unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
6

Gene sind kein Schicksal #

Gene schreiben fest, wer wir sind und welche Krankheitsrisiken wir in uns tragen: Jüngste Erkenntnisse der Epigenetik machen dieses biologische Dogma obsolet und weisen nach: All das, was wir essen, trinken und tun, wie wir fühlen und denken, verändert die Erbanlagen. Deshalb, sagt der Molekularbiologe Joachim Bauer, dürfen Kinder kein Elend erleben.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 25. August 2011)

Von

Eva Pfisterer


Lange tobte der ideologisch aufgeladene Streit, ob der Mensch mehr durch seine Gene determiniert oder durch seine Umwelt geprägt sei. Heute sprechen Wissenschaftler wie der Medizinethiker Matthias Beck „nahezu von einem dialogischen Wechselwirkungsgeschehen“., Foto: © Istockphoto
Lange tobte der ideologisch aufgeladene Streit, ob der Mensch mehr durch seine Gene determiniert oder durch seine Umwelt geprägt sei. Heute sprechen Wissenschaftler wie der Medizinethiker Matthias Beck „nahezu von einem dialogischen Wechselwirkungsgeschehen“.
Foto: © Istockphoto

Was prägt den Menschen stärker? Seine Gene oder seine Umwelt? Diese harmlose Frage hat in unserer Studentenzeit zu leidenschaftlichen Diskussionen und wildem Streit geführt – so als hinge unsere eigene Existenz von der Beantwortung dieser Frage ab. Zweifelsohne hatte sie gravierende Auswirkungen für die Annahme der Gleichheit oder der Ungleichheit der Menschen.

Diejenigen, die von einer gerechteren Welt träumten, waren der Ansicht, dass die Menschen stärker von der Umwelt geprägt werden. Denn dann hatten sie noch eine Chance, ihr Schicksal war nicht von den Genen determiniert, es konnte verändert werden. Diejenigen, die die Ungleichheit der Menschen zementieren, die von den bestimmenden Eliten träumen, denen sie selber einmal angehören wollten, passte die These, dass vorwiegend Erbanlagen über die Intelligenz entscheiden, gut in ihr Weltbild.

Sie beriefen sich auf Hans Jürgen Eysenck, einen deutsch-britischen Psychologen, der nach dem Krieg am King’s College in London arbeitete und in seinem Buch „The Inequality of Man“ (1973) den ererbten Anteil der Intelligenz bei knapp 80 Prozent sah. Eysenck war zuerst ein überzeugter Behaviorist, der die Ausprägungen des Menschen vor allem der Umgebung, in der sie aufwachsen, zuschrieb. Später mutierte er zum Anhänger der Vererbungslehre und unterschob den schwarzen US-Amerikanern eine niedrigere Intelligenz, die genetisch vererbt sei.

Wenn uns etwas über die Leber läuft#

Mittlerweile hat sich quasi hinter unserem Rücken eine Revolution vollzogen, die diesen Streit obsolet gemacht hat. Neue wissenschaftliche Befunde versöhnen diese beiden Lager: Gene und Umwelt sind keine Gegensätze. Sie wirken stets im Zusammenspiel. „Man könnte“, sagt der Medizinethiker und Moraltheologe Matthias Beck, „nahezu von einem dialogischen Wechselwirkungsgeschehen sprechen.“ Das gesamte Innenleben des Menschen, mit „all seinen Gefühlen, Gedanken, mit all seinem inneren Frieden und Unfrieden, seiner Freude, seinen Ängsten und Zerrissenheiten scheint das Genom zu beeinflussen“ – und damit auch unseren körperlichen und seelischen Gesundheitszustand. Die Abschnitte zwischen den Genen, die bisher für sinnloses Zeug gehalten wurden, werden jetzt zum zentralen Steuerungsapparat, unterstreicht Beck. Dass uns „etwas über die Leber läuft“, wenn wir uns ärgern, wusste schon der Volksmund. Jetzt kann man auch neurobiologisch nachweisen, dass Ärger für unsere Gesundheit schlecht ist, dass er wichtige Gene ausschalten kann.

Klassisches Beispiel Kaspar Hauser#

Ein gutes Beispiel für die Wechselwirkungen beider Faktoren bezüglich der Entwicklung einer Person liefert der Fall Kaspar Hauser: Er wurde im Mai 1828 im Alter von circa 16 Jahren in Nürnberg gefunden. Offenbar lebte er bis zum dritten Lebensjahr in einer familiären Umgebung, dann bis zu seinem 16. Lebensjahr in einem dunklen Keller ohne Zuwendung und Ansprache. Bei seiner Rückführung in die Zivilisation konnte er soziales Verhalten und Sprache erlernen, der Aufbau von Emotionen, sozialer Bindungsfähigkeit und Empathie waren nicht mehr möglich.

Durch Stress, frühkindliche traumatische Erfahrungen, aber auch durch Umweltgifte und schlechte Ernährung können sich sogenannte Methylgruppen am Erbgut festsetzen und bestimmte Gene blockieren. Forscher haben Gene in Krebszellen gefunden, die mit solchen Methylgruppen „markiert“ sind.

„Die beiden Lager sind längst versöhnt: Gene und Umwelt sind keine Gegensätze. Sie wirken stets im Zusammenspiel.“, Foto: © Istockphoto
„Die beiden Lager sind längst versöhnt: Gene und Umwelt sind keine Gegensätze. Sie wirken stets im Zusammenspiel.“
Foto: © Istockphoto

Diese Methyhlgruppen werden besonders durch die Nahrung aufgenommen und in die Zellen eingeschleust. Grüner Tee und Sojaprodukte beeinflussen diese Methylierung günstig. Durch die Methylierung wird ein Gen selbst nicht verändert, jedoch wird es dadurch abgeschaltet, d. h. nicht der Inhalt sondern die Wirkung eines Gens wird verändert. „Besonders wichtig sind Schwangerschaft, die ersten Lebensjahre und die Pubertät“, schreibt der Arzt und Hormonforscher Johannes Huber in seinem jüngsten Buch „Liebe lässt sich vererben“. In diesen Phasen ist die Prägung am stärksten, passen sich die Gene noch einmal unserer Umwelt an, wird das Erbgut umgeschrieben. Ob sich die ersten Bezugspersonen dem Baby liebevoll zuwenden, es streicheln oder weglegen, liebkosen oder schlagen – all diese prägenden Erfahrungen aktivieren bestimmte Gene oder schalten sie aus, bestimmen, ob der Erwachsene später eher glücksfähig oder depressiv, empathisch oder eher aggressiv wird.

Deshalb, sagt der Molekularbiologe Joachim Bauer, „dürfen Kinder kein Elend“ erleben: Durch frühkindliche Vernachlässigung und Gewalt wird das Kind derart unter Stress gesetzt, dass Nervenzellen und Synapsen (durch Glutamat und Cortisol) zerstört werden. Mit zerstört wird die Fähigkeit zur Empathie, das Mitgefühl mit anderen. Auch der norwegische Attentäter Anders B. Breivik zeigte, nachdem er achtzig Menschen erschossen hatte, keinerlei Reaktionen des Mitgefühls.

In seinem jüngsten Buch: „Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt“ entlarvt Bauer den Aggressionstrieb als „Mythos der Psychoanalyse“: „Der Mensch ist seinem innersten Wesen nach sozial. Er besitzt eine natürliche Veranlagung zur Empathie.“ Menschen, unterstreicht Bauer, werden durch nichts so sehr auf Touren gebracht wie durch soziale Integration und Anerkennung. Wenn Jugendliche wie jetzt in England randalieren und wahllos Schaufenster einschlagen, so ist das eine „verschobene Aggression“. Die Ursachen sieht Bauer in der Vernachlässigung und in der Ausgrenzung dieser Jugendlichen, die mangels Bildung niemals eine Chance sehen, in der Gesellschaft aufgenommen zu werden. Was tun? „Das, was Sozialarbeiter seit Dekaden predigen, kann heute durch Experimente im Hirnscanner gezeigt werden“, sagt Bauer: „Fürsorge, Achtsamkeit, Erziehung und Bildung sind die wichtigsten Faktoren der Gewaltprävention.“

Selbstschutz durch aggressives Verhalten#

Umgekehrt kann die Nichtbeachtung frühkindlicher Bedürfnisse Selbsthass und Selbstzweifel erzeugen, können Gewalterfahrungen und Vernachlässigung zu Selbstzerstörung, Misstrauen, Hass und Gewalt nach außen führen. Leistungsdruck, Desintegration und Gewalt prägen eine Welt, in der sich die Verteilungskämpfe um die knapper werdenden Ressourcen verschärfen und Sozialsysteme mehr und mehr in Ingroups und Outgroups zerfallen, warnt Bauer: „Und beruft euch nie wieder auf den Aggressionstrieb, wenn es euch nicht gelungen ist, menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen.“ „Wenn wir unsere Kinder schlagen, demütigen, ausgrenzen, unfair behandeln, überschreiten wir ihre Schmerzgrenze. Dann können sie sich nicht anders schützen als durch Aggression.“ Aggression, so Bauer, diene auch dem Schutz der eigenen Integrität, der eigenen Unversehrtheit.

William James (1842–1919), Professor in Harvard und Stanford, einer der Urväter der wissenschaftlichen Psychologie, sagte 1890 über frühe Gewalterfahrungen: „An impression may be so exciting emotionally as almost to leave a scar among cerebral tissue.“ („Ein Erlebniseindruck kann emotional so aufregend sein, dass er beinahe so etwas wie eine Narbe in der Gehirnsubstanz hinterlässt.“) Der Molekularbiologe Joachim Bauer bestätigt das heute: „Erst seit wenigen Jahren können wir sagen, dass dieser Satz tatsächlich zutrifft.“

DIE FURCHE, 25. August 2011