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Krank ohne Befund#

Manche Symptome kann selbst der beste Physikus nicht heilen#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 16. Jänner 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Walter Schmidt


Angststörungen oder Depression: Falsche Diagnose bei der Hälfte der Betroffenen.#

Medikamente
Das Erste, was Patienten vom Arzt bekommen, sind Medikamente. Egal, weswegen sie hier sind.
© corbis

Etwa jeder dritte Patient, der seinen Hausarzt um Rat wegen körperlicher Beschwerden aufsucht, gilt am Ende als "krank ohne Befund" - oft nach langwierigen, teuren und sinnlosen Untersuchungen. Doch die Kopfschmerzen, Schlafprobleme oder Herzrhythmus-Störungen kann selbst der beste Physikus nicht verschwinden lassen, wenn sie psychische Ursachen haben. Ein Spezialist für das Zusammenwirken von Körper und Seele macht seinem Ärger über unsachgemäße Diagnosen und Therapien nun in einem engagierten Buch Luft.

Da ist zum Beispiel Frau Sommer, die in Wahrheit anders heißt. Zum Erstgespräch in die Psychosomatische Abteilung des Salzburger Universitätsklinikums kommt sie mit etlichen Beschwerden. Unentwegt habe sie das Gefühl, ihre Blase entleeren zu müssen, gleichzeitig aber das ähnlich unangenehme Empfinden, laufend etwas Urin zu verlieren, was sie dazu veranlasst, ihren Blasenschließmuskel krampfhaft anzuspannen. Hinzu kommen Bauchschmerzen und Darmkrämpfe sowie weitere durch den ganzen Körper wandernde Schmerzen vom Kopf über die Hüfte bis zum Knie. Außerdem kann die Kindergärtnerin Frucht- und Milchzucker nicht vertragen, was den Speiseplan enorm einschränkt. Essen kann Frau Sommer ohnehin nur kleinste Portionen, sonst rast ihr Herz und ihr wird schwindlig.

Behandlungs-Odyssee#

An Patientinnen wie ihr kann sich das gesamte Diagnose- und Therapie-Spektrum moderner Apparatemedizin austoben - mit ebenso erheblichen wie sinnlosen Kosten für die Versichertengemeinschaft. Typischerweise hat Frau Sommer einen allseits erschöpfenden Ärzte-Marathon hinter sich. Für Psychosomatiker hingegen, also für Fachleute für leib-seelische Zusammenhänge, sei "deutlich spürbar, dass die Patientin Schutz, Geborgenheit, Klarheit, Stärke und Beistand sucht", schreibt der Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut Manfred Stelzig. In seinem Buch "Krank ohne Befund. Eine Anklageschrift" prangert der Chefarzt der Abteilung für Psychosomatik der Salzburger Uniklinik die seiner Ansicht nach mangelhafte Behandlung von Krankheiten an, die sich zwar körperlich äußern, aber seelische Ursachen haben.

Frau Sommer ist insofern ein typischer Fall, als sie in ihrer Kindheit zu wenig berührt worden ist. Halt und Rückhalt am Körper zu erfahren ist längst nicht allen Kindern vergönnt - woraus ein Leben lang Leid erwachsen kann. Ob wir uns als Erwachsene nämlich wohl in unserer Haut fühlen, hängt wesentlich davon ob, ob unsere zarte Hülle schon in Kindertagen ausreichend berührt, gestreichelt und liebkost wurde. Nicht von ungefähr kommen Hautkrankheiten bei Menschen mit psychischen Problemen deutlich öfter vor als bei Gesunden.

Frau Sommer hatte distanzierte, eher berührungsgehemmte Eltern. Beide waren Lehrer und "immer sehr korrekt und auf Ordnung bedacht". Ihre Tochter kann sich "nicht daran erinnern, dass es in ihrer Familie körperliche Berührung gegeben hat. Weder Umarmung noch Schoßsitzen oder Kuscheln vor dem Fernseher waren möglich". Die Fürsorge der ängstlichen Eltern bestand eher darin, ihr immerzu kränkliches Mädchen von etlichen Ärzten untersuchen zu lassen.

Fallgeschichten wie diese kennen die meisten psychosomatisch geschulten Mediziner. Was gefehlt hat, liegt auf der Hand: von Mutter und Vater frühzeitig und immer wieder glaubhaft gewährte menschliche Wärme. Statt ihrem Kind Schutz, Geborgenheit und Liebe zu vermitteln, haben die Eltern Zuwendung "an das medizinische System delegiert". "Eine Heilung ist auf dieser Schiene natürlich nicht möglich", urteilt Stelzig. Nur eine "jahrelange, aufwendige Psychotherapie" könne der buchstäblich Haltlosen helfen, den ihr früher verwehrten Halt auf liebevolle Weise in sich selber aufzubauen, bei Bedarf abzurufen und so unabhängiger vom Zuspruch anderer zu werden.

Ausdruck über den Körper#

Quer durch das Buch ist zudem der Unmut, mitunter auch der Zorn des Autors über die Missstände des Gesundheitswesens zu spüren. Stelzig hat viele Patienten erlebt, die nach meist erfolglosen, oft jahrelangen, kostspieligen Behandlungen an diversen Organen irgendwann bei ihm landen - noch immer verzweifelt auf der Suche nach der Ursache ihrer drängenden körperlichen Beschwerden. Angststörungen können sich über den Körper ausdrückende, ebenso wie maskierte Depressionen oder unbehandelte Psychotraumen. Solange die Seele nicht ergründet wird, schmerzt und spinnt der Körper.

Aus langjähriger Erfahrung weiß Stelzig, dass die richtige Diagnose "bei mehr als der Hälfte der Betroffenen nicht gestellt" wird. Deren zermürbende Behandlungs-Odyssee vom Internisten über den Orthopäden hin zum Kardiologen und oft wieder zurück lässt dem Salzburger Psychosomatiker keine Ruhe: "Wenn ohnehin bereits leidende Menschen zusätzlich auf solche Irrwege geschickt werden, dann macht das einen Spezialisten wütend und fassungslos."

Dabei gebe es seit etlichen Jahren einen Berg an einschlägiger Fachliteratur. Seit 1992 sind die sogenannten somatoformen Erkrankungen - also solche ohne klaren organischen Befund - im weltweit anerkannten Krankheitsverzeichnis, dem ICD-10, angeführt. Doch nach wie vor zähle "für sehr, sehr viele Ärzte noch immer nur die organische Seite". Sachliche Argumente würden "zwar höflich, interessiert und durchaus beipflichtend zur Kenntnis genommen. Trotzdem wird stur am eingefahrenen System zur Behandlung organischer Erkrankungen festgehalten."

Schlecht geschulte Ärzte#

Schuld sei vor allem ein "krasses Missverhältnis zwischen der Ausbildung der Ärzte und der Anzahl der Patienten, die an psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen leiden und deswegen die Sprechstunden von Haus- oder Fachärzten bevölkern. In Österreich müssten Allgemeinärzte während ihrer langjährigen Ausbildung "gerade einmal zwei Monate Spezialtraining" in der Neurologie oder Psychiatrie absolvieren - als Vorbereitung auf jene 30 Prozent ihrer späteren Patienten, die sie wegen seelisch verursachter Leiden aufsuchen.

Bei solchen Menschen hilft es meist nicht, die Blutwerte zu kontrollieren, ein EKG machen oder sie in die Röhre des Computer-Tomographen zu schieben. Ihnen muss der Arzt vor allem zuhören und behutsam nachfragen. "Wenn ich mit den Patienten sprechen und herausfinden will, ob es ein Problem mit Alkohol oder dem Ehemann gibt, brauche ich dazu Zeit", sagt die Gynäkologin Annette Güntert, die bei der Bundesärztekammer das Dezernat für Aus- und Weiterbildung leitet. Sie plädiert für einen größeren Stellenwert des Arzt-Patienten-Gesprächs. Das wichtigste Diagnose-Instrument müsse auch deutlich besser bezahlt werden - was kein Problem sei, da sich so viele teure und überflüssige Behandlungen so einsparen ließen.

Die Angst vor der Psyche#

Auch in Deutschland würden die Mediziner psychosomatisch "nicht viel besser" geschult als in Österreich. Dass Allgemeinärzte zwischen Füssen und Flensburg lediglich 80 Stunden Psychosomatik büffeln müssten, sei "lächerlich" mit Blick auf den großen Anteil an Patienten mit psychisch verursachten Beschwerden. In den Allgemeinpraxen, würden "die Weichen gestellt", wie ein Patient über Monate oder gar Jahre weiterbehandelt wird.

Wie gut Patienten in psychosomatischer Hinsicht von ihren Hausärzten betreut werden, ist "sehr abhängig vom einzelnen Arzt und dessen Engagement und innerer Einstellung zu psychischen Erkrankungen", sagt Wolf-Jürgen Maurer, Chefarzt der Panorama-Fachklinik in Scheidegg im Allgäu. "In der neueren ärztlichen Ausbildung ist zumindest die psychosomatische Grundausbildung vorgeschrieben." Ein eher "geringes Wissen" vieler Mediziner in Sachen Psychosomatik bemängelt auch Peter Henningsen, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum rechts der Isar in München. Leib-seelisches Fachwissen sei aber nicht alles. Oft werde durchaus erkannt, dass ein Leiden psychische Ursachen haben könnte, "aber es besteht Unsicherheit darüber, wie zu handeln ist. Aus lauter Unsicherheit heraus wird doch wieder rein organisch weiter diagnostiziert und behandelt."

Dummerweise treffen viel zu häufig psychosomatisch blinde oder zumindest sehbehinderte Mediziner auf Patienten, die von ihrer unglücklichen Ehe, verdrängten Trauer oder stummen Wut als Ursache für ihre Leiden nichts hören wollen. "Patienten verbeißen sich gerne in die Vorstellung, es müsse etwas Organisches sein", sagt Stelzig. Sie hätten Angst, als seelisch krank zu gelten, oder gar als Simulanten. Hier müsse der Arzt ein zumindest brauchbarer Psychologe sein und erklären können, wie die Seele durch den Körper spricht. Röntgenbilder oder eine Liste übler Blutwerte entfallen als Argumentationshilfe. Gut geschulte Ärzte im Stellwerk könnten jedenfalls "Betroffenen und Angehörigen Leid und Kummer ersparen".

Wiener Zeitung, Mittwoch, 16. Jänner 2013