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Medizin im Zwielicht#

Der Wiener Kinderarzt Hans Asperger ist weltweit als Autismus-Experte anerkannt. Sein Verhalten während der NS-Zeit gibt jedoch Anlass zu kritischen Nachforschungen.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 5./6. April 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christa Hager


Ärzte der Wiener Kinderklinik im Jahr 1933
Ärzte der Wiener Kinderklinik im Jahr 1933, Hans Asperger in der ersten Reihe rechts.
© Foto: Sammlungen und Geschichte der Medizin Medizinische Universität Wien

Man muss nicht Asperger heißen, um ein Asperger zu sein. Denn für viele Jugendliche und Erwachsene mit dieser seltenen und leichten Form des Autismus ist die Bezeichnung "Aspie", kurz für Asperger, eine Möglichkeit zur Selbstbehauptung, zur Identifikation, mittels derer sie sich gegenüber den "Neurotypischen", wie sie Nichtautisten gerne nennen, abgrenzen. Der Psychologe Tony Attwood etwa ist bekannt dafür, dass er seinen Patienten die Diagnose "Asperger-Syndrom" üblicherweise mit den Worten "Gratulation - Sie haben Asperger!" einleitet. Vor allem im englischsprachigen Raum ist der Name populärkulturell weit verbreitet, meist gekoppelt an den Mythos vom genialen, überdurchschnittlich intelligenten Autisten.

Der österreichische Kinderarzt Hans Asperger (1906-1980) widmete sich an der Heilpädagogischen Abteilung der Wiener Universitätskinderklinik besonders diesen gesellschaftlichen Außenseitern. "Kleine Professoren" nannte er seine Patienten mit Autismus-Spektrum-Störungen und 1938 beschrieb er erstmals in Fallstudien ihr eigentümliches Verhalten und ihre Schwierigkeiten. 1943 verfasste er darüber seine Habilitation, viele der darin beschriebenen Zustandsbilder gelten heute noch als gültig. 1991 nahm die Weltgesundheitsorganisation das Asperger-Syndrom in die "Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme" (ICD) auf.

Wissen und Handeln#

Trotz des heute weltweit verbreiteten Begriffs "Asperger-Syndrom" weiß man aber nur sehr wenig über den Namensgeber, vor allem, was dessen Arbeit während des Nationalsozialismus betraf. Denn sowohl aufgrund der engen Zusammenarbeit zwischen der Kinderklinik und der "Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund" als auch in seiner Funktion als Gutachter während des Nazi-Regimes hat Asperger mit Sicherheit vom menschenverachtenden Umgang mit psychisch Kranken und Behinderten gewusst. Aber inwieweit hat er diesen auch vertreten und danach gehandelt?

Hört man von Hans Asperger während der NS-Zeit, so dominiere meist eine leicht apologetische Haltung, betont der Zeithistoriker Herwig Czech im Interview. Asperger habe eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Perspektive eingenommen, die nicht in Einklang mit der auch an der Wiener Universitätsklinik verbreiteten Ideologie des "lebensunwerten Lebens" gestanden wäre, heißt es in diesem Zusammenhang immer wieder.

Als Beleg dafür wird vor allem ein Vortrag Aspergers im Oktober 1938 genannt. Darin sprach er sich unter anderem dafür aus, autistische Kinder zu fördern und generell alle geistig Behinderten nicht bloß in Fragebögen, sondern in ihrer gesamten Persönlichkeit zu erfassen. "Bevor man das zu einem Akt des Widerstands stilisiert, muss man wissen, dass die Förderung der förderungswürdigen Kinder mit der Praxis der Heilpädagogik im Nationalsozialismus durchaus im Einklang war", betont Czech. "Das war auch das deklarierte Ziel von denjenigen Ärzten, die im Zentrum des Euthanasie-Komplexes standen: Es ging immer darum, diejenigen, bei denen man sich einen Nutzen von Therapien und Förderungsmöglichkeiten versprach, von denen zu scheiden, wo diese Bemühungen fruchtlos schienen. Dieses Werturteil kam in der Selektion oder im Gutachten zum Ausdruck: Ist es gerechtfertigt, ist es aussichtsreich, ein bestimmtes Kind zu fördern oder nicht?"

Clemens von Pirquet
Clemens von Pirquet
© Wikicommons

Die historischen Quellen zeigen, dass Asperger durchaus nicht in einer grundsätzlichen Oppositionshaltung zur offiziellen Linie der "Rassenhygiene" stand. Einmal legt er ein klares Bekenntnis zum Programm des NS-Regimes ab, dann wieder relativiert er. Rückhaltlose Begeisterung wird nicht sichtbar. Czech: "Seine Prioritäten waren sicher andere als jene der offiziellen Rassenhygiene", vermutlich dieselben wie vor 1938 - und auch nach 1945: seine Patienten."

Asperger stellte sich vor allem auf die Seite einer relativ kleinen Gruppe von Patienten und Patientinnen, für die er die Bezeichnung "autistische Psychopathen" verwendete. Bei Diagnosen und Syndromen mit schlechterer Prognose zögerte er hingegen nicht, das auch zu sagen, so Czech. In einem Fall lässt sich ganz konkret nachvollziehen, dass er 1941 ein Mädchen mit diagnostizierter Postenzephalitis (d.h. das Gehirn erlitt durch Entzündung Schädigungen) auf den Spiegelgrund schickte. Es kam dort um. Offenbar gab es in diesem Fall auch ein stilles Einverständnis mit der Mutter, das Kind diskret zu beseitigen.

Von der Universitäts-Kinderklinik wurden viele Kinder auf den Spiegelgrund überstellt, ein Teil davon waren auch Patienten und Patientinnen von Asperger. "Was Überstellungen aus der heilpädagogischen Abteilung Aspergers angeht, weiß man bisher von sieben oder acht Kindern. Bis auf das erwähnte Mädchen haben diese den Spiegelgrund überlebt."

Die Heilpädagogik#

Die heilpädagogische Station hatte Erwin Lazar in den 1920er Jahren aufgebaut, und zwar als Abteilung der Wiener Universitätskinderklinik, geleitet von Clemens von Pirquet (1874-1929). Heilpädagogik war damals schon ein interdisziplinäres Fach, das sich zwischen Psychiatrie, Pädagogik und Kinderheilkunde bewegte. Nach Lazars Tod übernahm Valerie Bruck kurzfristig die Leitung der heilpädagogischen Abteilung. Sie war wie Hans Asperger Mitglied der St. Lukas Gilde, einer Ärztevereinigung, die katholische Eugenik propagierte: Diese verfolgte eine Aufwertung des Erbgutes und die Vermeidung von Erbkrankheiten innerhalb des Rahmens der katholischen (Sexual-)Ethik. 1930 wurde Franz Hamburger, seit 1934 Mitglied der NSDAP und - wohl aus karrieretechnischen Gründen - damals auch bei der Heimwehr, Leiter der Kinderklinik - mit weitreichenden Folgen. So war Hamburger in politischen und gesundheitspolitischen Fragen klar positioniert: Er attackierte die naturwissenschaftlich orientierte Schulmedizin und orientierte sich an der deutsch-völkischen Medizinkritik, rückte von Forschung ab und betrieb eine auf spekulativer Biologie basierende Lehre mit Schwerpunkt auf der Ausbildung von Ärzten. Nach dem "Anschluss" im März 1938 wurden unter Hamburger erb- und "rassenbiologische" Lehren offiziell in den Lehr- und Forschungsbetrieb eingegliedert.

Habilitation von Hans Asperger
Titelblatt der Habilitation von Hans Asperger.
© J. Kerviel

Es war unter Hamburgers Führung, dass Asperger 1935 die Leitung der heilpädagogischen Abteilung übertragen bekam. Als in den 1960er Jahren Hans Asperger in seiner Antrittsrede als neuer Vorstand der Kinderklinik über seinen damaligen Förderer Hamburger sprach, war er voll des Lobes. Dessen Zusammenarbeit mit dem NS-Regime, die Wissenschaftsfeindlichkeit Hamburgers und die Selektionen erwähnte er darin mit keinem Wort.

Asperger begann nach seinem Medizin-Studium 1931 fast gleichzeitig mit dem späteren Spiegelgrund-Leiter Erwin Jekelius an der Wiener Universitätskinderklinik zu arbeiten. Jekelius war wie Hamburger der evangelischen Kirche zugehörig, Asperger hingegen kam aus der Jugendbewegung der "fahrenden Scholaren", einer Untergruppe der katholischen "Neulandbewegung", damals Teil des rechten deutschnationalen Randes des österreichischen politischen Katholizismus.

Zwar war Asperger nie Mitglied der NSDAP, er trat aber einer Reihe von Vorfeldorganisationen der Partei bei. Darunter zum Beispiel 1938 der deutschen Arbeitsfront sowie der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). "Hegte man damals Karrierepläne in der Medizin, kam man um die NSV nur schwer herum. Asperger verschaffte sich einige Mitgliedschaften, ohne sich deshalb besonders zu engagieren. Seine politischen Beurteilungen über ihn in den Gauakten zeigen, dass seinem beruflichen Fortkommen keine Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Man hielt ihm zugute, dass er mit dem rassenhygienischen Programm konform ging, gleichzeitig galt er politisch als nicht besonders engagiert", so Historiker Czech.

Der Eingang des Pavillon 15, der ehemaligen 'Kinderfachabteilung'
Der Eingang des Pavillon 15, der ehemaligen "Kinderfachabteilung".
© Wikicommons/Haeferl

Neben seiner Tätigkeit an der Universität war Asperger als Heilpädagoge und Gutachter für die Stadt Wien und für die NSV tätig. "Asperger selbst erwähnt seine Gutachtertätigkeit in verschiedenen Lebensläufen, aber es ist leider nicht klar, wie viel er konkret gemacht hat. Sicher ist, dass die NSV Gutachter brauchte, weil sie eine Reihe von Heimen und Einrichtungen übernommen hatte und förderungsunwürdige, rassisch nicht tragbare, bildungsunfähige Kinder und Jugendliche ausschloss und auf den Spiegelgrund schickte. Das war ein ziemlich breiter Selektionsprozess. Aber es gibt keine konkreten Belege, ob Asperger damit direkt etwas zu tun hatte."

Als sich 1942 Asperger in einem Aufsatz über den Spiegelgrund äußerte, erwähnte er ihn in einem Atemzug mit seiner eigenen Abteilung; die tatsächliche Funktion der Tötungsanstalt verschwieg er: "Das wäre in dieser Publikation auch nicht möglich gewesen. Aber es ist schon interessant, dass er diese Fassade der Wissenschaftlichkeit und der medizinischen Behandlung, die vor dieser Tötungsanstalt errichtet worden ist, ein Stück weit aufrecht erhält und öffentlich verteidigt", so Czech.

Tödliche Gutachten#

Ein Aspekt, der bisher noch völlig unbekannt war: Asperger begutachtete als zuständiger Facharzt der Stadt Wien in einer Kommission in Gugging Kinder, um ihre Schulpflicht festzustellen. Gugging war damals eine große psychiatrische Anstalt mit einer eigenen Kinderanstalt. Von dort wurden schon sehr früh im Rahmen der "T4" mehr als hundert Personen nach Hartheim abtransportiert und dort vergast. Anfang 1942 waren noch 220 Kinder in der Anstalt in Gugging. Diese wurden im Februar 1942 begutachtet, um sie in "noch förderungswürdig" und "nicht mehr förderungswürdig" einzuteilen. 35 wurden als "förderungsunwürdig" eingestuft. "Es war im Auftrag der Kommission explizit die Rede davon, dass man die nichtbildungsfähigen der Aktion Jekelius, also der Euthanasie am Spiegelgrund zuführt", erklärt der Historiker Czech. "Asperger war als Gutachter direkt in diesen insgesamt gesehen natürlich vielstufigen und arbeitsteiligen Prozess der Selektion involviert, der letztlich zum Tod aller betroffenen Kinder am Spiegelgrund führte."

Wiener Zeitung, Sa./So., 5./6. März 2014