unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Ein General tritt ab#

Österreich hat für die Wehrpflicht gestimmt, Norbert Darabos ist nicht mehr Verteidigungsminister. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 21. März 2013).

Das Gespräch führte

Veronika Dolna


Edmund Entacher
Edmund Entacher. Seine Pension möchte er teilweise in seiner Heimat Großarl in Salzburg verbringen.
Foto: © neumayr.cc

Nun geht Generalstabschef Edmund Entacher in Pension. In der FURCHE zieht er Bilanz. #

Die Regale sind schon fast leer, die Umzugskartons dafür voll: Ein Blick in Edmund Entachers Büro in der Wiener Maria-Theresien-Kaserne verrät, dass hier jemand am Sprung ist. Nach seiner offiziellen Verabschiedung am Freitag wird der Generalstabschef Ende März in Pension gehen. Die FURCHE empfing er zu einem seiner letzten Interviews und sprach über alte und neue Verteidigungsminister, Job-Angebote aus der Politik und die Kirche.

DIE FURCHE: Sie verabschieden sich in den Ruhestand, just zwei Wochen, nachdem Norbert Darabos in die Parteizentrale abberufen wurde. Wurmt es Sie, dass dieser Schritt nicht früher gesetzt wurde?

Edmund Entacher: Nein, so kann man das nicht sagen. Es war für mich nicht wirklich absehbar, wann er gehen wird. Jetzt hat er eine neue Funktion, es gibt einen neuen Verteidigungsminister, der andere Signale sendet und positiv empfangen wird.

DIE FURCHE: Auch Gerald Klug hat bei der Volksbefragung für die Abschaffung der Wehrpflicht gestimmt. Hätten Sie mit ihm die gleichen Differenzen gehabt wie mit Norbert Darabos?

Entacher: Bestimmt nicht. Es ist bekannt, dass er immer für die Wehrpflicht war, sich bei der Abstimmung aber an die Parteilinie gehalten hat. Außerdem ist das jetzt ja egal: Nach dem eindeutigen Ergebnis ist die Sache gelaufen.

DIE FURCHE: Was muss Klug anders machen als Darabos?

Entacher: Es steht mir nicht zu, dem neuen Minister Tipps zu geben. Ein wichtiges Moment hat er aber bereits erkannt, nämlich die Kommunikation mit den Führungskräften, die den Standards in einem großen Unternehmen entspricht. Seine bisherigen Schritte gehen ganz in diese Richtung. Er ist einer, der auf Menschen zugeht.

DIE FURCHE: Seine größte Aufgabe wird die Reform der Wehrpflicht sein. Ein halbes Jahr hat er dafür Zeit. Sie haben schon mehrmals gesagt, dass Sie eine Reform in dieser Zeit nicht für möglich halten.

Entacher: Man muss unterscheiden: Die Planung der Sache –und die ist ja auf der Polit- Bühne bis Ende Juni vereinbart – wird bis dahin komplett erreicht sein. Bei der Umsetzung werden heuer aber nur Einzelmaßnahmen möglich sein. Vielleicht denke ich da zu perfektionistisch oder zu erfahren.

DIE FURCHE: Außenminister Michael Spindelegger hat in einem Interview mit der Kleinen Zeitung kurz nach der Volksbefragung gesagt: „Wenn das Bundesheer (...) nicht in der Lage ist, innerhalb von sechs Monaten einen Wehrdienst zu organisieren, wie soll es dann bei einer Bedrohungslage reagieren?“ Was antworten Sie ihm?

Entacher: Das sind Äpfel und Birnen. Das eine ist der Aufbau und Ablauf einer Ausbildung, das andere sind Szenarien und Annahmen. Natürlich müssen die beiden Sachen am Ende zusammenpassen, aber es sind doch ganz verschiedene Felder. Für Bedrohungen im Inland und im Ausland sind die Aufgaben des Bundesheeres klar definiert, und wir sind gut gerüstet. Jetzt wäre wichtig, dass wir uns auch für eine europäische Verteidigung und unseren Beitrag dazu aufstellen. Jetzt ist die Zeit, in der Österreich nicht weiterhin Kapazitäten abbaut, sondern das Heer auf ein Zusammenwirken mit Europa ausrichtet.

DIE FURCHE: Was aber abgebaut werden soll – da ist sich ganz Österreich einig – sind Funktionssoldaten, die „Systemerhalter“. Und der Grundwehrdienst soll attraktiver werden. Warum hat es erst eine Volksbefragung gebraucht, um das umzusetzen?

Entacher: Das stimmt so nicht. Es gab schon 2010 große Truppenversuche, die sich mit dem Thema befasst haben. Die wurden auch mit wertvollen Erkenntnissen abgeschlossen. Aber damals hat Minister Darabos den Schwenk zum Berufsheer gemacht, und auf einmal war all das uninteressant.

Edmund Entacher
Rückblick. Vierzehn Verteidigungsminister hat Edmund Entacher in seiner 43-jährigen Soldatenkarriere miterlebt. Gerald Klug (SPÖ) ist sein letzter.
Foto: © APA

DIE FURCHE: Kommen wir zum Persönlichen: Sie haben jetzt 43 Jahre in Uniform hinter sich. Besonders die letzten waren recht turbulent. Unter ÖVP-Minister Platter galten Sie als Bester unter den Erstgereihten der internen Kommission und wurden trotzdem nicht zum Streitkräfteführungskommandanten. Und 2011 hat Minister Darabos Sie wegen Vertrauensverlusts als Generalstabschef abberufen, bevor Sie durch die Berufungskommission des Bundeskanzleramtes wieder eingesetzt wurden. Welches Gefühl bleibt, wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken?

Entacher: Ich hege keinen Groll, weil ich ja alles gewonnen habe. Natürlich war ich zeitweise sehr gefordert. Aber als Soldat ist man darauf ausgerichtet, Belastungen auszuhalten. Ich habe eben beweisen müssen, ob ich das bring’. Wenn man sich entschließt, ein Gefecht aufzunehmen, muss man wissen, dass man ein paar Schrammen abkriegt. Aber am Ende zählen die Treffer.

DIE FURCHE: Im Zuge Ihrer Abberufung wurden Sie zu einer öffentlichen Person. Ihr Auftreten und Ihre Rhetorik wurden bissig kommentiert. Andererseits haben Sie Fans auf der Straße angesprochen, und bei Veranstaltungen wurden Sie mit frenetischem Applaus begrüßt. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Entacher: Die Tatsache der Abberufung war schon schlimm für mich. Aber als alter Optimist habe ich mich mehr mit den positiven Reaktionen darauf befasst als mit den negativen. Deshalb kann ich frohen Mutes in Pension gehen: Ich konnte den Großteil der 43 Jahre etwas tun, das ich gemocht habe.

DIE FURCHE: Wird Ihre Pension ein Ruhestand, oder werden Sie sich weiterhin öffentlich artikulieren?

Entacher: Ich habe nicht vor, mich ins Bundesheer einzumischen, es sei denn, ich werde explizit dazu aufgefordert. Einen Masterplan für meine Pension habe ich nicht. Ich denke, ich werde eine oder zwei Wochen faulenzen und dann eines Tages aufrecht im Bett sitzen und mich fragen, was los ist. Dann muss ich mich eben beschäftigen: Ich möchte mehr Bewegung machen, periodisch schießen gehen, meine Englischkenntnisse erhalten, für meine Kinder da sein...

DIE FURCHE: Wollen Sie sich auch professionell beschäftigen? Als Konsulent etwa?

Entacher: Es gibt einige Angebote, die ich erst prüfen muss.

DIE FURCHE: Ich bin mir sicher, dass es in den letzten zwei Jahren auch Angebote aus der Politik gab.

Entacher: Ja, aber immer von der falschen Seite. Darüber habe ich nie ernsthaft nachgedacht.

DIE FURCHE: Als Jugendlicher wollten Sie Priester werden und besuchten das Erzbischöfliche Privatgymnasium Borromäum. Wäre eine Funktion in der Kirche interessant für Sie?

Entacher: Ich möchte auf jeden Fall öfter in die Kirche gehen.

DIE FURCHE: Sehen Sie Parallelen zwischen den Institutionen Kirche und Bundesheer?

Entacher: Auf jeden Fall. Zum Beispiel die Hierarchie, auf die beide Apparate aufbauen. Zwar ist sie nicht mehr so rigoros wie früher, aber trotzdem: Führungsvorgänge sind in Kirche und Bundesheer nur teildemokratisch. Außerdem brauchen beide Institutionen eine Werteordnung. Bei der Kirche liegt das auf der Hand, aber auch beim Militär ist es so: Allen Streitkräften eines Landes muss klar sein, wofür man das tut, was ganz oben steht. Und es gibt noch eine wesentliche Überschneidung: Die Träger des Systems müssen bei Kirche und Heer vor Überzeugung brennen, damit es funktioniert. Ein Priester muss wie ein Offizier Vorbild sein, und was er sagt, auch leben.

Gallionsfigur der Wehrpflicht-Befürworter #

Als jüngstes von vier Kindern war klar, dass Edmund Entacher, geboren 1949 im Salzburgerischen Großarl, keinen der elterlichen Betriebe im Ort übernehmen würde. Als Jugendlicher liebäugelte er damit, Priester zu werden, bevor er sich für eine Laufbahn beim Militär entschied. Von der Militärakademie an kletterte er sukzessive die Hierarchieleiter hoch. Auf den Aufstieg ganz nach oben musste der SPÖ-nahe Offizier allerdings warten, bis ein roter Verteidigungsminister kam: 2005, unter VP-Minister Platter, war er mit seiner Bewerbung für den Streitkräftekommandanten noch gescheitert. Erst 2008 wurde er von SP-Minister Norbert Darabos zum Generalstabschef ernannt – und drei Jahre später von eben jenem abberufen. Entacher hatte sich gegen den Willen des Ministers für den Beibehalt der Wehrpflicht eingesetzt. Er legte – erfolgreich – Berufung gegen die Absetzung ein und wurde so zur Gallionsfigur der Wehrpflicht-Befürworter. (dol)

DIE FURCHE, 21. März 2013