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Das große Sterben in Wien#

Vor 300 Jahren wütete in Österreichs Hauptstadt zum letzten Mal die Pest. In den Jahrhunderten davor war die Stadt mehrmals von der Seuche heimgesucht worden. Ein kurzer medizingeschichtlicher Rückblick.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 7./8. September 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Arthur Fürnhammer


Karlskirche
Ein Dankbau für das Ende der Pest: die Karlskirche.
Foto: © Fürnhammer

"Vienna ventosa aut venenosa" - in Wien herrscht der Wind oder die Pest. Dieses im Mittelalter geläufige Sprichwort hatte bis ins Barockzeitalter Gültigkeit. Um genau zu sein bis zum Jahr 1713, als Wien zum letzten Mal von einer Pestepidemie heimgesucht wurde. Vor exakt dreihundert Jahren, gegen Ende des Sommers, erreichte die Pest ihren Höhepunkt.

Das alte Sprichwort kommt nicht von ungefähr. Seit dem 14. Jahrhundert war der Schwarze Tod ein regelmäßiger Besucher, der mehrmals im Jahrhundert Elend und Verderben nach Wien brachte. Auch wenn sich die einzelnen Pestfälle in ihrem Ausmaß unterschieden und die Obrigkeit gegen Ende des Mittelalters begann, Maßnahmen zur Eindämmung der Pest zu setzen, so war eines über die Jahrhunderte gleich: Man kannte die genaue Ursache der unheilbringenden Krankheit nicht, war ihr hilflos ausgeliefert und empfand sie als Gottesurteil, als Strafe für die Laster und Sünden der Menschheit.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Erreger der Pest gefunden. Seitdem ist bekannt, dass es sich dabei um eine bakterielle Infektionskrankheit handelt und das Bakterium von Ratten und deren Flöhen auf den Menschen übertragen wird. In der Neuzeit wusste man immerhin, dass die Krankheit übertragbar war. Im 14. Jahrhundert aber war die Unwissenheit noch absolut. Die viel zitierte Phrase vom "finsteren Mittelalter" stimmt hier insofern, als man auf der Suche nach Lösungen für die größte Seuche der Menschheit tatsächlich völlig im Dunklen tappte. Die Erklärungsversuche muten aus heutiger Sicht grotesk an und sind nur im Licht der Lebensumstände und der damals herrschenden Ohnmacht verständlich.

"Streit der Gestirne"#

Die erste große Pestepidemie, die ein Drittel der Bevölkerung Europas dahinraffte und auch in Wien wütete, fand in den Jahren 1348/49 statt. Die Wiener Universität sollte erst 1365 gegründet werden, den damaligen Prioritäten entsprechend zuerst mit einer theologischen, und erst später auch mit einer medizinischen Fakultät. In Paris bestand jedoch schon eine medizinische Fakultät und sie gab auch eine offizielle Erklärung zur Ursache der "Pestilenz" ab. Diese liege "im Streit der Gestirne in der Gegend des indischen Meers" begründet, da beim Kampf mit der Hitze des himmlischen Feuers giftige Dämpfe entstünden, die die Luft verseuchten. Diese würde über die Winde in alle Erdteile getragen, weshalb kein Mensch "dem verdorbenen Südwind aus Indien" entkäme.

Auch der berühmte belgische Pestarzt Paul de Sorbait, immerhin kaiserlicher Leibarzt und Rektor der Universität, identifizierte noch Ende des 17. Jahrhunderts die schlechte Luft als eines der Hauptübel der Pest. Neben der vernünftigen Anweisung, regelmäßig zu lüften, empfahl er aber auch heftiges Läuten der Kirchenglocken, weil dies die Luft "aufmuntern" würde.

Da die Ursache für das große Sterben unbekannt war, fehlte es auch an wirksamen Heilmethoden. Aderlass, Klistiere, Gewürzmischungen und das Universalmittel Theriak, das in allen nur denkbaren Varianten und mit bis zu 300 Ingredienzien vorkam, gehörten zu den harmloseren Praktiken. Empfohlen wurde jedoch auch die Einnahme von getrockneten pulverisierten Pesteiterbeulen. Und die das Böse symbolisierende Kröte galt, in getrockneter und pulverisierter Form verabreicht, gleichfalls als Gegenmittel.

Da die wenigsten Behandlungen zum Ziel führten, war das Vertrauen in die Ärzteschaft gering. Für den Ruf eines Arztes war es aber letztendlich völlig unerheblich, ob seine Methoden erfolgreich waren oder nicht. Gesundete der Patient, machte man nicht den Arzt dafür verantwortlich, sondern die ausreichenden Gebete. Misslang die Behandlung, war der Lebenswandel wohl zu lasterhaft gewesen.

Die Pest wurde stets aus dem Osten eingeschleppt. Sie fand in Wien jedoch aufgrund der kata-strophalen hygienischen Bedingungen und der Beengtheit der Wohnverhältnisse beste Verbreitungsbedingungen. Zur Zeit der großen Pest von 1348 gab es in der Stadt noch Ställe. In den Straßen, die nicht gepflastert waren, mischten sich Mist und Unrat mit den Ausscheidungen von Mensch und Nutztier. Häuser ohne Abtritte waren keine Seltenheit. Vielfach erleichterte man sich einfach auf offener Straße. Besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen waren die Bettler, unter denen vielfach Militärinvaliden und altes gekündigtes Dienstpersonal zu finden waren. Aber auch unter den Studenten, die in ärmlichsten Verhältnissen lebten, zusammengepfercht auf kleinstem Raum in sogenannten Bursen, waren die ersten Opfer zu finden. Die Medizinische Fakultät wusste selten Rat und oft bestand ihre einzige Reaktion nur in der Schließung der Universität, wie etwa in den Jahren 1482 und 1495.

Verhaltensmaßregeln#

Im 16. Jahrhundert wurden die ersten behördlichen Verhaltensmaßregeln erlassen. Die Bevölkerung wurde angehalten, sich des Unrats außerhalb der Stadtmauern zu entledigen, es kam zur Gründung eines Lazaretts in der Währinger Straße und eines Quarantäne-, oder "Kontumaz"-Hofes, wie man es damals nannte. Er stand an der Stelle des späteren Allgemeinen Krankenhauses. Außerdem wurde die Meldepflicht für Pestfälle eingeführt.

Im Zuge der Pest von 1552 wurde erstmals ein "Magister Sanitatis" berufen. Dabei handelte es sich um ein Amt, das in seiner Widersprüchlichkeit die Ausweglosigkeit des damaligen Gesundheitswesens verdeutlichte und dessen tatsächlicher Nutzen ganz im Gegenteil zu seiner Bezeichnung stand. Ein Meister der Gesundheit war der Magister Sanitatis nämlich nie. Er hatte die Kranken zu visitieren, behördliche Meldungen zu machen und geeignete Maßnahmen anzuregen, musste sich jedoch während der Pest jeden Umgang mit Gesunden versagen. Kein Wunder, dass sich fast nie jemand für diese Position finden wollte. Sie war noch dazu miserabel bezahlt, was angesichts der Berufsgefahr umso grotesker anmutet. Zweimal musste für die Besetzung der Position daher auf Studenten zurückgegriffen werden. Und einmal wurde einem Magister Sanitatis so beharrlich die Auszahlung seines Gehalts verweigert, dass dieser letztlich an Hunger verstarb.

Im Jahr 1679 kam es zu einer Pestepidemie, die in Umfang und Verwüstung an jene des Jahres 1348 heranreichte. Anders als im Mittelalter erreichte die Pest nun aber auch vermehrt fürstliche Kreise. Kaiser Leopold I. flüchtete mitsamt seinem Gefolge und nahm die Pest mit in seinem Flüchtlingskonvoi, zuerst nach Prag, dann nach Linz. Er überlebte die Seuche jedoch und dankte der Heiligen Dreifaltigkeit dafür, indem er auf dem Wiener Graben eine Säule errichten ließ, die heute noch als Pestsäule bekannt ist.

Auch im Jahr 1691 schlug die Pest zu. Erstmals aber zeigten die Vorkehrungen von behördlicher Seite Wirkung. In den Vorstädten wurden Wachen postiert, die darauf achteten, dass kein Fremder näher als zwanzig Schritt herankam, und die deshalb schreiend feststellen mussten, ob der Reisende aus einem infizierten Ort kam oder nicht. Unbefugt eindringende Fremde waren zu erschießen. Dies hatte Erfolg, denn insgesamt erkrankten 1691 nur 47 Personen, 36 starben.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Pest 1713 noch einmal epidemieartige Ausmaße annahm und 6000 bis 8000 Todesopfer fordern sollte. Wie so oft kam die Pest über die ungarische Grenze. Die ersten Symptome zeigten sich bei einer Schwangeren aus Ungarn, die Ende November in die Rossau gezogen war. Sie infizierte zahlreiche Mitbewohner und wurde daraufhin ins Bürgerspital überstellt, wo sie die Krankheit auf andere Schwangere übertrug. Als man die Infizierten in ein abgesondertes Lazarett brachte und die Kontumaz über die Rossau und angrenzende Stadtteile verhängte, war es schon zu spät. Wie üblich schien die Krankheit während der kalten Jahreszeit nachzulassen. Die Hoffnung, die Seuche überstanden zu haben, erfüllte sich jedoch nicht. Im Frühjahr mehrten sich die Pestfälle, bald war die ganze Stadt betroffen.

Im März wurde das große Lazarett in der Währinger Straße eröffnet, Mitte April ein Magister Sanitatis bestellt. Für die Stadt, die damals tatsächlich in vier Viertel eingeteilt war, wurden "Viertel-Commisarien" geschaffen, die Krankheitsfälle festzustellen und auf die Erhaltung der angeordneten Sauberkeit zu achten hatten. Messen durften nur mehr unter freiem Himmel abgehalten werden, Schulen wurden gesperrt, Zusammenkünfte in Wirtshäusern untersagt und Prozessionen und Wallfahrten teilweise eingestellt. Der Zutritt zum Stadtgebiet durch den Linienwall wurde speziell kontrolliert, besonderes Augenmerk legte man auf "Juden, Bettler, Pilger, Einsiedler, Griechen, Türken, Armenier und dergleichen verdächtige Personen". Bettler, die schon in der Stadt aufhältig waren, wurden, ob sie wollten oder nicht, in eine Barackensiedlung in der "Spittal-Au" verfrachtet, die damals noch auf einer der Inseln eines Donauarmes lag. Die aus sieben größeren Hütten bestehende Siedlung hatte schon zuvor als Kontumaz gedient, war streng bewacht und bekam eine eigene Kapelle, ein Wirtshaus, zwei Geistliche, einen Schulmeister und einen Bäcker.

Für Infizierte mit Vermögen wurde ein eigenes Haus in der Währinger Straße eingerichtet, in dem man für den hohen Tagessatz von einem Gulden ein eigenes Zimmer mit zwei einander ablösenden Krankenwärtern mieten konnte. Die Lazarette hingegen galten als Vorzimmer des Todes. Ärzte waren rar, die sanitären Zustände miserabel und die Heilungschancen minimal. Viele Infizierte zogen es daher vor, lieber allein und ohne Betreuung im eigenen Heim zu krepieren, als ins Lazarett gebracht zu werden.

Das erfüllte Gelübde#

Kaiser Karl VI. flüchtete nicht wie sein Vater Leopold I., sondern blieb in Wien. Und das, obwohl ein Jahr zuvor sein älterer Bruder und vorheriger Regent, Joseph I., nach nur sechsjähriger Regierungszeit mit 33 Jahren an den Blattern gestorben war. Als die Pest im Herbst abzuflauen begann und im Februar 1714 schließlich erlosch, machte der Kaiser ein Gelübde wahr und legte den Grundstein zum Bau der Karlskirche. Geweiht war dieser von Johann Fischer von Erlach geschaffene Sakralbau, einer der bedeutendsten Barockbauten Wiens, dem Namenspatron Karls, dem Pestheiligen Karl Borromäus. Die Reliefs der beiden Triumphsäulen, die an die römische Trajanssäule erinnern und den Höhepunkt der habsburgischen Machtfülle repräsentieren, stellen das Leben, die Wunder und den Tod des heiligen Borromäus dar.

Nach 1713 trat die Pest in Wien nur noch einmal in Erscheinung, und zwar bei der sogenannten "Laboratoriumspest" von 1898. Bei Untersuchungen, die von der Akademie der Wissenschaften durchgeführt wurden, infizierte sich aus Unachtsamkeit ein Institutsgehilfe, was nicht nur seinen, sondern auch den Tod einer Krankenwärterin und eines Arztes zur Folge hatte. Seit einem Ausbruch während des Zweiten Weltkrieges wurde die Pest in Österreich und dem restlichen Europa nicht mehr dokumentiert. Weltweit soll es jedoch laut WHO jährlich 1000 bis 3000 Pestfälle geben, meistens in Form kleinerer, örtlich begrenzter Epidemien.

Arthur Fürnhammer, geboren 1972, lebt als freier Autor und Journalist in Wien. 2013 erscheinen die gesammelten Folgen seines "Tschocherl-Reports" aus dem "Augustin" im Löcker Verlag, außerdem bei G&G ein Donaubuch für Kinder.

Information#

Literatur:
Hilde Schmölzer: Die Pest in Wien, "dess wütenden Todts Ein umbständig Beschreibung ...". Österreichischer Bundesverlag, Wien 1985.

Wiener Zeitung, Sa./So., 7./8. September 2013