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Strich durch Parkinsons Rechnung #

Wiener Biotech-Unternehmen Affiris präsentiert erste positive Tests von Parkinson-Impfung. Von #


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 2./3. August 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Eva Stanzl


Nervenzelle mit Morbus Parkinson
Nervenzelle mit Morbus Parkinson: der Zellkern hier in blau, das zerstörerische Protein Alpha-synuclein in rot. Foto: © Library/Corbis

New York/Wien. In einer alternden Bevölkerung wäre eine Impfung gegen Morbus Parkinson eine Sensation. Die Resultate erster Tests eines Wirkstoffs stimmen nun immerhin hoffnungsfroh. In einer frühen Studie der Phase I an 32 Testpersonen habe sich eine Impfung gegen die neurodegenerative Erkrankung als sowohl als verträglich erwiesen als auch die gewünschte Wirkung ausgelöst, gab das Wiener Biotech-Unternehmen Affiris, das seit einigen Jahren neuartige Impfungen entwickelt, am Donnerstagnachmittag vor Journalisten in New York bekannt.

„Wir konnten die erwünschte Immunantwort gegen Morbus Parkinson bei 15 der geimpften 24 Probanden feststellen“, sagt Achim Schneeberger, Gruppenleiter bei Affiris, zur „Wiener Zeitung“. Alle getesteten Frauen und Männer seien um die 55 Jahre alt und im Frühstadium erkrankt, der Krankheitsverlauf konnte jedoch bei 60 Prozent verlangsamt oder gestoppt werden. Schneeberger bezeichnet das Ergebnis als „vielversprechend. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass selbst handelsübliche Impfstoffe nicht bei allen Patienten wirken und es keine ursächliche Therapie gegen Parkinson gibt, können wir sehr zufrieden sein.“

Dopamin-Mangel #

Weltweit leiden rund fünf Millionen Menschen an der Parkinson- Krankheit. Charakteristisch ist die Ausbildung von Lewy-Körperchen in den Nervenzellen des Gehirns. Diese bestehen aus dem Protein Alpha-synuclein, das sich in den Zellen anreichert und zu deren Degeneration und Absterben führt. Wenn dabei die Dopamin- produzierenden Zellen im Gehirn sterben, sich also ein Dopaminmangel einstellt, entsteht die „Schüttellähmung“ Morbus Parkinson. Zwar kann die Krankheit mit Arzneimitteln (L-Dopa) recht gut behandelt werden. Jedoch lässt die Wirkung der Medikamente mit der Zeit nach.

Forscher gehen davon aus, dass es die Nervenzellen schützen würde, wenn die Alpha-synuclein- Ablagerungen verringert würden. Affiris will diese Prozesse mit einer aktiven Immuntherapie anregen. Der von dem Unternehmen entwickelte Wirkstoff PD01A soll das Immunsystem dazu bringen, Antikörper zu bilden, die Alpha-synucleine als Fremdproteine erkennen und bekämpfen. Ziel ist eine ursächliche Behandlung, die den Verlauf von Parkinson im Idealfall stoppt. Allerdings muss früh geimpft werden Im fortgeschrittenen Krankheitsstadium wären zu viele Nervenzellen zerstört, um Verbesserungen zu erreichen.

„Manche Menschen können von selbst Antikörper gegen Alpha- synuclein bilden. Etwa wurde diese Fähigkeit bei gesunden 100-Jährigen gefunden. Es könnte also sein, dass viele andere Menschen diese Fähigkeit mit dem Alter verlieren“, erläutert Schneeberger. PD01A rege das Immunsystem zu dieser Fähigkeit an - allerdings nicht für immer. So habe sie nach Ende der Impfzeit in der Phase I-Studie (2012-2014) wieder abgenommen. Nun wollen die Forscher herausfinden, wie der Antikörper-Spiegel hochgehalten werden kann. Im September startet Affiris eine „Booster-Studie“ um zu testen, ob Auffrischungsimpfungen sicher verabreicht werden können.

Üblicherweise dauert es rund zehn Jahre, bis ein Medikament zugelassen ist. Wirstofftests starten mit präklinischen Studien zunächst an Zellkulturen und dann im Tierversuch. Es folgt die Studie der Phase I wie hier an Kleingruppen, damit mögliche schädliche Wirkungen nur wenige Menschen betreffen. Für eine Zulassung in die nächste Testphase muss die Verträglichkeit nachgewiesen sein – oftmals zeichnen sich allerdings schon hier Hinweise auf die Wirkung ab.

Therapeutische Impfung #

Die klinische Phase II-Studie soll an 100 bis 300 Patienten nachweisen, ob die Impfung tut, was ihre Erfinder von ihr erwarten. Und da nicht jedes Medikament bei jedem Menschen gleich wirkt, soll schließlich Phase III Wirkung und Variabilitäten an eine statistische Größe von 1000 bis 2000 Patienten nachweisen. Nach der Marktzulassung berichten in Phase IV Ärzte aus der Praxis, wenn sie neue, bisher unbekannte Nebenwirkungen bemerken.

Die Forschungen von Affiris wurden von der amerikanischen Michael J. Fox Foundation mit 1,5 Millionen Dollar (1,12 Millionen Euro) unterstützt. Die Stiftung wird auch die Booster-Studie finanzieren. Für Phase II wird ein Lizenzpartner gesucht.

Wie eine Infektionskrankheit ausrotten kann man Parkinson nicht. „Es handelt sich nicht um einen Erreger, der von Wirt zu Wirt weitergegeben wird, sondern es wird ein körpereigenes Molekül zu viel erzeugt“, sagt Schneeberger: „Ich kann diesem Vorgang nicht loswerden, sondern nur beseitigen.“ So lautet jedenfalls die große Hoffnung.

Wiener Zeitung, Sa./So., 2./3. August 2014