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Aufmüpfige Mofas#

Motorsport als Volkssport#

von Martin Krusche

Was einen Motor und Räder hat, ist für Rennen geeignet. Das könnte sogar auf eine Waschmaschine zutreffen. Wer bereit ist, Staub zu fressen und Benzindämpfe zu husten, wird es vermutlich etwas eleganter haben wollen. Das Mofa ist gewissermaßen die Waschmaschine unter den Kraftfahrzeugen. Auf unzählige Arten nützlich und aus (fast) keinem Haushalt wegzudenken; soweit die Hütte nicht ein paar dicke Autos auf den Stellplätzen hat.

Bild 'maxi01_cover'

Das Mofa ist der Urenkel des Niederrades (Safety), der Enkel des Motorrades und der schlaksige Teenie im Gefolge braver Mopeds. Das Mofa ist eine Art muskulöses Fahrrad. Ausgelaufene Typen wie das Puch Maxi haben so hohe Stückzahlen erreicht, daß sie heute noch zum Alltagsbild auf unseren Straßen gehören.

Aus einem strammen Mofa kann man mit etwas Geschick und Erfahrung einen Kraftlackel machen, vereinzelt sogar einen Supersportler.

Ich erzähle nun von einer Motorsportmöglichkeit, wie sie sich erst in meinen Kindertagen entfalten konnte. Kraftfahrzeuge waren bis zum Zweiten Weltkrieg für die meisten Menschen unerschwinglich, der Motorsport daher überschaubaren Minoritäten vorbehalten. (Über Werksfahrer und Herrenfahrer wird an anderer Stelle noch zu berichten sein.)

Das änderte sich mit den 1950er Jahren, als die Stückzahlen stiegen und die Preise sanken. In den 1960ern waren genug Kraftfahrzeuge im Zweirad- und Vierradbereich unterwegs, um einen üppigen Gebrauchtfahrzeug-Markt zu füttern. Dazu gehörte ab Mitte der 1950er auch die neue Fahrzeugkategorie Moped.

Dazu sind die Produkte aus dem Grazer Puchwerk sehr anschaulich. Einerseits lieferten sie die Basis für hochkarätigen Motorsport. So konnte etwa die Puch MC 50 mit einem speziellen Tuning-Set zum voll tauglichen Moto Cross-Gerät umgerüstet werden.

Andrerseits waren massentaugliche Volksmopeds wie die Puch MS 50 (Stangl-Puch) oder das Puch Maxi allemal hinreichend, um im Spaßbereich Rennen fahren zu können. Ich nehme ein aktuelles Beispiel. Das „Maxi Gaudi-Rennen“, wie es der Wünschendorfer Zweiradclub „Bist du Moped“ in Hofstätten an der Raab seit Jahren veranstaltet, ist eine Bündelung verschiedener Qualitäten.

Dieses Rennen zu organisieren ist kein Profi-Geschäft, sondern wird von engagierten Privatpersonen bewältigt. Der erhebliche Aufwand wird in einer sozialen Leistung bewältigt, zu der höchst unterschiedliche Menschen zusammengreifen. Solche Art der Übung von Gemeinschaft ist im Gemeinwesen schon selten geworden. (Bürgermeister Werner Höfler weiß derart zivilgesellschaftliche Engagement in seiner Gemeinde zu schätzen.)

Seriennahes Renn-Maxi, minimaler Aufwand – (Foto: Martin Krusche)
Seriennahes Renn-Maxi, minimaler Aufwand – (Foto: Martin Krusche)
Seriennahes Renn-Maxi mit zusätzliche Rahmen-Strebe - (Foto: Martin Krusche)
Seriennahes Renn-Maxi mit zusätzliche Rahmen-Strebe - (Foto: Martin Krusche)
Renn-Maxi mit markanten Extras - (Foto: Martin Krusche)
Renn-Maxi mit markanten Extras - (Foto: Martin Krusche)

Was man dann im Detail sehen kann, wenn der Zweiradclub „Bist du Moped“ loslegt, fällt übrigens in den Bereich „Volkskultur in der technischen Welt“ (H. Bausinger). Das ist eine besondere Kuriosität, da dieses Genre von landläufigen Kulturreferaten und Feuilletons weitgehend ignoriert, stellenweise sogar abgelehnt wird, obwohl die Volkskunde es seit über einem halben Jahrhundert beforscht.

Es sind gerade die Schrauber und Sammler, die Leute von denen Klassiker-Treffen, Cruisings und solche Gaudi-Rennen organisiert werden, welche heute diese Volkskultur authentisch leben, aber sie entsprechen offenbar nicht dem, was sich ein situiertes Bildungsbürgertum in sauberen Klamotten unter Volkskultur vorstellen mag.

Dort ist nämlich auffallend oft ein von Schmutz und Schweißgeruch bereinigtes Retro-Vergnügen Gegenstand dar Volkskultur-Betrachtung, die sich hauptsächlich auf Ausdrucksformen bezieht, wie sie historisch der agrarischen Welt zugeordnet werden können.

Dagegen werden die aktiven Schrauber und Sammler mit ihren eigenen Codes, Musikwelten, Veranstaltungsformen und Arten der Gemeinschafts- wie Traditionspflege nicht mit Volkskultur in Zusammenhang gebracht.

Zurück zum Beispiel „Maxi Gaudi-Rennen“. Die markante Integrationsfigur dieser oststeirischen Szene ist der Mechaniker Franz Pollhammer. Ein Handwerker im traditionellen Sinn, was bedeutet, man erkennt an ihm die Intention, eine Sache um ihrer selbst Willen gut zu machen. Das verlangt einen leistungsfähigen Verstand und angemessene Handfertigkeit.

Franz Pollhammer, der Mechaniker, im Job – (Foto: Martin Krusche)
Franz Pollhammer, der Mechaniker, im Job – (Foto: Martin Krusche)
Franz Pollhammer, der Motorsportler, im Transporter eine 380er CZ - (Foto: M. K.)
Franz Pollhammer, der Motorsportler, im Transporter eine 380er CZ - (Foto: M. K.)
Franz Pollhammer, der Sport-Promotor - (Foto: Martin Krusche)
Franz Pollhammer, der Sport-Promotor - (Foto: Martin Krusche)

Er ist aber auch ein Mann mit großen Emotionen, denn seine Kompetenzen wären im Geschäftsleben allemal für sattes Extra-Geld gut. Doch in seiner Freizeit geht es ihm nicht ums Geldverdienen, sondern um Inhalte und Erlebnisse. Das betrifft den Sport. Das betrifft die Veranstaltungsorganisation.

Rund um diesen Ereignisschwerpunkt sind höchst unterschiedliche Teams aktiv. Die Basis des Rennens ist, wie erwähnt, ein altes Massenprodukt, das allerdings langsam rar wird. Das Puch Maxi ist ein Mofa, dessen Rahmen aus zwei gepreßten Halbschalen besteht, der Tank ist dabei integriert. Die luftgekühlten Maxi-Motoren sind standfeste, belastbare Triebwerke von schlichter Bauart. Die Technik kann also beherrscht werden, dazu muß man kein Mechaniker-Genie sein.

Entsprechend sind auch etliche der Renn-Maxis, die eingesetzt werden, weitgehend im Originalzustand; bestenfalls um eine Strebe zwischen Lenkkopf und Sattelstütze ergänzt, damit der Rahmen an Stabilität gewinnt. Von solchen seriennahen Fahrzeugen aus tut sich dann ein weites Feld des Modifizierens auf.

Entsprechend vielfältig sind die renntauglichen Modelle ausgeführt, manche kaum noch als Maxi zu erkennen. Es geht um leistungsfähige Komponenten an radikal umgebauten Rahmen. Da ist teilweise das allgemeine Bastlergeschick nicht mehr hinreichend. Die Beispiele gehen in mehreren Stufen Richtung High Tech-Maschinchen für den fordernden Offroad-Bereich.

Weitreichender Umbau jenseits der Bastel-Liga – (Foto: Martin Krusche)
Weitreichender Umbau jenseits der Bastel-Liga – (Foto: Martin Krusche)
Das ist ein sehr professioneller Umbau - (Foto: Martin Krusche)
Das ist ein sehr professioneller Umbau - (Foto: Martin Krusche)
Frauen halten bei den Rennen natürlich auch mit - (Foto: Martin Krusche)
Frauen halten bei den Rennen natürlich auch mit - (Foto: Martin Krusche)

Am Rande des Renngeschehens findet man zusätzlich Custom-Maxis, also interessant modifizierte Fahrzeuge. Ob Farbgestaltung durch Lackspezialisten, ob formale Überraschungen, für die man hart ins Metall gehen muß, da zeigen Enthusiasten wozu sie handwerklich und ästhetisch in der Lage sind.

Was in diversen Motorrad-Subkulturen ein Vermögen kosten würde, ist auf Maxi-Basis gerade noch im überschaubaren Bereich, der sich kostenmäßig zwar fast beliebig ausdehnen läßt, der aber auf jeden Fall schon per Durchschnittsgehalt einen Einstieg in die Szene zuläßt.

Wie erwähnt, der historische Bestand an diesen Mofas ist inzwischen schon etwas schütter geworden. Gemessen an den einstigen Produktionszahlen wird es bei der Suche nach interessanten Original-Maxis langsam eng. Vor allem die frühen Starrheck-Maxis, wie sie nur etwa ein Jahr klang produziert wurden, sind heute so gesucht wie selten.

Deshalb wird inzwischen sogar „zurückgebaut“. Das heißt, ein jüngeres Fahrzeug mit der technisch aufwendigeren Schwinge-Federbein-Kombination verliert diese Komponenten und erhält ein antiquiertes Starrheck (Hardtail) aufgepfropft.

Der Feinspitz lächelt und sagt bezüglich Hardtail: „Etwas längerer Radstand, steiferer Rahmen, bessere Fahreigenschaften.“ Das ist aber keine Vernunftfrage, sondern eine Frage des glänzenden Erscheinens.

Wer sich mit dem Thema Bobber und Chopper auskennt, das sind Felder kühn modifizierter Motorräder, kennt diesen Primat des Wow-Effektes. Kurz gesagt: Es zählt nicht der Sitz- und Fahrkomfort, sondern der spektakuläre Auftritt.

Rarität: Weitgehend serienmäßiges Puch Maxi N – (Foto: Martin Krusche)
Rarität: Weitgehend serienmäßiges Puch Maxi N – (Foto: Martin Krusche)
Customizing: Modifiziertes Starrheck-Maxi - (Foto: Martin Krusche)
Customizing: Modifiziertes Starrheck-Maxi - (Foto: Martin Krusche)
Modifiziertes Besucherfahrzeug - (Foto: Martin Krusche)
Modifiziertes Besucherfahrzeug - (Foto: Martin Krusche)

Egal, ob Sportgerät oder Show-Gerät, im Kern zählen Einfallsreichtum und Handfertigkeit. Es ist abschnittweise auch ein Wettbewerb der originellen Ideen. Dabei gibt es Momente, da findet man drei Generationen von Handwerkern über ein Werkstück gebeugt. Das bedeutet Erfahrungsaustausch und Weitergabe von Wissen. Das bedeutet überdies, auf diesem Terrain werden Rollenvorbilder überprüft.

Am Renntag finden sich außerdem nicht bloß im Fahrerlager, sondern auch im Publikum Sammler und Schrauber ein, kommen mit historischen Fahrzeugen. Man zeigt, was man hat. Man zeig auch, was man kann. Das bedeutet, auf diesem Gebiet einer „Volkskultur in der technischen Welt“ werden Kompetenzen und Praktiken gepflegt, erhalten, die in unseren Industriebetrieben und den meisten Werkstätten gerade verloren gehen.

Das hat mit Technologiesprüngen zu tun, mit Automatisierungsschüben, mit unserem Weg in eine Vierte Industrielle Revolution. Im Augenblick erscheint ziemlich unklar, welche dieser Fertigkeiten ruhig ins Museum entsorgt werden können, welche davon vielleicht zur Zeit untergehen, unserer Gesellschaft aber später eventuell schmerzlich fehlen werden

In solchen Zusammenhängen läßt sich diese Szene auch als ein Milieu der praktischen Kulturarbeit verstehen. Ich gebe zu, bisher keine sehr populäre Ansicht. Bedauerlich, denn unter jenen Schraubern und Sammlern finden wir viele Qualitäten deutlich ausgeprägt, die gute Beispiele für regionale Wissens- und Kulturarbeit sind.

+) Zweiradclub „Bist du Moped" (link)

+) Ein Beitrag zu: "Wir Ikarier" (link)