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"Avatar" im klinischen Alltag#

Die Ganganalyse als Diagnosehilfsmittel, um Störungen des Bewegungsapparats zu analysieren#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 15. September 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Alexandra Grass


Gangstörungen können zu bleibenden Schäden führen. Bewegungsanalyse hilft bei Therapie- und Rehab-Überwachung.#

Die meisten Patienten sind Kinder
Die meisten Patienten sind Kinder.
© Foto: Orthopädisches Spital Speising

Wien. Man fühlt sich in die Produktion von "Avatar" oder "Planet der Affen" hineinversetzt. Tatsächlich ist das sogenannte Motion-Capture-System, jene Art der Bewegungsaufzeichnung, wie sie aus der Animationsfilmindustrie bekannt ist, auch im klinischen Alltag integriert und eben dank der Filmindustrie mittlerweile auf höchstem Niveau im Einsatz, wie Andreas Kranzl, Leiter des Gang- und Bewegungsanalyselabors im Orthopädischen Spital Speising, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" betont.

Die Patienten werden an definierten anatomischen Punkten mit Markern bestückt, die von mehreren Kameras erkannt werden, um ein dreidimensionales Modell zu konstruieren. Das computerunterstützte Mess-System dokumentiert die Weg-Zeit-Parameter, die Gelenksbewegungen, die Muskelaktivität mittels Elektromyographie sowie den Druck und das Abrollverhalten des Fußes (Pedobarographie) über Druckmessplatten. Die so erstellte Ganganalyse gibt Auskunft darüber, wie es um den Bewegungsapparat des Patienten bestellt ist.

Gehen gehört zum Alltag und funktioniert scheinbar wie von selbst. Für den Körper ist Fortbewegung aber eine komplexe Aufgabe und entwickelt sich etwa ab dem ersten bis zum vierten Lebensjahr individuell, erklärt der Kinder- und Neuroorthopäde Walter Strobl.

Der menschliche Gang ist das Zusammenwirken von zentralem und peripherem Nervensystem sowie dem Stütz- und Muskelapparat und wird vom Körper mit minimalstem Energieaufwand sehr effizient gestaltet. Beim normalen Gang - bestehend aus Stand- und Schwungphasen - werden keine Muskeln unnötig lange in Anspruch genommen. Jede Störung bedeutet aber mehr Energieverbrauch, die Mitwirkung von Muskeln, die sonst geschont blieben, und eine Mehrbelastung bestimmter Gelenke. Jede Störung bedeutet auch, dass sich der Körper den geänderten Bedingungen anpasst, und eine Art Schongang einnimmt. Ein fehlerhafter Bewegungsablauf kann nach längerer Zeit freilich zu bleibenden Schäden führen, die sich als Schmerzen, Gelenksabnützungen oder Bandscheibenvorfall präsentieren.

Die Analyse des Ganges ist daher in vielen Bereichen wesentlicher Bestandteil zur optimalen Versorgung der Patienten - in der Orthopädie (von der Physiotherapie bis zur Einlagenversorgung), Chirurgie, Neurologie, Arbeits-, Unfall- und Sportmedizin. Andreas Kranzl sieht darin einen "wichtigen Zusatzbaustein für die bessere Therapieplanung". Die Ganganalyse ist aber auch gedacht zur Therapieüberwachung, etwa nach Schlaganfällen, sowie zur Verlaufskontrolle bei Rehabilitationsmaßnahmen.

Die größte Patientengruppe machen die Kinder aus. Ob angeborene Lähmungen, Beinachsenfehlstellungen, infantile Zerebralparese (Spastiker), O- oder X-Beine. Es gilt, die Störung zu reparieren oder zumindest Kompensationsbewegungen - etwa die Entwicklung eines Schongangs, das heißt die Verlagerung auf andere Muskelgruppen - so weit wie möglich zu verhindern. Denn das Hinken selbst ist harmloser als die sekundären Probleme, die daraus resultieren können, wie Abnützungen, sagt Walter Strobl.

Der Orthopäde richtet sich nach fünf Grundvoraussetzungen, die für ein optimales Gangbild stehen: stabile Standphase (beide Beine berühren den Boden), flüssige Schwungphase (ein Bein befindet sich in Bewegung), eine gute Vorbereitung, um den Fuß stabil aufzusetzen, ein niedriger Energieaufwand und die Flüssigkeit des Gangbildes. Tritt bei nur einem Punkt ein Problem auf, spricht man von Gangstörung.

Für den Spezialisten gibt es ein gewisses Standardmuster eines Gangbildes, in dem sich etwa 95 Prozent der gesunden Menschen bewegen. Der menschliche Gang ist stark individuell geprägt. Er ist abhängig vom Geschlecht, vom Alter und von persönlichen Lebensbedingungen. Auch die seelische Verfassung beeinflusst die Haltung und Bewegung massiv. Die Therapiemöglichkeiten reichen von der Beratung in Richtung sportmotorischer Förderung, über spezielles Schuhwerk bis hin zur medikamentösen Behandlung, etwa bei Spastikern mit Botulinumtoxin (Botox), um Muskelverkrampfungen zu lösen, oder zum operativen Eingriff. Besondere Bedeutung kommt der Physiotherapie zu. Die Gangrehabilitation gehört zum Therapiealltag, erklärt die Physiotherapeutin Birgit Frimmel, Referentin bei Physio Austria, dem Bundesverband ihrer Berufsgruppe. Ziel ist es, "die muskuläre Balance durch unterschiedliche physiotherapeutische Maßnahmen und gegebenenfalls Hilfsmittel wie Schienen wieder herzustellen". Frimmel betont, wie wichtig die interdisziplinäre Kooperation aller Fachbereiche ist.

Die klinische Bewegungsanalyse wird auch vermehrt im Sportbereich eingesetzt. Noch bis 17. September befassen sich Ärzte, Physiotherapeuten und Biomechaniker beim internationalen Kongress zur klinischen Bewegungsanalyse an der Uni Wien mit neuesten Erkenntnissen auf diesem Gebiet.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 15. September 2011