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Später Schönklang#

Vor hundert Jahren starb der Musiker Carl Goldmark, der zu Lebzeiten vor allem als Opernkomponist international berühmt war, nach seinem Tod jedoch bald vergessen wurde.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 26. Dezember 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Katharina Wappel


Carl Goldmark (1830-1915)
Carl Goldmark (1830-1915).
Abb.: Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk

Jean Sibelius zählte zu seinen Schülern, Gustav Mahler führte seine Werke regelmäßig an der Hofoper auf, Karl Kraus bezeichnete ihn als den "größten Musikdramatiker seit Wagner". Dennoch ist der Name Carl Goldmark heute fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Zu seinen Lebzeiten jedoch repräsentierte Goldmark das Wiener Musikleben wie kaum ein anderer, seine Werke waren fixer Bestandteil der Wiener Hofoper.

Warum ihn heute niemand mehr kennt, scheint auf den ersten Blick leicht zu erklären: Goldmark war Jude, und seine Werke wurden von den Nationalsozialisten endgültig verboten. Auf den zweiten Blick ist es dann doch etwas komplexer. Denn bereits in seinen letzten Lebensjahren galt Carl Goldmark als Repräsentant einer vergehenden (oder bereits vergangenen) Zeit. Das mag ein Grund dafür sein, dass seine Werke auch nach dem Ende des NS-Regimes auf ein Archiv-Dasein zurückgeworfen blieben.

Mit verschiedenen Mitteln versucht man heute, gegen das Vergessen dieser einst so bedeutenden Persönlichkeit anzukämpfen, und vor allem, sich für die Wiederbelebung der Goldmarkschen Musik einzusetzen. So auch Peter Stachel, Organisator der Goldmark-Konferenz, die im November in Wien stattgefunden hat: "Wichtig wäre es, diesem für die österreichische und Wiener Musik so wichtigen Komponisten wieder eine Chance zu geben."

Ferne Klänge#

Goldmark wird, wie der spätere Kaiser Franz Joseph I., im Jahr 1830 geboren. Die ersten vier Lebensjahre verbringt er in Kezthely am Plattensee, danach lebt er in Deutschkreutz, im damaligen Westungarn (heute Burgenland). Goldmark wächst deutschsprachig auf, ungarisch spricht er kaum. In der jüdischen Gemeinde von Deutschkreutz erfährt er seine erste intellektuelle und musikalische Bildung.

Diese jüdische Prägung ist für das Verständnis seines Werks nicht unwichtig, bezeichnend ist auch, dass er sie in seiner am Lebensende verfassten Autobiographie mit keinem Wort erwähnt. Ganz im Gegenteil: Er selbst führt seine erste musikalische Erfahrung auf die katholische Kirche zurück. Seiner Erzählung nach hörte er als Kind, als er im Freien auf einem Feld lag, Klänge, woraufhin er diesen nachspürte und zu einer Kirche gelangte, die er jedoch nicht betreten durfte. Von außen lauschte er also dieser Kirchenmusik - ein entscheidender Moment, in dem ihm klar wurde, dass er Musiker werden wollte.

Mit elf Jahren bekommt Goldmark erstmals Musikunterricht und mit vierzehn Jahren zieht er nach Wien, wo er bald seinen Lebensunterhalt als Geiger in Theaterorchestern und mit Klavierunterricht verdient. Zuvor jedoch muss er einige Jahre in Armut verleben, der Geigenunterricht bei Leopold Jansa muss nach kurzer Zeit aus finanziellen Nöten wieder aufgegeben werden.

"Nun begann für mich eine gar traurige, viele Jahre dauernde Zeit des Elends, des Hungerns. Vom Hause erhielt ich allwöchentlich einen Laib Brot, ein Säckchen gerösteten Mehls - ein Löffel davon in heißes Wasser gab eine Suppe -, die frischgewaschene Wäsche und einen Silberzwanziger. Es war wenig. Aber es genügte, um nicht zu verhungern." Notgedrungen baut er seine Fähigkeiten auf der Violine autodidaktisch aus, regelmäßig besucht er den Gottesdienst der kaiserlichen Hofkapelle, beginnt zu komponieren und inskribiert am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde.

Erste Wiener Erfolge#

Nach der Revolution 1848 sieht er sich gezwungen, nach Ungarn zurückzukehren: Da der Name Goldmark wegen seines Bruders, eines Revolutionsführers, mit Vaterlandsverrat gleichgesetzt wird, ist die Rückkehr nach Wien erst drei Jahre später wieder möglich. Es folgen Anstellungen als Instrumentalist am Theater in der Josefstadt, anschließend am Carltheater (sein Direktor ist Johann Nes-troy), er gibt Klavierunterricht und komponiert. Erste Aufführungen seiner Werke bringen seinen Namen in Umlauf, in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelt er sich zu einer fixen Größe im Wiener Musikleben und ist mit namhaften Musikpersönlichkeiten wie Anton Rubinstein, Peter Cornelius oder Johannes Brahms bekannt und befreundet.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrscht in Wien eine grundlegende Aufbruchsstimmung: 1857 lässt der Kaiser die Burgmauern schleifen, die Ringstraße entsteht, in der Musik zeichnen sich tiefgreifende Umbrüche ab - man kann jetzt die "Neudeutschen" Franz Liszt und Richard Wagner nicht mehr als kurzlebige Zeiterscheinung abtun. Vor allem aber, und das ist im Fall Goldmarks von größerer Bedeutung, lässt sich ein künstlerisches wie politisches Aufstreben der Juden feststellen. War die Judenpolitik bis 1848 noch sehr restriktiv, ändert sich dies mit der "Oktroyierten Verfassung" von 1849. In ihr erlangen die Juden nicht nur Glaubensfreiheit, sondern auch politische und bürgerliche Rechte, wie die Zulassung zu öffentlichen Ämtern. 1867 schließlich werden Juden allen anderen Bürgern in jeder Hinsicht im Staatsgrundgesetz gleichgestellt. Nur vor dem Hintergrund der Phase der Toleranz und Rechtssicherheit unter Kaiser Franz Joseph ist das damalige Aufstreben der jüdischen Bevölkerung erklärbar.

In diese Zeit lässt sich auch der nunmehr unaufhaltsame Erfolg Carl Goldmarks einordnen: 1875 gelingt ihm mit seiner ersten Oper "Die Königin von Saba" - wenn auch von Kritikern verhalten aufgenommen - ein Welterfolg. Der Musikkritiker Eduard Hanslick betont den "orientalisch-jüdischen Charakter" dieser Oper (und der Goldmark’schen Musik im Allgemeinen) und gesteht, "diese Art Musik nur in sehr mäßigen Dosen vertragen zu können". Vor allem aber wird das Libretto der "Königin von Saba", das Salomon Hermann von Mo-senthal verfasst hat, vernichtet als "sich selbst parodierender Blödsinn". Dennoch wird das Werk in unzähligen europäischen Städten und auch in New York aufgeführt.

Mit dem 1886 folgenden "Merlin" hat Goldmark weniger Glück; der Oper wird die stilistische Ähnlichkeit mit Wagner angekreidet. Doch 1896 bringt Goldmark seine Oper "Das Heimchen am Herd" zur Uraufführung. Textgrundlage ist die dritte von Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichten. Das Werk wird ein großer internationaler Erfolg: Nach der Uraufführung an der Wiener Hofoper folgen noch im selben Jahr Aufführungen in Berlin, Dresden, Schwerin, Budapest, Breslau, München, Brünn, Prag, Riga, Basel, Posen und Straßburg. Jetzt gilt Goldmark endgültig als europäische Zelebrität und bekommt von Österreich und Ungarn alle erdenklichen Auszeichnungen.

Dieser enorme Erfolg lässt sich zum Teil auch darauf zurückführen, dass Goldmark, nach dem Tod von Brahms, als letzter Exponent des spätromantischen Zeitalters angesehen wird. Mit der neuen, modernen Musik um 1900 kann er sich nicht anfreunden. Seine Musik ist opulent, farbenprächtig orchestriert, oft wird ihre Ästhetik mit jener des Malers Hans Makart verglichen.

Antisemitische Feinde#

Nichtsdestoweniger zeichnet Goldmark sich aus durch seine Vorliebe für Dissonanzen und Chromatik, die er von Richard Wagner lernt. In den Vorwürfen missgünstiger Kritiker, seine Musik sei "orientalisch" und "winselnd", schwingen unverhohlen antisemitische Stereotypien mit. Einer seiner größten Widersacher zu Lebzeiten ist Richard Wagner. In seinem Aufsatz "Das Judenthum in der Musik" macht Wagner seinem Unmut über die Vereinnahmung des deutschen Musiklebens durch die Juden Luft - der Artikel entsteht 1850, ein Jahr nach der erwähnten "Oktroyierten Verfassung". In diesem antisemitischen Pamphlet versucht Wagner, den Hass auf die Juden an vorgeblich konkreten Punkten greifbar zu machen, die heute mehr als fragwürdig anmuten.

Dabei konzentriert sich Wagner ausschließlich auf die Musik und das "typisch Jüdische", das seiner Auffassung nach den Juden einen Zugang zur Musik gänzlich verweigere. "Der Jude", wie er sagt, sei der europäischen Sprachen nicht mächtig, auch wenn er sie vielleicht zu sprechen verstehe, der wahre Zugang, wie ihn beispielsweise "der Deutsche" habe, bleibe "dem Juden" aber verwehrt, dieser könne nur "nachsprechen" und "nachkünsteln".

Wagner spricht den Juden eine Eigenständigkeit in künstlerischen Belangen eindeutig ab - eine typische antisemitische Einstellung dieser Zeit, die man auch an Goldmark erprobt. Diese Unfähigkeit zum Kunstschaffen wurzle nach Wagner bereits in der Sprachproblematik, die im Falle "des Juden" ein "zischender, schrillender, summsender und murksender Lautausbruch der jüdischen Sprechweise" sei. Weil aber "dem Juden" schon der Ausdruck in Sprache nicht möglich sei, so Wagner, sei ihm Ausdruck in Gesang schon gar unmöglich, denn "Musik ist die Sprache der Leidenschaft".

In jedem Satz dieses Wagnerschen Texts scheint sich seine Angst zu offenbaren, hinter den aufstrebenden Juden zurückzubleiben. Der Aufsatz ist durchdrungen von seiner regelrechten Panik vor einem "vollständigen Sieg des Judenthums auf allen Seiten".

Der "letzte Meister"#

Doch allen antisemitischen Kritikerstimmen zum Trotz gilt Goldmark nach dem Tod von Bruckner, Brahms oder Johann Strauß Sohn als "letzter großer Meister". Als er seine dritte Oper, "Das Heimchen am Herd", komponiert, ist er längst eine internationale Autorität. Mahler bemüht sich 1896 um seine Empfehlung, als er sich für den Posten als Direktor der Wiener Hofoper bewirbt. Zu seinem 80. Geburtstag werden ihm zu Ehren zahlreiche Feiern gehalten, er wird zum Ehrenbürger von Keszthely ernannt und zum Ehrendoktor an der Budapester Universität promoviert.

Am 2. Jänner 1915 (ein Jahr vor Kaiser Franz Joseph I.) stirbt Carl Goldmark in seiner Wohnung im fünften Wiener Bezirk. Sein Begräbnis wird in Elias Canettis Autobiographie "Die gerettete Zunge" beschrieben: "Am Tage des Begräbnisses war die Joseph-Gall-Gasse schwarz von Fiakern und Menschen. Wir sahen von oben aus dem Fenster zu, wir dachten, dass kein Fleckchen unten mehr frei sei, aber es kamen immer neue Fiaker und Menschen dazu und fanden doch Platz. Wo kommen die nur alle her? Das ist so, wenn ein berühmter Mann stirbt, sagte Paula. Die wollen ihm alle das letzte Geleit geben. Die haben seine Musik so gern."

Pünktlich zu Carl Goldmarks 100. Todestag sind nun Aufführungen seiner Werke in Berlin, Budapest oder Freiburg geplant. Dass der Versuch gescheitert ist, die Berliner Aufführung der "Königin von Saba" nach Wien zu bringen, wo Goldmark immerhin gewirkt hat, bezeichnet Peter Stachel als "zumindest seltsam, um es milde auszudrücken".

Katharina Wappel, Studium der Romanistik und Germanistik, arbeitet am Da Ponte Research Center in Wien und als freie Mitarbeiterin bei der "Wiener Zeitung".

Wiener Zeitung, Freitag, 26. Dezember 2014