thema gibt es dort gratis als Download).

Über die zugrunde liegende Problematik grübelt nicht nur die Wissenschaft: Wie umgehen mit (Un-)Mengen an leicht zugänglichem Material? Wie die Archivalien bewerten? Nach welchen Kriterien die Weiten des Internets erforschen?

Verstecktes Wissen#

Die Vorteile der Online-Kultur liegen auf der Hand: Mit jedem Gerät mit Internetzugang kann recherchiert werden. Die Nachteile sind oft nicht auf den ersten Blick erkennbar. Ahnen lässt sich mitunter, dass historische Themen unzureichend aufgearbeitet sind. Einseitige Beschäftigung beherrscht gängige Plattformen und kontroverse Themen werden gern nur oberflächlich behandelt.

Das gängigste Werkzeug zur Informationsbeschaffung bietet die Suchmaschine Google. Diese sowie das Onlinelexikon Wikipedia, an dem grundsätzlich jeder mitarbeiten kann, gelten in Fachliteratur bereits als heimliche Leitmedien. Neutral sind die Ergebnislisten der Online-Suche nicht. Wesentlich für die Reihung der Einträge sind technische Kriterien, nicht inhaltliche. Neben Beschlagwortung wird auf Aktualisierungen geachtet. Interaktive Komponenten wie Kommentarfunktion, aber auch persönliche Daten spielen ebenso eine Rolle: Der eigene Standort sowie das bisherige und aktuelle Suchverhalten.

Was zählt, sind Parameter wie: häufig geklickt, gesendet, gemerkt - dadurch sind gewisse Informationen leichter auffindbar als andere. Die ausgefeiltesten Inhalte können durch solche dominierenden Selektionsprozesse leicht untergehen. Das Urteil der deutschen Kulturwissenschafterin und Gedächtnisforscherin Aleida Assmann fällt daher hart aus: Wir befinden uns "auf dem Weg von einer Gedächtniskultur zu einer Kultur der Aufmerksamkeit". Es geht um Oberfläche und Geschwindigkeit - wie im Supermarkt.

Schnell und informell#

Eine der ersten belegten Wissenssammlungen war die berühmte Bibliothek in Alexandria. Ptolemäus I. (367/366-283 v. Chr.) gründete vor über 2000 Jahrendie Forschungsstätte, die mehr als 700.000 Buchrollen umfasste und Pilgerstätte für Gelehrte war.

Als Jimmy Wales im März 2000 das Projekt Nupedia, den Wikipedia-Vorgänger, ins Leben rief, wählte er die antike Institution als Vorbild. Dieses hehre Ziel konnte freilich nicht erreicht werden. Die Namensänderung erfolgte bereits im Jahr darauf nach dem hawaiianischen Wort "wikiwiki", das soviel wie "schnell, informell" bedeutet. Man setzte nun auf die sogenannte "Schwarm- oder kollektive Intelligenz", nach der die Zusammenarbeit Vieler vergleichbare Qualität hervorbringen könne wie intensive Forschungen Einzelner. Qualitätskontrollen durch Redaktionen oder Gutachten wurden für passé erklärt.

Mag dieses Vorgehen v.a. für kreative Lösungswege angebracht sein, führte es bei vielschichtigen Geschichtsdarstellungen in erster Linie zu einer Verwässerung der Inhalte: Diskussionsplattformen zu umstrittenen Artikeln wurden zu regelrechten Arenen, so mancher heikle Beitrag oder Absatz wurde schlicht gelöscht. Man verzichtete großteils auf die Präsentation komplexer Aspekte.

Schließlich wurden Strategien zur Qualitätssicherung besonders in historischen Bereichen eingeführt, wobei wiederum meist technische Kriterien zugrunde liegen.

Unzählige Fährten#

Schritt für Schritt verbessert sich die bequem zugängliche Online-Plattform. Nützlich scheint sie, um erste Eindrücke zu erlangen, wobei der kritische Blick nicht fehlen darf. Da die Qualifikation der Autorinnen und Autoren nicht nachvollziehbar ist, müssen andere Maßstäbe her: Geprüft werden können die verwendeten Quellen. Etwa ob sie vielfältig und fundiert sind. Digitale Ressourcen, auf die weiter verwiesen wird, sollten auf ihre Vertrauenswürdigkeit untersucht werden.

Die Grundsätze der - an gedruckter Literatur erprobten - Quellenkritik lassen sich natürlich auch im Online-Universum anwenden. So etwa die Berücksichtigung von Entstehungszeit und -ort sowie den Hintergrund von Herausgebenden, Autorinnen und Autoren oder Redaktionen.

Unerlässlich ist die Frage, welchen Zweck bestimmte Darstellungen und Aussagen verfolgen. Insbesondere der Vergleich mit anderen Quellen gibt hier mitunter Aufschluss.

Zweifellos macht die Digitalisierung bisher schwierig zugängliches Material öffentlich. Zahlreiche Fährten führen online zu Kostbarkeiten der Geschichte - und lassen die Augen Spurensuchender leuchten.

Digitale Fundgruben für Geschichtsinteressierte:#

Die Retrobibliothek digitalisiert historische Nachschlagewerke, die sie auch als Faksimile bereitstellt. Die Universität Trier hat sich einer umfangreichen Enzyklopädie, dem sogenannten Krünitz, gewidmet:

www.retrobibliothek.de; kruenitz1.uni-trier.de

Das Fachportal für Geschichtswissenschaft Clio Online beschäftigt sich intensiv mit digitalen Ressourcen:

www.clio-online.de; www.europa.clio-online.de

Der Gemeine bereits bekannt ist das Projekt der Österreichischen Nationalbibliothek ANNO, das historische Periodika online verfügbar macht: anno.onb.ac.at

Wer viel Zeit zum Stöbern mitbringt, wird im Datenbank-Infosystem, DBIS, oder auf der geschichtswissenschaftlichen Plattform H-Soz-Kult fündig:

dbis.uni-regensburg.de; www.hsozkult.de

Wiener Zeitung, Freitag, 5. August 2016