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Emotional nicht entronnen#

Walter Arlen: Vom Nazi-Regime vertrieben, nun als Komponist in Wien gefeiert#


Von der Wiener Zeitung, freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Dienstag, 17. August 2010)

Von

Christoph Irrgeher


Fernsehgrößen
Verfasser nostalgischer Wien-Töne: Walter Arlen mit Sängerin Rebecca Nelsen
© Wiener Zeitung / Georg Vlaschits

Die späte Entdeckung eines Vertriebenen als Komponist#

Um sein Gedächtnis ist er zu beneiden. Haargenau rekapituliert der 90-Jährige Namen, Termine, Summen. Doch um die Erlebnisse, die damit verknüpft sind, beneidet man Walter Arlen nicht. Walter Aptowitzer hieß er ursprünglich, wurde 1920 in idyllische Verhältnisse geboren: Seiner Familie gehörte das "Warenhaus Dichter" in Ottakring, das drittgrößte der Stadt. Und in Bad Sauerbrunn hatte sie eine Villa. Doch da kam der "Anschluss". Die Villa: beschlagnahmt. Das Warenhaus: arisiert. Der Vater: interniert. Dann die Flucht nach Übersee. Eine Verwandte hatte den Geschäftsmann Abram Nicholas Pritzger geheiratet. Der haftete dafür, dass die Immigranten "dem Staat nicht zur Last fallen". Auch der Vater kam nach, wurde Briefmarkenhändler. Und Arlen selbst? Wollte Komponist werden. Geworden ist er Musikkritiker bei der "Los Angeles Times" – und später Leiter der Musikfakultät der Loyola Marymont Universität.

Produzent als Entdecker#

Lange, lange Jahre später sitzt Walter Arlen wieder in Wien. Seltsam, aber wahr: Hier feiert man ihn nun als Komponisten. Obwohl er wegen einer Sehbehinderung keine Note mehr schreiben kann. Die Biografie dieses Walter Arlen, sie ist fest verknüpft mit der NS-Geschichte und deren Bewältigung. Wobei Letztere auf sich warten ließ. "Man wollte die Juden nicht zurück", sagt Arlen über die Nachkriegszeit. Ein Brief aus Bad Sauerbrunn hätte ihn damals erreicht: Die Villa war eingeäschert worden, nun müsse "der Schandfleck weg". Arlens Familie sollte zahlen. Die verkaufte daraufhin die Villa. Als Arlen später das neue Haus auf dem Areal sah, habe ihn ein Schild schockiert. Da stand nämlich, so Arlen: "Dieses Haus wurde mit Staatsgeldern aufgebaut.“ Nach dem Millennium sprach man der Familie schließlich einen Bruchteil dessen zu, was das Warenhaus wert war. Arlen akzeptierte. Er wollte nicht weiter streiten.

Dass sich das Verhältnis zu Österreich verbesserte, war aber nicht so sehr Amtswegen zu verdanken. Wesentliche Vorarbeit leistete Musikproduzent Michael Haas – obwohl er in diesem Fall nur seinem Beruf nachging. Haas, Produzent der Decca-Serie über „Entartete Musik“, spürte in Kalifornien der Musik Erich Wolfgang Korngolds nach. Als er Arlen, der mit vielen Exilkomponisten bekannt war, besuchte, drapierte der Sekretär des Hobby-Komponisten dessen eigene Partituren unübersehbar. Als Haas dann auch noch ein Violinstück Arlens zu hören bekam, sei er begeistert gewesen. "Auf einmal bin ich groß rausgekommen", sagt Arlen. Resultat: Als Österreich 2008 des 70. Jahrestags des "Anschlusses" gedachte, feierte Arlens Musik im Jüdischen Museum Uraufführung, auch eine Ausstellung widmete sich dem Schicksal der Familie.

Hommage an ein altes Wien#

Und in Ottakring zollte man dem Vertriebenen und seiner Schwester Tribut: Acht Monate lang hieß der Yppenplatz „Edith Arlen Wachtel und Walter Arlen Piazza“. Bei seinem jetzigen Wien-Besuch darf sich der 90-Jährige über weitere Würdigungen freuen.Stolz zeigt er eine DVD des Vereins exil.arte: Bei der Präsentation einer Datenbank über Exilkomponisten dankte Nationalratspräsidentin Barbara Prammer Menschen wie Arlen, dass sie den Kontakt mit Österreich nicht abbrachen. Heute, Dienstag, feiert ihn nun das Kammermusikfestival auf Schloss Laudon: zum 90. Geburtstag sind Lieder von Arlen zu hören; im Herbst erscheinen sie auf dem Label Gramola.

Warum er in den USA nur für die Schublade schrieb? Die Leute, glaubt Arlen, hätten die von ihm verrissenen Werke vielleicht mit seinen eigenen verglichen: "Das reißt er runter, und dann schreibt er selbst so einen Schmarrn", witzelt er auf Wienerisch. Wobei er seine Werke natürlich nicht für Schmarrn hält. Postmodern seien sie, oft nostalgisch, wie seine Hommage an einen Schlager über die "letzte Blaue" – die letzte Straßenbahn, die früher mit einem blauen Licht am letzten Wagen durch Wien fuhr. Überhaupt kreisen viele seiner Stücke um die Stadt. Was kaum verwundert. "Ich bin dem Schicksal entronnen als Mensch, aber nicht emotional", sagt er am Ende eines doch beklemmenden Gesprächs.

Wiener Zeitung, Dienstag, 17. August 2010