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Allgemeine Wehrpflicht oder Berufsheer?#

Erwin Schmidl

Die allgemeine Wehrpflicht entstand in Europa im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts und ersetzte schrittweise die angeworbenen Söldnerheere des 16. und 17. Jahrhunderts. Dies war verbunden mit der zunehmenden Verantwortung des Bürgers für das Gemeinwesen (und damit auch für die Verteidigung). Durch die möglichst weitgehende Ausschöpfung des „Wehrpotenzials“ im Zuge der allgemeinen Wehrpflicht war es in den beidenWeltkriegen möglich, Massenheere ins Feld zu stellen. Die numerische Überlegenheit konnte dabei die oft unvollständige Ausbildung der Soldaten kompensieren.

In Friedenszeiten – nach 1918 und erneut nach dem Ende des Ost-West-Konflikts 1989/91 – stellte sich die Frage, ob die allgemeine Wehrpflicht noch zeitgemäß wäre. Staaten mit anderen Traditionen (Großbritannien, USA, Kanada) schafften die Wehrpflicht bald nach 1945 ab oder setzten sie aus; nach 1991 folgten viele Staaten in Europa (Frankreich, die Niederlande, Spanien usw.). In Deutschland und in vielen neutralen Staaten hingegen (Österreich, Schweden, Finnland) war man dazu bisher (noch) nicht bereit – u. a. spielte dabei auch die Frage nach der Stellung eines Berufsheeres in einer demokratischen Gesellschaft eine Rolle. In Österreich wurde der Wehrdienst mit Anfang 2006 von acht auf sechs Monate verkürzt. Die allgemeine Wehrpflicht gilt aber weiter, obwohl in allen politischen Parteien Stimmen für eine Umstellung auf ein Berufs- oder Freiwilligenheer laut wurden.

Mit dieser Diskussion eng verbunden ist die Frage nach der grundsätzlichen Stellung des Militärs in der Gesellschaft. Vielfach wird das Militär nicht bloß als Instrumentarium zur Verteidigung gesehen, sondern als „Erziehungsfaktor für die Jugend“ (Bundeskanzler Julius Raab 1958) bzw. in einem gewissen Maß auch als Integrationsfaktor für (Kinder von) Migranten. Durch die Möglichkeit der Ableistung eines Zivildienstes bei humanitären Organisationen (in Österreich seit 1975) betrifft die Frage der Wehrpflicht nicht mehr nur das Militär. Gelegentlich wurde daher die Möglichkeit einer allgemeinen „Bundesdienstpflicht“ (die auch für Mädchen gelten könnte) angedacht.

Für das aktuelle Einsatzspektrum des Bundesheeres würde die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht in zwei Bereichen wesentliche Änderungen bringen. Im Inland sind für Assistenzeinsätze (z. B. bei Naturkatastrophen, aber auch bei Sportveranstaltungen usw.) Personalreserven notwendig, die derzeit durch die allgemeine Wehrpflicht zur Verfügung stehen. Bei Auslandseinsätzen kommen rund zwei Drittel der Soldaten aus dem Miliz- bzw. Reservestand. Durch ihr etwas höheres Alter und verschiedene zivile Berufserfahrungen tragen diese Soldaten gerade bei Friedenseinsätzen wesentlich zum Erfolg und zum Ansehen der österreichischen Truppen bei. Eine vollständige Umstellung auf ein Freiwilligen- bzw. Berufsheer würde daher auch bei der Durchführung der aktuellen Einsätze massive Änderungen bewirken.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
© 2007 by Styria Verlag in der
Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien


Die Schweiz hat mit ihrem Milizheer Jahrhunderte durch die besten Erfahrungen gemacht. (Kostengünstig, rein defensiv, ohne Einmischung in die inneren Angelegeheiten anderer Staaten, konnte sich auch aus den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts heraushalten etc.)

--Aster Rix, Montag, 21. Dezember 2009, 18:48