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Beethovens heimliche Liebe#

Ein nie abgeschickter, langer Brief des Komponisten an die "Unsterbliche Geliebte" beschäftigt die Nachwelt#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 29./30. Dezember 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Silvia Anner


Adressat war möglicherweise die unglückliche Gräfin Josephine von Brunsvik.#

Transkription
Transkription des faksimilierten Beginns des Briefs an die "Unsterbliche Geliebte"

Nur einige Worte heute, und zwar mit Bleystift (mit deinem...) erst bis morgen ist meine Wohnung sicher bestimt, welcher Nichtswürdige Zeitverderb in d.g. (=in dergleichen) ... Transkription des faksimilierten Beginns des Briefs an die "Unsterbliche Geliebte": "Am 6. Juli morgends. Mein Engel, mein Alles, mein Ich!

Nur einige Worte heute, und zwar mit Bleystift (mit deinem...) erst bis morgen ist meine Wohnung sicher bestimt, welcher Nichtswürdige Zeitverderb in d.g. (=in dergleichen)...

Das Privatleben von Stars interessiert nicht erst die moderne Regenbogenpresse. Seit Mitte des 19.Jahrhunderts rätseln Musikschriftsteller und Beethoven-Forscher, wer die "Unsterbliche Geliebte" war, an die Ludwig van Beethoven in seinem berühmten Brief tief empfundene Worte einer leidenschaftlichen Liebe richtete. Das Mysterium um die Adressatin jenes Schreibens hat über Generationen zu Spekulationen, Fehlinterpretationen und zu - bewussten und unbewussten - Verfälschungen geführt.

Der dreiteilige Brief, den Beethoven am 6./7. Juli 1812 in Teplitz während einer Reise in die böhmischen Kurbäder verfasste, stellt neben dem "Heiligenstädter Testament" das bedeutendste Selbstzeugnis des Komponisten dar und wird in der Berliner Staatsbibliothek unter der Signatur Mus. ep. autogr. Beethoven 127 aufbewahrt. Er ist an eine namentlich nicht genannte Frau gerichtet, mit der Beethoven kurz zuvor, am 3. Juli in Prag, eine für die Zukunft der Beziehung entscheidende Begegnung hatte. Der Brief wurde nie abgeschickt und erst nach dem Tod des Verfassers von dessen Freunden Karl Holz, Stephan von Breuning, Anton Schindler - der mit der Fälschung und Vernichtung von Dokumenten aus Beethovens Nachlass eine unrühmliche Rolle spielen sollte - sowie Johann, dem Bruder des Komponisten, bei der Durchsuchung seiner Räume gefunden.

Allerlei Hypothesen#

Anton Schindler, der kurzzeitig Beethovens Privatsekretär war, veröffentlichte den Brief, der mit den Worten "Mein Engel, mein alles, Mein Ich" beginnt, in seiner 1840 erschienenen Beethoven-Biografie und nannte als Empfängerin des Schreibens und damit als Beethovens unbekannte Geliebte die Gräfin Julie "Giulietta" Guicciardi. Eine Spekulation, die in der Folge zu den unwahrscheinlichsten und abenteuerlichsten Hypothesen und einem Tauziehen zwischen einflussreichen amerikanischen Musikwissenschaftern und einem Teil der deutschsprachigen Beethoven-Forschung führte. Wobei Übersetzungsfehler, Unkenntnis der deutschen Sprache und Ungenauigkeiten den "Glaubenskrieg" um die Identität der "Unsterblichen Geliebten" noch verschärften.

Auf der Liste der möglichen Kandidatinnen finden sich zentrale Frauengestalten in Beethovens Leben wie Therese Brunsvik, Amalie Sebald, Dorothea von Ertmann, Antonie Brentano oder Bettina Brentano, die der Kanadier Edward Walden in einem 2011 veröffentlichten Buch als die "Unsterbliche Geliebte" zu identifizieren glaubte.

Als besonders heiße Favoritin galt aber seit Harry Goldschmidts 1977 veröffentlichter Monografie Thereses Schwester, Josephine Brunsvik. Der Musikwissenschafter hatte mit seinem Buch "Um die Unsterbliche Geliebte" eine auf Daten und Fakten beruhende Bestandsaufnahme vorgelegt, nach der nur Antonie Brentano und Josephine Brunsvik als mögliche Adressatinnen übrig blieben.

Die jüngste Publikation zur Causa "Unsterbliche Geliebte" des aus Deutschland gebürtigen, in Neuseeland lebenden Autors John E. Klapproth kommt aufgrund der akribischen Durchsicht aller einschlägigen Forschungsergebnisse - schon im Buchtitel - zum Schluss "Beethovens Einzige Geliebte: Josephine!" und zeichnet das Schicksal der Gräfin Brunsvik anhand der wichtigsten biografischen Ereignisse nach.

Die wilde und unglückliche Lebensgeschichte der Topfavoritin für die "Unsterbliche Geliebte" vereint so ziemlich alles biographische Material, das zu einem Bestseller taugen würde: Eine glückliche Kindheit in einem prächtigen Schloss in Martonvásár bei Budapest, ein glanzvolles Leben in der noblen Wiener Gesellschaft an der Seite eines wesentlich älteren Mannes, nach viereinhalb Jahren Ehe plötzlich Witwe mit drei Kindern und das vierte unterwegs, eine geheim gehaltene Liebe, die im Kampf zwischen Neigung und Pflicht unterlag, eine zweite unglückliche Ehe, Affären, eine - uneheliche? - Tochter, und schließlich das Ende, leidend, verarmt und einsam.

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Eine zeitgenössische Zeichnung Josephines.
Wikipedia

Josephines erste Begegnung mit Beethoven fand 1799 statt. Ihre Mutter, Anna Gräfin von Brunsvik, war mit Josephine und ihrer Schwester Therese nach Wien gekommen, und Beethoven gab den beiden Mädchen Klavierunterricht. Er verliebte sich in die schöne 20-jährige Josephine und widmete ihr und Therese das Lied "Ich denke dein" zu einem Gedicht von Goethe. Auch Josephine war von dem damals 28-Jährigen tief beeindruckt, wie sie Jahre später schrieb: "Meine ohnedieß, für Sie enthousiastische Seele noch ehe ich Sie persönlich kannte - erhielt durch Ihre Zuneigung Nahrung. Ein Gefühl das tief in meiner Seele liegt und keines Ausdrucks fähig ist, machte mich Sie lieben; noch ehe ich Sie kan[n]te machte ihre Musick mich für Sie enthousiastisch - Die Güte ihres Characters, ihre Zuneigung vermehrte es." (Josephine an Beethoven, Winter 1806/7, in: Ludwig van Beethoven, Briefwechsel. Gesamtausgabe, hrsg. von Sieghard Brandenburg, Band 1, München 1996, Nr. 265).

Musik und Liebe#

Anna Brunsvik hatte indes andere Pläne und bewog ihre Tochter zur Heirat mit dem 27 Jahre älteren Grafen Joseph Deym, der am Rothen Turm eine Kunstgalerie besaß. Trotz des Altersunterschiedes wurde es eine glückliche Beziehung. Josephine war der umschwärmte Mittelpunkt unzähliger Bälle und Feste. Und Beethoven verkehrte weiter regelmäßig in der Villa Deym und gab Josephine Klavierunterricht.

Nachdem Josephine Anfang des Jahres 1804 Witwe geworden war, entwickelte sich zwischen ihr und dem Komponisten eine immer engere Beziehung, wie leidenschaftliche Liebesbriefe zwischen 1804 und 1809 bezeugen, von denen 1957 dreizehn veröffentlicht wurden. So schrieb Beethoven 1805 an Josephine: "Sie Sie mein Alles meine Glückseeligkeit... Für Sie - immer für Sie - nur Sie - ewig Sie - bis ins Grab nur Sie - Meine Erquickung - mein Alles." (in Brandenburg, 1996, Nr. 214).

Josephines Schwester Charlotte entging nicht Beethovens erotisches Interesse an der älteren Schwester, sie machte sich große Sorgen, denn die rigiden Standesgesetze der adeligen Gesellschaft schlossen eine Heirat mit einem Bürgerlichen aus. Andernfalls hätte Josephine die Vormundschaft für ihre adligen Kinder verloren. Im Oktober 1805 schrieb die Schwester an Josephine eindringlich: "Das einzige, was ich dir raten kann, ich flehe dich an, sei auf der Hut mit B: mach es dir zur Regel, daß du ihn niemals allein siehst, noch besser wenn er nie in dein Haus kommt...".

Auf der Suche nach einem Erzieher für ihre Kinder reiste Josephine 1808 mit ihrer Schwester Therese nach Deutschland und in die Schweiz zu Pestalozzi, der sie mit dem estnischen Baron von Stackelberg bekannt machte. Er wurde ihr zweiter Ehemann, doch die Beziehung war von Anfang an unglücklich. Im Juli 1812 könnte es, wie Klapproth vermutet, zu einer "völlig unerwarteten, aber dann doch sehr glückhaften Begegnung" zwischen Beethoven, der sich zu dieser Zeit in Prag aufhielt, und Josephine gekommen sein, die einer Tagebuchnotiz zufolge die Absicht geäußert hatte, eben dorthin zu reisen.

Auf der Weiterreise von Prag nach Teplitz schrieb Beethoven den ersten Teil des sogenannten Briefes an die "Unsterbliche Geliebte". Josephine gebar neun Monate später ihr siebentes Kind Minona, dessen Vater, wie Klapproth meint, Beethoven sein könnte.

Während der Komponist 1814 mit der Aufführung von "Wellingtons Sieg" Op. 91 zusammen mit der 7. und 8. Symphonie sowie mit der Aufführung des "Fidelio" große Erfolge feierte und die verdiente Anerkennung fand, durchlebte Josephine eine der schlimmsten Zeiten ihres Lebens. Sie war kränklich, ihr Vermögen verloren, und als sie sich weigerte, Stackelberg nach Russland zu folgen, verließ er mit den drei Kindern aus ihrer Ehe Österreich. Währenddessen blieb Josephines Schwester Therese in regelmäßigem Briefkontakt mit Beethoven. Noch einmal wurde Josephine schwanger, diesmal vom Mathematiklehrer ihres ältesten Sohnes, und gebar in einer Berghütte versteckt ihr achtes Kind, das sie nach sieben Tagen dem Kindesvater überließ.

Das traurige Ende#

Im Sommer 1816 kam es, wie Klapproth vermutet, wahrscheinlich zum allerletzten Treffen von Beethoven und Josephine. Sie war sehr krank, hatte sich mit ihrer Familie überworfen, er war schon beinahe taub und litt an Depressionen. In ihren Memoiren vermerkte Josephines Schwester Therese: "Welche Kämpfe! welche Auftritte 1815 und 16! Von da an war ihr schwindendes Leben eine schreckliche Zerrissenheit." Vom 8. April 1818 - es war Minonas fünfter Geburtstag - ist Josephines letzter - möglicherweise - an Beethoven gerichteter Brief datiert: "Was deine Erscheinung in mein[en] Empfindungen weckt - kann ich nicht schildern -- ... In eins zusammen schmelzen kann nur dan[n] geschehen, wenn zuerst in eins geschmolzen wir sind mit dem Ewigen..."

Im Sommer 1819 kam es zum endgültigen Bruch zwischen Josephine, ihrer Mutter Anna und ihrem Bruder, die ihr ebenso alle weitere Unterstützung entzogen. Ende des Jahres verfasste Josephine einen Abschiedsbrief an ihre Schwester Therese: "Eine weite Kluft liegt zwischen uns. Der Mutter Herz hat keinen Anklang für ihr Kind - die Schwesterliebe ist erloschen -... Lebt wohl - auch scheidend, sterbend, werde ich die Lieben, die mich hassen."

Am 31. März 1821 starb Josephine von Brunsvik in ihrem eigenen Haus. Sie wurde ohne Zeremonie am Währinger Friedhof zu Grabe getragen. Ihr Grab blieb ohne Gedenkstein.


Silvia Anner ist Sprachwissenschafterin und freie Kultur- und Wissenschaftsjournalistin in Wien.


Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 29./30. Dezember 2012