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Zum Tod von Heinz Holecek#

Der Wiener Bariton und Entertainer ist am Tag seines 74. Geburtstags in seiner Heimatstadt einem langen Leiden erlegen. Buchstäblich jeder kannte und liebte Holecek als Entertainer.#


Von Die Presse (Freitag, 13. April 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

von

Wilhelm Sinkovicz


Burschi, du bist der Vogelhändler.“ Mit diesen Worten verkündete der damalige Volksoperndirektor, Franz Salmhofer, 1960 dem frischgebackenen Ensemblemitglied sein Engagement: Der Vogelhändler, das war der Papageno in Mozarts "Zauberflöte". Er sollte eine der Leib- und Magenrollen des damals blutjungen Wiener Baritons werden, an der Volksoper, bald auch im Haus am Ring.

Was Salmhofer, ein Original der Wiener Theaterszene, nicht ahnen konnte: Er hatte damit einem noch viel größeren Original den Weg geebnet. Heinz Holecek, so hieß der frisch gekürte Volksopern-Sänger, sollte zu einem der beliebtesten österreichischen Allround-Künstler werden.

Buchstäblich jeder kannte und liebte Holecek als Entertainer. Sein vokales Gestaltungsvermögen ging nämlich weit über klassische Gesangskünste hinaus: Er war auch ein Stimmenimitator von immenser Vielseitigkeit. Und nur, wer ihn besser kannte, ahnte, dass sich hinter so viel blendender Laune, die er scheinbar prinzipiell verströmte, eine sensible, äußerst verletzliche Seele verbarg; ein Grandseigneur von vollendeten Manieren und ausgesuchter Höflichkeit zudem. Freilich, wer Holeceks Kunst hinterfragte, dem musste einleuchten, dass so viel Einfühlungsvermögen nur einem hypersensiblen Charakter geschenkt sein kann.

Geradezu unfassbar bescheiden#

Ich habe wenige Künstler getroffen, die sich über Erfolge von Kollegen so offen und ehrlich freuen konnten, die bei Misserfolgen mitlitten und ihr eigenes immenses Können wie eine Quantité négligeable behandelten. Holecek war im direkt proportionalen Verhältnis zu seiner Begabung, also geradezu unfassbar bescheiden.

Für mehr als eine Generation von Opernfreunden war er nicht nur die Inkarnation des Papageno, sondern etwa auch der ideale Leporello als treuer Diener seines Herrn „Don Giovanni“. Als Doktor Falke wusste er den „Fledermaus“-Kanon mit wunderbar weichem Timbre anzuführen. Und er sang Wienerlieder buchstäblich wie niemand sonst, weil er den Zungenschlag seiner Heimatstadt ohne falsche Scham, vor allem aber auch ohne jeglichen Anflug von Gewöhnlichkeit beherrschte.

Holecek, der Urwiener, wäre daher auch ein Nestroy-, vor allem aber ein Schnitzler-Schauspieler gewesen, wie man ihn zum Leidwesen eines hierorts zur Welt gekommenen Theaterfreundes auf der Bühne nirgends mehr findet.

Seine Stimme hat ihn zum Sänger werden lassen. Sein überbordendes Darstellertalent verwandelte ihn auch in einen Fernsehstar. Da hatte er das Glück, eine Phase der österreichischen Televisionshistorie erleben zu dürfen, die solche Kulturgrößen noch kulturauftragsmäßig gewinnbringend einzusetzen trachtete.

Er hat auch das langsame Ende dieser Ära miterleben müssen und nie ein böses Wort darüber verloren, auch wenn ihn Verehrer mit der insistierenden Frage bedrängte, wann endlich wieder eine seiner beliebten Shows oder zumindest ein Viertelstündchen Holecek-Kleinkunst im Fernsehen zu sehen sein würden. Man hat ihn immerhin hoher Auszeichnungen für würdig befunden und ihm auf diese Weise zu signalisieren verstanden, wie sehr man ihn schätzte.

Heinz Holecek, nach einer Operation im Februar auf der Straße vor seinem Wiener Haus zusammengebrochen und nicht wieder aus dem Koma erwacht, ist am Tag seines 74.Geburtstags, dem 13. April 2012, gestorben.

Ich weiß nicht, wann es mir schwerer gefallen ist, einen solchen Satz zu schreiben.

Die Presse, 14. April 2012