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Nachhall eines Erlösers#

Heiland und Säulenheiliger in einem: Am 8. Jänner wäre Elvis Presley 80 Jahre alt geworden. Auch wenn sein Mythos allmählich zu verblassen beginnt, hat er die Popkultur doch geprägt wie kaum ein Zweiter.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 3./4. Jänner 2015)

Von

Bruno Jaschke


Ein All-American-Boy als Projektionsfläche: Elvis (der Jüngere) - eine Erscheinung
Ein All-American-Boy als Projektionsfläche: Elvis (der Jüngere) - eine Erscheinung.
© EPE

"I prayed to Elvis on my knees / to take this thing from around me / or snap it with a thundercrack", singt der früh verstorbene Jeffrey Lee Pierce auf dem bezeichnend betitelten Gun-Club-Album "The Las Vegas Story" im Song "Walkin’ With The Beast". Was genau er loswerden will - eine reale oder wahnhaft halluzinierte Bedrohung von außen oder auch "nur" die Höllenhunde im eigenen Inneren -, ist an dieser Stelle gar nicht so wichtig. Signifikant ist der Stellenwert, der Elvis hier - an seiner finalen Wirkungsstätte Las Vegas - eingeräumt wird: Nicht weniger als der eines Erlösers.

Im Titel "The King", mit dem der 1977 im Alter von 42 Jahren verstorbene Elvis Presley unhinterfragt bis heute geschmückt wird, schwingt tatsächlich eine religiöse Konnotation mit. Elvis ist der Säulenheilige und Heiland des Pop in einer Figur. Kein anderer Großer wird so oft auf- und angerufen wie er. Was rein die Erwähnungen in Werken anderer Künstler betrifft, kommt ihm zwar noch Bob Dylan nahe. Doch ist die Art der Referenz eine ganz andere: Dylan wird über sein Werk beschworen, als intellektueller, emotionaler oder philosophischer Beistand bemüht: Man zitiert Dylan’sche Figuren wie den konsternierten "Mr. Jones", verweist auf seine "Winds Of Change", hört in seinem Namen die "Chimes Of Freedom" läuten. Aber wird man ihm - Joan Baez’ liebenswert-tollpatschige Ballade "To Bobby", die eigentlich auch eher ein Flehen um politische Solidarität denn eine persönliche Hommage ist, vielleicht ausgenommen - je als Erscheinung huldigen?

All-American-Boy#

Genau das aber ist es, was Elvis ausmacht: die Erscheinung. Sein Mythos ist nicht von den Bildern mit dem Schlafzimmer-Blick und von den Live-Performances mit eingeknickten Knien und herumgewirbeltem Mikrofonständer abzukoppeln, die sich mit einer American-Dream-Bilderbuch-Vita zusammenfügen: Einem zu Überlebensgröße gewachsenen All-American-Boy als Projektionsfläche für Sehnsüchte, die wegen Defiziten an Glück, Instinkt, Enthusiasmus, Attraktivität, Mut, Chancen und Selbstbewusstsein für Durchschnittsexistenzen unerfüllt bleiben müssen.

Das ist alles, was es ausmacht. Ein selbst geschriebenes Werk, das sich unmittelbar als Beleg für irgendetwas zitieren ließe, gibt es bei Elvis ja nicht. Kreativ eingebracht hat er sich in seine Musik zwar sehr wohl: Textzeilen verändert, Tempi variiert, signifikante stilistische Kurswechsel vorgenommen und mit Rockabilly ein neues musikalisches Idiom mitkreiert. Bei Led Zeppelin etwa reichte all das schon, sich exklusive Autoren-Credits anzueignen und die Komponisten ihrer aus dem reichhaltigen Blues- und Folk-Kanon zusammengeklauten Songs gleich ganz unter den Tisch fallen zu lassen (während sie selbst bei Presleys frühen Hits immerhin noch neben dem Sänger stehen blieben).

Aber klar ist und bleibt, dass Elvis rein schöpferisch ein Zwerg gegen Giganten wie Chuck Berry oder Little Richard ist. Dass er beide in der Mythologie wie auch in seinem Impact auf die Populärkultur überstrahlt, offenbart die Kraft seines Images, die besonders durch eine im wahrsten Wortsinn ungeniert und mit einer gewissen natürlichen Selbstverständlichkeit zur Schau gestellte Sexualität befeuert worden ist.

Es fügt sich nur zu gut zu diesem hochgezüchteten Mythos, dass Elvis in Songs anderer Pop-Künstler gerne in großen Bildern und eminenten Zusammenhängen dargestellt wird. Das fängt bereits mit seiner Geburt an, der eine Tragödie vorausging. Eine halbe Stunde, bevor Elvis Aaron Presley am 8. Jänner 1935 in Tupelo, Mississippi, das Licht der Welt erblickte, war sein Zwillingsbruder Jesse tot zur Welt gekommen. Scott Walker hat darauf im Stück "Jesse" auf seinem Album "The Drift" Bezug genommen.

Nick Cave und die Bad Seeds widmeten ihm 1985 gleich den Titel eines ganzen Albums: "The Firstborn Is Dead". Der Opener dieser bis heute besten Cave-LP, "Tupelo", beschreibt dann mit biblischer Metaphorik die Geburt des "Königs" als Erlösungsszenario im Zuge einer heftigen Flut. Das ist hier wesenhaft nicht anders als im eingangs beschriebenen "Walkin’ With The Beast". In mannigfacher Gestalt reproduzieren sich solche Szenarien immer weiter fort. Auf unterschiedlichem Niveau zwar und nicht immer ohne - freiwillig oder unfreiwillig infiltrierte - satirische Schlagseite; aber selbstläuferisch sicher wie bei keinem anderen toten oder lebendigen Pop-Star.

"Elvis Died For You"#

Man findet im Wust der Huldigungen "Perlen" wie "Elvis Died For Our Sins", das der britische Aktionist, Musiker, Autor und Filmemacher Jonathan Downes mit seinen Amphibians From Outer Space eingespielt hat. Oder "Elvis Died For You" von der gleichfalls britischen, Ende der 1980er Jahre sogar kurzfristig populär gewesenen Hardrock-Combo Zodiac Mindwarp & The Love Reaction.

Eine scheinbar lakonische Ansage hat besonders viel Nachhall nicht nur in der Presley-Chronik, sondern überhaupt in der amerikanischen Kultur- und Unterhaltungsindustrie gefunden: "Elvis has left the building". Getätigt worden war sie erstmals im Dezember 1956 nach Presleys Auftritt im Rahmen eines Country-Abends in Louisiana. Ihr Sinn und Zweck war es eigentlich gewesen, Presley-Fans davon abzuhalten, ihrem Idol nach draußen zu folgen und sich vielmehr die anderen Künstler der Show auch noch anzuschauen. Später diente sie dazu, Anhänger von der Sinnlosigkeit von Zugabenwünschen zu überzeugen.

Paraphrasiert hat sie sich dann in vielen öffentlichen Veranstaltungen eingebürgert, etwa im Baseball nach einem Home Run, bei dem der Ball üblicherweise aus dem Stadion geschlagen wird. Sie ist ironisch auch in Filmen verwendet worden. Musikalisch hat sie zuletzt Hot-Chip-Kopf Alexis Taylor auf seinem Solo-Album "Await Barbarians" revitalisiert.

Noch am Leben?#

Sie hatte aber auch davor schon eine ansehnliche Liste an Referenzen für sich stehen, u.a. eröffnete Frank Zappa 1988 damit sein Spätwerk "Broadway The Hard Way". Der 1999 verstorbene US-Komponist Shel Silverstein baute um sie herum einen lustigen Song für das Country-All-Star-Projekt Old Dogs, bestehend aus Waylon Jennings, Mel Tillis, Booby Bare und Jerry Reed: "It’s Love Me Tender ev’ry mornin? / Don’t Be Cruel ev’ry night / Hound Dog while we’re makin’ love / I’m All Shook Up and, Mama, that ain’t all right with me / Elvis has left the building / Elvis has left the building / Elvis has left, and all ya got left is me".

Bei keinem anderen toten Pop-Star ist dermaßen regelmäßig und häufig wie bei Elvis Presley spekuliert worden, er könne noch am Leben sein. Interessanterweise ist aber zu Lebzeiten des Musikers von kaum einer Seite her je besondere Sehnsucht nach einer persönlichen Begegnung mit dem "King" laut geworden. Die einzige nennenswerte Ausnahme war Alex Chilton, der - wie Presley Einwohner der Stadt Memphis - 1970 auf seinem verschollenen ersten, nach dem Ende der Box Tops und noch vor seinem Einstieg bei Big Star aufgenommenen Solo-Album einen Song mit dem Titel "I Wish I Could Meet Elvis" geschrieben und in bemerkenswert gelungener stimmlicher Interpretation eingespielt hatte.

"Ich wollte ich könnte Elvis treffen und sehen, was sich hinter seinem schiefen Lächeln verbirgt", singt Chilton scheinbar respektlos, um im Folgenden aber festzuhalten, dass kein anderer Star ihn je tiefer berührt habe.

Nach Elvis Presleys Tod im Jahr 1977 sind viele vermeintliche Reinkarnationen durch die in mehrerlei Hinsicht unterirdischen Windungen der weltweiten Unterhaltungsindustrie gegeistert. Die meisten lohnen die Auseinandersetzung nicht. Eine Ausnahme ist Belle & Sebastians eigenartiges Stück "A Century Of Elvis", das auf einer Maxi-Single aus den mittleren 90er Jahren enthalten und übrigens von einer giftigen Ballade namens "A Century Of Fakers" gefolgt ist. "A Century Of Elvis" schildert Elvis als eine Art Landstreicher, der aus unerfindlichen Gründen Abend für Abend ein Paar in der schottischen Einschicht heimsucht. Am Ende des nur im Sprechton intonierten Songs steht die Möglichkeit im Raum, Elvis könne der Vater des Protagonisten sein.

Wenn manchmal - vor allem in anspruchsvolleren Hommagen - das Bild von Elvis etwas unscharf wird, als hätten die Interpreten den klaren, verbindlichen Pinselstrich gescheut, so lässt immerhin das Hip-Hop-Kollektiv Public Enemy aus Long Island in seiner Deutung der Persona keine Fragen offen. "Elvis was a hero to most / But he never meant shit to me you see / Straight up racist that sucker was / Simple and plain". Dieses harsche Verdikt bezog sich auf einen Spruch, den Presley 1957 abgesondert haben soll: "Das Einzige, was Neger für mich tun können, ist meine Platten zu kaufen und meine Schuhe zu putzen."

Drei-CD-Set zum 80er#

Der Sänger hat indes mehrmals öffentlich dementiert, diese Aussage je getätigt zu haben. Sie ist auch sonst in keiner Weise verbürgt. Schwarze Musiker, die Kontakt mit ihm hatten, fanden keinerlei Untermauerung für derartige Behauptungen und beschrieben ihn als höflich und zuvorkommend. Dass Elvis indes von der schwarzen Musik gut profitiert hat, steht außer Zweifel.

Zum 80. Geburtstag des Künstlers wirft Sony Music nun etwa das Drei-CD-Set "Elvis 80" auf den Markt: Das Repertoire enthält größte Hits, Balladen, Duette und - für etwas zeitgemäßen Aufputz - Remixes. Ein bisserl Nachschub für die Verkaufsstatistiken, die je nach Mess- oder Schätzungsmethode eine bis 1,3 Milliarden verkaufter Tonträger verzeichnen. Nichts allerdings, was man unbedingt haben müsste oder eine verblüffend neue Sicht auf das Phänomen Elvis ermöglichen würde.

Wird das aber irgendjemanden noch groß scheren? Eher nein. Der Mythos Elvis scheint ein wenig müde geworden zu sein. So wie der Mythos Amerika an Faszination eingebüßt hat. Und dass das eine mit dem anderen eng zusammengehört, das steht wohl außer Zweifel.

Bruno Jaschke, geboren 1958, lebt als freier Journalist und Autor in Wien und ist ständiger Mitarbeiter der "extra"-"music"- und "Literatur"-Seiten. Zuletzt ist von ihm der Prosaband "Im Arsch daheim" (Verlag Arovell, 2014) erschienen.

Wiener Zeitung, Sa./So., 3./4. Jänner 2015