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Bittere Medizin für engagierte Ärzte#

Hinunterschlucken mussten nicht allein Kranke im Kaisertum Österreich manches#


Von der Wiener Zeitung freundlicherweise zur Verfügung gestellt (Freitag, 12. November 2010)


Von

Alfred Schiemer


Wiener Patientenalltag im 19. Jh.
Wiener Patientenalltag im 19. Jh.: Therapie im Spital (Skizzen l.) und beim Augenarzt (Gemälde)
© Wiener Zeitung / Repros: M. Ziegler/R. Kienzl


Wer wagt eine Schätzung in dieser medizinhistorischen Causa?

Der Sachverhalt: Am Donnerstag, den 12. November 1840, publizierte die "Wiener Zeitung" auf ihrer Titelseite eine ellenlange Liste, konkret ein Alphabetisches Verzeichniß der im Schuljahre 1839/40 an der k.k. Universität in Wien graduirten Doctoren der Medicin und Chirurgie.

Die Frage, die sich schon beim ersten Blick auf die eng bedruckten Zeilen, in denen Nahme bzw. Geburtsort und Vaterland je eine Halbspalte Platz erhielten, aufdrängt: Wie viele Jungärzte sind vermerkt?

Mit der Heilkunst war es vor 170 Jahren in k.k. Landen nicht weit her. Daher hätte der Zeitreisenschreiber (natürlich nur ganz unter uns gesagt) ohne Blättern in der "WZ" auf 50, 60 frischgebackene Mediziner anno 1840 an der Wiener Fakultät getippt. Angesichts der üppigen Liste korrigierte sich der Cicerone der Gemeine schnell auf 100, 110. Doch weit gefehlt! Eine genaue Zählung (Dooctoren der Medicin plus Doctoren der Chirurgie) ergab nicht weniger als 148 neue Ärzte – in einer Epoche, in der viele Mütter im Kindbett starben, Säuglinge geringe Überlebenschancen hatten, Kranke kaum auf Hilfe hoffen durften. Die hohe Absolventenzahl war offensichtlich eine Voraussetzung für die späteren Fortschritte der Äskulapjünger sowie deren Wissenschaft in der Donaumetropole.

Vorerst zurück in die ersten Jahrzehnte des 19. Jh.s, als die Forscher unter engsten Fesseln stöhnten. Im medizinischen Bereich traf es 1801 den Anatomen Franz Joseph Gall (1758–1828) äußerst hart.

Tor des alten Allgemeinen Krankenhauses
Vor Alt-Wiens Zentrum der Heilkunst: Blick aufs Tor des Allgemeinen Krankenhauses (nun Universitätscampus
© Wiener Zeitung / Repros: M. Ziegler/R. Kienzl

Kaiser Franz persönlich sorgte dafür, dass die Privatvorlesungen des Arztes über Funktionen verschiedener Gehirnareale verboten wurden. Der Monarch sah "Religion und Moral" in höchster Gefahr, ebenso witterte er „Materialismus“. Gall zog bald nach Paris, wo er höchstes Ansehen erlangte. Dem Kaisertum Österreich aber, das 1804 im zerfallenden Heiligen Reich entstand, fehlte ein Kopf, der Medizinern wie Patienten die Richtung hätte weisen können . . . Wer blieb, musste schwer ringen. Georg Joseph Beer (1763–1821) etwa wurden viele Steine in den Weg gelegt, als er die Augenheilkunde als Fach etablierte. Der kaiserliche Leibmedicus Andreas Joseph Stifft (1760–1836) blockierte Beers Pläne für eine Augenklinik im Wiener Allgemeinen Krankenhaus.

Doch Beer, nomen est omen, besaß Bärenkräfte.#

Er machte seine Wohnung zur Privatklinik; er schuf für Arme eine Ambulanz; er urgierte weiter. 1812 gab es dann Erfolg: Das AKH bekam eine Augenklinik. Sinnigerweise gilt bis heute der endlich nachgebende Stifft und nicht Beer als ihr Gründer. (N.B. Nachfolger Beers wurde dessen Assistent Anton Rosas, 1791–1855.)

Ab 1828 wirkte im AKH ein weiterer zäher Einzelkämpfer. In einer zugigen Baracke sezierte der pathologische Anatom Carl Rokitansky (1804–1878; 1867 Erhebung zum Freiherrn) bis zu 30 Leichen täglich. Unter Lebensgefahr. 1845 entging er nach einer Schnittverletzung bei seiner für die Menschheit so wichtigen Arbeit knapp dem Tod durch Sepsis; ein ebenfalls infizierter Kollege starb.

Das Wissen, das Rokitansky in Jahrzehnten penibler Tätigkeit in der Prosektur sammelte, ließ ihn zum Initiator der Zweiten Wiener medizinischen Schule werden. Zum Dank baute ihm der Staat 1862 eine moderne Stätte für Sektionen; freilich blieb ihm das in der Baracke erworbene Rheuma.

In der Zeit um 1848 lebte die ärztliche Kunst in der Kaiserstadt auf. Neues Denken, neue Methoden waren gefragt. Schon vor der Märzrevolution herrschte in den Köpfen Gebildeter Aufruhr – Freiheit der Forschung hieß eines der Hauptbegehren. Viele Mediziner kannten überdies aus ihren Familien die Not und wollten helfen.

Die Ärzte Schuh, Rosas, Rokitansky, Skoda, Dumreicher
V. l.: Franz Schuh, Anton Rosas, Carl Rokitansky, Joseph Skoda und Johann Dumreicher einst bei einer Sitzung...
© Wiener Zeitung / Repros: M. Ziegler/R. Kienzl
Die Ärzte Schuh, Rosas, Rokitansky, Skoda, Dumreicher
... und Ärzte mit Schwester bei Operation in Wien.
© Wiener Zeitung / Repros: M. Ziegler/R. Kienzl

Zwei Beispiele. Der große Chirurg Franz Schuh (1804– 1865) finanzierte sein Studium durch Geigenspiel. Der berühmte Internist Joseph Skoda (1805–1881) wuchs in einer Dachkammer auf, in der im Winter Schnee lag. Den Besuch des Gymnasiums ermöglichte er sich durch Nachhilfegeben, das Universitätsstudium als Instruktor.

Er wusste, was den Kranken fehlte; er entwickelte ein ausgeklügeltes Diagnoseverfahren, das abertausende Menschenleben rettete. In der Folge nannte man Wiens Kliniker ehrenvoll "Blitzdiagnostiker".

Letzteres führt bereits in die Ära der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, die 1867 begann und die die westliche Reichshälfte zum Verfassungsstaat mit Grundrechten werden ließ.

Dass damit die Blüte der österreichischen Medizin einherging, ist wohl kein Zufall. Eine gute Verfassung brauchen ja alle – der Staat, die Mediziner, die Patienten!

P.S. zur Ärzteliste 1840: Als später wohl bekanntester Absolvent wird darin der Chirurg Johann Dumreicher (1815–1880) angeführt.

Wiener Zeitung, Freitag, 12. November 2010