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Wagners vergessener Prophet#


Von

Heinz Irrgeher


Angelo Neumann
Angelo Neumann 1838 -1910

Als 1876 das Bayreuther Festspielhaus mit dem Ring erstmals als Ganzes aufgeführt wurde (Walküre und danach Rheingold waren schon vorher gegen den Willen Wagners auf Befehl des Bayernkönigs Ludwig II. in München uraufgeführt worden), waren auch alle wichtigen Operndirektoren Deutschlands und Europas anwesend. Nach Besichtigung war man allerdings bezüglich der Realisierung an den eigenen Bühnen eher skeptisch: Allenfalls die Walküre hielt man für machbar, das Gesamtwerk auf die Bühne zu wuchten schreckte man zurück.

Der Leipziger Stadttheater Direktor Dr. August Förster war darin keine Ausnahme. So berichtete er seinem Opernspartendirektor Angelo Neumann, das „Ding“ sei unspielbar und er brauche gar nicht erst nach Bayreuth zu fahren.

Der enttäuschte Wagnerfan Neumann wollte das schon fast akzeptieren, als er am Abend mit einem Freund aus Wien, der ebenfalls gerade aus Bayreuth kam und darüber begeistert berichtete, essen ging und ihm dieser klar machte, dass er seiner Verantwortung als Opernchef nicht gerecht werde, wenn er sich nicht selbst überzeugte – nota bene käme Förster vom Sprechtheater und wäre auf dem Gebiet des Musiktheaters ziemlich blank. Neumann setzte sich jedenfalls noch in der Nacht in den Zug und kam gerade zum Beginn der nächsten Serie zurecht. Er selbst berichtet davon, dass er schon nach Rheingold wie in Trance gewesen sei, den restlichen Ring muss er ebenso erlebt haben, weil er als vom Ring Besessener aus Bayreuth zurückkehrte, wo er bereits Wagner wegen der Aufführungsrechte kontaktiert hatte. Mit negativem Ergebnis – Wagner wollte schon im nächsten Jahr selbst den Ring neuerlich aufführen. Zum Zeitpunkt der Neumann Anfrage kannte er allerdings das finanzielle Ergebnis des Eröffnungsfestes noch nicht – knapp 150.000 Goldmark Verlust (rd. € 1,5 Mio), was neue Aufführungen in Bayreuth auf Jahre hinaus verhinderte.

Angelo, oder eigentlich schlicht Josef Neumann kam an Kaisers Geburtstag 1838 in Stompa, nördlich von Bratislava und damals noch Ungarn, als Sohn jüdischer Eltern zur Welt, die bald nach Wien übersiedelten und den Josef als Arzt sahen. Der wollte aber Sänger werden, bekam eine ordentliche Ausbildung und wäre als Bariton fast nach Köln gegangen, wäre dort nicht das Operhaus abgebrannt. Nach Absolvierung diverser Opernhäuser der Monarchie wurde er schließlich an die Wiener Hofoper verpflichtet, an der er (altes und neues Haus) geschätzte 1000 Abende in mittleren Partien bestritt und zum Wagner Fan wurde. Seine häufigsten Partien am neuen Haus waren der Don Diego aus L’Africaine (59), der Freischütz Ottokar (53) und der Paris aus Romeo und Juliette (45), auch war er der Nachtwächter der Erstaufführung der Meistersinger. Eine Halskrankheit zwang ihn zur Aufgabe des Sängerberufes, worauf er am Burgtheater als Regieassistent bei dem Oberregisseur Dr. August Förster an heuerte, der sich 1875 erfolgreich um die Leipziger Intendanz bewarb und dabei Neumann gleich als Opernchef mitnahm. Die Pläne für die gemeinsame Intendanz hatte man im Cafe Griensteidl geschmiedet.

1876 traten die Beiden ihre Intendanz an und Neumann, 38 Jahre alt, eröffnete mit dem in Leipzig bereits mehrmals durchgefallenen Lohengrin, der für ihn aber Dank des neuen Dirigenten Josef Sucher ein Triumph wurde. Die Leipziger Tageszeitung schrieb Tags darauf in ihrer Rezension, dass Leipzig den Lohengrin erst an diesem Tag kennen gelernt habe.

Victoria Theater in Berlin 1859 bis 1891
Victoria Theater in Berlin 1859 bis 1891

Der von Neumann bedrängte Förster, mit Wagner wegen der Ring Rechte zu verhandeln, tat dies ungeschickt und dann absichtlich destruktiv: Die einflussreiche Leipziger Wagner Opposition hatte Förster unsicher gemacht, und es kam zum Abbruch der Verhandlungen. Die Schieflage der Leipziger Theaterkasse konnte aber Förster etwas später doch dazu bringen, Neumann Verhandlungspouvoir zu erteilen. Und Neumann war wieder einmal erfolgreich: Leipzig war die erste Bühne, die den Ring 1878innerhalb von vier Monaten geschlossen aufführte und noch in derselben Saison 78/79 zu Gesamtaufführungen innerhalb einer Woche überging.

Wien begann mit der Walküre im März 1877, Jänner 1878 folgte das Rheingold, im November Siegfried und im Feber 1879 Götterdämmerung, in Summe zwei Jahre. Hamburg mit dem allzeit wachen Direktor Pollini begann Oktober 1878 mit Rheingold, die ersten beiden Abende folgten 1879 und im März 1880 der dritte, Pollini brauchte also nur mehr eineinhalb Jahre. Braunschweig wiederum begann im November 1878 und beendete im Oktober 1879 – immerhin nur mehr ein Jahr. Andere Städte hatten nur einzelne Teile aufgeführt: Weimar Rheingold und Walküre, Mannheim und Schwerin Walküre und Siegfried, New York und Rotterdam nur die Walküre, Köln hingegen alle Teile bis auf die Götterdämmerung. Hinzuzufügen wäre, dass die genannten Häuser vor der jeweiligen Aufführung oft wochenlang „Schließtage“ hatten, während Neumann vor der historischen ersten geschlossenen Aufführung sein Publikum weiterhin mit dem leichteren Repertoire im Alten Leipziger Stadttheater bediente und die späteren „Wochen-Ringe“ dann ganz normal im üblichen Repertoirebetrieb zur Aufführung kamen.

Angelo Neumann als Nachtwächter in den Wiener Meistersingern
Angelo Neumann als Nachtwächter in den Wiener Meistersingern

In Leipzig gab es 1879 41 Wagner Vorstellungen (davon vier komplette Ringe), 1880 35 (davon ein kompletter Ring), 1881 33 (viermal Walküre und je zweimal Siegfried und Götterdämmerung, aber kein Rheingold) und 1882 nochmals 58 Wagner Abende mit zwei geschlossenen Ringen und einem fulminanten Wagner Fest 1882 am Ende von Neumanns Intendanz, wo unter Ausnahme der Jugendwerke (und Parsifal) sämtliche Wagner Opern in der Reihenfolge ihrer Entstehung aufgeführt wurden .

Neumanns Missionierung der musikalischen Welt mit dem Ring beschränkte sich aber nicht nur auf Leipzig. 1881 kam es zu einem Gastspiel in Berlin, wo die königliche Hofoper einem Militär von Friedrich Wilhelm IV., unterstand, nämlich Botho von Hülsen. Wagner hatte mit diesem Herrn schlechte Erfahrungen gemacht: von Hülsen war mit der Niederschlagung der Revolution in Dresden beauftragt gewesen, auf deren Barrikaden Wagner als Revolutionär gekämpft hatte. Von Hülsen machte Zeit Lebens von seiner damals herrührenden Abneigung gegen Wagner kein Hehl. Der Berliner Ring fand daher (übrigens viermal) nach einigem Hin und Her, ob vielleicht doch in der Hofoper, im Victoria Theater statt. Es wurde zu einem künstlerischen und gesellschaftlichen Ereignis ersten Ranges: die Kritiken überschlugen sich, und Neumann hatte es nicht nur zustande gebracht, dass Wagner mit Cosima samt Tochter den ersten und dem letzten Zyklus besuchten, sondern auch alles, was in Berlin Rang und Namen hatte, dem Ereignis beiwohnte, vom Kaiser abwärts. Der Ring war damit nicht nur gesellschaftsfähig, sondern gesellschaftspflichtig geworden.

Die Neue Zeitschrift für Musik etwa vermerkt: „...Als Wagner in der gegenüberliegenden Loge erschien und vom Publikum mit unendlichem Jubel begrüßt wurde, da konnte man sich über den weiteren Verlauf des Abends schon völlig beruhigt fühlen und sich der angenehmen Gewißheit hingeben, daß auch wir Hinterwäldler in der Mark im Laufe der Jahre für den Nibelungenring reif geworden sind.“

Die Spitze gegen den nicht wirklich geschätzten „Zirkus Hülsen“ ist unüberhörbar. Hans von Bülow besuchte das Opernhaus einmal mit schwarzen Anzug, schwarzer Krawatte und Trauerflor und auf die Frage nach dem traurigen Anlass gab er zur Antwort, dass das seine übliche Kleidung für noble Leichbegängnisse wäre. Bissige Bemerkungen scheinen übrigens seine Spezialität gewesen zu sein: Auf die Frage, warum er nicht in Bayreuth dirigiere, antwortete er angeblich, er fürchte, Wagner werde ihm auch seine zweite Frau wegnehmen und dafür die erste zurückgeben.

Auch in London verbreitete Neumann Wagners Ruhm als Ring Komponist mit einem Gastspiel im Mai 1882, als der Zyklus dort viermal aufgeführt wurde. Auch hier wohnte der zukünftige englische König den Vorstellungen bei, das Ereignis wurde zum gesellschaftlichen „must“. Die Schwierigkeiten für Neumann waren dabei beträchtlich, da sich bei seiner Ankunft im April sein Vertragspartner als bankrott darstellte. In Windeseile musste Neumann das Theater (Covent Garden), ein Orchester (aus Hamburg von Laube), einen Chor (aus Köln), Bühnen- und Theaterpersonal vertraglich binden und für das Marketing sorgen: Am 5. Mai hob Anton Seidl pünktlich den Taktstock zu Rheingold. Englands führender Musikkritiker, Robert Bennett von The Musical Times, der schon Bayreuth kritisiert hatte, befand die Musik Wagners als „a latter-day phenomen“, sie sei für ein Publikum in hundert Jahren geschrieben.

Anton Seidl
Anton Seidl (1806-1869) - Neumanns Dirigent in Leipzig
Aus: Wikicommons
Arthur Nikisch
Arthur Nikisch, Österreich-ungarischer Dirigent. Photographie. Um 1895. Neumanns Dirigent in Leipzig
© IMAGNO/Wienbibliothek im Rathaus
1882 war die Intendanz Neumanns in Leipzig zu Ende, und er nützte seine Freiheit, alles, was er bisher für Wagners Ring getan hatte, noch zu übertreffen, indem er den wirklichen Impuls zur Verbreitung und Rezeption des Ringes durch sein „Wanderndes Wagnertheater“ gab.

Er erwirbt von Wagner die Aufführungsrechte für Europa und die Bayreuther Kulissen, steckt diese, Instrumente, Techniker, Musiker, zwei Besetzungen (eine „gestandene“ und eine aus jungen Nachwuchskräften), einen Chor und ein paar Verwaltungsleute in einen Sonderzug, fährt mit diesem ein dreiviertel Jahr kreuz und quer durch Europa und führt in dieser Zeit in 55 Städten den Ring an die 35 mal mit etlichen „Zusatz“ Walküren auf [1](Breslau, Posen, Königsberg, Danzig, Hamburg, Magdeburg, Lübeck, Bremen, Barmen (heute Stadtteil von Düsseldorf), Köln, Frankfurt, Leipzig, Berlin (10 Zyklen), Dresden, Berlin (1 Zyklus), Halle, Kassel, Detmold, Krefeld, Amsterdam, Arnheim, Zwolle, Utrecht, Haag, Rotterdam, Leiden, Brüssel, Gent, Antwerpen, Karlsruhe, Darmstadt, Münster, Mannheim, Heidelberg, Baden-Baden, Freiburg, Aachen, Düsseldorf, Wiesbaden, Mainz, Karlsruhe, Darmstadt, Straßburg, Basel, Zürich, Stuttgart, München, Venedig, Bologna, Florenz, Rom, Turin, Mailand, Triest, Budapest, Graz). An den „Rasttagen“ zwischen Walküre und Siegfried gibt er Wagnerkonzerte.

Das Neue Deutsche Theater in Prag
Das Neue Deutsche Theater in Prag

Die Transportfrage wurde, um durch die fahrplanmäßigen Züge keine Zeit zu verlieren, mit Sonderzügen gelöst. Der Sonderzug umfasste 12 Waggons, zur damaligen Zeit die doppelte Länge eines üblichen Zuges, und hatte 134 Menschen, fünf Waggons Dekorationen, Requisiten, Kostüme und Orchesterinstrumente für 60 Mann zu befördern. Von den Requisiten nahmen allein die Waffenrüstungen 40 Kisten in Anspruch, jede der Walkürenrüstungen wog 20 Kilogramm. Noch einmal 40 Kisten bargen die anderen Requisiten und den Beleuchtungsapparat, dazu kamen noch die Bühnenbilder, darunter die Schwimmwagen der Rhein-Töchter. Von den 12 Waggons dienten sieben dem Personal. Dem Zug voraus eilte der ältere Sohn von Förster, der die Verhandlungen mit den jeweiligen Bühnen und Konzertsäle abschlussreif machte. Logistisch ging man so vor, dass am Tage der Götterdämmerung Rheingold bereits in der nächsten Stadt und womöglich auch schon aufgebaut war. Hinweis: das Telefon war damals gerade 10 Jahre in den USA zum Patent angemeldet und Netze in Europa faktisch nicht vorhanden, ein Brief dauerte in der Regel vier Tage, plus Antwort also mehr als eine Woche. Depeschen waren zwar rasch, aber aufgrund des dabei anzuwendenden „Telegrammstiles“ kein geeignetes Instrument für inhaltliche oder organisatorische Verhandlungen. Das Ganze war eine organisatorische Meisterleistung.

Ohne dieses Wandertheater wäre das Leipziger Ereignis ein punktuelles geblieben, vereinzelt hätten größere Häuser vielleicht sogar den gesamten Ring gewagt, Walküre und auch Götterdämmerung wären im Spielplan langsam häufiger geworden, weil Wagner wegen Geldmangels wohl sukzessive öfter Aufführungsrechte auch für einzelne Ringteile vergeben hätte. Diesbezügliche Spekulationen erübrigen sich aber angesichts der Tatsache, dass Neumann den Ring innerhalb von nur neun Monaten schlagartig in ganz Deutschland und auch dem sonstigen Europa bekanntgemacht und damit seine Aufführbarkeit bewiesen hat – und auch, dass man damit geschäftlich erfolgreich sein kann. Andererseits wäre auch der Erfolg des Wandernden-Wagnertheaters nur schwer vorstellbar, hätte es nicht den Leipziger und Berliner Paukenschlag als Auftakt dazu gegeben – das Eine bedingte das Andere.

Mit seinem Feldzug für den Ring, den er auch gesellschaftlich zum lokalen Ereignis machte oder zumindest durch die Preisgestaltung in die Kategorie des Besonderen hob, kreierte er faktisch eine Ring Mode, die von schätzungsweise 350.000 Menschen angenommen wurde, davon mehr als 100.000 allein in der Hauptstadt Berlin. Dabei scheint es keine Rolle gespielt zu haben, dass er mit einem unterbesetzten Orchester auftrat (was in Hinsicht auf die überwiegend kleineren Häuser sowohl notwendig war als auch das akustische Erlebnis offenbar nicht minderte), und auch deutliche Striche vornahm. Das Bewusstsein, Dank des Wandernden Wagnertheaters das nach Robert Bennett „größte Werk der Moderne“ zu erleben, bewirkte überall eine entsprechende Einbegleitung samt anschließendem Echo. Damit aber war auch das Bedürfnis geweckt, das Erlebnis zu wiederholen, und auch dafür schuf Neumann die rechtlichen und technischen Voraussetzungen, indem er Aufführungsrechte und Partituren weiter verkaufte, nützte, u.zw. unter finanzieller Beteiligung Wagners. Man schätzt, dass Wagner bzw. seine Familie (Wagner selbst verstarb ja mitten während der Tournee) mit 150.000 Goldmark (€ 1,5 Mio) nur aus den Aufführungen heraus profitierte. Nimmt man den positiven Reinerlös aus der Parsifal Aufführung 1882 mit etwa dem gleichen Betrag dazu, müssen die Wagnerschen Geldprobleme wohl endgültig gelöst gewesen sein.

Gustav Mahler, österreichsicher Komponist. Hamburg. Photographie von E. Bieber. 1892., © IMAGNO/Österreichisches Theatermuseum
Gustav Mahler, österreichsicher Komponist. Hamburg. Photographie von E. Bieber. 1892.
© IMAGNO/Österreichisches Theatermuseum
Leo Blech - einer von Neumanns Wagner Dirigenten in Prag
Leo Blech - Neumanns Wagner Dirigent in Prag
Franz Schalk - einr von Neumanns Wagner Dirigenten in Prag
Franz Schalk - Neumanns Wagner Dirigent in Prag
Otto Klemperer - einer von Neumanns Wagner Dirigenten in Prag
Otto Klemperer - Neumanns Wagner Dirigent in Prag

Nach einer Kurzintendanz in Bremen wird Neumann 1885 Chef der Deutschen Bühnen in Prag, im Besonderen des Neuen Deutschen Theaters, das 1887 eröffnet. Er wird dort in 25 Jahren zur Legende, setzt als Intendant Maßstäbe und ist, Sohn jüdischer Eltern und glühender Wagner Verehrer bis zuletzt, der kulturpolitische Repräsentant der deutschen Elite in den Zeiten des Nationalitätenkonfliktes zwischen Deutschen und Tschechen. An seinem Begräbnis im Dezember 1910 nimmt noch das gesamte deutsche Prag teil, gleichzeitig kündigt sich das Ende eines geschichtlichen Abschnittes an, den der erste Weltkrieg, das Ende der Monarchie und der Nationalitätenkonflikt zur Vergangenheit machen. An Neumann erinnert nur mehr der nach ihm benannte Prunksaal der Neuen Deutschen Oper, der heutigen Státní Opera, aber sein Grab gerät in Vergessenheit und wird erst anlässlich seines 100. Todestages 2010 gesucht, gefunden und restauriert. Immerhin.

[1] fett gedruckt: Ringaufführungen, alle anderen: Wagner-Konzerte

Heinz Irrgeher