unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
6

Ein Leben für zwei Geigen#

Die Geigerin Alma Rosé entstammte einer berühmten Musikerfamilieund war Leiterin der "Wiener Walzermädeln". 1944 starb sie im Konzentrationslager Auschwitz.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag 12. März 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Peter Kastner


Alma Rosé (1906-1944)., Foto: Archiv
Alma Rosé (1906-1944).
Foto: Archiv

"Alma Rosés Orchester ist ein Ensemble herausragender Musikerinnen in des Wortes reinster Bedeutung. Die Seele all dessen, was dieses Ensemble bietet, heißt Alma Rosé, Tochter eines großen Vaters – Arnold Rosé – und Gattin eines großen Ehemannes – Váša Pøíhoda".

Mit diesen Worten endete eine Kritik in der polnischen Tageszeitung "Nowy Przeglad" vom 7. Februar 1935. Sie berichtet über einen Abend, den Alma Rosé mit ihrem Orchester, den Wiener Walzermädeln, gab. Das Konzert fand in Krakau statt, knapp 40 Kilometer von jenem Ort entfernt, an dem Alma Rosé neun Jahre später ihr Leben lassen musste: dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Das familiäre Erbe#

Geboren wurde Alma am 3. November 1906 in Wien. Ihr Vater, Arnold Rosé, war einer der angesehensten Musiker Europas, Konzertmeister des Hofopernorchesters, Professor an der Wiener Musikakademie und Primarius des nach ihm benannten Streichquartetts. Almas Mutter, Justine, war eine Schwester Gustav Mahlers, und dessen Ehefrau die Namens-patin der kleinen Alma. Musik war dem Mädchen in die Wiege gelegt. Schon als Kind liebte sie das Geigenspiel, täglich gab ihr der Vater Unterricht.

Mit 16 Jahren gab Alma ihren ersten Violinabend. Vier Jahre später debütierte sie im Großen Musikvereinssaal. Auf dem Programm stand unter anderem das Doppelkonzert von Johann Sebastian Bach. Eine Aufnahme davon aus dem Jahr 1928 ist das einzige Tondokument, das von Alma überliefert ist. Sie spielt auf einer Geige von Giovanni Battista Guadagnini aus dem Jahre 1757, einem Instrument, das ihr Vater wenige Jahre zuvor erworben hatte. Arnold selbst spielt auf einer Violine von Antonio Stradivari von 1718, ein Geschenk von Gräfin Mysa Wydenbruck Esterházy, das dank der großzügigen Unterstützung von Wiens Musikliebhabern möglich gemacht worden war. Als Reverenz an die Mäzenin wurde die Geige in der Familie stets liebevoll "die Mysa" genannt – ihr Schicksal ist mit dem der Rosés untrennbar verbunden. 1927 begegnete Alma dem tschechischen Violinisten Váša Pøíhoda, drei Jahre später heirateten sie. Die Ehe blieb kinderlos und war nicht glücklich. Zu groß war der Unterschied zwischen diesen beiden starken Persönlichkeiten. Während sich Pøíhoda bald nach der Hochzeit wieder seiner internationalen Karriere widmete und viel Zeit im Ausland verbrachte, blieb Alma in Wien.

Auf der Suche nach einem neuen Sinn in ihrem Leben gründete sie 1932 die Wiener Walzermädeln, eine Damenkapelle, bestehend aus neun bis fünfzehn Musikerinnen, allesamt elegant gekleidet, die unter ihrer Leitung konzertierten. Das Programm – Walzer, Operetten- und Salonmusik – wurde auswendig gespielt. Der Vortrag erfolgte, wie Kritiken bescheinigen, auf hohem technischen und künstlerischen Niveau. Almas Idee war von Anfang an erfolgreich, sie machte als Dirigentin und Stehgeigerin Karriere. Binnen kurzem erhielt sie Einladungen aus ganz Europa. Bis Mitte der dreißiger Jahre konzertierte das Ensemble vorwiegend in den Ländern der ehemaligen Donaumonarchie. Zu Silvester 1937 spielte Alma mit den Walzermädeln im Wiener Ronacher; es war ihr letzter Auftritt im freien Österreich.

Drei Monate später ging auch die Karriere ihres Vaters zu Ende. Am 12. März 1938 saß Professor Rosé zum letzten Mal am ersten Pult des Hofopernorchesters. Für viele Jahre zum letzen Mal hörte das Publikum im Haus am Ring die "Mysa" klingen. Nach 57 Jahren Orchesterdienst wurde Arnold Rosé pensioniert. Sein Gehalt wurde gekürzt, zusammen mit ihm wurden sämtliche jüdische Musiker entlassen.

Exil in London#

Öffentliche Auftritte waren den Rosés fortan untersagt. Zunehmende Übergriffe, Verhaftungen und Pogrome gegen jüdische Mitbürger machten der Familie klar, dass sie, um ihr Leben zu retten, emigrieren mussten. Ende September 1938 verließ Almas Bruder Alfred mit seiner Gattin Maria – Tochter des bekannten Wiener Graphikers Ferdinand Schmutzer – Österreich. Nach bangen Wochen des Wartens hatten sie von Bekannten ein Affidavit für Amerika erhalten. Auch Alma suchte für sich und den Vater einen Zufluchtsort im Ausland.

Hilfe kam aus London. Carl Flesch, berühmter ungarischer Geiger und Violinpädagoge, mittlerweile im sicheren England, gründete dort einen Fonds mit dem Ziel, dem geschätzten Kollegen aus Wien Einreise und Aufenthalt auf der Insel zu ermöglichen. Mit Hilfe eines Freundes organisierte Alma die Übersiedlung. Sie reiste voraus, erledigte Behördenwege und suchte für ihren 76-jährigen Vater eine Unterkunft. Im Gepäck hatte sie die beiden kostbaren Instrumente. Sechs Wochen später traf Arnold ein, entwurzelt und gebrochen, der Sprache im fremden Land nicht mächtig. Almas Mutter blieben diese Strapazen erspart. Sie starb nach langem Leiden in Wien und wurde am Grinzinger Friedhof begraben.

Verhängnisvolle Reise#

Das Leben in London gestaltete sich weit schwieriger als erwartet. Die Stadt war voll mit Arbeit suchenden Emigranten, auch mit vielen Musikern. Zwar traten die Rosés so oft wie möglich auf, die Einnahmen aus den Konzerten konnten aber den Unterhalt nicht sichern. Bruno Walter riet aus dem fernen Amerika, die "Mysa" zu verkaufen, der Erlös hätte die Familie aller finanzieller Sorgen enthoben.

Um dem Vater das so sehr geliebte Instrument zu erhalten, nahm Alma ein Engagement in Holland an. Ihr tschechischer Pass erlaubte es ihr, England für fünf Monate zu verlassen. Am 26. November 1939 sagte Alma dem Vater Lebewohl. Sie sollte ihn nie wieder sehen.

Alma spielte in Holland vorwiegend jene Solostücke, mit denen sie bei den Walzermädeln Erfolg hatte. Mangels eines Orchesters trat sie mit Klavierbegleitung auf. Die Einnahmen überwies sie nach London. Am 8. April 1940 schrieb sie dem Bruder: "Ich kämpfe mit allen Kräften, damit wir die Mysa nicht verkaufen müssen". Obwohl der Vater sie zur Rückkehr drängte, zögerte Alma diese hinaus. Anfang Mai 1940 erlosch ihre Rückkehrbewilligung. Eine Woche später marschierten die Deutschen in Holland ein.

Erst jetzt erkannte Alma den Ernst der Lage. Verzweifelt schrieb sie dem Bruder um Hilfe, dem es tatsächlich gelang, zwei Affidavits zu organisieren, die Alma die Einreise in Amerika ermöglichten. Per Diplomatenpost wurden die Papiere nach Rotterdam gesandt – doch sie kamen um wenige Tage zu spät an. Am 15. Juni 1941 ließ Präsident Franklin D. Roosevelt sämtliche deutschen Vertretungen in den USA schließen. Im Gegenzug befahl Berlin, alle US-Konsulate und American-Express-Büros mit sofortiger Wirkung zu sperren.

Über Wasser halten konnte sich Alma fortan nur noch mit privaten Auftritten. Wie alle Juden musste sie sich registrieren lassen. Ab Mai 1942 war sie zum Tragen des Judensterns verpflichtet, was sie strikt ablehnte. Ihre Lebensumstände wurden immer prekärer. Alma entschied sich zur Flucht – sicher schien ihr in Europa nur noch die Schweiz zu sein. Von zwei in Betracht kommenden Routen wählte sie die vermeintlich sichere. Ihre geliebte Geige ließ sie zurück; sie legte der Guadagnini ein Foto von sich und dem Instrument bei, und auf der Rückseite des Bildes notierte sie: "Darf nicht verloren gehen".

Doch die Flucht misslang. In Dijon wurde Alma von der Gestapo aufgegriffen, verhört und in ein Auffanglager nahe Paris gebracht. Letzte Bemühungen von Freunden, sie freizubekommen, scheiterten. Am Morgen des 18. Juli 1943 wurde Alma gemeinsam mit tausend anderen Gefangenen in Viehwaggons verladen. Gegen neun Uhr verließ der Zug Paris. Drei Tage später traf er in Auschwitz ein.

Dort überlebte Alma die erste Selektion. Sie sollte ihr Leben als Probandin für medizinische Experimente beschließen. Den sicheren Tod vor Augen bat sie, ein letztes Mal Geige spielen zu dürfen. Mithäftlinge erkannten sie als Frau von Váša Pøíhoda wieder. Die Neuigkeit machte schnell die Runde und drang bis zur Lagerkommandantin vor. Diese beauftragte Alma, ein Orchester zusammenzustellen. So blieb ihr der Weg in die Gaskammer erspart.

Es waren ausschließlich Frauen, die unter Almas Leitung spielten. Alma rekrutierte sie aus den Mitgefangenen. Wer das Vorspiel nicht bestand, wurde zum Notenschreiben eingeteilt; so rettete Alma mancher Gefangenen das Leben. An Instrumenten bestand kein Mangel, Noten aber waren rar. Oft saß Alma bis tief in die Nacht, um Stimmen zu orchestrieren. Zumeist waren es Walzer, Märsche und leichte Unterhaltungsmusik – Stücke, die sie früher mit den Walzermädeln gespielt hatte. Das Musizieren lenkte die Frauen von dem grauenvollen Morden rings um sie ab. Anita Lasker-Wallfisch, eine jener Orchesterfrauen, die Auschwitz-Birkenau überlebte, sagte: "Ohne Alma hätte niemand von uns überlebt".

Am 2. April 1944 erkrankte Alma schwer, drei Tage später starb sie. Unter ihren Habseligkeiten fand sich ein kleines Notizbuch. Die letzte Eintragung darin sind die Anfangstakte aus Chopins Étude Opus 10, Nr. 3. Die Melodie ist unter dem Titel "In mir klingt ein Lied" bekannt. Sehnsucht hat Alma bis zum letzten Atemzug erfüllt.

Die überlebende Geige#

Alma Rosés großer Wunsch aber erfüllte sich: die Guadagnini ist nicht verloren gegangen. Unversehrt wurde sie nach dem Krieg ihrem Vater übergeben. Er hat bis zuletzt auf ihr gespielt. 1947 erwarb Felix Eyle, ein Schüler Arnolds, das Instrument. Eyle musste ebenfalls aus Wien emigrieren, wanderte nach Amerika aus, wo er Konzertmeister im Cleveland Orchestra und später an der Metropolitan Opera wurde. 2001 hat die Familie Eyle die Guadagnini verkauft. Gegenwärtig ist sie im Besitz von Zakhar Bron, dem Lehrer von Vadim Repin and Maxim Vengerov.

Auch die "Mysa" gelangte zunächst über den Atlantik, ehe sie nach Europa heimkehrte. Bis Mitte der achtziger Jahre wurde sie von Robert Mann im Juilliard String Quartet, danach von dessen Sohn Nicholas im Mendelssohn String Quartet gespielt. 2006 gelang es der Österreichischen Nationalbank, diese Stradivari zu erwerben: sie vervollständigt die Sammlung wertvoller alter Streichinstrumente. Als Leihgabe an Volkhard Steude erklingt sie heute bei Konzerten der Wiener Philharmoniker.


Literaturhinwise:

  • Richard Newman (mit Karen Kirtley): Alma Rosé. Wien 1906 - Auschwitz 1944. Eine Biografie. Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Schlüter. Weidle, Bonn 2003, 480 Seiten.
  • Anita Lasker-Wallfisch: Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz. Erinnerungen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2000, 394 Seiten.
  • Die Aufnahme des Doppelkonzerts von Johann Sebastian Bach mit Alma und Arnold Rosé ist erhältlich auf der CD: Arnold Rosé and the Rosé String Quartett. Biddulph Recordings.

Peter Kastner, geboren 1964 Studium von Musik und Rechtswissenschaftenlebt und arbeitet als Jurist in Wien.

Wiener Zeitung, Samstag, 12. März 2011