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Brillanz und Phantasie#

1987 starb der Wiener Komponist Hans Gál im schottischen Exil. Im Jahr seines 25. Todestags lässt sich eine vorsichtig optimistische Bilanz seiner Rezeption ziehen.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 29./30. Dezember 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Heindl


Der junge Hans Gál
Der junge Hans Gál (erste Reihe Mitte) im Kreis der von ihm gegründeten und geleiteten "Wiener Madrigalvereinigung".
© Archiv Gál Society

Als Hans Gál 1987 im schottischen Edinburgh starb, verließ uns eine der letzten jener großen Musikerpersönlichkeiten, die nach dem "Anschluss" 1938 aufgrund ihrer jüdischen Abstammung aus Österreich fliehen mussten, um der Unterdrückung, Verfolgung, Internierung und möglichen Ermordung durch die Nationalsozialisten zu entgehen.

Es scheint ganz dem stillen, bescheidenen Charakter des Komponisten und Humanisten Gál zu entsprechen, dass die (Wieder-) Entdeckung seiner Musik - anders als etwa bei Erich Wolfgang Korngold, Alexander Zemlinsky und Franz Schreker - nicht als zentrale Großtat im Rahmen von "Jugendstil-Renaissance" und Rehabilitierung der einst Verfemten während der letzten zweieinhalb Jahrzehnte erfolgte. Vielmehr bedurfte es eines Mosaiks aus vielen Einzelereignissen, die mittlerweile allmählich wieder und vielleicht sogar erstmals überhaupt ein stattliches Gesamtbild des Künstlers Hans Gál ergeben und für eine weiterhin langsame, aber kontinuierliche Aufnahme seiner Werke ins Repertoire sprechen.

Ein Rückblick#

Musikwissenschaftliches Institut der Universität Wien, Mitte der 1980er Jahre: In den Pausengesprächen zwischen den Vorlesungen und Seminaren fallen unter Professoren und Kommilitonen gelegentlich die Namen zweier großer Vorgänger an dieser Ausbildungsstätte: Egon Wellesz (1885-1974) und Hans Gál. Von beiden weiß man wenig. Der eine der bedeutende Byzantinist, der andere das "romantische Gegenstück" - Autor u. a. von Büchern über Schubert, Wagner, Verdi, Brahms. Hatte man diese teils sogar gelesen, so kannte zu dieser Zeit kaum jemand von uns auch nur einen Ton Gálscher Musik. Nebstbei wurde immer wieder angemerkt, dass der 1938 nach Großbritannien Vertriebene wohl "noch" am Leben sei. Ein aktuelles britisches Interview gab dann den Ausschlag zur persönlichen Kontaktaufnahme, die den Beginn eines zwei Jahre währenden Briefwechsels darstellte, dem im Spätsommer 1987 ein Besuch in Edinburgh folgte, nur fünf Wochen vor dem Tod des greisen Komponisten.

In seiner stets brillanten sprachlichen Gewandtheit fasste er selbst in einem Schreiben vom 6. Jänner 1986 vielleicht am besten Glanz und Tragik seines Künstlerlebens zusammen: "So lang es das durfte, hat mein Werk aufs Wirksamste für mich gewirkt. Der Riss, der in mein Leben als schaffender Künstler kam, anno 1933, hat nur die Umstände meines Lebens, nicht mein Schaffen beeinflusst, das ungehemmt weiter seinen Weg gegangen ist."

Gál wurde am 5. August 1890 in Brunn am Gebirge geboren, wo die Familie zur Sommerfrische weilte. Seine Heimatstadt Wien bot in der Spätphase der Donaumonarchie eine Quelle herrlichster Eindrücke für den jungen Musiker. Hofopernbesuche und die Persönlichkeit Gustav Mahlers am Dirigentenpult ebenso wie die Philharmonischen Konzerte bei der Gesellschaft der Musikfreunde prägten Gáls Musikverständnis: Stets höchste Ansprüche an den Komponisten und den Interpreten zu stellen, war ihm in seinem eigenen Schaffen Selbstverständlichkeit. Folgerichtig daher, dass er viele frühe Werke bald selbstkritisch zurückzog, "weglegte", wie er es zu nennen pflegte - darunter selbst eine 1915 mit dem Österreichischen Staatspreis ausgezeichneten Symphonie.

Während des Ersten Weltkriegs blieb Gál als Soldat am Balkan so weit wie möglich in seiner musikalischen Welt verwurzelt: Dass 1916 die folkloristisch gefärbten "Serbischen Weisen für Klavier zu vier Händen" op. 3 entstanden, kann als deutliches Dokument für Gáls Aufgeklärtheit verstanden werden, mit der er politische Nationalismen zu konterkarieren wusste.

Erfolgreiche Jahre#

Kaum länger als ein Jahrzehnt währte nach 1918 das einigermaßen stabile Leben in Wien: 1922 heiratete Gál Hanna Schick, mit der er bald zwei Söhne, viel später auch die Tochter Eva hatte. Neben seiner Arbeit als Lektor für Musiktheorie bildeten die gemeinsam mit seinem früheren Lehrer Eusebius Mandyczewski durchgeführten Forschungen zu Brahms das Zentrum seiner musikwissenschaftlichen Arbeit. Als Komponist erregte er bald Aufsehen mit seinen Opern, unter denen "Das Lied der Nacht" und insbesondere "Die heilige Ente" im deutschsprachigen Raum mehrfach inszeniert wurden.

Kurz währte der 1929 erfolgte Aufstieg zum Direktor des Mainzer Konservatoriums, wohin er unter anderem auf Fürsprache Wilhelm Furtwänglers berufen worden war. Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste Gál 1933 diesen Posten wieder räumen.

Hans Gál
Ein Porträt des Komponisten aus dem Jahr 1980.
© Archiv Gál Society

Unauslöschlich hatte sich seine einzige persönliche Begegnung mit Adolf Hitler eingebrannt: diesem während einer Wagner-Feierstunde am Konservatorium unmittelbar gegenübersitzend, empfand Gál blankes Unverständnis dafür, dass die Volksmasse einer dermaßen undistinguiert auftretenden Person Gefolgschaft zu leisten gewillt schien.

Zurückgekehrt nach Wien, blieb die Situation schwierig. Mangels sich anbietender Anstellung hielt Gál sich und seine Familie vor allem mit Chordirigaten über Wasser - die von ihm gegründete Wiener Madrigalvereinigung wurde unter Freunden gerne humorvoll MadriGÁLvereinigung genannt. Geradezu verzweifelt suchte er nach einer seinen Eignungen entsprechenden Stelle, erkundigte sich etwa bei seinem Wiener Verlag Universal Edition nach einem Lehrposten an einem geplanten Konservatorium in der Türkei und bei seinem in Ägypten lehrenden Schüler Jenö Takács nach Arbeitsmöglichkeiten in Kairo. Mindestens so schlimm wirkte sich das Aufführungsverbot seiner Musik im gesamten Deutschen Reich, das bis dahin der wichtigste Boden insbesondere für seine Bühnenwerke gewesen war, auf seine materielle und mentale Situation aus.

Der "Anschluss" 1938 brachte ein drastisches Ende der Ungewissheit, da den Gáls - nicht zuletzt nach den Erfahrungen in Deutschland - völlig klar war, dass nunmehr nur ein Verlassen Österreichs in Frage kam. Zunächst nach England emigriert und einige Monate nach Kriegsausbruch vorübergehend wie viele Flüchtlinge als "feindlicher Ausländer" interniert, fand Gál mit Kriegsende in der schottischen Hauptstadt Edinburgh endlich eine seiner Qualifikation entsprechende Lehrstelle an der Musikfakultät der Universität Edinburgh. Nach 1945 offerierte man Gál als einem der Wenigen von österreichischer Seite einen Lehrauftrag an der Wiener Musikakademie. Er lehnte ab, vor allem wohl aus Scheu, sich neuerlich - nunmehr schon Mitte fünfzig - auf einen völligen Neubeginn einzulassen. Oft in den österreichischen Alpen und in Wien zu Besuch, vielfach hierzulande offiziell geehrt, kam es doch nie mehr zu einer echten Heimkehr.

In Schottland hatte Gál zwar bald viele Freunde im britischen Musikleben, erlangte aber als Komponist nie die Anerkennung, die seine frühen Jahre in Mitteleuropa versprechen ließen. Sein spätes Resümee, das er auch im persönlichen Gespräch 1987 formulierte: "Da wächst man in Wien auf, geht dort in die Schule, hat dort seine Freunde, Aufführungen... und hier in Edinburgh wird man alt. Dieser Bruch in meinem Leben, der lässt sich nicht gutmachen." Und bitter der witzige Nachsatz: "Bei mir ist es dem Hitler wirklich gelungen!"

Bemerkt sei freilich auch, dass Gál sich keineswegs vorrangig mit solch resignativen Gedanken befasste. Vielmehr wurde der Besucher aus dem fernen Österreich etwa mit detaillierten Fragen zur aktuellen Innenpolitik (ob es denn stimmen würde, dass nunmehr ein "Banker" - gemeint war Franz Vranitzky - als SPÖ-Bundeskanzler amtieren würde) und zu den Spielplänen der Wiener Staatsoper, den Dirigenten der Philharmoniker und den Programmen der Konzerthäuser in Beschlag genommen.

Im Gegensatz zur bitteren Erkenntnis über den Verlust der einstigen Heimat standen am Ende seines Lebens die Freude über die harmonische Situation innerhalb der Familie - Tochter, Schwiegersohn sowie die beiden Enkelkinder fühlten sich der Gálschen Musik intensiv verbunden und spielten oft Kammermusik mit dem Vater bzw. Großvater - und die Kenntnis von einem zunehmenden Interesse an seinen Werken in England, Deutschland und Österreich.

Ernsthaft erwog der 97-Jährige den Besuch eine Gál-Ausstellung der Österreichischen Nationalbi-bliothek. Zwei Tage nach ihrer Eröffnung am 1. Oktober 1987 erlag der Komponist in Edinburgh einem Krebsleiden. Er durfte noch Genugtuung darüber empfinden, dass sowohl die BBC in jenem Jahr seine Kantate "De Profundis" produzierte, als auch der ORF anlässlich des "Anschluss"-Gedenkens 1988 eine Aufführung dieses großen, die Schrecken früherer Jahrhunderte und prophetisch des unmittelbar Kommenden zusammenfassenden Opus im Großen Sendesaal des Wiener Funkhauses projektierte.

Gáls Nachleben#

Anders als im Fall vieler Komponisten, die mit ihrem Tod zunächst einer Phase der Vergessenheit anheim fallen, wurde Gáls Werk in den vergangenen 25 Jahren in vielen kleineren und mittelgroßen Schritten nachhaltig erschlossen. Eine Vielzahl von mittlerweile erfolgten CD-Veröffentlichungen - darunter die vier gültigen Symphonien, das Violinkonzert, das Cellokonzert, die Streichquartette und Klaviertrios, die gesamte Klaviermusik u. v. m. - führt langsam, aber kontinuierlich dazu, diesen universellen Künstler neu zu erfassen. Eine große Gál-Wellesz-Ausstellung des Jüdischen Museums Wien 2004 ermöglichte hierzulande eine Neubewertung.

Zum 25. Todestag war es heuer nicht die frühere Heimatstadt Wien, sondern die mecklenburg-vorpommersche Hauptstadt Schwerin, wo Ende September Gál im Zentrum des 7. Internationalen Festivals "Verfemte Musik" und eines darin integrierten Symposions stand. Aufführungen seiner Werke in den Wiener Konzertsälen ebenso wie nun auch über den gesamten Globus verbreitet, belegen die Qualität seines Handwerks, und insbesondere eine junge Generation an Interpreten, die erstmals mit dem Namen Gál in Verbindung kommt, erfreut sich an der zwar technisch nie leichten, jedoch höchst dankbaren und musikantischen Gestaltung seiner Schöpfungen. Sie sollten dazu beitragen, diesen virtuosen Künstler, brillanten Techniker, erfindungsreichen Melodiker und liebenswürdigen Menschen wieder um einiges mehr im Bewusstsein zu verankern.

Christian Heindl, geboren 1964, arbeitet in Wien als freier Musikautor, Konzertorganisator, Moderator; und er ist außerdem Präsident der Jenö Takács-Stiftung.

Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 29./30. Dezember 2012