unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Flucht aus Penzing#

Die ÖNB durchleuchtet das Verhältnis zwischen Wien und Wagner#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 23. November 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christoph Irrgeher


Satireblatt 'Kikeriki'
Deutsche Kunst zum Davonlaufen: Karikatur des Satireblatts "Kikeriki" über die Bayreuther Festspiele.
© ÖNB

Deutsche Kunst zum Davonlaufen: Karikatur des Satireblatts "Kikeriki" über die Bayreuther Festspiele.© ÖNB

Für die Büste wäre Richard Wagner dankbar gewesen. Jedenfalls für die eine. Blau beleuchtet, blickt aus rund drei Meter Höhe ein überdimensionales Abbild jenes Mannes herab, der einst auf Fotos nur darum seine Frau überragen konnte, weil die neben ihm saß.

Die andere Büste im Prunksaal der Nationalbibliothek hätte der Gesamtkunstwerker wohl weniger goutiert. Christof Cremer hat da ein Zerrbild des Komponisten geschaffen, der beileibe nicht allen Zeitgenossen als deutscher Meister galt. Und vielleicht wäre der kleine Herr mit dem entschiedenen Willen zur Größe auch über die Dimensionen dieser neuen Ausstellung, die seinem Bezug zu Wien nachspürt, nicht beglückt. Denn der pompöse Raum mit den vielen Fresken, Balkonen und Büchern neigt dazu, die nicht eben gigantische Vitrinen-Schau beim Mitteloval noch um einiges kleiner erscheinen zu lassen.

Protziger Lebensstil#

Gleichwohl ist sie eine Visite von Wagnerianern wert. Die Stars in der Dokumentenparade: eine Klavierskizze zum "Tannhäuser", der 1857 im Thaliatheater lief (und eine Parodie von Johann Nestroy auf den Plan rief); das Autograf der Dritten Symphonie des Wagner-Ministranten Anton Bruckner - und ein Sachbuch aus dem Jahr 1697, das Wagner in Wien las, um sich für seine "Meistersinger" schlauzumachen.

Wobei Wagner hier ja nicht nur recherchierte, sondern wie immer Agent in eigener Sache war. Nach dem "Tannhäuser" genoss er erstmals in Wien eine Aufführung seines "Lohengrin"; "Tristan und Isolde" sollten folgen. Nur leider: Nach 77 Proben (und Zank mit dem Dirigenten) sagte die Hofoper die heikle Uraufführung ab. Nicht nur Kritikerpapst Eduard Hanslick und Satiremagazine sorgten für Gegenwind: Wien witzelte über den protzigen Lebensstil des Gesamtkunstwerkers, der ab 1861 öfters anreiste, eine Villa in Penzing bezog - und 1864 schließlich vor seinen Gläubigern aus Österreich floh.

Für den Erz-Fan Bruckner sollte es allerdings noch schlimmer kommen: Das Versprechen, Bruckners Musik aufzuführen, löste Wagner nämlich bis zum Tod nicht ein. Kurioser Trost: jene Devotionalien, die Bruckner aufbewahrte. Eine Schnupftabakdose etwa mit Wagners Konterfei - und drei Efeublätter vom Komponistengrab.

Wiener Zeitung, 23. November 2012