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Vom Heldentum zur Suchtkrankheit#

Die Geschichte des Rauchens ist eine sehr wechselvolle – dabei hat sich der gesellschaftliche Status gewandelt. Rauchen ist mehr als nur Nikotin: Es ist Image, Zeiteinheit und Sucht. Die Entwicklung vom elitären Rauchlehrer zum allgemeinen Rauchverbot.#


Von der Wiener Zeitung (17. Dezember 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

von

Eva Stanzl


Raucherin
Früher zeigten Frauen durch Rauchen Emanzipation. Heute ist die Zahl der Raucherinnen stetig am Steigen. Foto: Corbis

"Stop smoking", schnarrt eine Männerstimme von oben. Die beiden Frauen sind baff. Auf ihrem Grund und Boden gemaßregelt zu werden ist das Letzte, was sie erwartet hätten. "Und wer sind Sie?", entfährt es der einen, den Blick hinauf. Die Stimme kommt aus der Wohnung im ersten Stock und gehört einem aus dem Fenster lehnenden US-Amerikaner. Der sogleich nachsetzt: "Ihr Rauch verstinkt mein Schlafzimmer. Das will ich nicht. Also dämpfen Sie Ihre Zigaretten aus."

Für einen Sekundenbruchteil sind die Damen sprachlos. Doch dann fällt bei der einen der Groschen. "Hören Sie: Ich wohne hier seit zehn Jahren, dieser Innenhofgarten gehört mir. Sie hingegen habe ich hier noch nie gesehen, Sie sind wohl der neue Liebhaber der jungen Frau, die da wohnt, und wenn Sie der Rauch stört, dann machen Sie halt das Fenster zu." Es folgt der Knall eines Kippfensters. Danach ist es ruhig.

Noch vor zehn Jahren hätte die Szene auf diese Art und Weise nicht stattgefunden. Obwohl es bereits zur Jahrtausendwende als erwiesen galt, dass Tabakrauch die Gesundheit schädigt, waren die Macht der Tabakindustrie und somit der Stellenwert der Raucher ungebrochen. In ihren Werbekampagnen hatten Tabakkonzerne die Raucher über Jahrzehnte zu Helden hochstilisiert. Und da viele Menschen gerne Helden wären oder zumindest wie solche wirken wollen, war es völlig normal, zu rauchen.

Raucher zunächst bevorzugt#

Selbst in der Anfangszeit der Rauchverbote Mitte der 80er Jahre waren Raucher zunächst bevorzugt: Restaurants machten ihre schönsten und größten Räume zu deren Bereich, schließlich wollten sie es sich nicht mit dem konsumfreudigeren Teil ihrer Gäste verscherzen. Nichtraucher mussten den Dunst entweder ertragen oder im Nebenzimmer dinieren.

Heute ist es umgekehrt. Im Zuge der Anti-Raucher-Kampagnen in westlichen Ländern hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung zu Gunsten der Nichtraucher gewandelt. Aus den rauchenden Helden wurden stinkende Schurken, die ihren Mitmenschen schaden. Wahlweise wird ihnen böse Absicht, Verantwortungslosigkeit oder zumindest Unachtsamkeit unterstellt. Die Masse der Raucher kämpft heute mit steigenden Zigaretten-Preisen. Und in den sogenannten besseren Kreisen gilt nicht zu rauchen als eine Frage der Bildung und des Gesundheitsbewusstseins, das seinerseits als Zeichen des Wohlstands gilt. Hier wird kaum mehr geraucht und wer es dennoch tut, ist schon so lange dabei, dass er sich als "bekennender Raucher" tituliert. Oder er oder sie wirkt nichtsdestotrotz derartig jung, dynamisch, schön, erfolgreich und fit, dass die Angewohnheit der persönlichen Bilanz keinen Abbruch tut. Doch generell gilt: Rauch hat seinen Glanz verloren.

Dabei begann es ganz anders. Christoph Columbus entdeckte bei seiner ersten Fahrt nämlich nicht nur Amerika, sondern auch den Tabak. In seinem Tagebucheintrag vom 15. Oktober 1492 berichtet er, im Kanu eines Mannes "einige dürre Blätter, die von den Eingeborenen sehr geschätzt werden müssen" gefunden zu haben.

Sicher scheint, dass indianische Völker in vorkolumbianischer Zeit Tabak konsumierten. "Manchen galt er als Geschenk der Götter. Und so, wie in unseren von Alkohol geprägten Kulturen ein Vertragsabschluss mit gemeinsam getrunkenem Wein besiegelt wird, rauchten Indianer gemeinsam Pfeife", berichtet Walter Wippersberg in seinem kürzlich erschienenen Buch "Der Krieg gegen die Raucher", das die Geschichte des Rauchens erzählt. Als Columbus’ Kundschafter die Tabak-Pflanze nach Spanien brachten, wurde sie zunächst abgelehnt. Wer wie der Satan Rauch ausstieß, musste einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben, befand die Heilige Inquisition.

Erst Sir Walter Raleigh (1554-1618) machte das Rauchen populär. Der passionierte Pfeifenraucher und Gründer der ersten englischen Kolonien war ein Günstling von Königin Elisabeth I. "Nach deren Tod begann es das Ansehen gebildeter Engländer zu verlangen, den Rauch in schöner Gelassenheit durch Mund und Nase strömen zu lassen", zitiert Wippersberg Theo Seibert und Günter Hechler. Rauchlehrer unterrichteten, wie auf die feine englische Art zu rauchen sei. Wer elegant sein oder zumindest so wirken wollte, musste beweisen, dass er sich auf das Schnupfen und Rauchen verstand – es zählte zu den Künsten des Edelmannes.

Rauchen als Bürgerrecht#

Versuche, das Rauchen zu unterbinden – etwa belegte James I. von England den Tabak seines Erzfeinds Spanien mit Importzöllen –, verliefen ab dem Dreißigjährigen Krieg im Sand. Soldaten brachten den Stoff in weite Teile Europas. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts demonstrierte man schließlich für die "Rauchfreiheit" in Berlin, wo das Rauchen als demonstrative Auflehnung gegen die Staatsgewalt angesehen wurde: Wer in der Öffentlichkeit rauchte, machte sich als potenzieller Demokrat verdächtig. Erst nach den revolutionären Unruhen 1848 kam es zur Aufhebung aller Rauchverbote – Rauchen wurde zum Bürgerrecht.

Die ersten Zigaretten kamen um 1850 auf: Berichten zufolge wurden Tabakreste gesammelt und in Papier gewickelt als preiswerte Alternative zu Zigarren. In Deutschland eröffnete die erste Zigarettenfabrik 1862, in Österreich drei Jahre später. Zunächst sorgte die Zigarette vor allem in feinen Kreisen für Furore. Ihre elegante Erscheinung und weiße Hülle erschienen im Unterschied zur behäbigeren Zigarre modern. Frauen rauchten als Zeichen der Emanzipation, Packungsdesign und Marken-Namen verliehen den Zigaretten ein exotisches Flair.

Um 1900 gab es Maschinen, die fünfhundert Zigaretten pro Minute herstellen konnten. Somit wurde das Rauchen erschwinglich. Auch für die breite Bevölkerung. "Die Zigarette ist leicht und kurz, im physischen wie im zeitlichen Sinn. Eine Zigarettenlänge wird zu einem neuen Zeitbegriff", resümiert Autor Wolfgang Schivelbusch. Ein Zeitraum, in dem sich einiges erledigen lässt. Denn seit jeher ist Rauchen ein Ritual. Bietet man eine Zigarette an, drückt man damit Zuwendung aus oder überbrückt Distanz. Ganz zu schweigen von einer Palette nonverbaler Verständigungsmittel zwischen Männern und Frauen.

Die gesundheitlichen Gefahren des Rauchens wurden erstmals im Deutschland des Nationalsozialismus thematisiert. 1942 gelang es dem Kölner Mediziner Franz Hermann Müller, den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs durch pathologische Fallstudien festzustellen. Auf die Popularität von Zigaretten schlug sich das nicht nieder – ebenso wie viele Folgestudien. Wen wundert’s: Schließlich waren die Vertreter der Siegermächte im Zweiten Weltkrieg, Churchill, Stalin und Roosevelt, Raucher. Das Flair der US-Lebensart bildete den hellen Kontrast zum dunklen Zeitalter der Verlierer – dessen oberster Verlierer, Adolf Hitler, fanatischer Nichtraucher gewesen war.

Die veränderte Wahrnehmung des Themas Rauchen in den vergangenen zwanzig Jahren schreibt Rauch-Experte Wippersberg nicht nur der wachsenden Vernunft, sondern auch dem veränderten Gesundheitsbegriff zu. Ihm zufolge artet dieser in einem Gesundheitswahn aus: "Gesundheit sei, hat man uns eingeredet, unser höchstes Gut. Aber wir können es kaum erreichen. Indem man die Grenzwerte für Blutdruck, Übergewicht oder Cholesterin immer weiter senkt, erklärt man einen immer größeren Teil der Bevölkerung zu Risikopatienten. Wo alte Religionen ihre sinnstiftende Kraft verloren haben, hat die Gesundheitsreligion gute Chancen, die Lücke zu füllen." Auch die Pharmaindustrie hat gute Chancen, dabei Geld zu verdienen – auch an den Rauchern.

Die neue Gesundheitsreligion#

Rauchen ist böse, verkürzt das Leben und macht unfruchtbar – verkünden heute Warnhinweise der Gesundheitsbehörden, die imageprägende Tabakwerbung längst verboten haben. Und seit kurzen sind die meisten heimischen Lokale rauchfrei. Wer raucht, wird immer öfter schräg oder gar vorwurfsvoll angeschaut. Ob die Zahl der Raucher durch all diese Veränderungen gesunken ist, ist noch nicht erwiesen. Dazu gelten die Verbote zu kurz. "Wir gehen davon aus, dass die Verbote primär auf leichtere Raucher wirken", sagt der Sozialmediziner Ernest Groman, Leiter des Wiener Nikotin-Instituts. "Süchtige Raucher, die seit der Jugend täglich zwei Packungen konsumieren, können sie aber nicht abhalten." Dass in viele Fällen Sucht mit im Spiel ist, wird oftmals gar nicht mehr einberechnet – wie das Beispiel des US-Amerikaners im Wiener Innenhof zeigt, der hinter dem Qualm einen Angriff auf seinen Lebensraum vermutet.

Keine Droge macht so süchtig wie Nikotin. Die Rauch-Sucht ist wohl auch eine unerfüllte Sehnsucht. Wer sich eine Zigarette anzündet, will heute nicht mehr nur ein Held sein, sondern hofft im Moment des ersten Zuges auf einen Neubeginn. Hofft, dass sich für die Dauer der Zigarettenlänge eine Sehnsucht erfüllt. Doch deren Erfüllung ist genauso flüchtig wie der blaue Dunst.

Wiener Zeitung, 17. Dezember 2010


Hitler war ursprünglich starker Raucher, da er aber einige Zeit eine Krebserkrankung befürchten musste, stellte er das Rauchen ein. Die Nationalsozialisten betrieben auch eine der intensivsten Nichtraucherkampagnen (vgl. dazu wikipedia), etwa vergleichbar der amerikanischen "Prohibitiontime", die sich allerdings auf den Alkoholkonsum bezog. Aus Gründen der Volksgesundheit, wie sie vorgaben. Die von ihnen angezettelten Kriege dürften aber auch nicht weniger Opfer gefordert haben als das Rauchen...

Ein europäischer Lungenkrebsatlas, der ausschließlich auf der Untersuchung von Tieren beruht, die ja bekanntlich nicht rauchen, zeigt, das die urbane Luftverschmutzung wesentlichen Anteil am Lungenkrebs und anderen Krebsformen hat. Tiere, die etwa in einem höheren Stockwerk eines Hauses "wohnen", sollen weniger an Krebs erkranken, als ebenerdig hausende.

Weniger schadstoffhaltige Treibstoffe wie etwa Raps- und Zuckerrübendiesel, wie er in Pischelsdorf bei Tulln hergestellt wird, um den Rübenüberschuss zu verwerten, wären zumindest für die urbanen Ballungsräume ein Gebot der Stunde. Die EU sollte im Sinne einer glaubwürdigen Gesundheitspolitik nicht die extrem große Brache in Europa fördern, sondern den Rapsanbau auf derselben. Damit könnte wesentlich mehr unschädlicher Treibstoff hergestellt werden, ohne die Nahrungsmittelproduktion zu beeinträchtigen, da ja diese riesigen Flächen - in Zeiten, in denen die Lebensmittelpreise ständig steigen, übrigens völlig unverständlich - ohnehin brach liegen und noch dazu aus sehr durchsichtigen Gründen mit dem Steuergeld aller hoch subventioniert werden.

--Glaubauf Karl, Samstag, 29. Januar 2011, 16:31