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Humanist im Zwielicht#

Vor 50 Jahren starb Albert Schweitzer - der Elsässer Arzt und Theologe wurde lange Zeit als moderner Heiliger verehrt.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 4. September 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Albert Schweitzer und der Stein des Anstoßes: sein Urwaldkrankenhaus in Lambaréné
Albert Schweitzer und der Stein des Anstoßes: sein Urwaldkrankenhaus in Lambaréné.
© Pierre Perrin/Zoko/Sygma/Corbis

Noch vor 30, 40 Jahren hätte nahezu jeder Europäer, befragt, wen er für einen vorbildlichen Menschen halte, geantwortet: Gandhi, Einstein, Albert Schweitzer. Genau so, also Gandhi und Einstein ohne, Schweitzer mit Vornamen. Es gibt solche Namen - auch den Autor von "20.000 Meilen unter den Meeren" nennt jeder Jules Verne und niemand Verne.

Gandhi und Einstein haben sich gehalten. Albert Schweitzer entschwindet zunehmend dem Bewusstsein. Selbst die immer noch zahlreichen Albert-Schweitzer-Schulen ändern daran nichts.

Oder ist es eine gezielte Verdrängung? Kann es unsere zunehmend profan werdende Gegenwart nicht ertragen, wenn Humanität aus erklärtermaßen christlichem Grund geübt wird? In den 80er Jahren erschienen vereinzelte Artikel, die Schweitzers Charakter hinterfragten, behaupteten, der "ideale Mensch", der in der herkömmlichen Darstellung wie wenige andere zu Freundschaft fähig war, habe Freundschaften vor allem für eigene Zwecke genützt. An der Wende zum 21. Jahrhundert setzte dann endgültig massive Kritik ein mit dem klaren Ziel, Schweitzers Verdienste kleinzureden. Am heutigen 4. September jährt sich Albert Schweitzers Tod zum 50. Mal - Grund zum Gedenken an einen großen Humanisten? Oder ist es an der Zeit, das Denkmal weiter zu zerschlagen?

Arzt, Philosoph, Organist#

Vor allem aber: Wofür steht Schweitzer? Der am 14. Januar 1875 in Kaysersberg geborene Elsässer war Arzt, Theologe, Philosoph und Organist. Auf keinem der vier Gebiete ist er ein Dilettant, seine Hinterlassenschaft ist, trotz aller wohl auch zeitimmanenter Irrtümer, ernst zu nehmen.

Ehe Schweitzer 1905 das Medizinstudium in Straßburg aufnimmt mit dem Ziel, in Französisch-Äquatorialafrika als Missionsarzt tätig zu werden, promoviert er 1899 an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität mit seiner Dissertation "Die Religionsphilosophie Kants von der Kritik der reinen Vernunft bis zur Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" im Fach Philosophie. Daneben studiert er in Paris bei dem französischen Orgelvirtuosen Charles-Marie Widor. 1902 habilitiert er sich mit der Schrift "Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis" an der Universität Straßburg in Evangelischer Theologie als Dozent. Zu Beginn seines Medizinstudiums ist er also Doktor der Philosophie, Theologie-Dozent und ausgebildeter Organist.

1912 wird Schweitzer als Arzt approbiert. Im selben Jahr heiratet er Helene Bresslau, die Tochter des jüdischen Historikers Harry Bresslau. 1913 promoviert er als Mediziner mit der Dissertation "Die psychiatrische Beurteilung Jesu: Darstellung und Kritik", in der er den zeitgenössischen Versuchen entgegentritt, Jesus aus der Sicht der Psychiatrie darzustellen, und gründet am Fluss Ogooué in Gabun, das damals zu Französisch-Äquatorialafrika gehörte, das Urwaldspital Lambaréné.

1917 wird das Ehepaar Schweitzer aufgrund seiner deutschen Staatsangehörigkeit festgenommen, nach Frankreich gebracht und bis Juli 1918 interniert. In dieser Zeit entwickelt Schweitzer seine Ethik auf der Basis eines christlich geprägten pazifistischen Humanismus’. Ende 1918 kehrt er ins nun französische Elsass zurück und nimmt die französische Staatsangehörigkeit an. Zeit Lebens fühlt er sich aber als Weltbürger, der keiner Nation verpflichtet ist.

In den folgenden Jahren hält Schweitzer Vorträge über zahlreiche Themen von Philosophie und Religion bis zu Musik und Literatur. Er nützt seine steigende Popularität auch, um die Orgelbewegung in Schwung zu bringen. Grundlage dafür sind jene Orgeltypen, die er ab 1905 entwickelt hatte. Mit ihnen versucht er sozusagen die Quadratur des Kreises, indem er die Vorzüge dreier Orgeltypen verbindet: den orchestralen Klang der französischen Orgel, den differenzierten Klang der elsässischen Orgel und den farbverschmelzenden Klang der deutschen Orgel. Schweitzer strebt an, den deutlich unterscheidbaren Klang barocker Instrumente ebenso zu ermöglichen wie die Farbpalette und die Klanggewalt moderner Instrumente.

Vor allem geht es Schweitzer um die Musik Johann Sebastian Bachs, über den er 1905 in Französisch eine Biografie geschrieben hat, die in Schweitzers eigener erweiterter deutscher Fassung (1908) maßstabsetzend wirkt. Zu jener Zeit ist die Bach-Interpretation immer noch von der Romantik geprägt und emotional aufgeladen. Auch der Wagner-Enthusiast Schweitzer ist nicht ganz frei, in Bachs Motivik außermusikalische Bedeutungen aufzuspüren, und veröffentlicht den "Katalog der Motive der musikalischen Sprache Bachs", in dem er Klangfiguren Inhalte zuweist und Bachs Musik aufschlüsselt, als habe er es mit Wagner’schen Leitmotiven zu tun.

Mag das eine Überinterpretation sein, so ist Schweitzers Plädoyer dafür, die Architektur von Bachs Musik hörbar zu machen, ein richtiger Ansatz. Die Grundlage dafür sollen Orgeln liefern, die, nicht in der Theorie der Orgelbauer entwickelt, sondern aus der organistischen Praxis heraus, diesen Ansatz in die klingende Praxis übertragbar machen.

Die Idee der hörbar zu machenden Polyphonie führte Schweitzer auch um 1905 zur Entwicklung des Rundbogens für Streichinstrumente, der es ermöglichte, mehr als zwei Saiten gleichzeitig ohne Forcieren der Dynamik anzustreichen. Das Ziel war, die als unausführbar geltende Mehrstimmigkeit der Streichersolowerke Bachs spielen zu können.

Pazifistische Appelle#

1939 kehrt Schweitzer nach Lambaréné zurück und bleibt dort bis 1948. 1952 wird ihm, der sich nun auch, gemeinsam mit Albert Einstein, Otto Hahn und Bertrand Russell, gegen Atomwaffen einsetzt, der Friedensnobelpreis zuerkannt. Immer wieder kehrt Schweitzer nach Lambaréné zurück - auch im hohen Alter. Es ist an diesem Ort, wo er 90-jährig stirbt und nahe seinem Spital die letzte Ruhestatt findet.

Seit 1974 wird das Spital von einer internationalen Stiftung geleitet, die Mitarbeiterschaft stammt überwiegend aus Gabun.

Schon in den 1950er Jahren findet partiell ein Abrücken von Schweitzer statt - aber aus anderen Gründen als dann um die Jahrtausendwende. Mitten im Kalten Krieg wirkt Schweitzers radikaler Pazifismus verstörend. Schweitzer befürwortet eine einseitige Abrüstung des Westens und unterhält Kontakte zum DDR-Ministerpräsidenten Walter Ulbricht. Schweitzer warnt vor Positionen der Stärke, die seiner Auffassung nach zu einem Punkt kommen, an dem der Sieger von seinem Sieg nichts hat. Den Gegenwind zu Schweitzers Pazifismus lässt beispielsweise die "Neue Zürcher Zeitung" spüren, die am 10. September 1958 titelt "Seltsamer Albert Schweitzer" und seine pazifistischen Ausführungen sowohl philosophisch als auch theologisch und militärisch für "wertlos" hält.

Das war indessen als Streit über ethische Haltungen ein laues Lüftchen gegen den Sturm, der über Schweitzer posthum entfacht wurde: Sein Urwald-Spital wurde jetzt, um die Jahrtausendwende, aus dem Blickwinkel der politischen Korrektheit unter die Lupe genommen - und konnte unter den veränderten Bedingungen naturgemäß nicht standhalten. Schon deshalb nicht, weil die Hüter dieser politischen Korrektheit schon auch Fakten ignorierten, die zugunsten Schweitzers gesprochen hätten.

So erhoben sie den Vorwurf, Schweitzer habe nur mit ausgebildetem europäischen Personal gearbeitet, statt an Ort und Stelle Personal auszubilden. Dass dafür rein pragmatische Gründe vorlagen, ignorierten sie. Natürlich hatte Schweitzer möglichst schnell den Betrieb aufnehmen wollen. Bereits ausgebildetes Personal zu beschäftigen, war schlicht eine Zeitersparnis. Im Jahr 1961 allerdings setzte sich das Personal in den Labors und in der Pflege aus zwölf Europäerinnen und vierzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Afrika zusammen. Allenfalls mag man Schweitzer vorwerfen, dass alle fünf Ärzte aus Europa kamen. Doch zuvor müsste geklärt werden, ob Schweitzer andere Möglichkeiten gehabt hätte. 1961 hatten schwarze Studenten noch wenig Chancen auf Top-Ausbildungen an europäischen medizinischen Fakultäten, und die medizinische Ausbildung in Afrika steckte in Kinderschuhen. Auch der beharrlich wiederholte Vorwurf, Schweitzer habe das Spital nie wirklich modernisiert und etwa auf Elektrifizierung verzichtet, stimmt so nicht: In der Film-Dokumentation "Albert Schweitzer" von 1964 ist zu erkennen, dass zumindest der Operationssaal über elektrische Anlagen verfügt.

Ein Spital für Mensch und Tier#

Die Hygiene stellte allerdings tatsächlich ein Problem dar: Zur Ethik des Vegetariers Schweitzer gehörte es nämlich, neben den Menschen auch Tiere zu behandeln.

Was indessen an den Vorwürfen dran ist, Schweitzer habe sich als despotischer Kolonialherr gebärdet und etwa Angehörige schwarzer Patienten mit Gewalt zu Arbeit gezwungen, lässt sich nicht mehr verifizieren. Es gibt die Gerüchte, was fehlt, sind glaubwürdige Augenzeugen.

Doch nicht nur wegen solcher (ohnedies kaum verifizierbarer) Vorwürfe macht einem dieser Albert Schweitzer die Verteidigungsrede schwer: Viele seiner Theorien über Bach sind widerlegt, seine Bachinterpretationen, die auch auf CD vorliegen, sind bloß Zeugnisse einer eigenwilligen Persönlichkeit, sein Urwaldspital ist möglicherweise ein Auswuchs kolonialistischen Denkens, und insgesamt macht es die agile Selbstinszenierung Schweitzers als moderner Heiliger schwer zu glauben, dass er tatsächlich ein moderner Heiliger war, dem nur die Bescheidenheit fehlte. Doch den zentralen Satz seiner Ethik sollte man sich gerade heute und gerade in Europa ungeachtet dessen ins Leben rufen, dass er von einem christlichen Theologen stammt: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will."

Wiener Zeitung, Freitag, 4. September 2015

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