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Born to Be Wild#

In Stahl, Lack und Leder stolzieren#

von Martin Krusche

Menschen sind keineswegs die einzige Spezies dieser Welt, deren Existenz abschnittweise auf Imponiergehabe ausgerichtet ist. Wir teilen diese Neigung mit vielen Geschöpfen.

Manchmal genügt das bunte Schillern, oft will ein Wesen auch gefährlich wirken, um sich hervorzutun. Stolzieren, Drohgebärden, das reicht bis zum Kommentkampf, einer ritualisierten Formen des Aufeinanderprallens. (Man könnte auch sagen, es sei eine Art Kriegstanz.)

Mehr geht kaum: Chopper mit V8 Motor - (Foto: Martin Krusche)
Mehr geht kaum: Chopper mit V8 Motor - (Foto: Martin Krusche)

All das läßt sich mit Autos und Motorrädern vorzüglich umsetzen. Kraftfahrzeuge sind sehr taugliche und vielfältig einsetzbare Medien für dieses Spektrum menschlicher Verhaltensoriginalität. Viele Ikarier möchten mit ihrem Vehikel beeindrucken.

Manche davon mit erlesenem Geschmack, andere hauptsächlich mit vergrößerter Silhouette und enormer Geräuschkulisse.

Im Zubehörhandel finden wir alle Arten von Prothesen, die für solches Stolzieren als Krücken geeignet sind. Und sei es bloß eine verchromte Auspuffblende, die aus dem Röhrchen am Heck ein mächtiges Rohr macht, mit dem entsprechende Motorenkraft angedeutet werden soll.

Abenteuerliche Spoiler und andere Anbauteile unterstützen automobile Drohgebärden. Dazu gehören Bekleidungsstile und Musikrichtungen. Dazu gehört auf jeden Fall auch eine üppige „Sticker-Kultur“, ein graphisches Universum der Aufkleber und Beschriftungen.

Popkultur und Unterhaltungsindustrie haben diese Sujets aufgegriffen, teilweise aus der Historie bezogen, teilweise selbst produziert. Die Details wurden je nach Bedarf verfeinert oder gröber gemacht, auf jeden Fall massenhaft verbreitet.

Eine der populärsten Hymnen dieses Genres ist der ziemlich schwülstige Song „Born to be wild“ (1968) der Gruppe Steppenwolf.

Der Auftakt des Songs scheint noch einigermaßen verkraftbar: „Get your motor runnin' / Head out on the highway / Looking for adventure / In whatever comes our way“. Motor starten, raus auf den Highway, Abenteuer suchen, egal, was man erwischt. Gut.

Plattenlabel: Steppenwolf - Born to be Wild, 1968 - (Quelle: discogs, Public Domain)
Plattenlabel: Steppenwolf - Born to be Wild, 1968 - (Quelle: discogs, Public Domain)

Das landet dann zügig in einer quasi-erotischen Metaphorik mit entsprechender Entladung: „Yeah, darlin' / Gonna make it happen / Take the world in a love embrace / Fire all of your guns at once / And explode into space“. Die Welt „in einer Liebesumarmung“ einnehmen, erobern, das ist eben Hippie-Kultur. Alle Knarren gleichzeitig abfeuern und so ins Weltall explodieren… Naja, wenn Teenager träumen.

Schließlich die Phantasie vom „Schönen Wilden“, ein Versatzstück aus der Stereotypenkiste des Rassismus: „Like a true nature's child / We were born / Born to be wild“. Ein „wahres Naturkind“, das geboren wurde, um wild zu sein, was immer wild bedeutet. Unbändig? Gegen das Establishment randalierend? Gewalttätig? Auf jeden Fall schnell, ungebremst, nicht aufzuhalten.

Das amerikanische Trio ZZ Top hat in einem Song-Titel rund ein Jahrzehnt nach „Born to be wild“ klargestellt, was automobiles Kerl-Sein verlangt, wenigstens nahelegt: „I'm bad, I'm nationwide“ (1979). Ich bin böse, bundesweit. Ich bin ein hinreißendes nationales Übel. Die Pose ist anspruchsvoll: „Easin' down the highway in a new Cadillac, I had a fine fox in front, I had three more in the back.“

Der „Eliminator“ von ZZ Top, ein 1933er Ford Coupé - (Quelle: Whpq, Creative Commons)
Der „Eliminator“ von ZZ Top, ein 1933er Ford Coupé - (Quelle: Whpq, Creative Commons)

In einem Cadillac gemütlich den Highway entlang, vorne eine Frau, wegen der sich andere Männer einen Finger abhacken würden, hinten drei weitere Schönheiten dieses Kalibers. Im Österreich meiner Kindertage wäre das als eine Zuhälter-Pose gedeutet worden. Inzwischen konnte geklärt werden, daß solche Selbstinszenierungen Rock & Roll sind. Zwischen „Pimp my Car!“ und „Pimp my Bride!“ liegen keinesfalls Welten.

Die Eröffnungszeile des Liedes spielt mit einer Gefährlichkeits-Metapher: „Well I was rollin' down the road in some cold blue steel…“ Blue Steel ist eigentlich der Slang-Ausdruck für eine Schußwaffe, mit der hier das Auto assoziiert wird. (Schlag nach beim Klassiker „Hey Joe“ in der Version von Willy DeVille: „You know, I'm goin' down town, I'm gonna buy me a blue steel forty four“.)

Die dritte Strophe eröffnen ZZ Top mit einer Hot Rod-Ikone: „Well I was movin' down the road in my V-8 Ford…“ Dazu ein wenig Dresscode: „I had a shine on my boots, I had my sideburns lowered“, also fein geputzte Stiefel und lange Koteletten. „With my New York brim and my gold tooth displayed“, ein Schlapphut auf dem Kopf und ein blitzender Goldzahn im Mund.

Nun das Fazit: „Mit mir legt sich keiner an, mir macht keiner Schwierigkeiten“. („Nobody give me trouble cause they know I got it made.“) Und jetzt können wir mitsingen: „I'm bad, I'm nationwide.“ Da leuchtet ein, daß der wilden Burschen amtliches Dienstauto (wie eines ihrer Alben) „Eliminator“ heißt. Es ist ein 1933er Ford Coupé, zum Hot Rod aufgebrezelt.

Die Vorstufe zum Chopper, der „Bob-Job“: Alles Überflüssige weg, hinten bleibt nur ein kurzes Kotblech. Die antiquierte Springer-Gabel ist ein feines Show-Element. - (Foto: Martin Krusche)
Die Vorstufe zum Chopper, der „Bob-Job“: Alles Überflüssige weg, hinten bleibt nur ein kurzes Kotblech. Die antiquierte Springer-Gabel ist ein feines Show-Element. - (Foto: Martin Krusche)
Der Chopper hat vor allem einen gekippten Lenkkopf, um die lange Gabel unterzubringen, und einen kleinen, hochgesetzten Tank, damit man den Motor gut sehen kann. - (Foto: Martin Krusche)
Der Chopper hat vor allem einen gekippten Lenkkopf, um die lange Gabel unterzubringen, und einen kleinen, hochgesetzten Tank, damit man den Motor gut sehen kann. - (Foto: Martin Krusche)

Zur Vertiefung der Bekleidungsfragen siehe auch den ZZ Top-Song „Sharp Dressed Man“! Da hat sich dem „true nature's child“ also eine ganz andere Inszenierung gegenübergestellt. Aber solche Dualitäten, auch als Frontstellungen, sind Standard. So etwa Motorrad fahrende Rocker gegen Scooter fahrende Mods (Modernists). Selbst auf dem Acker kommt das vor, wo unter den jungen Bauern die Lager nach Marken geordnet sind; zum Beispiel Steyr gegen John Deere.

Mitte der 1980er ergänzte Willy DeVille namens der Band Mink DeVille die Frage nach der „Einser-Panier“, also dem feinen Ausgeh-Gewand, im Song „Italian Shoes“, welche er als „Soft like butter / Fit like a glove“ lobt, weich wie Butter und passend wie ein Handschuh.

Die entsprechende Pose? Die geht so: „I'm going to walk down the avenue / Shinin' like a Cadillac car“, der Cadillac ist beim Flanieren eine Referenzgröße. Natürlich geht es auch darum, Frauen zu beeindrucken: „Something about me / The women all love / I wear Italian shoes“.

Wer das nicht bringt, muß leiden wie Ry Cooder, welcher 1980 auf dem Album „Borderline“ zu erzählen wußte: „Every woman I know is crazy 'bout an automobile / And here I am standing with nothing but rubber heels.“ (Jede Frau, die ich kenne, ist nach einem Auto verrückt und ich steh hier bloß mit den Gummi-Absätzen meiner Schuhe herum.)

Minimales Aufbrezeln, ein Totem-Ttier auf dem Kühler. Der Adler als Symbol von Freiheit und Kraft. - (Foto: Martin Krusche)
Minimales Aufbrezeln, ein Totem-Ttier auf dem Kühler. Der Adler als Symbol von Freiheit und Kraft. - (Foto: Martin Krusche)
Völlig überdimensionierter Heckspoiler an einem Auto, das für seine bescheidenen Fahrleistungen überhaupt keinen Spoiler braucht. - (Foto: Martin Krusche)
Völlig überdimensionierter Heckspoiler an einem Auto, das für seine bescheidenen Fahrleistungen überhaupt keinen Spoiler braucht. - (Foto: Martin Krusche)
Solche Flügeltüren sind gewöhnlich an Supersportlern zu finden, an einem Bürgerkäfig aber bloß teures Dekor. - (Foto: Martin Krusche)
Solche Flügeltüren sind gewöhnlich an Supersportlern zu finden, an einem Bürgerkäfig aber bloß teures Dekor. - (Foto: Martin Krusche)

Dann wieder ein kleiner Katalog der wesentlichen Vehikel. Aus Gründen des Reimgefüges ging sich offenbar kein Chevrolet mehr aus. Das Ganze läuft auch ohne Mopar, also einem Geschoß aus dem Hause Chrysler. So bleiben die Big Three Amerikas unvollständig, aber wir wissen ja, was gemeint ist: „Some like Cadillacs, boys / Some like Fords / Some like anything / As long as it rolls“. (Manche bevorzugen Cadillacs, manche Fords, manche mögen alles, wenn es nur rollt.)

Das Grundmotiv der maßgeblichen automobilen Kerl-Nummer finden wir auch im Blues anschaulich formuliert. Willie Dixon schrieb "I'm Ready", Muddy Waters machte den Song 1978 zum Hit: „I'm drinkin' TNT, I'm smokin' dynamite / I hope some screwball start a fight“. Wer also TNT drinkt und Dynamit raucht, wartet nur darauf, daß irgend ein Pfosten sich mit ihm anlegt. „I'm ready, ready as anybody can be / I'm ready for you, I hope you're ready for me“.

Budget-Frage: Pure Verzweiflung setzt über ein verdicktes Auspuffrohr das Flehen „Sport“ und „Rennen“. - (Foto: Martin Krusche)
Budget-Frage: Pure Verzweiflung setzt über ein verdicktes Auspuffrohr das Flehen „Sport“ und „Rennen“. - (Foto: Martin Krusche)
Budget-Frage: Die Liga der bösen Buben posiert weitgehend mit eher harmlosen Autos. - (Foto: Martin Krusche)
Budget-Frage: Die Liga der bösen Buben posiert weitgehend mit eher harmlosen Autos. - (Foto: Martin Krusche)
Strenge Kammer: Bestrafen und versklaven statt schützen und dienen (To protect and serve). - (Foto: Martin Krusche)
Strenge Kammer: Bestrafen und versklaven statt schützen und dienen (To protect and serve). - (Foto: Martin Krusche)

Wo man es allerdings lieber ein wenig literarischer möchte, ist man bei Bruce Springsteen gut aufgehoben: „Born to Run“ trug bei uns 1975 wesentlich zu seinem Durchbruch bei und ist ein feiner Beitrag zum Thema. „Thunder Road“ halte ich für eine sehr authentische Schilderung dessen, was ich auch in meiner eigenen Biographie auffinde.

Manche von uns sind in diesen romantischen Kräftespielen zu Bruch gegangen. Manche haben auch ihr Leben verloren. Wie sich zeigt, das bewirkt nichts Nachteiliges an der Glorifizierung solcher Posen. Im Gegenteil. Die Opfer erhöhen den Reiz.

Eines der frühesten Beispiele dafür ist „The Leader of the Pack“, mit dem das Trio The Shangri-Las 1964 Furore machte. Dieses Teenager-Dramolett vom Tod eines Motorradfahrers („…from the wrong side of town.“) legte offen, was den Kerl bewegte: „They told me he was bad / But I knew he was sad“.

Typischer Greaser, zirka 1960 (Quelle: Michel H. Beaudoin, Public Domain)
Typischer Greaser, zirka 1960 (Quelle: Michel H. Beaudoin, Public Domain)

Solche Erzählungen rundete Ian Anderson (Jethro Tull) 1976 am anderen Ende eines Lebens ab. Der Held von „Too Old to Rock ’n’ Roll: Too Young to Die!“ ist „the last of the blue blood greaser boys“, der letzte von den blaublütigen Greasers, einer Jugend-Subkultur. Die Zuschreibung „Zu alt für Rock & Roll, zu jung, um zu sterben“ weist darauf hin, daß wir Männer, manche von uns, die Pubertät eben gerne auf einige Jahrzehnte ausdehnen.

Die Popkultur liefert gleichermaßen Reminiszenzen und auch Propaganda zum Thema, wobei wir annehmen dürfen, daß sich neue Verhältnisse schon Bahn brechen. Das wird die sentimentale Reise durch derlei Liedgut sicher noch unterstreichen, verstärken.

Damit meine ich, die individuelle Mobilität, gestützt auf den massenhaften Privatbesitz von Kraftfahrzeugen mit Verbrennungsmotoren, läuft in dieser Variante langsam aus. Wir werden es vermutlich noch erleben, daß die Kosten für den persönlichen Besitz solcher Fahrzeuge exorbitant steigen.

Das wäre heute schon der Fall, würde unsere Gesellschaft in Mobilitätsfragen für allgemeine Kostenwahrheit sorgen. Aber im Augenblick ist dieses Thema noch von großer sozialer Brisanz, an der Option „Freie Fahrt für freie Bürger“ zu rütteln kann politische Karrieren kosten.

Das erscheint deutlich, wenn man etwa bedenkt, wie sehr Parkgebühren und Autobahnmaut immer noch laut kritisiert werden, wie generell der Automobilismus angeblich von „Melkkühen der Nation“ belebt wird, daß sich also die kraftfahrenden Teile der Gesellschaft immer wieder als „ausgebeutet“ Spezis verstehen, vor allem wenn es Strafmandate setzt.

Doch allein schon bei der heute gegebenen Verkehrsdichte machen sich die Lieder, in denen eine Freiheit durch Auto- oder Motorradfahren gepriesen wird, als sentimentale Erinnerungsstücke offenkundig. Sie besingen, was bereits vor hundert Jahren ideologisches Dekor der „Autler“ war; von allen Bindungen frei zu sein und sich im „Magic Carpet Ride“ (Steppenwolf) hintragen zu lassen, wo einen kein Ungemach mehr erreichen kann.

P.S.: Ich verzichte hier auf einzelene Links zu den Musik-Quellen. Sie finden die hier genannten Songs gewiß auf Youtobe. Erfahrungsgemäß tauchen konkrete Links auf und verschwinden wieder, weshalb es zielführender ist, wenn Sie Interpreten und Titel aktuell eingeben: Youtube

+) Ein Beitrag zu "Wir sind Ikarier" (link)