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Der Retter der Mütter#

Vor 150 Jahren starb Ignaz Philipp Semmelweis. Der Arzt entdeckte die Ursache des Kindbettfiebers und fand dagegen ein wirksames Mittel. In der etablierten Ärzteschaft stieß er aber nur auf Ablehnung.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 15./16. August 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Franz M. Wuketits


Erst 47 Jahre alt, starb Ignaz Philipp Semmelweis am 13. August 1865 - ausgerechnet an einer Blutvergiftung
Erst 47 Jahre alt, starb Ignaz Philipp Semmelweis am 13. August 1865 - ausgerechnet an einer Blutvergiftung.
Abbildung: wikipedia

Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass in Operationssälen von Krankenhäusern größte Reinlichkeit herrscht und man diesen Saal nicht etwa im Straßenanzug betreten darf. Es ist ja durchaus einsichtig, dass die Heilung von Wunden entsprechende hygienische Maßnahmen voraussetzt. Schon die Chirurgen in der griechischen Antike wussten um die Bedeutung der Reinigung der Hände und der Operationsinstrumente.

Im 19. Jahrhundert wollte man davon allerdings nichts wissen; eine alte Weisheit war in Vergessenheit geraten. Beispielsweise gingen Ärzte von einer Leichenöffnung bedenkenlos gleich zu einer Entbindung. Die Folge dieses aus heutiger Sicht grob fahrlässigen Handelns war das Kindbett- oder Wochenbettfieber, ein damals ständiger und schrecklicher (nicht selten auch tödlicher) Begleiter vieler junger Mütter.

Die Ursachen dieses Phänomens lagen seinerzeit im Dunkeln. Man wusste nicht, dass es sich um die Besiedelung der Geburtswunden mit krankmachenden Mikroorganismen handelt. Ignaz Philipp Semmelweis verdankt sich die Erkenntnis, dass das Kindbettfieber von Ärzten und ihren Studenten, die vor ihrer Visite an Leichen gearbeitet hatten, ans Wochenbett gebracht wird. Er schlug auch entsprechende Maßnahmen dagegen vor, fand dabei aber unter seinen Kollegen kein Gehör. Der später, nach seinem Tod als "Retter der Mütter" Gewürdigte wurde verspottet und wo es nur ging in seiner Arbeit behindert. Er starb, noch keine fünfzig Jahre alt, in einer psychiatrischen Anstalt.

Zufällige Erkenntnis#

Ignaz Philipp Semmelweis kam am 1. Juli 1818 in Ofen (heute zu Budapest gehörend) als Sohn einer begüterten Familie zur Welt. Nach dem Besuch eines Gymna-siums begann er als Neunzehnjähriger in Wien Rechtswissenschaften zu studieren. Als er sich eine Anatomievorlesung anhörte, brach er dieses Studium jedoch ab und widmete sich (in Wien und Budapest) dem Medizinstu-dium. 1844 legte er in Wien die medizinische Staatsprüfung ab, wurde zum Doktor der Medizin promoviert und erhielt eine Assistentenstelle an der Geburtshilfeklinik im von Kaiser Josef II. gegründeten Königlich Kaiserlichen Allgemeinen Krankenhaus in Wien, heute Allgemeines Krankenhaus (AKH) der Stadt Wien (und eines der größten Krankenhäuser Europas).

Semmelweis wurde Zeuge eines regelrechten Massensterbens von Frauen, die kurz zuvor Kinder zur Welt gebracht hatten. Dieser Umstand konnte natürlich auch anderen Ärzten nicht verborgen bleiben, doch gaben die sich etwa mit der Erklärung zufrieden, dass durch Verletzung des Schamgefühls bei den von den Studenten untersuchten Wöchnerinnen deren Widerstandskraft gegen Erkrankungen herabgesetzt werde. Diese "Erklärung" muss uns heute als absurd erscheinen, spiegelt aber zugleich eines der gesellschaftlichen "Paradigmen" jener Zeit wider.

Ein Zufall, besser gesagt ein Unglücksfall, brachte Semmelweis zu einer wichtigen Erkenntnis. Ein mit ihm befreundeter Gerichtsmediziner nämlich starb, nachdem ihn ein Student bei einer Leichenöffnung unabsichtlich mit dem Seziermesser verletzt hatte. Folgerichtig dachte Semmelweis, dass die bei den Ärzten und Medizinstudenten fehlenden hygienischen Vorsichtsmaßnahmen vielen Wöchnerinnen den Tod bringen würden.

Er ordnete an, dass niemand eine Wöchnerin berühren darf, der sich nicht zuvor gereinigt und vor allem die Hände mit Chlorwasser gewaschen hat. Diese naheliegende und sehr einfach zu befolgende Maßnahme brachte auch sofort ihre Wirkung. Waren noch im April des Jahres 1847 in der von Semmelweis betreuten Klinik achtzehn Prozent der Mütter am Kindbettfieber gestorben, so sank die Todesrate - nachdem im Mai die Chlorwaschungen eingeführt wurden - in den Monaten Juni und Juli auf ein bis zwei Prozent. Semmelweis informierte denn auch sofort die Öffentlichkeit, seine Erkenntnis und der darauf beruhende Erfolg waren ja unübersehbar.

Die Reaktion der Ärzteschaft und der Medizinischen Fakultät auf diesen Vorstoß bestand aber in reiner Feindseligkeit, und Semmelweis wurde in seiner weiteren Karriere behindert. Als sein Assistentenvertrag abgelaufen war, wurde er einfach nicht verlängert. Ein Ansuchen des Arztes um eine Privatdozentur wurde abgewiesen. Einem zweiten Antrag wurde zwar stattgegeben, jedoch - wie zum Hohn! - mit der Auflage, dass der Dozent im Rahmen seiner Lehrveranstaltungen keine Untersuchungen an Leichen vornehmen dürfe. Es ist mehr als verständlich, dass dieser Zustand von Semmelweis als unwürdig empfunden wurde. Er verließ Wien und ging nach Budapest.

Dabei ist es höchst bemerkenswert, dass nach seinem Weggang in Wien anscheinend niemandem auffiel, wie schnell die Sterberate bei den Müttern wieder ihr früheres Ausmaß erreichte. Aber das wollte wohl auch niemand wahrnehmen. Was Semmelweis sicher nicht erwartete, war, dass sich in Budapest bald mehr oder weniger die gleiche Situation wie in Wien einstellen würde. Nach fünf Jahren unbezahlter Arbeit als Primararzt wurde er zwar 1855 an die Budapester Universität als Professor berufen, stieß aber wieder auf die ihm schon aus Wien bekannten Schwierigkeiten, wenngleich seine Ideen in Ungarn schneller aufgegriffen wurden als anderswo. Der Herausgeber der "Wiener Medizinischen Wochenschrift" etwa schrieb, es sei an der Zeit, dem Unsinn der Chlorwaschungen Einhalt zu gebieten.

1861 legte Semmelweis seine bahnbrechende Erkenntnis in einer kleinen Schrift nieder: "Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers". Er schickte sie an alle bedeutenden ausländischen Gynäkologen und medizinischen Gesellschaften, doch die Reaktionen waren im Allgemeinen negativ. Anlässlich einer medizinisch-naturwissenschaftlichen Konferenz in Deutschland wurde Semmelweis’ Lehre von den meisten Rednern - nicht zuletzt von dem prominenten Pathologen Rudolf Virchow (1821-1902) - zurückgewiesen.

Geistige Umnachtung#

Die ständige Ablehnung, mit der Semmelweis konfrontiert wurde, blieb nicht ohne Wirkung auf seine seelische und geistige Gesundheit. Semmelweis wird zwar als bescheiden, anspruchslos und etwas naiv charakterisiert, aber es mangelte ihm offenbar an diplomatischem Instinkt. Seine Budapester Kollegen beschimpfte er öffentlich als Mörder - und musste daraufhin seine Professur aufgeben. Sein Geist begann sich zu umnachten.

Ungarische Briefmarke, 1960
Ungarische Briefmarke, 1960.
Abbildung: wikipedia

Er hoffte, in Wien wieder Genesung zu finden, wo er auch die Gelegenheit bekam, im Haus eines Freundes zu wohnen. Doch an progressiver Paralyse (mit der "Auflösung" geistiger Funktionen) erkrankt, wurde er in eine Klinik, eine Irrenanstalt nach damaligen Begriffen, eingeliefert, wo er sich wenige Tage später an einem Finger eine Verletzung mit Blutvergiftung zuzog. Semmelweis starb, erst siebenundvierzig Jahre alt, am 13. August 1865. Es ist die Ironie seines Lebens, dass er aufgrund einer eigentlich harmlosen Verletzung und einer Erkrankung, gegen die sein ganzes medizinisches Bestreben gerichtet gewesen war, den Tod fand.

Ob die frühe Verwirrung seines Geistes tatsächlich eine direkte Folge seiner beruflichen Misserfolge war, muss letztlich zwar Spekulationen überlassen bleiben, gewiss aber haben die mangelnde Anerkennung und die offene Feindseligkeit seiner Fachgenossen nicht zu seinem Wohlbefinden beigetragen. Seine Kollegen wollten Semmelweis mundtot machen und drängten ihn an den Rand seiner Existenz. Die herrschende gesellschaftspolitische Ideologie stand auf ihrer Seite.

Verspäteter Ruhm#

Semmelweis war ein typischer Außenseiter der Wissenschaft, genau gesagt ein unerwünschter Reformer, der mit seiner Idee seiner Zeit voraus war. Gegen alle seine Zeitgenossen, von denen er hartnäckig abgelehnt und angefeindet wurde, konnte er zwar plausible Argumente ins Treffen führen und seine Idee an ihrem unübersehbaren praktischen Erfolg schlüssig darlegen - allein, man wollte davon nichts hören.

Das geistige und gesellschaftliche Klima seiner Zeit war ihm abhold. Sein "Fall" demonstriert, wie in einer akademischen Gemeinschaft zementierte Vorurteile und Gepflogenheiten mitunter einem Außenseiter auch dann keine Chancen lassen, wenn er sich noch so redlich bemüht, die Bedeutung seiner Erkenntnisse nachvollziehbar darzulegen, und sich "objektiv" im Recht befindet. Eine wissenschaftliche Idee ist nur nach ihrer empirischen Überprüfbarkeit und theoretischer Stringenz zu bemessen - ihre Durchsetzung oder Behinderung ist aber häufig von "externen" Faktoren abhängig.

Nur allmählich fand Semmelweis die ihm gebührende Beachtung und Anerkennung. Heute sind sein Name und sein Werk längst medizinisches Lehrbuchwissen und können in praktisch jedem Lexikon nachgeschlagen werden. Die "Encyclopaedia Britannica" (Ausgabe 1985) widmet ihm einen Eintrag von fast zwei Spalten Länge.

An den bahnbrechenden Arzt erinnern heute die Semmelweis-Frauenklinik in Wien, die Semmelweis-Universität in Budapest, eine Ignaz-Semmelweis-Statue im Universitätsklinikum Heidelberg, die Semmelweisstraße in Linz sowie die Semmelweis-Apotheken in Jena, Dresden und Magdeburg (dort in der gleichnamigen Straße). Persönlich kam für den zu seiner Zeit Geächteten dieser Ruhm freilich viel zu spät. Für den Fortgang einer wissenschaftlichen Disziplin ist es letztlich unerheblich, wem sie eine wichtige Entdeckung verdankt, für den Entdecker selbst kann sich mangelnde Anerkennung jedoch als persönliche Katastrophe erweisen.

Franz M. Wuketits, geboren 1955, lehrt Wissenschaftstheorie mit dem Schwerpunkt Biowissenschaften an der Universität Wien und ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien: "Außenseiter in der Wissenschaft. Pioniere - Wegweiser - Reformer", Springer Verlag, 2015.

Wiener Zeitung, Sa./So., 15./16. August 2015