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Mother’s little helper #

Leo Henryk Sternbach – Eine Spurensuche#


Von

Mag. pharm. Dr. Bernd Mader


Haus, Leo Henryk Sternbach
Abb. 1: Das Haus in Opatija, wo Leo Henryk Sternbach seine Jugendjahre verbrachte
© ÖAZ 16 / Foto: B. Mader

Kennen Sie Leo Henryk Sternbach? Nein? Aber Valium® ist uns allen ein Begriff. Begleiten Sie uns auf Spurensuche – vom alten Abbazia über Krakau nach North Carolina.#

Den Jahreswechsel 2009/2010 verbrachte ich in Opatija, dem alten Abbazia. Bei einem Spaziergang entlang der Maršala Tita, der Hauptgeschäftsstraße von Opatija, entdeckte ich an einem Haus (Abb. 1) eine marmorne Gedenktafel, wo in kroatischer und englischer Sprache nachfolgender Text zu lesen war (Abb. 2).

Wiedergegeben sei hier der Text in Englisch:

Gedenktafel Leo Hedryk Sternbach
Abb. 2: Gedenktafel am Haus in Opatija
© ÖAZ 16 / Foto: B. Mader

LEO HENRYK STERNBACH
OPATIJA, 1908.-
CHAPEL HILL, NORTH CAROLINA,
2005.
CHEMIST AND THE INVENTOR
OF VALIUM SPENT HIS CHILDHOOD
IN THIS HOUSE.
ROCHE D.O.O. HRVATSKA, 2006

Ehrlicherweise hatte ich von Dr. Sternbach noch nie gehört, aber Valium® war mir natürlich ein Begriff. Als historisch interessierter Pharmazeut beschloss ich,mich über Leo Henryk Sternbach näher zu informieren.

Mein erster Ansprechpartner war die Firma Roche Austria GmbH in Wien [1]. Bereitwillig stellte Roche Austria Material, meist Firmenartikel, zur Verfügung.

Leo Henryk Sternbach wurde am 7. Mai 1908 als Sohn des jüdisch-polnischen Apothekers Michael Abraham Sternbach und dessen jüdisch-ungarischer Ehefrau Piroschka (Piri), einer geborenen Cohn, in Opatija geboren [2]. Opatija hieß damals Abbazia, war ein beliebter Kurort der Österreich-Ungarischen Monarchie und galt als "Perle der österreichischen Riviera" [3].

Kaiser und Könige kamen hierher, der Adel und das wohlhabende Bürgertum suchten hier Erholung (Abb. 3). Abbazia wurde auch der Sterbeort mancher bekannten österreichischen Persönlichkeit. So verstarb hier am 6. Februar 1894 der berühmte Chirurg Theodor Billroth, woran noch eine Marmortafel an der Promenade, unterhalb der Kirche zum hl. Jakob, erinnert4, hier verstarb auch Erzherzog Johanns einziger Sohn Franz am 27. März 1891 [5].

Apothekerssohn#

Abbazia, Postkarte
Abb. 3: Abbazia, die Perle der österreichischen Riviera auf einer Ansichtskarte um 1900
Leo Henryk Sternbachs Vater betrieb in Abbazia eine Apotheke. Nach dem Zerfall der Österreich-Ungarischen Monarchie kam Abbazia zu Italien. Die österreichische Schule wurde geschlossen und Sternbach wurde vorerst von Privatlehrern unterrichtet. Mit dreizehn Jahren wurde er nach Österreich zur Schule geschickt [6].

Leo Henryk Sternbach
Abb. 4: Leo Henryk Sternbach im Februar 1989 (Archiv Roche®)

Die großen politischen Umwälzungendieser Zeit brachten die Familie in finanzielle Schwierigkeiten und so siedelte man im Jahre 1926 nach Polen und ließ sich in Krakau nieder. An der dortigen Universität studierte Sternbach Pharmazie und organische Chemie und promoviertedort im Jahre 1931. Als Forschungsassistent und Lektor blieb er vorerst an der Universität. Ein Stipendium ermöglichte ihm auch ins Ausland zu reisen. Bei einem Aufenthalt in Wien lernte er den berühmten Chemieprofessor und späteren Nobelpreisträger Leopold Ružicka [7] kennen. Dieser lud ihn zur Mitarbeit in seiner internationalen Forschungsgruppe an der ETH Zürich ein [8].

Im Frühjahr 1940 suchte der Pharmakonzern Roche einen Forschungschemiker. Sternbach bewarb sich und wurde genommen. Kurz danach heiratete er Herta Kreuzer. Da die Schweiz Angst vor einem deutschen Einmarsch hatte, holte man Sternbach und eine Reihe weiterer jüdischer Wissenschafter in die USA, wo man in Nutley (New Jersey) ein neues Forschungszentrum aufbaute. Hier forschte und wirkte Sternbach in den nächsten 63 Jahren. Offiziell ging er zwar 1973 in Pension, aber auch die nächsten 20 Jahre arbeitete er an Projekten mit und stand jungen Kollegen mit Rat und Tat jederzeit zur Verfügung (Abb. 4). Hoch geehrt verstarb Leo Henryk Sternbach 97-jährig am 28. September 2005 in Chapel Hill, North Carolina [9].

Librium®, Valium® und 238 andere ...#

Worin lag nun Sternbachs Verdienst? Er entwickelte und erforschte die Stoffklasse der Benzodiazepine und brachte damit als erste Spitzenprodukte dieser Reihe Librium® (1960) und Valium® (1963) auf den Markt. Zahlreiche weitere Tranquilizer wurden daraus entwickelt.

Der "Blockbuster" Valium® – "Mother’s little helper" – war von 1969 bis 1982 in den USA das meistverschriebene Medikament (Abb. 5). Einen großen Anteil am kommerziellen Erfolg in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts verdankt Roche den bahnbrechenden Forschungsarbeiten Sternbachs. 240 Präparate brachte Sternbach während seiner Tätigkeit zur Patentreife, jedes fünfte Roche-Patent trug seinen Namen.

In der Broschüre "Die Benzodiazepin-Story" hat Sternbach selbst die Entwicklung dieser Stoffgruppe anschaulich zusammengefasst [10]. Mitte der fünfziger Jahre entschloss sich die Firma Roche auf dem Gebiet der Tranquilizer tätig zu werden. Auch Chemiker anderer Firmen beschäftigten sich damit. Sternbach erinnerte sich an seine Arbeiten in Krakau und versuchte einen anderen Weg als diesen einzuschlagen. Er versuchte es über die Benzo-heptox-diazine [11]. Dann aber – ungefähr im zweiten Halbjahr von 1955 – zwangen andere Aufgaben Sternbach sich in der Beschäftigung an dieser Gruppe drastisch einzuschränken. Die Laborarbeitsplätze waren überfüllt mit vielen Substanzen, die in verschiedenen Schalen, Kolben und Bechergläsern gelagert waren. Es begann eine große Aufräumaktion. Ein Mitarbeiter lenkte Sternbachs Aufmerksamkeit auf einige hundert Milligramm zweier Produkte, die noch keiner pharmakologischen Prüfung unterzogen worden waren. Eigentlich wollte man bei einem erwarteten negativen pharmakologischen Ergebnis die Arbeit an dieser Serie abschließen. Es kam jedoch anders.

Das Produkt wurde im Mai 1957 getestet. Nach ein paar Tagen kamen begeisterte Telefonanrufe der Pharmakologen. Die Tests, die für eine erste Prüfung von Tranquilizern und Sedativa angewendet wurden, brachten ungewöhnlich interessante Ergebnisse. Es war dann noch ein weiter Weg bis zur Entwicklung von Librium® und in weiterer Folge zum Valium®, aber das Tor zu einer neuen Substanzgruppe war damit aufgetan worden.

Bernd Mader
Abb. 5: Valium®-Produkte in einer Verpackung um ca. 1987 (Archiv Roche®)

[1] Bei Dr. Franz Wede und Mag. Bernadette Keusch, Roche Austria GmbH in Wien, möchte ich mich für jegliche Hilfestellung herzlich bedanken.
[2] Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Leo_sternbach – Für die Vornamen der Eltern möchte ich mich bei Mag. Bernadette Keusch abermals herzlich bedanken (Email vom 20. April 2019). Mein Dank gilt auch für die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Fotos.
[3] Vgl. Alfred Niel, Die k.u.k. Riviera. Von Abbazia bis Grado. Graz/Wien/Köln 1981, S. 32.
[4]Ebda, S. 37f.
[5] Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Franz_Graf_von_Meran
[6] Vgl. Lukas Straumann, Ein Leben für Roche und für Valium. In: Alex Bänninger, Jorge Alberto Casta e Silva, Ian Hindmarch, Hans-Jürgen Möller, Karl Rickel, Good Chemistry. The Life and Legacy of Valium Inventor Leo Sternbach, New York (Mc Graw-Hill) 2004.
[7] Zu Ružicka siehe: de.wikipedia.org/wiki/Leopold_Ružicka
[8] Wie Anm. Nr. 6. – Vgl. dazu auch: Aus Tradition der Zeit voraus. Firmenschrift. Historisches Archiv Roche (Hsgr.), Basel 2008, S. 38.
[9] Ebda.
[10] L. H. Sternbach, Die Benzodiazepin-Story, Edition Roche, Basel 1986.
[11] Ebda S. 9 ff.



Bernd Mader
Bernd Mader


Autor: Mag. pharm. Dr. Bernd Mader
E-Mail: bernd_mader@gmx.at


ÖAZ, 16 I 64. Jg. I 2. August 2010



Ein wirklich in jeder Hinsicht faszinierender Beitrag.

--Glaubauf Karl, Mittwoch, 11. August 2010, 18:35