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„Ein schöner Moment“ #

Zum Jahreswechsel 2011/12 leitete Philippe Jordan die traditionelle Neunte Beethoven im Wiener Konzerthaus. Mit der FURCHE sprach er über seine Karriere und seine Pläne. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 12. Jänner 2012)

Das Gespräch führte

Walter Dobner


Philippe Jordan, © Foto: Mirjam Reither
Philippe Jordan
© Foto: Mirjam Reither

Philippe Jordan heißt ab der Saison 2014/15 der neue Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Er ist damit Nachfolger von Fabio Luisi, mittlerweile Erster Dirigent der New Yorker „Met“. Zum Jahreswechsel dirigierte Jordan sein erstes Konzert mit den Wiener Symphonikern als designierter Orchesterchef, der sich längst Gedanken über die Zukunft seines neuen Klangkörpers macht.

DIE FURCHE: Maestro Jordan, Ihr Debüt mit den Wiener Symphonikern haben Sie im Dezember 2004 im Konzerthaus gegeben, nun haben Sie hier zum Jahreswechsel mit Beethovens Neunter auch Ihr erstes Konzert als designierter Chefdirigent des Orchesters geleitet. Ein Zufall?

Philippe Jordan: Ich glaube nicht an Zufälle. Es war ein schöner Moment, die Neunte nach vier Jahren noch einmal an diesem Ort zu machen und an einem anderen Punkt ansetzen zu können.

DIE FURCHE: Wenn man Ihre Biografie ansieht – Sohn eines renommierten Dirigenten, Assistent von Jeffrey Tate, gefördert von Daniel Barenboim, bald Engagements bei großen Orchestern und in bedeutenden Opernhäusern –, scheint es einfach zu sein, als Dirigent Karriere zu machen. Wie sehen Sie diese sehr rasch absolvierten Lehr- und Wanderjahre?

Jordan: Diese Stationen, die man machen darf, sind toll, es ist aber auch ein Weg mit vielen Erfahrungen. Der Dirigentenberuf besteht nun einmal aus Erfahrungen, Talent gehört natürlich dazu. Aber irgendwann einmal kommt der Punkt, an dem man nicht mehr sagt: Was kann ich? Sondern: Wer bin ich? Dafür zu stehen, ist ein steiniger Weg, bei all dem Schönen, was dazu kommt.

DIE FURCHE: Sie waren erst 20, als Sie 1994 als jüngster Kapellmeister nach Ulm engagiert worden sind. Ein gutes Omen für die Zukunft? Auch Herbert von Karajan hat hier seine erste Schritte gemacht.

Jordan: Es schon zu aufregend zu wissen, dass man gleich in dem Theater anfängt, in dem auch Karajan begonnen hat; das trifft auch für Angela Denoke, Deborah Polaski oder zahlreiche Regisseure zu, wie Peter Zadek oder Giancarlo del Monaco. Letztlich ist es diese Art der Information, des Lernens, die wichtig ist, dieser Weg über die Praxis, wie mein Vater mir immer wieder sagte. Dirigieren lässt sich nicht in einer Dirigierschule erlernen. Es ist nach wie vor der alte, traditionelle, solide Kapellmeisterweg, den man gehen muss: Theater, Operette, Musical, Kinderkonzerte, den ersten „Don Giovanni“ oder „Eugen Onegin“ ohne Orchesterprobe. Dirigieren lernt man in der Materie, mit den Musikern.

DIE FURCHE: Wie lange soll man sich Zeit lassen, um nach den Jahren in der Provinz größere Engagements anzunehmen?

Jordan: Es gibt kein Geheimrezept, man muss das individuell entscheiden. Als ich von Ulm nach Berlin an die Lindenoper als Assistent und Kapellmeister berufen wurde, war es ein gewaltiger Sprung, wenig später kam Graz. Dieser Sprung von der Provinz in die Hauptstadt Berlin musste sein, er war eine unglaubliche Herausforderung. Man muss sich Zeit lassen, das ist überhaupt keine Frage, aber zu lange in der Provinz bleiben kann auch gefährlich sein.

DIE FURCHE: Sie waren sehr jung Operndirektor in Graz, haben Premieren an der Berliner Lindenoper, an der Wiener Staatsoper dirigiert, gastierten in London, München, an der „Met“ in New York, an der Scala in Mailand, sind seit der Saison 2009/10 Musikdirektor der Opéra National de Paris. Was reizt Sie, ab 2014/15 zusätzlich die Chefposition bei den Wiener Symphonikern anzunehmen?

Jordan: Ein bloßer Opern- oder Symphoniedirigent ist nur ein halber Dirigent. Daher war für mich klar, dass ich früher oder später ein Symphonieorchester dazu nehmen werde. Oper ist meine Heimat, der Beruf schlechthin – Kapellmeister, Regietheater, Sänger, manchmal Ballett. Im symphonischen Bereich ist eine ganz andere Situation, da geht es nur um die Musik. Im Theater gibt es Kostüme, Licht, eine Inszenierung, man ist Teil eines Ganzen. Im symphonischen Bereich steht nur das Werk im Mittelpunkt, das gilt es bis zur möglichen Perfektion zu erarbeiten. Es ist auch eine andere Arbeitsweise: Im Konzert hat man wenige Tage Zeit um ein Programm zu erarbeiten – im Gegensatz zu einer neuen Opernproduktion, wo man mehrere Wochen zur Verfügung hat. Als die Anfrage von den Wiener Symphonikern kam, war klar, dass ich alles tun würde, um das zu realisieren. Es kommt nicht alle Tage vor, dass man solchen Zuspruch bekommt, noch dazu von einem so guten Orchester, das Potenzial, Tradition, einen eigenen Klang hat und zwei wunderbare Konzertsäle, Musikverein und Konzerthaus.

DIE FURCHE: Fabio Luisi beklagt immer wieder, dass die Symphoniker kein eigenes Haus haben und hat dafür vor Jahren das Wiener Konzerthaus in Spiel gebracht. Wie stehen Sie dazu?

Jordan: Das wurde mir gegenüber noch von keiner Seite thematisiert, ich habe mich das aber auch gefragt. Früher oder später wird man sich dem stellen müssen. Es ist wichtig, dass man sich überlegt: Wer sind die Wiener Symphoniker, wofür stehen sie, außer dass sie ein breites klassisch-romantisches Repertoire beherrschen? Diese Fragen sind zu beantworten – wie, weiß ich noch nicht. Es ist jedenfalls wichtig, dass wir mit konstanten programmatischen Linien aufwarten.

DIE FURCHE: Den Sommer verbringen die Wiener Symphoniker traditionell als Opern- und Konzertorchester bei den Bregenzer Festspielen. Wie sieht es mit Ihrem Engagement für Bregenz aus? Auch Alexander Pereira will Sie gerne bei sich in Salzburg haben...

Jordan: In Bregenz werde ich Konzerte dirigieren. Mit Oper bin ich in Paris ausgelastet, das schließt aber nicht aus, dass ich im Theater an der Wien oder in Bregenz Projekte realisieren kann, wenn es die Zeit erlaubt. Meine Gastdirigententätigkeit werde ich weitestgehend einschränken, außerhalb von Paris kann ich pro Saison maximal eine Oper machen. Das wird sich jetzt eher auf den Sommer konzentrieren, Salzburg oder Bayreuth. Mich interessieren langfristige Beziehungen mehr.

DIE FURCHE: Wissen Sie schon, mit welchem Programm Sie als Symphoniker-Chefdirigent debütieren werden?

Jordan: Nein, es gibt aber Ideen, in welche Richtung es gehen sollte. Wichtig ist, dass das Orchester den klassisch-romantischen Bereich, den es sehr gut spielt – Bruckner, Strauss, Mahler, Strawinsky –, weiterhin pflegt, dass man Beethoven nicht wie Schumann oder Brahms musiziert, das Repertoire Richtung Haydn und vor allem Schubert verbreitert und an die große Uraufführungstradition des Orchesters anknüpft. Nicht die zweiten Wiener Philharmoniker, sondern die ersten Wiener Symphoniker ist das Ziel. Das soll neben einer inhaltlichen Neupositionierung mit einer neuen Darstellung nach außen erreicht werden.

Philippe Jordan, © Foto: Mirjam Reither
Philippe Jordan
© Foto: Mirjam Reither

Debüt am „Grünen Hügel“ mit Wagners letztem Werk#

Wenigstens drei Monate jährlich wird der heute 37-jährige, in Zürich geborene Philippe Jordan ab Herbst 2014 den Wiener Symphonikern als neuer Chefdirigent zur Verfügung stehen und dabei zehn bis zwölf Programme realisieren.

Der Sohn des langjährigen Chefdirigenten des Orchestre de la Suisse Romande, Armin Jordan, gilt als einer der führenden Dirigenten seiner Generation. Seit 2006 ist er Musikdirektor der Opéra National de Paris. Von 2001 bis 2004 war er Chefdirigent des Grazer Opernhauses und des Grazer Philharmonischen Orchesters.

Diesen Sommer wird der von allen großen Konzertveranstaltern und Opernhäusern heftig Umworbene, der seine musikalische Karriere als Zürcher Sängerknabe begann und auch ausgebildeter Konzertpianist ist, sein Bayreuth-Debüt bei einer Wiederaufnahme der jüngsten „Parsifal“-Produktion begehen. Für Philippe Jordan jener Wagner, mit dem man am Grünen Hügel die wenigsten Probleme haben sollte. Schließlich ist dieses Werk für die Akustik des Bayreuther Festspielhauses maßgeschneidert. (dob)

DIE FURCHE, 12. Jänner 2012