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Sommerfrische an der Südwestfront#

Als Sohn eines Militärhistorikers wird man früh mit den Schlachtfeldern Europas vertraut. Auf Urlaubsreisen kann man auf kindliche Weise die Schauplätze des Ersten Weltkrieges erobern.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 26./27. April 2014)

Von

Meinhard Rauchensteiner


Ein deutscher Vater ist mit seinem Sohn in historischer Uniform
Eine Familienszene im April 2014: Ein deutscher Vater ist mit seinem Sohn in historischer Uniform unterwegs zu einem Gedenkaufmarsch auf den Schlachtfeldern von Verdun.
© Charles Platiau/Reuters

Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war - sagt Heimito von Doderer zu Beginn des Romans "Ein Mord den jeder begeht". In diesem Kindheitskübel befinden sich Vater und Mutter, das soziale Umfeld, die historische Epoche und so weiter und so fort. Meine Schulkollegen hatten beispielsweise einen ÖBBler, einen Devisenhändler, eine Verkäuferin und entsprechend eine Hausmeisterwohnung, eine durchaus bürgerliche zum Friedenszins, eine Gemeindewohnung und einen Platz auf der Reservebank eines Fußballvereins vorzuweisen.

Ich hatte die Historie im Eimer, genauer gesagt: die Militärgeschichte. Folgerichtig verbrachte ich jeden Urlaub auf einem Schlachtfeld. Ein Umstand, der in Europa eigentlich als geradezu selbstverständlich gelten muss, da wohl kein Fußbreit Landschaft dieses Kontinents auf eine ausschließlich friedliche Vergangenheit zurückblicken kann. Selbst sonntägliche Ausflüge geborener Wienerinnen und Wiener in die nähere Umgebung der einstigen Reichs-, Haupt- und Residenzstadt führen unweigerlich zu Schauplätzen militärischer Auseinandersetzungen oder Ereignissen: etwa dem Kahlenberg. Oder dem Leopoldsberg. In die Lobau mit Aspern und Wagram, Wiener Neustadt, die Allzeit Getreue, Luftkriegzerbombte und was auch immer mehr.

Im Unterschied zu meinen Klassenkollegen, die dort ins Bad oder zum Heurigen gingen, oder weiter entfernt - etwa an den Küsten Frankreichs - Sandburgen bauten und sich mit Eis bekleckerten, war unser und also mein Ferienziel beispielsweise der Nordatlantikwall. Von dem wusste man, also ich, noch nicht viel. Filme wie "Der längste Tag" waren längst noch nicht geschaut und vom Zweiten Weltkrieg war nur so viel bekannt, dass er nach dem Ersten kam. Solches Wissen wurde in Mathematik vermittelt.

Kindlicher Unverstand in Dünkirchen#

Dann aber: Dünkirchen. Osterinselgleiche Betonbunker sanken dort seit der britischen Landung in der Normandie im Sand dahin, doch jung und unverständig, wie ich war, konnte ich ihnen weder eine erhellende historische Dimension noch eine architektonisch-ästhetische im Geiste von Paul Virilios Bunkerarchäologie abgewinnen.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Ersten Weltkrieg, der für mich im Hinterland begann, genauer noch in der Himmelgasse in Döbling, wo ich, gerade des Lesens mächtig und also schmächtig, im elterlichen Schlepptau zu einem Abendessen bei Adrienne Thomas-Deutsch antreten musste. Sie, die heute doch zumeist als Ehefrau des großen Sozialistenführers Julius Deutsch wahrgenommen wird, verfasste den nach Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" wohl bekanntesten und populärsten Anti-Kriegsroman über den Ersten Weltkrieg, nämlich "Die Katrin wird Soldat" - ein Umstand, den ich damals alles andere als zu schätzen oder einzuschätzen wusste. Dieser Abend blieb mir lediglich als traumatische Ansammlung von unverständlichen Gesprächen, ebenso unverständlichem Ruhigsitzen und als bedrohliche Häufung von Tafelsilber und Porzellanschüsseln in Erinnerung. Dieser Weltkrieg war wirklich kein Spaß!

So betrachtet war die spätere Lektüre von Luis Trenkers "Sperrfort Rocca Alta" schon erfolgreicher. Da wurde endlich geschossen, da ging es um Männerfreundschaft, um Erbfeindschaft, Heldenmut und eben auch Heldentod. Da zuckte es aus Panzerkuppeln, und die Sturmtruppen der Italiener sammelten sich, um Tirol mit feindlicher Übermacht zu überrennen. Und zum Glück gab es dann auch noch mutige Sudetendeutsche, die sich feigen tschechischen Kommandanten entgegenstellten. Das Döblinger Porzellan war endlich dem Stahlbeton gewichen.

Einzig der Missstand, den Krieg nur im Hinterland zu erfahren, eingezwängt in bildungsbürgerliche Buchdeckel, der war geblieben. Doch auch diesem Mangel sollte bald Abhilfe geschaffen werden: Verdun! Albtraum deutscher wie französischer Soldaten und Urlaubsziel meiner Eltern im Sommer 1982 oder so. Nun ging es an die Front.

Front? Nichtendenwollende Rasenflächen voller weißer Kreuze umringen dort ein phallisch-faschistisch anmutendes Denkmal. Ein Siegesdenkmal. Streng in Reih und Glied ist alles angeordnet, ganz so, als wären die tausenden Toten auch heute noch dazu verdammt, einem militärischen Drill zu gehorchen. Man schreitet eine Totenparade ab, eine Reihe nach der anderen, auf tadellosen Schotterwegen, an tadellosen Grasflächen mit tadellosen Kreuzen vorbei. Hier verlängert sich militärisch verleugnete Individualität in die Ewigkeit.

Von alledem freilich sah ich nichts. Mir war dieser Kriegsschauplatz eine Ansammlung von Grünflächen, die nicht betreten werden durften, Wegen, die nicht verlassen werden durften, ein Ort, wo man nicht Kind sein durfte. Dürftig.

Menschenknochen am Wegrand#

Doch auch dem wurde Abhilfe geschaffen. Die Sommerfrische des Jahres 1983 brachte die Familie zunächst ins osttirolerische Obertilliach, jenen herrlich gelegenen, bauordnungsbedingt höchst verunstalteten Ort, wo wir, dem Ruf des Vaterlandes gehorchend, Frauen und Kinder in Sicherheit und also zurückließen, um zu zweit, Vater und Sohn, die Hochebene der Sieben Gemeinden zu erkunden. Dort befanden sich immerhin entscheidende Abschnitte der österreichischen Verteidigung an der Südwestfront des Ersten Weltkriegs. Von Silian Richtung Toblach, einen faszinierten Blick auf die Drei Zinnen werfend, über den Tre Croci Pass rasch am mondänen Cortina d‘ Ampezzo vorbei. Ja, vorbei! Wie immer in den Urlauben, schien auch diesmal das Reiseziel der Anderen just jenes zu sein, das von uns links liegen gelassen wurde. Stattdessen gab es da und dort aus der Entfernung ein Loch in Felswänden zu sehen, das schlagartig und kenntnisreich als Kaverne deklariert, fast dekliniert wurde.

Letztlich dauerte es aber nur noch wenige Stunden, bis dieser Erste Weltkrieg auch in mir Wirklichkeit wurde, als beim Aufstieg auf den Col di Lana die ersten Laufgräben auftauchten, man hin und wieder über ein Stück Stacheldraht stolperte und leere Gewehrmagazine unweit der Wege geduldig vor sich hinrosteten. Irgendwo lagen dann auch die ersten Menschenknochen am Wegrand. Knochen eines Soldaten der Alpini? Des deutschen Alpenkorps, das zunächst hier die Stellungen gehalten hatte? Eines Kaiserjägers? 65 Jahre nach dem Ende des Krieges war diese Frage so bleich wie die Knochen selbst. Wir hoben sie auf und legten sie zu den Knochenhügeln, die irgendwer irgendwann am Weg zum Gipfel des Col di Lana begonnen hatte aufzuhäufen. Da lagen sie, die Teile der einstigen Kämpfer, der einstigen Feinde, der Erbfeinde. Zusammengewürfelt und doch alles andere als bunt.

Und wie anders war überhaupt dieser Gedenkort! Reste von Holzbaracken moderten vor sich hin und düngten die spärliche Vegetation, Wege mündeten in verfallende Steinmauern früherer Mannschaftsunterkünfte, betonierte Geschützöffnungen da und dort. Natur und Geschichte verwoben sich hier zu einem überzeitlichen Ganzen. Keine Spur von jener Geschichtsdisziplinierung, die in der Militarisierung der Landschaft ihren Ausdruck fand. Der Mensch war hier ein Intermezzo, ein vorübergehendes Phänomen, dessen Bedeutung nicht überschätzt werden sollte.

Bald schon ging die Fahrt weiter, hin zu den mächtigen Sperrforts, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Österreichern errichtet worden waren - ein Zeichen wohl nur eingeschränkten Vertrauens in das damals noch verbündete Königreich Italien. Vorbei an Kararsee und dem pittoresken Massiv des Rosengartens, die mir beide von Agatha Christie her ein Begriff waren, zum Werk Serada. Dort mutet es an, als hätten sich spätrömische Ruinen auf 1600 Meter Seehöhe verirrt. Aus mächtigen Steinblöcken errichtet, streckt sich die lange Front des Kasemattblocks hin, als hätte es gegolten, den Circo Massimo neu zu bebauen.

Der Boden ist übersäht mit Schutt, Zeugen und Überreste des Krieges ebenso wie der massiven Sprengungen, die zur Rückgewinnung des Stahls aus dem Mauerwerk seitens der Faschisten in den 20er Jahren vorgenommen worden waren. Letztlich waren es diese Sprengungen, die den Kriegseindruck so richtig hervorzurufen verstanden. Hier war massive Zerstörung am Werk gewesen, hier waren Tonnen von Geschoßen auf Tonnen von Stahl getroffen, hier war gekämpft, gelitten, gestorben worden. Ich war im Krieg angekommen.

Sympathien für die Draufgänger von einst#

In dieser "Preislage" ging es dann auch weiter. Gschwendt, Lusern, Verle und wie sie alle hießen, Schutt, Stahl, Knochen, feuchte, höhlenartige Labyrinthe ins Innere der Berge gehauen. Vor deren Betreten wurde gewarnt - also nichts wie hinein, Krieg war schließlich nicht ohne Gefahren. Und irgendwie konnte ich sie schon verstehen, die jungen Draufgänger des Jahres 1914 oder 15, die sich nichts sehnlicher wünschten, als das Abenteuer des Krieges zu erleben, die es herbeisehnten und nicht daran glauben konnten, dass sie abgeschlachtet würden wie Vieh in der Massentierhaltung. Und die dann, wenn es die Zeit erlaubte, in kleinen Soldatenfriedhöfen nebeneinander zu liegen kamen, halbe Regimenter auf idyllischen Waldlichtungen, Holzkreuze mit oder ohne Namen, Holzkapellen zur stillen Andacht, die kaum jemand zu verrichten kam.

So wie jener Soldatenfriedhof mit dem sprechenden Namen Slaghenaufi. Ihn fanden wir, Vater und Sohn, wohl zufällig wenige Tage später. Auf den Gräbern hatten eben Schulklassen ihre Jause ausgebreitet, manche der Kinder spielten Fangen, sie schrien, lachten und kullerten herum. Auch sie hatten ihre Kindheit wie einen Eimer übergestülpt bekommen. Eine Kindheit in Frieden.

Meinhard Rauchensteiner, 1970 geboren, Sohn des Historikerehepaars Marianne und Manfried Rauchensteiner, arbeitet als Berater für Wissenschaft, Kunst und Kultur von Bundespräsident Heinz Fischer in der Österreichischen Präsidentschaftskanzlei. Veröffentlichungen zu diversen Themen.

Wiener Zeitung, Sa./So., 26./27. April 2014