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Der Vater der Psychosomatik#

Wien erlebt im Gedenken an Alfred Adler den 25. Internationalen Kongress für Individualpsychologie#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 8. Juli 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Heiner Boberski


Vor genau 100 Jahren entstand zweite Wiener Schule der Psychotherapie. Die jüngst in Schottland entdeckte Urne von Alfred Adler wird nun feierlich in Wien beigesetzt.#

Alfred Adler
Alfred Adler (hier in Boston (1935) betonte, der Mensch sei eine untrennbare Ganzheit aus Körper, Seele und Geist.
Foto: © IMAGNO/Austrian Archives

„Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche." Wenn am 12. Juli die Urne von Alfred Adler auf dem Wiener Zentralfriedhof ihre letzte Ruhestätte findet, wissen seine geistigen Nachfahren sehr wohl, wie dieses Zitat von Adlers Zeitgenossen Gustav Mahler zu verstehen ist. Auf ihrem 25. Internationalen Kongress von 14. bis 17. Juli in Wien werden die Individualpsychologen unter dem Generalthema "Trennung - Trauma - Entwicklung" vor allem das Feuer weitertragen, das ihr Gründer vor genau 100 Jahren in dieser Stadt entfachte, als er sich von Sigmund Freuds Psychoanalyse trennte und eine zweite Wiener Schule der Tiefenpsychologie ins Leben rief, die sich seit 1912 Österreichischer Verein für Individualpsychologie (ÖVIP) nennt.

Dass die Urne mit Adlers Asche unlängst in einem schottischen Krematorium aufgefunden und nach Wien gebracht werden konnte, freut viele, besonders auch den Wiener Individualpsychologen und Theologen Arnold Mettnitzer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Wie der Kongress, an dem auch die Enkelin des Gründers, Margot Adler, teilnimmt, stärke es das Wir-Gefühl der Individualpsychologen, wenn nun ihre Gesinnungsgemeinschaft auch an einem Stück Erde in Wien festzumachen sei. Er werde nun nicht nur regelmäßig zum nahegelegenen Grab seines Lehrers Erwin Ringel, sondern auch zu jenem Alfred Adlers pilgern.

Freud Messer, Adler Salbe#

Im Wirken von Adler, der 1870 in Wien-Fünfhaus geboren wurde, den Arztberuf ergriff und zunächst Mitarbeiter Freuds war, stach von Anfang an, etwa mit seinem "Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe" (1898), seine soziale Ader und sein leidenschaftliches Bemühen, Menschen in ihren Nöten zu helfen, hervor. Etliche Reformen im "Roten Wien" der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gingen auf Adler zurück, 1934 verließ er Österreich aus politischer Überzeugung, 1937 starb er bei einem Aufenthalt in Aberdeen (Schottland) an einem Herzinfarkt.

Mit der Individualpsychologie gelang Adler, so Mettnitzer, "die Pionierleistung, die untrennbare Ganzheit von Seele, Geist und Körper zu erkennen und dabei davon auszugehen, dass, wenn man am einen dreht, sich auch das andere bewegt". Damit sei er im Grunde der "Vater der Psychosomatik", natürlich auf Freud aufbauend, der sozusagen der Großvater einer psychosomatischen Gesamtkonzeption gewesen sei.

Mettnitzer verweist darauf, dass im alten Konflikt zwischen Freudianern und Adlerianern der Adlerianer Erwin Ringel schon vor über 50 Jahren eine "wunderbare Versöhnungsgeste" gesetzt habe. Er habe erklärt, im Hinblick auf Eingriffe zur Heilung der Seele sei Freud eher das Messer und Adler die Salbe, beides sei für den Heilungsprozess notwendig.

Zum Konflikt zwischen Freud und Adler kam es, als Adler die Sexualität als Ursprung aller Neurose anzweifelte, wie Mettnitzer erklärt: "Er hat eben gesagt, nicht der Ödipuskomplex und nicht die Triebstruktur ist das Mistbeet der Neurose, sondern das Minderwertigkeitsgefühl und das Gefühl der Abhängigkeit, das Machtstreben und der Versuch, dieses Minderwertigkeitsgefühl zu überwinden. Wenn das nicht gelingt, ist dieses Minderwertigkeitsgefühl dazu verurteilt, zu einem Minderwertigkeitskomplex zu werden, dann bist du für den Rest des Lebens oder die Dauer der daraus resultierenden Neurose ein Gezeichneter, der bei jeder neuen Herausforderung an die Kränkung einer alten Herausforderung, der man sich nicht hat stellen können, erinnert wird. Dieser Ansatz ist natürlich nach heutigen Erkenntnissen viel moderner."

Während bei Freud die Kausalität im Vordergrund stand, war es bei Adler die Finalität. Dabei habe sich Adler, so Mettnitzer, "niemals geweigert, die Kausalität anzuschauen, die Frage, wo etwas herkommt, ist sehr wichtig. Adler hat einmal den schönen Satz gesagt: ,Analyse ist gut, aber wir müssen aufpassen und auch als Therapeuten dafür Sorge tragen, dass der Patient in der Analyse nicht ertrinkt. Dass also einer analytischen Phase eine synthetische Phase folgen muss und dass ich denjenigen, der da jetzt sein ganzes Leben mühsam in kleinen Schritten durch das wachsende Vertrauen auseinander gelegt hat, auch darin begleiten muss, dass er diese einzelnen Stücke seiner Betrachtung wieder in einem neu gewachsenen Bewusstsein für das Ganze zusammenstückeln kann."

Eine zumindest gut erfundene Anekdote weiß von Adlers kürzester Therapie zu berichten: Einem Mann, der mit drei Frauen gleichzeitig ein Verhältnis begonnen hatte, habe Adler nur spontan gesagt: "Was? Und da genieren Sie sich nicht?" Daraufhin habe sich der Patient davongemacht und erklärt, er sei geheilt.

Adlers kürzeste Therapie#

Obwohl die Couch noch zur Ausbildung zum Psychologen gehört, lautete Alfred Adlers Ansatz, dass der Patient gleichberechtigt in Augenhöhe dem Therapeuten gegenüber sitzen sollte. Besonders wichtige Begriffe in seiner Lehre sind die Lebensstilanalyse, die Ermutigung und das Gemeinschaftsgefühl. Dabei ist seine Fokussierung therapeutischer Aufmerksamkeit auf Kinder hervorzuheben. Für Mettnitzer ist es ein Heilungserfolg im Adlerschen Sinn, "wenn ich einen Menschen dorthin führen konnte, wo er als Kind schon einmal war". Durch Ermutigung, die darin bestehe, "dass jemand dich mit Augen anschaut, die das in dir sehen können, was du selber im Lauf der Zeit verloren hast", könne der Patient zur "Hebamme seiner selbst" werden und neuen Mut finden.

Wie ein gemeinsames Erlebnis therapeutische Wirkung haben kann, schildert Mettnitzer in seinem Buch "Couch und Altar". Ein Patient begann eine Therapiestunde mit den Worten: "Da hängt ja ein Klavier vor Ihrem Fenster!" Mettnitzer wollte schon seine Zweifel an dieser Aussage äußern, schaute aber doch aus dem Fenster und gewahrte, wie tatsächlich ein Kran ein Klavier ins oberste Stockwerk hievte. Therapeut und Patient brachen gemeinsam in ein befreiendes Gelächter aus.

Das Überkompensieren ist ein weiterer gängiger Adlerscher Begriff. Da geht es um den "begnadeten Fälscher", dessen Rechnung sich zwar nie ausgeht, der aber ständig so tun muss, als ginge sie sich aus. Weil zum Beispiel eine Dramenfigur wie Arthur Millers "Handlungsreisender" so ein typischer Fall ist, zitiert Mettnitzer Erwin Ringel: "Ein Therapeut, der mit Leidenschaft arbeitet, muss, wenn er nicht in der Praxis ist, im Theater, im Kino oder in der Oper sitzen." Dort werde er zu Lernzwecken mit jenen Fällen konfrontiert, die er noch nicht in seiner Praxis hatte.

Wiener Zeitung, 8. Juli 2011