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Freuden Sonder Zahl #

Nicht große Städte, sondern kleinere Orte steuert Angelika Kirchschlager bei ihrer Liederreise durch Österreich und Südtirol an. Ihr Anliegen: neues Publikum für dieses Genre zu gewinnen. #


Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: DIE FURCHE

Von

Walter Dobner


Angelika Kirchschlager
Mezzo. Angelika Kirchschlager, 1965 in Salzburg geboren, zählt zu den führenden Mezzosopranistinnen der Gegenwart. Ein besonderes Faible hat sie für den Liedgesang.
Foto: FOLTIN Jindrich / Wirtschaftsblatt / picturedesk.com

Wer auf dem Schlagzeug brilliert, kann es auch in anderen musikalischen Metiers an die Weltspitze bringen. Zwei prominente Beispiele beweisen es: Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, begann seine musikalische Ausbildung auf diesem Instrument; und – was weniger bekannt ist – auch die aus Salzburg stammende Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager ist ausgebildete Schlagzeugerin. Denn neben ihrer Gesangsausbildung an der Wiener Musikhochschule (heute: Musikuniversität), an der Gerhard Kahry und Walter Berry ihre prägenden Lehrer waren, studierte sie drei Jahre Schlagwerk, zudem noch an der Wiener Universität Musikwissenschaft und Kunstgeschichte. Dies vor allem um ihre Eltern zu beruhigen. Schließlich bietet selbst eine außerordentliche Begabung keine Garantie, in einem künstlerischen Beruf auch Fuß zu fassen.

...sonst Journalistin oder Goldschmiedin #

Gesungen hat Angelika Kirchschlager immer schon gerne. Zuerst in ihrer musikbegeisterten Familie, später im Schulchor des musischen Gymnasiums in Salzburg, wo sie auch in einer Kinderoper mitwirkte, und im Kirchenchor, wo sie „sogar ein bisschen Geld verdient“ hat. Die Frage, wie es nach dem Studium weitergehen sollte, klärte sich rasch. Durch erste Wettbewerbserfolge in Wien, Gütersloh und Stuttgart bekannt, bekam sie Vorsingtermine am Theater an der Wien für das Musical „Elisabeth“ und an der Grazer Oper. Dort engagierte man sie, damit war der Weg zur klassischen Sängerin vorgezeichnet. Sonst, ließ sie jüngst in einem Interview durchblicken, hätte sie wohl die Musicalkarriere eingeschlagen. Hätte das nicht geklappt, hätte sie gerne als Kulturredakteurin im Rundfunk, als Buchbinderin oder Goldschmiedin gearbeitet.

Ihr Debüt am Grazer Opernhaus feierte die junge Mezzosopranistin jedenfalls mit dem Octavian im „Rosenkavalier“. Der Erfolg war außerordentlich, das sprach sich rasch herum. So wechselte sie bereits nach drei Jahren, 1993, an die Wiener Staatsoper, deren Ensemble sie nach wie vor angehört. Vier Jahre später debütierte sie an der New Yorker „Met“ und der Opéra National de Paris. 2002 hob sie im Königlichen Opernhaus Covent Garden in London Nicolas Maws Oper „Sophie’s Choice“, die anschließend ebensolche Begeisterung an der Wiener Volksoper entfachte, aus der Taufe.

Angelika Kirchschlager
Angelika Kirchschlager
Foto: APA / Schlager

Kaum ein wichtiges Opern- oder Konzerthaus, in dem Angelika Kirchschlager, seit 2007 österreichische Kammersängerin und weltweit gesuchte Leiterin von Meisterklassen, nicht gastiert, kaum ein Orchester oder Dirigent von Rang, mit dem sie nicht auf dem Podium oder für Platte zusammen gearbeitet hätte. Das hängt auch mit ihrem vom Barock bis zu Wiener Liedern reichenden, weiten Repertoire zusammen, wobei neben Oper und Konzert ihr besonderes Faible seit jeher dem Liedgesang gehört.

Abseits des Mainstreams #

„Ich möchte Positives in die Menschen hineintragen, und Liederabende sind dazu eine perfekte Gelegenheit“, erläutert die Sängerin – seit 2011 auch Professorin für musikdramatische Gestaltung und Gesang an der Grazer Musikuniversität und weltweit gesuchte Leiterin von Meisterklassen – ihr jüngstes, aus dieser Ambition geborenes Projekt: ihre Liederreise durch Österreich. „Nicht jeder hat die Zeit und die Möglichkeit, die großen Konzertsäle zu besuchen. Auch für mich ist es spannend, abseits des bekannten Rampenlichts auf die Leute zuzugehen“, beschreibt sie ihr Konzept, dabei nicht in den großen Zentren zu gastieren, sondern an Orten, die abseits des musikalischen Mainstreams liegen.

Als „fanatische Österreicherin“, wie sie sich bezeichnet, hat sie mit ihrem Klavierbegleiter Robert Lehrbaumer festivalfreie Orte ausgesucht, „in denen Menschen wohnen, die wollen, dass wir kommen“. Wobei es nach den Konzerten – die Konzertreise führt seit 9. Juni vom burgenländischen Oberschützen über das Kärntner Radenthein, das steirische Mariahof, das Tiroler Kitzbühel, die Südtiroler Orte Toblach und Schlanders, das salzburgische Altenmarkt, die niederösterreichischen Städte Waidhofen an der Ybbs und Waidhofen an der Thaya bis in die oberösterreichische Gemeinde Schlüßlberg – Gelegenheit gibt, mit den beiden Künstlern zusammenzusitzen und zu diskutieren. Oft springt erst nach der persönlichen Begegnung mit Künstlern der entscheidende Funke über und weckt das erwünschte nachhaltige Interesse.

Präsentiert wird bei diesen Recitals eine Auswahl meisterlicher, längst volkstümlich gewordener Lieder von Franz Schubert – wie „Gretchen am Spinnrade“, „Die Forelle“, „Erlkönig“, „Ständchen“, „Heidenröslein“, „Das Wandern“ – und Johannes Brahms, von dem die beiden Künstler auch einige seiner Volksliedbearbeitungen auf dem Programm haben, sowie mit „Selbstgefühl“, „Rheinlegendchen“ und „Aus! Aus!“ drei Beispiele aus den „Wunderhorn“-Liedern von Gustav Mahler. Er hat in einer der Stationen dieser Liederreise – in Toblach – 1909 und 1910 die beiden letzten Sommeraufenthalte seines Lebens verbracht, während dieser Zeit an seinem „Lied von der Erde“ und der neunten Symphonie gearbeitet sowie seine unvollendet gebliebene Zehnte skizziert.

Von den Rändern ins Konzerthaus #

Realisiert wird diese außergewöhnliche Musikreise, für die beide Interpreten auf ihre Gage ausdrücklich verzichten – „eine Gage zu nehmen, würde der Idee dieser Tour widersprechen“ (Kirchschlager) – in Zusammenarbeit mit der Wiener Konzerthausgesellschaft, deren Intendant Bernhard Kerres Angelika Kirchschlager vom gemeinsamen Studium kennt. Im Wiener Konzerthaus fi ndet auch am 5. Oktober 2012 das Finale dieser originellen Werbefahrt für das Lied statt. Und so wie man bis dahin auf Besucher zählt, die kaum Gelegenheit hatten, in ihrer nächsten Umgebung Liederabende in solch hochkarätiger Besetzung zu hören, wird man für dieses Schlussrecital mit der Caritas kooperieren und Menschen aus Randbezirken und sozialen Randgruppen zu diesem Abend einladen. Kirchschlager: „Auch diese Menschen will ich inspirieren und hoffentlich für zwei Stunden glücklich machen.“

Als erster Vorgeschmack auf diese unkonventionelle Liederreise, für die vorderhand keine Wiederholung geplant ist, liegt bereits eine bei Preiser Records eingespielte CD mit den Liedern dieser Österreich-Tournee vor. Außerdem wird die Musikjournalistin Ursula Magnes die Lieder-Tournee begleiten und in einem im September im styria-premium- Verlag herauskommenden Buch dokumentieren (s. u.). Dann kann man, um aus Schuberts Lied „Seligkeit“, das ebenfalls auf diesem Reiseprogramm steht, zu zitieren, die „Freuden sonder Zahl“ auch nachlesen. Und weil aller guten Dingen drei sind, wird diese außergewöhnliche Liederreise auch noch filmisch festgehalten.

Liederreisebuch

Angelika Kirchschlager – Liederreisebuch Von Ursula Magnes, styria premium 2012 (Sept.) 312 Seiten, Hardcover, 24,99