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Phönix aus der Garage#

Was aus einem Torso wurde#

von Martin Krusche

Der Albl Phönix, eine Voiturette von 1902 - Foto: M. Krusche
Der Albl Phönix, eine Voiturette von 1902 - Foto: M. Krusche

Der Handwerker Sepp Schnalzer benutzt und pflegt eine alte Drehbank, an der man unterschiedliche Zahnräder austauschen muß, um in verschiedene Drehzahlbereiche zu kommen. Damit bohrt Schnalzer bei Bedarf in ein Stück Rundstahl von vier Millimeter Durchmesser ein Loch von drei Millimeter Durchmesser.

Es ginge auch noch feiner, sagt er, so fein, daß man den Bohrer nach Gefühl bewegen müsse, weil man das Material nicht mehr spürt. Dazu brauche es jenes Bohrfutter, welches man auf Null schließen könne, weil ja der Bohrer viel zarter als eine Nähnadel sei. (Es ist fast, als wollte man mit einem Roßhaar Löcher bohren.)

Der Handwerker Sepp Schnalzer hat sein Handwerk seinerzeit im Grazer Puchwerk gelernt. Sein Pensionsantritt stellte ihn dann für seine große Leidenschaft frei: Vorkriegsfahrzeuge. In seiner kleinen, feinen Kollektion ist nichts darunter, was als Massenware gut dokumentiert wäre. Da kommt es dann gelegentlich vor, daß ihn allein die Suche nach dem passenden Zündzeitpunkt eines hundert Jahre alten Motörchens einige Wochen des Probierens kostet.

Zu Schnalzers Bestand gehört das älteste noch erhaltene steirische Automobil, überdies das älteste Auto Österreichs mit aufrechter Straßenzulassung. Es ist eine Voiturette, also ein „Wägelchen“, aus dem Jahr 1902. Der Albl Phönix, penibel fahrbereit gemacht, stammt aus dem Grazer Werk von Benedict Albl (Graziosa Fahrradwerke Benedict Albl & Comp.), welcher übrigens für kurze Zeit ein Dienstherr von Johann Puch gewesen ist, nachdem dieser seinen Militärdienst abgeleistet hatte und in die Reserve entlassen wurde.

Das 1899er Albl Graziosa Chainless, ein kettenloses Fahrrad - Foto: M. Krusche
Das 1899er Albl Graziosa Chainless, ein kettenloses Fahrrad - Foto: M. Krusche

Albl war primär ein Produzent erstklassiker Fahrräder, wie etwa des Graziosa Chainless, also ein kettenloses Rad, bei dem eine Kardanwelle die Kraft von der Tretkurbel auf das Hinterrad überträgt. Sein Sohn Josef soll den entscheidenden Impuls für das Interesse am Automobilbau gegeben haben; damals meist noch ein Unternehmen mit Stückzahlen unter zehn Einheiten.

Im Jahr 1899 erschien das Heft 21 der Touring Zeitung, dem Organ des Österreichischen Automobil-Club. Darin wurden die Graziosa Automobilwerke Benedict Albl & Co vorgestellt, ein komplettes Albl-Automobilprogramm beschrieben und mit Graphiken illustriert.

Die meisten Fahrzeugformen waren zu jener Zeit noch mit Begriffen aus der Kutschenwelt belegt. Tourenwagen, Phaeton, Fiaker und Omnibus machen das deutlich. Der Lastwagen war als schlichtes Plateau ausgelegt, bei dem der Fahrer auf dem Motorgehäuse zu sitzen hat. Die Voiturette ist eine kleine Variante des Voiture, so das französische Wort für Auto.

Diese Fahrzeuge, wie sie in der Touring Zeitung zu finden sind, wurden aber, soweit wir wissen, nicht gebaut; den kleinen Phönix von Schnalzer ausgenommen. Ende des 19. Jahrhunderts geriet die Suche nach adäquaten Motoren zu einem wichtigen Thema, denn „für das Auge haben unsere Constructeure ja schon wahre Bijoux von leichten, zierlichen Voiturettes geschaffen“.

Der Einzylinder-Motor von De Dion - Foto: M. Krusche
Der Einzylinder-Motor von De Dion - Foto: M. Krusche

Aber ein Triebwerk, „das bei möglichst ökonomischem Betriebe und geringer Complication des Mechanismus“ genug Kraft liefert, um auch einen Zweisitzer sicher über alle Arten von Straßen und Steigungen zu bringen, war nicht leicht zu haben. In den ersten Jahren des 20. Jahrhundert verlangte das kaufkräftige Publikum bald ausdrücklich nach Vierzylinder-Motoren.

Schnalzers Phönix wird von einem De Dion Einzylinder befeuert. Die Motoren des Aristokraten Albert Jules Graf de Dion wurden damals quer durch ganz Europa verbaut, weshalb es möglich war, das entkernte Grazer Automobilchen wieder mit einem passenden Kraftwerk zu versehen.

Übrigens wurde im Heft Nummer 1 jenes Jahres 1899 ein bis heute wertvoller Besitz des Clubs retrospektiv hervorgehoben.

Sie ahnen schon, aus dem Österreichischen Automobil-Club (ÖAC) wurde 1946 der ÖAMTC. Auf Seite 15 der genannten Ausgabe ist vom „ersten Benzin-Automobil der Welt“ die Rede, dem zweiten Marcus-Wagen, der heute noch existiert und fahrtüchtig ist.

Der besondere Rang als „erstes Benzin-Automobil“ wurde dem Marcus-Wagen freilich über diverse Kontroversen aberkannt, Fahrzeuge von Benz und von Daimler galten schließlich als älter datiert. Aber kurz zurück zu Schnalzers Phönix. Hat man die Voiturette vor sich, fällt einem auf, daß dieses frühe Automobil vom Radstand her näher bei den anfangs vielgeschmähten „Moped-Autos“ von heute steht als bei den uns vertrauten Autos.

Sepp Schnalzer auf dem Phönix bei Mythos Puch II - Foto: M. Krusche
Sepp Schnalzer auf dem Phönix bei Mythos Puch II - Foto: M. Krusche

Es ist ein Winzling, was wohl hauptsächlich aus der nur spärlich verfügbaren Motorkraft resultierte.

Doch eine Faustregel besagt, ein Auto sei nur so schnell wie seine Bremsen leistungsfähig. Auch das empfahl Zurückhaltung in der Fahrzeugdimension. Eine weit Bergabfahrt möchte man mit dem Phönix lieber nicht riskieren.

Aber mindestens in der Ebene pfeift der Phönix selbst mit zwei Personen an Bord um die Ecke wie der Wind.