unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
6

In die Hightech-Röhre statt unters Messer #

Welche ist die wichtigste jüngere Entwicklung auf dem Gebiet der Medizin? Bei einer Umfrage antworteten Ärzte mehrheitlich: Die Computertomographie. Tatsächlich hat diese Technik die Medizin revolutioniert. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 21. Februar 2013)

Von

Michael Kraßnitzer


Computertomograph
© DIE FURCHE

Innere Organe, Blutgefäße und Knochen können mittels Computertomographie (CT) sichtbar gemacht und genauestens untersucht werden, ohne die Haut des Patienten zu öffnen und direkt nachzuschauen. Sicher, Röntgenbilder gibt es schon länger. Die klassische Röntgenuntersuchung jedoch stößt bei Weichteilen schnell an ihre Grenzen und auch das unter dem Schädelknochen verborgene Gehirn kann mit gewöhnlichen Röntgenuntersuchungen nicht sichtbar gemacht werden.

Jener Fachartikel, in dem die CT erstmals beschrieben wurde und erste CT-Bilder veröffentlicht wurden, erschien vor nunmehr 40 Jahren. Wie es dazu kam, klingt ziemlich abenteuerlich: Der Brite Godfrey N. Hounsfield, der den ersten Computertomographen entwickelte, war ein Schulabbrecher ohne Universitätsabschluss, der zuerst als Techniker bei der Royal Air Force arbeitete. Dann wechselte er zu EMI, einem Unternehmen, das vor allem als Schallplattenhersteller bekannt ist, wo aber damals auch Radargeräte und Lenkwaffen entwickelt wurden.

Beatles brachten Forschungsgelder #

Da EMI die Beatles unter Vertrag hatte, schwamm das Unternehmen in den 1960er Jahren in Geld und konnte es sich leisten, seinen Forschern auch die ambitioniertesten Ideen zu finanzieren. Hounsfields Einfall, den Körper aus einer Vielzahl von Perspektiven mit Röntgenstrahlen zu durchleuchten und daraus mittels Computer Schnittbilder zu errechnen, war eine solche Idee.

Dafür erhielt Hounsfield 1979 den Nobelpreis, gemeinsam mit Allan M. Cormack, der zehn Jahre zuvor dieselbe Idee gehabt und die mathematischen Grundlagen der CT erarbeitet hatte. Weil aber die Computer damals noch nicht leistungsfähig genug für die komplizierten Berechnungen waren, hatte er seine Idee nicht in die Realität umsetzen können. Doch die mathematischen Grundlagen der CT waren in Wahrheit bereits 1917 entwickelt worden, aber mangels Anwendbarkeit zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten: und zwar von dem österreichischen Mathematiker Johann Radon. Die sogenannte Radontransformation bildet heute die Grundlage zur Berechnung von CT-Bildern.

Die CT ist heute aus vielen Bereichen der Medizin nicht mehr wegzudenken. „Für die Neuroradiologie bedeutete die Einführung dieser Technik einen weitgreifenden Paradigmenwechsel. CT ermöglichte erstmals die direkte Darstellung von Erkrankungen des Gehirns wie Blutungen, Durchblutungsstörungen, Hirntumoren oder entzündlichen Hirnerkrankungen“, erzählt Johannes Trenkler, Leiter des Instituts für Radiologie an der oberösterreichischen Landes-Nervenklinik in Linz: „Mit der raschen Verbreitung von CT-Geräten wurden invasive und für den Patienten höchst belastende Untersuchungen wie Luftfüllungen oder Punktion der Hohlräume im Gehirn gänzlich abgelöst“, erklärte der Mediziner bei einer Pressekonferenz der Österreichischen Röntgengesellschaft anlässlich des 40-jährigen CT-Jubiläums.

© DIE FURCHE
© DIE FURCHE
© DIE FURCHE
© DIE FURCHE
Auch in der Onkologie spielt die CT seit vielen Jahren eine zentrale Rolle. „Moderne Multidetektor- CTs bieten Bilder in hervorragender Qualität und Auflösung und liefern wichtige Informationen, die der Arzt für eine Behandlungsstrategie und damit für eine optimale Versorgung der Krebspatienten benötigt“, erklärt Reto Bale, Professor an der Abteilung für Radiologie der Medizinischen Universität Innsbruck. Wenn Gewebeproben aus Lungen- oder Knochentumoren entnommen werden, dann geschieht das mit Hilfe von Bildern, die in Echtzeit das Körperinnere abbilden. Diese sogenannte CT-Navigation kommt auch bei neuen minimal invasiven Verfahren zum Einsatz, mit denen kleine Tumore ohne chirurgischen Eingriff zerstört werden: Dabei wird das Krebsgewebe entweder mittels hochfrequenter Radiowellen oder Mikrowellen verkocht bzw. mittels Kältesonde eingefroren. Moderne Software erlaubt die automatisierte dreidimensionale Rekonstruktion und Größenmessung von Tumoren in Lunge und Leber. Auch die Darmspiegelung könnte künftig durch eine virtuelle Endoskopie abgelöst werden: Dabei blickt der untersuchende Arzt in eine 3D-Visualisierung des Dickdarminneren.

Von Schlaganfall bis Herzleiden #

In den letzten Jahren konnten entscheidende Fortschritte in den technischen Möglichkeiten der Diagnostik von Gefäßerkrankungen erzielt werden. „Aus der modernen Diagnostik von Halsschlagader- Erkrankungen und auch aus der Abklärung des akuten Schlaganfalls ist die CT-Angiographie heutzutage nicht mehr wegzudenken“, bekräftigt Christian Loewe, Professor an der Universitätsklinik für Radiodiagnostik der Medizinischen Universität Wien: In nur wenigen Sekunden reiner Untersuchungszeit und ohne Notwendigkeit einer Arterienpunktion in der Leiste können Engstellen der Halsgefäße dargestellt, Verschlüsse von hirnversorgenden Arterien diagnostiziert und die notwendigen Therapien geplant werden. „Durch technische Fortschritte konnte nicht nur die Auflösung der CT-Angiographien erhöht, sondern auch die damit einhergehende Exposition mit Röntgenstrahlen deutlich reduziert werden“, betont Loewe.

© DIE FURCHE
© DIE FURCHE

Mit den verfügbaren modernen CT-Techniken können auch die Herzkranzarterien und deren Veränderungen innerhalb weniger Sekunden dargestellt werden. „Die hohe Aussagekraft dieser Methode wurde in zahlreichen nationalen und internationalen Publikationen bestätigt“, erklärt Loewe. Eine CT-Untersuchung der Herzkranzgefäße ist äußerst nützlich, denn damit kann eine sehr häufige und schwierig zu behandelnde Erkrankung schon einmal ausgeschlossen werden: die koronare Herzkrankheit, also die Verkalkung der Herzkranzgefäße, die in Österreich Todesursache Nummer eins ist. „Doch diese nicht-invasive Untersuchungen mit hoher diagnostischer Aussagekraft wird den Patienten in Österreich vorenthalten“, kritisiert Loewe.

Krankenkassen zahlen nicht #

Die großen Krankenkassen nämlich – mit Ausnahme der steirischen Gebietskrankenkasse – weigern sich, diese Untersuchung zu bezahlen. Daher sind diese durch einen niedergelassenen Facharzt problemlos durchführbaren, nur wenige Minuten dauernden nicht-invasiven Untersuchungen für Krankenkassenpatienten nicht verfügbar. Stattdessen wird bei den Herzkranken im Spital ein Herzkatheter gesetzt. Das heißt: Ihnen wird über eine kleine Öffnung eines Blutgefäßes eine Sonde ins Herz geschoben. Das ist nicht ohne Risiko, daher müssen die Patienten auch einige Tage im Krankenhaus verbringen.

„Hier könnte viel Geld gespart werden“, so Loewe. Doch die Strukturlogik des Gesundheitssystems verhindert dies. Die Kassen haben nichts davon, wenn sie Geld für eine Untersuchung ausgeben, aber von der Kostenersparnis nicht sie selbst, sondern die Länder als Träger der Krankenhäuser profitieren. „Bleibt zu hoffen, dass sich hier durch die Gesundheitsreform etwas ändert“, seufzt der Radiologe.

In-die-Hightech-Röhre4.jpg

Wie der Körper bis zur letzten Faser durchleuchtet wird #

Bei einer Computertomographie (CT) werden mittels Röntgenstrahlung Schichtbilder durch den Körper beziehungsweise einen bestimmten Körperteil angefertigt. Dazu rotiert ein Röntgengerät um das Untersuchungsobjekt und fertigt aus unterschiedlichen Perspektiven eine Vielzahl an Einzelaufnahmen an. Aus diesen Einzelaufnahmen werden durch den Computer Schnittbilder errechnet, die dann zu einem dreidimensionalen Modell zusammengesetzt werden können. Im Gegensatz zum normalen Röntgenbild können auf diese Weise Organe, Tumoren oder Infektionsherde plastisch dargestellt werden. Die Strahlenbelastung ist freilich um ein Vielfaches höher als bei einer Röntgenuntersuchung, doch dieser Nachteil wird durch den entstehenden Nutzen bei weitem aufgehoben, sind sich Experten einig. Der neueste Schrei in dieser Sparte sind Geräte, in denen Computertomographie in Kombination mit anderen bildgebenden Verfahren eingesetzt wird, etwa mit der Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Dieses Verfahren macht mit Hilfe schwach radioaktiv markierter Substanzen biochemische Abläufe im Organismus sichtbar. (mk)

DIE FURCHE, Donnerstag, 21. Februar 2013